Von Alan Woods.
2015
Marxisten betrachten die Geschichte nicht als eine bloße Abfolge zusammenhangloser Ereignisse. Vielmehr versuchen sie, die allgemeinen Prozesse und Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, die die Entwicklung von Natur und Gesellschaft bestimmen. Die Grundvoraussetzung der gesamten Wissenschaft ist, dass wir über das Einzelne hinaus auf das Allgemeine schließen können. Die Idee, dass die menschliche Geschichte nicht von Gesetzen bestimmt wird, steht im Widerspruch zu jeder Wissenschaft.
Was ist Geschichte?
Das gesamte Universum, von den kleinsten Partikeln bis zu den entferntesten Galaxien, sowie der Evolutionsprozess aller Lebewesen sind von Gesetzmäßigkeiten bestimmt. Warum sollte das aus irgendeinem seltsamen Grund nicht auch für unsere eigene Geschichte gelten? Die marxistische Methode analysiert die verborgenen Triebkräfte, die der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft von den ersten Stammesgesellschaften bis zur heutigen Zeit zugrunde liegen. Die Art und Weise, mit der der Marxismus diesen verschlungenen Weg nachzeichnet, nennt sich materialistische Geschichtsauffassung.
Diejenigen, die die Existenz jeglicher Gesetze, die die gesellschaftliche Entwicklung der Menschheit beherrschen, ablehnen, betrachten die Geschichte unweigerlich von einem subjektiven und moralistischen Standpunkt aus. Doch um mehr als nur isolierte Fakten betrachten zu können, ist es notwendig, die allgemeinen Tendenzen und die Übergänge von einem Gesellschaftssystem zum nächsten zu erkennen sowie die grundlegenden Triebkräfte herauszuarbeiten, die diese Übergänge bestimmen.
Vor Marx und Engels wurde die Geschichte von den meisten Menschen als eine Reihe von zusammenhangslosen Ereignissen – oder, um einen philosophischen Ausdruck zu benutzen, von »Zufällen« – betrachtet. Für diese These gab es keine allgemeine Erklärung, die über die Entfaltung eines göttlichen Plans hinausreichte; Geschichte hatte schlichtweg keine inneren Gesetzmäßigkeiten.
Indem Marx und Engels herausarbeiteten, dass die gesamte menschliche Entwicklung im Grunde von der Entwicklung der Produktivkräfte abhängt, stellten sie das Studium der Geschichte erstmals auf eine wissenschaftliche Grundlage.
Diese wissenschaftliche Methode ermöglicht es uns, Geschichte nicht als Aneinanderreihung zusammenhangsloser und unvorhersehbarer Ereignisse zu verstehen, sondern vielmehr als Teil eines Prozesses, der konkret verstanden werden kann und dessen Einzelteile miteinander verknüpft sind. Geschichte besteht aus einer Abfolge von Aktionen und Reaktionen, welche die Politik, die Wirtschaft und das gesamte Spektrum der gesellschaftlichen Entwicklung umfasst. Es ist die Aufgabe des Historischen Materialismus, die komplexe dialektische Beziehung zwischen all diesen Phänomenen offenzulegen. Die Menschheit verändert durch Arbeit ständig die Natur – und verändert sich dadurch selbst.
Eine Karikatur des Marxismus
Je näher sich die einzelnen Gebiete der Wissenschaft mit der Analyse der Gesellschaft befassen, desto stärker tendieren sie im Kapitalismus dazu, ihren wissenschaftlichen Anspruch zu verlieren. Die sogenannten Sozialwissenschaften (Soziologie, Ökonomie, Politik) und die bürgerliche Philosophie bedienen sich in der Regel keiner wirklich wissenschaftlichen Methoden. Sie enden daher als verkappter Versuch, den Kapitalismus zu legitimieren oder zumindest den Marxismus zu diskreditieren – was letztlich auf dasselbe hinausläuft.
Trotz der »wissenschaftlichen« Ansprüche der bürgerlichen Historiker spiegelt sich in der Geschichtsschreibung zwangsläufig ein Klassenstandpunkt wider. Es ist allseits bekannt, dass die Geschichte von Kriegen – auch die von Klassenkriegen – von den Siegern geschrieben wird. Mit anderen Worten: Auswahl und Interpretation der Ereignisse werden vom Ausgang gesellschaftlicher Konflikte geprägt, die auch den Historiker und seine Einschätzung der Erwartungen seiner Leserschaft beeinflussen. Letztendlich werden diese Vorstellungen immer von den Interessen einer gesellschaftlichen Klasse oder Schicht beeinflusst sein.
Wenn Marxisten die Gesellschaft betrachten, geben sie nicht vor, neutral zu sein, sondern unterstützen offen die Interessen der ausgebeuteten und unterdrückten Klassen. Das schließt wissenschaftliche Objektivität jedoch keineswegs aus. Ein Chirurg, der eine komplizierte Operation durchführt, ist der Rettung des Lebens seines Patienten verpflichtet. Er verhält sich keinesfalls neutral zum Ergebnis seiner Handlung. Doch gerade deshalb unterscheidet er ausgesprochen genau zwischen den verschiedenen Schichten des Organismus. Aus demselben Grund sind Marxisten bestrebt, eine genaue wissenschaftliche Analyse gesellschaftlicher Prozesse zu erlangen, um deren Ausgang erfolgreich mitbestimmen zu können.
Sehr oft wird versucht, den Marxismus zu diskreditieren, indem dessen Methode der historischen Analyse entstellt wird. Nichts ist einfacher, als einen Strohmann aufzustellen, um ihn dann wieder umzustoßen. Die übliche Verzerrung lautet, Marx und Engels hätten »alles auf die Ökonomie reduziert«. Diese mechanische Karikatur hat mit dem Marxismus nichts gemein. Wenn das tatsächlich der Fall wäre, wären wir von der mühsamen Notwendigkeit befreit, für die Veränderung der Gesellschaft zu kämpfen. Der Kapitalismus würde zusammenbrechen und die neue Gesellschaft würde von selbst dessen Platz einnehmen, so wie einem schlafenden Mann unter einem Baum ein reifer Apfel in den Schoß fällt. Doch der historische Materialismus hat nichts mit Fatalismus [eine Vorstellung nach der die Menschen keine bewusste Rolle in der Geschichte spielen, sondern sich passiv ihrem Schicksal fügen müssen (lat. fatalis, d. h. das Schicksal betreffend).] zu tun.
Diese offensichtliche Absurdität wurde bereits von Friedrich Engels im folgenden Auszug aus einem Brief an Bloch beantwortet:
»Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens. Mehr hat weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase.«[1]
In der Heiligen Familie, die vor dem Kommunistischen Manifest geschrieben wurde, verhöhnten Marx und Engels die Idee, Geschichte würde unabhängig von einzelnen Menschen gemacht werden, und erklärten, dies sei lediglich eine leere Abstraktion:
»Die Geschichte tut nichts, sie ›besitzt keinen ungeheuren Reichtum‹, sie ›kämpft keine Kämpfe‹! Es ist vielmehr der Mensch, der wirkliche, lebendige Mensch, der das alles tut, besitzt und kämpft; es ist nicht etwa die ›Geschichte‹, die den Menschen zum Mittel braucht, um ihre – als ob sie eine aparte Person wäre – Zwecke durchzuarbeiten, sondern sie ist nichts als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen.«[2]
Der Beitrag des Marxismus besteht darin, die Rolle des Individuums als Teil der jeweiligen Gesellschaft zu erklären – in Abhängigkeit von bestimmten objektiven Gesetzen und letztlich als Vertreter der Interessen einer bestimmten Klasse. Ideen besitzen weder unabhängige Existenz, noch ihre eigenständige historische Entwicklung. »Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein«[3], schreiben Marx und Engels in der Deutschen Ideologie.
Freier Wille?
Die Ideen und Handlungen der Menschen sind durch die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt, deren Entwicklung nicht vom subjektiven Willen der Menschen abhängig ist, sondern sich nach bestimmten Gesetzen vollzieht. Diese gesellschaftlichen Verhältnisse reflektieren letztendlich die Notwendigkeit der Entwicklung der Produktivkräfte. Die Wechselbeziehungen zwischen diesen Faktoren bilden ein komplexes Netz, das oft nur schwer erkennbar ist. Das Studium dieser Beziehungen ist die Grundlage der marxistischen Geschichtstheorie.
Menschen sind keine Marionetten »blinder historischer Kräfte«. Doch sie sind genauso wenig völlig freie Akteure, die ihr Schicksal ungeachtet der bestehenden Bedingungen gestalten können, die durch den Stand der wirtschaftlichen Entwicklung, der Wissenschaft und Technik vorgegeben sind. Diese Bedingungen entscheiden letztendlich, ob ein sozioökonomisches System lebensfähig ist oder nicht. Im Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte schreibt Marx:
»Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.«[4]
Später drückte Engels den gleichen Gedanken auf eine andere Art aus:
»Die Menschen machen ihre Geschichte, wie diese auch immer ausfalle, indem jeder seine eignen, bewusst gewollten Zwecke verfolgt, und die Resultate dieser vielen in verschiedenen Richtungen agierenden Willen und ihrer mannigfachen Einwirkung auf die Außenwelt ist eben die Geschichte.«[5]
Was der Marxismus damit behauptet – und das kann wohl niemand bestreiten – ist, dass die Lebensfähigkeit eines bestimmten sozioökonomischen Systems letztlich durch dessen Fähigkeit bestimmt ist, die Produktionsmittel zu entwickeln, d. h. die materiellen Grundlagen, auf denen die Gesellschaft, die Kultur und die Zivilisation aufgebaut sind.
Die Vorstellung, dass die Entwicklung der Produktivkräfte die Grundlage aller gesellschaftlichen Entwicklung bildet, ist eine derart selbstverständliche Wahrheit, und es überrascht, dass diese von einigen Menschen immer noch in Frage gestellt wird. Es bedarf keinen herausragenden Intellekt, um zu verstehen, dass Menschen, bevor sie Kunst, Wissenschaft, Religion oder Philosophie entwickeln können, zunächst einmal Nahrung zum Essen, Kleidung zum Anziehen und Häuser zum Wohnen benötigen. All diese Dinge müssen auf die ein oder andere Art von jemandem produziert werden. Und es ist ebenso offensichtlich, dass die Lebensfähigkeit eines jeden sozioökonomischen Systems durch die Fähigkeit, genau dies zu tun, bestimmt wird. Im Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie erklärt Marx die Beziehung zwischen den Produktivkräften und dem »Überbau« wie folgt:
»In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.«[6]
Wie Marx und Engels wiederholt betonten, sind die Akteure der Geschichte sich nicht immer den Motiven bewusst, aus denen sie handeln. Sie greifen dann zu der einen oder anderen Rechtfertigung für ihr Handeln. Doch es existieren immer solche Motive, die ihre Grundlage in der realen Welt haben.
Daraus lässt sich ablesen, dass der Verlauf und die Richtung der Geschichte von den Kämpfen gegensätzlicher gesellschaftlicher Klassen geprägt wurden und werden. Die Gesellschaft wird nach den unterschiedlichen Klasseninteressen und den daraus resultierenden Konflikten zwischen den Klassen geformt. Daran erinnert uns der erste Satz des Kommunistischen Manifests: »Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.« Der Historische Materialismus erklärt, dass der Klassenkampf die treibende Kraft der gesellschaftlichen Entwicklung ist.
Marx und Darwin
Unsere Spezies ist das Ergebnis eines sehr langen Evolutionsprozesses. Natürlich folgt die Evolution nicht einer Art großem Plan, mit dem Ziel, Wesen wie uns hervorzubringen. Bei der Evolution geht es nicht darum, einen vorherbestimmten Plan akzeptieren zu müssen, der in Zusammenhang mit einer göttlichen Intervention oder einer Art Teleologie [Teleologie (vom griechischen Wort telos, das wie das englische Wort end sowohl Ende als auch Zweck bedeutet) ist die Auffassung, dass alle Erscheinungen in der Natur, auch die Menschen, von einem Endzweck bestimmt sind.] steht. Es liegt allerdings auf der Hand, dass die der Natur innewohnenden Evolutionsgesetze tatsächlich die Entwicklung der Lebewesen – von einfachen zu komplexeren Formen – bestimmen.
Lebewesen in ihrem frühesten Entwicklungsstadium enthalten bereits den Keim aller zukünftigen Entwicklungen in sich. Es ist möglich, die Entwicklung von Armen, Augen und anderen Organen zu erklären, ohne auf einen vorherbestimmten Plan zurückzugreifen. Ab einem gewissen Zeitpunkt in der evolutionären Entwicklung entstehen Lebewesen mit einem zentralen Nervensystem und einem Gehirn. Mit dem Homo sapiens erlangen wir schließlich menschliches Bewusstsein. Das heißt: Materie erlangt Bewusstsein über sich selbst. Es hat keine wichtigere Revolution seit der Entwicklung der organischen Materie (des Lebens) aus der anorganischen gegeben.
Charles Darwin erklärte, dass Arten nicht in Stein gemeißelt sind: Sie haben eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft; sie verändern und entwickeln sich. Auf die gleiche Art haben Marx und Engels erklärt, dass die jeweils vorherrschenden Gesellschaftssysteme nicht ewig existieren. Die Evolution zeigt, dass dieselben Lebensformen, die den Planeten für sehr lange Zeit dominierten, ausgestorben sind, sobald die materiellen Bedingungen, die ihren evolutionären Erfolg garantierten, sich verändert hatten. An die Stelle dieser ehemals dominanten Arten traten andere Lebewesen, die zuvor unbedeutend wirkten oder gar keine Überlebensaussichten zu haben schienen.
Heute gilt die Idee der »Evolution« zumindest unter gebildeten Menschen als allgemein akzeptiert. Die Ideen von Darwin, so revolutionär sie zu seiner Zeit auch waren, werden als Allgemeinplatz anerkannt. Jedoch wird die Evolution gemeinhin als ein langsamer und stetiger Prozess – ohne Unterbrechungen oder plötzliche Umbrüche – verstanden. In der Politik wird diese Vorstellung oft als Argument verwendet, um den Reformismus zu rechtfertigen. Der wirkliche Mechanismus der Evolution bleibt für viele damit sogar heute noch ein Buch mit sieben Siegeln.
Das ist kaum verwunderlich, denn Darwin selbst hat ihn nicht verstanden. Erst seit den 1970ern, mit den neuen Entdeckungen in der Paläontologie durch Stephen J. Gould, der die Theorie vom »unterbrochenen Gleichgewicht« (Punktualismus) entwickelte, wurde nachgewiesen, dass die Evolution kein gradueller Prozess ist. In der Evolution gibt es lange Zeiträume, in denen man keine großen Veränderungen beobachten kann. Doch ab einem bestimmten Punkt wird diese Entwicklungslinie durch eine Explosion durchbrochen. Dabei handelt es sich um eine wahrhafte biologische Revolution, die durch das Massenaussterben der einen und dem raschen Aufstieg anderer Arten charakterisiert ist.
Wir sehen analoge Prozesse beim Aufstieg und Untergang diverser sozioökonomischer Systeme. Dabei handelt es sich beim Vergleich zwischen Gesellschaft und Natur natürlich immer nur um eine Annäherung. Doch selbst die oberflächlichste Untersuchung der Geschichte zeigt, dass man mit einer graduellen Interpretation nicht weiterkommt. Wie die Natur kennt auch die Gesellschaft lange Perioden langsamer und allmählicher Veränderungen, aber auch hier wird dieser Ablauf durch explosive Entwicklungen, wie Kriege und Revolutionen, unterbrochen, in denen sich der Veränderungsprozess enorm beschleunigt. In der Tat sind genau diese Ereignisse die Triebkraft der historischen Entwicklung. Die eigentliche Ursache für eine Revolution ist die Tatsache, dass ein bestimmtes sozioökonomisches System an seine Grenzen gestoßen ist und die Produktivkräfte nicht mehr so entwickeln kann wie bisher.
Die Geschichte hat uns mehr als einmal gezeigt, wie scheinbar mächtige Staaten innerhalb kürzester Zeit zusammengebrochen sind. Außerdem liefert sie auch viele Beispiele, wie politische, religiöse und philosophische Auffassungen, die zuvor geächtet wurden, plötzlich zur allgemein anerkannten Weltanschauung einer neuen revolutionären Kraft werden konnte, die die alte Gesellschaft verdrängte. Die Tatsache, dass der Marxismus die Anschauung einer kleinen Minderheit in dieser Gesellschaft ist, ist daher kein Grund zur Sorge. Jede große Idee wurde zu Beginn immer als verrückter Irrglaube abgetan, das trifft heute auf den Marxismus genauso zu wie vor 2000 Jahren auf das Christentum.
Die »evolutionären Anpassungen«, die es der Sklavenhaltergesellschaft ermöglichten, die Barbarei abzulösen – und dem Feudalismus wiederum, die Sklavenhaltergesellschaft zu ersetzen – schlugen letztlich in ihr Gegenteil um. Heutzutage sind die Merkmale, die es dem Kapitalismus ermöglichten, den Feudalismus abzulösen und zur vorherrschenden Gesellschaftsformation zu werden, zu Ursachen für seinen Verfall geworden. Der Kapitalismus weist alle Symptome eines Gesellschaftssystems im Zustand des endgültigen Niedergangs auf. In vielerlei Hinsicht ähnelt dies der Periode des Niedergangs des Römischen Reiches, wie er von Edward Gibbon beschrieben wurde. In der Periode, die sich vor uns entfaltet, steuert das kapitalistische System auf seinen Untergang zu.
Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft
Wenn man die Methoden des dialektischen Materialismus auf die Geschichte anwendet, wird einem sofort bewusst, dass die menschliche Geschichte ihre eigenen Gesetze hat, und dass es demzufolge möglich ist, sie als einen Prozess zu verstehen. Aufstieg und Niedergang verschiedener Gesellschaftsformationen lassen sich wissenschaftlich auf deren Fähigkeit – oder deren Unvermögen – zurückführen, die Produktivkräfte zu entwickeln und damit die menschliche Kultur und die zunehmende Beherrschung der Natur durch den Menschen voranzutreiben.
Doch welche Gesetze bestimmen den historischen Wandel? Genau wie die Evolution des Lebens eigene Gesetze hat, die verstanden werden können und zuerst von Darwin und in jüngster Zeit durch die schnellen Fortschritte in der Genetik erklärt wurden, so hat auch die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft ihre eigenen Gesetze, die von Marx und Engels erklärt wurden. In der Deutschen Ideologie erklärten Marx und Engels:
»Die erste Voraussetzung aller Menschengeschichte ist natürlich die Existenz lebendiger menschlicher Individuen. Der erste zu konstatierende Tatbestand ist also die körperliche Organisation dieser Individuen und ihr dadurch gegebenes Verhältnis zur übrigen Natur. (…) Man kann die Menschen durch das Bewusstsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst.«[7]
Im Anti-Dühring, der deutlich später geschrieben wurde, liefert uns Engels eine tiefgreifendere Formulierung dieses Gedankens. Hier haben wir eine brillante und bündige Darlegung der Grundprinzipien des Historischen Materialismus:
»Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, dass die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; dass in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise (…)«[8]
Im Gegensatz zu den Ideen der utopischen Sozialisten wie Robert Owen, Saint-Simon und Fourier beruht der Marxismus auf einer wissenschaftlichen Auffassung des Sozialismus. Er erklärt, dass der Schlüssel zur Entwicklung jeder Gesellschaft die Entwicklung der Produktivkräfte ist: menschliche Arbeit, Industrie, Landwirtschaft, Technik und Wissenschaft. Jedes neue Gesellschaftssystem – Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus und Kapitalismus – hat dazu beigetragen, die menschliche Gesellschaft durch die Entwicklung der Produktivkräfte voranzubringen.
Die grundlegende Prämisse des Historischen Materialismus ist, dass die letztendliche Quelle der menschlichen Entwicklung die Entwicklung der Produktivkräfte ist. Dies ist eine sehr wichtige Schlussfolgerung, weil sie es uns ermöglicht, zu einer wissenschaftlichen Geschichtsauffassung zu gelangen. Der Marxismus sieht die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft über Millionen von Jahren als Fortschritt, da sie die Beherrschung der Natur durch den Menschen erhöht und so die materiellen Bedingungen schafft, wirkliche Freiheit für die Menschheit erreichen zu können. Diese Entwicklung verlief jedoch nie linear, wie es sich die viktorianischen [das Viktorianische Zeitalter ist nach der Regentschaft der britischen Königin Victoria von 1837–1901 benannt.] Intellektuellen (die eine vulgäre und undialektische Auffassung der Evolution hatten) fälschlicherweise vorstellten. Die Geschichte hat sowohl ihre aufsteigende als auch ihre absteigende Entwicklungslinie.
Sobald man den materialistischen Standpunkt aufgegeben hat, bleibt als einzige Triebkraft der historischen Ereignisse nur die Rolle von Individuen, d. h. von »großen Männern und Frauen«. Mit anderen Worten: Das Einzige was uns bleibt, ist eine idealistische und subjektivistische Betrachtungsweise des historischen Prozesses. Das war der Standpunkt der utopischen Sozialisten, die trotz ihrer brillanten Einsichten und ihrer durchdringenden Kritik an der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung daran scheiterten, die grundlegenden Gesetze der historischen Entwicklung zu verstehen. Für sie war der Sozialismus nur eine »gute Idee«, etwas, das man sich auch schon vor eintausend Jahren oder eben so gut morgen früh hätte ausdenken können. Wäre der Sozialismus schon vor eintausend Jahren erfunden worden, hätte das der Menschheit viele Probleme erspart!
Doch es ist unmöglich, die Geschichte zu verstehen, indem wir sie aus den subjektiven Interpretationen ihrer Akteure ableiten. Lasst uns ein Beispiel anführen: Die frühen Christen, die das Ende der Welt und die Wiederkunft Christi jeden Augenblick erwarteten, glaubten nicht an die Idee des Privateigentums. In ihren Gemeinden praktizierten sie eine Art Kommunismus (obwohl ihr Kommunismus zur utopischen Art gehörte, basierend auf dem Konsum und nicht auf der Produktion). Ihre frühen kommunistischen Experimente stellten eine gesellschaftliche Sackgasse dar und das konnte auch nicht anders sein, da die Entwicklung der Produktivkräfte zur damaligen Zeit keine wirklich kommunistische Gesellschaft zuließ.
Zur Zeit der Englischen Revolution glaubte Oliver Cromwell leidenschaftlich, er kämpfe für das Recht jedes Einzelnen, seinen jeweiligen Glauben frei und gleichberechtigt praktizieren zu können. Doch der weitere Verlauf der Geschichte bewies, dass die Cromwellsche Revolution die entscheidende Etappe beim unvermeidlichen Aufstieg der englischen Bourgeoisie war. Der Entwicklungsstand der Produktivkräfte im England des 17. Jahrhunderts erlaubte keinen anderen Ausgang der Ereignisse.
Die Führer der großen Französischen Revolution von 1789-93 kämpften unter dem Banner von »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«. Sie glaubten, für eine Gesellschaftsordnung zu kämpfen, die auf den ewigen Gesetzen von Recht und Vernunft begründet ist. Doch unabhängig von ihren Absichten und Ideen bereiteten die Jakobiner den Weg für die Herrschaft der Bourgeoisie in Frankreich. Aus wissenschaftlicher Sicht war auch zu diesem Zeitpunkt kein anderes Ergebnis der gesellschaftlichen Entwicklung möglich.
Etappen der historischen Entwicklung
Genau genommen strebt die Menschheit ihre gesamte Geschichte hindurch danach, sich über das tierische Dasein zu erheben. Dieser lange Kampf begann vor sieben Millionen Jahren, als unsere entfernten menschlichen Vorfahren erstmals aufrecht stehen und ihre Hände für manuelle Arbeit nutzen konnten. Seitdem wurden durch die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit – d.h. unserer Beherrschung der Natur – fortlaufend neue Phasen der gesellschaftlichen Entwicklung begründet.
Die menschliche Gesellschaft hat eine Reihe von Entwicklungsstufen durchlaufen, die sich deutlich voneinander unterscheiden. Jede dieser Stufen fußt auf einer bestimmten Produktionsweise, welche sich wiederum in einem bestimmten System gesellschaftlicher Verhältnisse ausdrückt. Diese äußern sich ferner in einer bestimmten gesellschaftlichen Sichtweise, Psychologie, Moral, Gesetzen und Religion.
Das Verhältnis zwischen der ökonomischen Basis der Gesellschaft und dem Überbau (Ideologie, Moral, Gesetze, Kunst, Religion, Philosophie etc.) ist nicht einfach und direkt, sondern hochkomplex und sogar widersprüchlich. Die unsichtbaren Fäden, welche die Produktivkräfte und die Klassenverhältnisse miteinander verbinden, spiegeln sich in den Köpfen der Menschen auf verworrene und verzerrte Weise wider. Zudem können Vorstellungen, die der urgeschichtlichen Vergangenheit entspringen, in der kollektiven Psyche fortleben und hartnäckig weiterbestehen, auch lange nachdem ihre reale Basis verschwunden ist. Die Religion ist ein gutes Beispiel dafür. Es handelt sich um eine dialektische Wechselbeziehung, die bereits Engels sehr deutlich herausgearbeitet hat:
»Was nun die noch höher in der Luft schwebenden ideologischen Gebiete angeht, Religion, Philosophie etc., so haben diese einen vorgeschichtlichen, von der geschichtlichen Periode vorgefundenen und übernommenen Bestand von – was wir heute Blödsinn nennen würden. Diesen verschiedenen falschen Vorstellungen von der Natur, von der Beschaffenheit des Menschen selbst, von Geistern, Zauberkräften etc. liegt meist nur negativ Ökonomisches zum Grunde; die niedrige ökonomische Entwicklung der vorgeschichtlichen Periode hat zur Ergänzung, aber auch stellenweise zur Bedingung und selbst Ursache, die falschen Vorstellungen von der Natur. Und wenn auch das ökonomische Bedürfnis die Haupttriebfeder der fortschreitenden Naturerkenntnis war und immer mehr geworden ist, so wäre es doch pedantisch, wollte man für all diesen urzuständlichen Blödsinn ökonomische Ursachen suchen.
Die Geschichte der Wissenschaften ist die Geschichte der allmählichen Beseitigung dieses Blödsinns, resp. seiner Ersetzung durch neuen, aber immer weniger absurden Blödsinn. Die Leute, die dies besorgen, gehören wieder besonderen Sphären der Teilung der Arbeit an und kommen sich vor, als bearbeiteten sie ein unabhängiges Gebiet. Und insofern sie eine selbständige Gruppe innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung bilden, insofern haben ihre Produktionen, inkl. ihrer Irrtümer, einen rückwirkenden Einfluss auf die ganze gesellschaftliche Entwicklung, selbst auf die ökonomische.«[9]
Und weiter:
»Aber als bestimmtes Gebiet der Arbeitsteilung hat die Philosophie jeder Epoche ein bestimmtes Gedankenmaterial zur Voraussetzung, das ihr von ihren Vorgängern überliefert worden und wovon sie ausgeht. Und daher kommt es, dass ökonomisch zurückgebliebene Länder in der Philosophie doch die erste Violine spielen können.«[10]
Ideologie, Traditionen, Moral, Religion etc. haben einen bedeutenden Einfluss auf die menschlichen Vorstellungen und Überzeugungen. Der Marxismus leugnet diese offensichtliche Tatsache nicht. Im Gegensatz zur Vorstellung der Idealisten ist das menschliche Bewusstsein sehr konservativ. Die meisten Menschen mögen keine Veränderungen, vor allem keine plötzlichen und gewaltsamen Veränderungen. Sie klammern sich an die Dinge, die sie kennen und woran sie sich gewöhnt haben: an die Ideen, Religionen, Institutionen, die Moral sowie die Führung und Parteien der Vergangenheit. Routine, Gewohnheiten und Bräuche lasten wie Blei auf den Schultern der Menschheit. Aus all diesen Gründen hinkt das Bewusstsein den Ereignissen hinterher.
Zu bestimmten Zeitpunkten jedoch zwingen große Ereignisse die Menschen dazu, ihre alten Überzeugungen und Anschauungen in Frage zu stellen. Sie werden aus ihrer alten, apathischen Gleichgültigkeit gerissen und gezwungen, die Realität anzuerkennen. In solchen Zeiten kann sich das Bewusstsein sehr schnell verändern. Das macht eine Revolution aus. Die gesellschaftliche Entwicklung, die über lange Zeit ziemlich konstant und stabil bleiben kann, wird durch Revolutionen unterbrochen, welche die notwendige Triebkraft für den menschlichen Fortschritt sind.
Die frühe menschliche Gesellschaft
Wenn wir uns den gesamten Verlauf der Menschheitsgeschichte einschließlich der Urgesellschaft ansehen, sticht zunächst die außergewöhnlich langsame Entwicklung unserer Spezies hervor. Die allmähliche Entwicklung von menschlichen oder menschenähnlichen Lebewesen, weg vom Tierreich hin zur tatsächlichen Menschwerdung, dauerte Millionen von Jahren. Der erste entscheidende Schritt war die Trennung der ersten Hominini (d.h. der mit dem Menschen eng verwandten Arten) von ihren affenähnlichen Vorfahren.
Der evolutionäre Prozess ist natürlich blind, d. h. er verfolgt kein objektives oder spezifisches Ziel. Unsere homininen Vorfahren fanden zuerst durch den aufrechten Gang, dann durch den Gebrauch von Werkzeugen mittels der Hände, und schließlich durch die Fertigung der Werkzeuge selbst, eine Nische, in der sie sich unter bestimmten Umweltbedingungen entwickeln konnten.
Vor zehn Millionen Jahren waren Affen die dominante Spezies auf dem Planeten. Es gab eine große Vielfalt von ihnen – Baumbewohner, Bodenbewohner und sehr viele Zwischenformen. Sie entwickelten sich rasch unter den vorherrschenden klimatischen Bedingungen, die eine perfekte tropische Umgebung schufen. Doch all das änderte sich. Vor ungefähr sieben oder acht Millionen Jahren starben die meisten dieser Arten aus. Der Grund dafür ist nicht bekannt.
Lange Zeit war die Erforschung der menschlichen Ursprünge von idealistischen Vorurteilen geprägt, die hartnäckig daran festhielten, dass unsere frühesten Vorfahren Menschenaffen mit einem großen Gehirn gewesen sein müssen, da der Hauptunterschied zwischen Menschen und Affen eben genau in diesem begründet sei. Die Theorie vom »großen Gehirn« dominierte die frühe Anthropologie völlig. Viele Jahrzehnte wurde erfolglos nach dem »fehlenden Bindeglied« (»missing link«) gesucht, das nach Überzeugung der Anthropologen ein fossiles Skelett mit einem großen Gehirn sein müsste, am Rest des Körpers allerdings affenähnliche Züge aufweist.
Sie waren so davon überzeugt, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft voll und ganz auf eine der außergewöhnlichsten Fälschungen in der Wissenschaftsgeschichte hereinfiel. Am 18. Dezember 1912 wurden Teile eines fossilen Schädels und eines Kieferknochens als das »fehlende Bindeglied« der Öffentlichkeit präsentiert – der sogenannte Piltdown Mensch (benannt nach einem Dorf im Süden Englands). Dies wurde als große Entdeckung gefeiert. Aber 1953 enthüllte eine Gruppe englischer Wissenschaftler, dass es sich beim Piltdown Menschen um einen vorsätzlichen Betrug handelte. Anstatt fast eine Million Jahre alt zu sein, stellte sich heraus, dass die gefundenen Schädelfragmente gerade mal 500 Jahre alt waren und der Kiefer in Wirklichkeit der eines Orang-Utans war.
Warum ließ sich die Wissenschaftswelt so einfach an der Nase herumführen? Weil ihr etwas geboten wurde, das sie zu finden gehofft hatte: Einen frühen hominiden Schädel mit einem großen Gehirn. Tatsächlich war es der aufrechte Gang (Bipedalismus), und nicht die Größe des Gehirns, der die Hände für die Arbeit frei machte und der entscheidende Wendepunkt in der menschlichen Evolution darstellte.
Das wurde bereits von Engels in seinem brillanten Werk Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen vorweggenommen. Der berühmte amerikanische Paläontologe Stephen Jay Gould bedauerte es, dass die Wissenschaftler Engels‘ Schrift nicht mehr Beachtung geschenkt hatten, denn so hätten sie sich hundert Jahre Irrtum ersparen können. Die Entdeckung von Lucy, einem weiblichen Fossil, das zur neu entdeckten Spezies der Australopithecus afarensis gehörte, zeigte, dass Engels Recht hatte. Die Körperstruktur der frühen Homininen ist wie die unsrige (das Becken, die Beinknochen etc.) und damit ein Beweis für den aufrechten Gang. Doch das Gehirn ist nicht viel größer als das eines Schimpansen.
Unsere entfernten Vorfahren waren klein und bewegten sich im Vergleich zu anderen Tieren langsam fort. Sie besaßen keine kräftigen Krallen und Zähne. Noch dazu ist das menschliche Baby bei der Geburt vollkommen hilflos. Delfine können direkt nach der Geburt schwimmen, Kälber und Fohlen können innerhalb von Stunden nach der Geburt laufen und Löwenbabys können 20 Tage nach der Geburt rennen.
Im Vergleich dazu braucht ein menschlicher Säugling Monate, um überhaupt ohne Unterstützung sitzen zu können. Für das Erlernen fortgeschrittener Fähigkeiten wie Rennen und Springen braucht das Neugeborene sogar Jahre. Als Spezies waren wir deshalb gegenüber den zahlreichen Mitbewerbern in der Savanne Ostafrikas deutlich im Nachteil. Die menschliche Arbeit war zusammen mit der kooperativen sozialen Organisation und der Sprache, die eng mit ihr verbunden sind, das entscheidende Element in der menschlichen Evolution. Die Herstellung von Steinwerkzeugen gab unseren frühen Vorfahren einen entscheidenden evolutionären Vorteil, welcher die Entwicklung des Gehirns ermöglichte.
Die erste Periode der menschlichen Entwicklung, die Marx und Engels Wildheit nannten, war durch eine extrem niedrige Entwicklung der Produktionsmittel, der Herstellung von Steinwerkzeugen und einer Lebensweise als Jäger und Sammler gekennzeichnet. Aus diesem Grund stagnierte die Entwicklungslinie für einen langen Zeitraum nahezu. Die Produktionsweise der Jäger und Sammler stellt den ursprünglichen Zustand der Menschheit dar. Die lebendigen Überreste aus dieser Zeit, Gesellschaften, die bis vor kurzem in verschiedenen Teilen der Welt beobachtet werden konnten, liefern uns wichtige Hinweise und Einsichten in eine längst vergessene Lebensweise.
Es entspricht beispielsweise nicht der Wahrheit, dass Menschen von Natur aus egoistisch sind. Wenn das der Fall wäre, wäre unsere Gattung vor über zwei Millionen Jahren ausgestorben. In diesen Gesellschaften gab es ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, das diese Gruppen angesichts aller Widrigkeiten zusammenhielt. Sie kümmerten sich um ihre Neugeborenen und deren Mütter und respektierten die älteren Mitglieder des Stammes, welche das kollektive Wissen und den gemeinsamen Glauben im Gedächtnis bewahrten. Unsere frühen Vorfahren kannten kein Privateigentum, wie Anthony Burnett darlegte:
»Der Unterschied zwischen dem Menschen und anderen Lebewesen wird deutlich, wenn wir das Revierverhalten von Tieren mit dem Umgang von Menschen mit Eigentum vergleichen. Reviere werden durch formelle Signale, die für die gesamte Art gebräuchlich sind, verteidigt. Jedes erwachsene Mitglied der Spezies hält ein Revier. Menschen zeigen kein derartig einheitliches Verhalten: Selbst innerhalb einer einzelnen Gemeinschaft können einer Person große Gebiete gehören, während andere nichts besitzen. Auch heute noch gibt es Eigentum am Menschen selbst. Doch in einigen Ländern ist das Privateigentum auf den persönlichen Besitz beschränkt. In einigen Stammesgruppen gehören sogar geringfügige Besitztümer der Gemeinschaft. Der Mensch hat tatsächlich nicht mehr »Instinkt, Eigentum zu besitzen« als einen »Instinkt zum Stehlen«. Es ist zwar einfach, Kinder zum Besitzstreben zu erziehen, doch die Form des Besitzstrebens und das Ausmaß, in dem es von der Gesellschaft anerkannt wird, sind von Land zu Land und von einer historischen Periode zur nächsten sehr unterschiedlich.«[11]
Möglicherweise wird der Begriff Wildheit aufgrund der negativen Bedeutung, den er heutzutage erlangt hat, seiner Bedeutung nicht gerecht. Der englische Philosoph Thomas Hobbes, der im 17. Jahrhundert lebte, beschrieb das Leben unserer frühen Vorfahren als von »ständiger Furcht und der Gefahr eines gewaltsamen Todes« geprägt. »Das Leben der Menschen ist einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz«, so Hobbes. Zweifelsohne war das Leben damals hart, aber diese Worte werden der Lebensweise unserer Vorfahren kaum gerecht. Der kenianische Anthropologe und Archäologe Richard Leakey schreibt dazu:
»Nichts könnte in der Tat unzutreffender sein als Hobbes‘ Vorstellung, dass Menschen, die noch keine Landwirtschaft betreiben, ›kein soziales Leben‹ kennen und ›Einzelgänger‹ sein würden. Wildbeuter sein bedeutet vielmehr, ein höchst soziales Leben zu führen. Bezüglich der Position sie hätten ›keine Künste‹ und ›keine Schrift‹, so ist es richtig, dass Jäger und Sammler sehr wenig an materieller Kultur aufzuweisen haben, das aber ist einfach eine Konsequenz ihrer mobilen Lebensweise. Wenn die Menschen vom Stamm der !Kung [ein indigener Stamm im südlichen Afrika; Anm.] von einem Lager zum nächsten ziehen, nehmen sie wie alle Wildbeuter alle ihre irdischen Güter mit. Diese haben im Allgemeinen ein Gewicht von 12 Kilogramm, also nicht viel mehr als die Hälfte des Freigepäcks bei den meisten Fluglinien. Beweglichkeit und materielle Besitztümer schließen sich gegenseitig weitgehend aus, und daher tragen die !Kung ihre kulturellen Errungenschaften in ihren Köpfen und nicht auf dem Rücken mit sich herum. Ihre Gesänge, Tänze und Erzählungen stellen einen Kulturschatz dar, der dem anderer Völker um nichts nachsteht.«
Und weiter: »Richard Lee[12] kommt zur Einschätzung, dass die Frauen [in diesen Gesellschaften] sich nicht ausgebeutet fühlen.« Im Gegenteil: »Sie genießen Ansehen als Versorger der Familie und haben ›politischen‹ Einfluss, ein Status, der vielen Frauen in der ›zivilisierten‹ Welt vorenthalten wird.«[13]
Diese Gesellschaften kannten keine Klassen im modernen Sinn, es gab keinen Staat oder eine organisierte Form der Religion, es herrschte ein starkes Verantwortungsgefühl gegenüber der Gemeinschaft vor und das Teilen hatte einen hohen Stellenwert. Egoismus und Selbstsucht wurden als höchst unsozial und moralisch anstößig betrachtet.
»Die große Bedeutung, die der Gleichheit beigemessen wird, erfordert die Einhaltung bestimmter Rituale, wenn ein erfolgreicher Jäger ins Lager zurückkehrt. Ziel dieser Rituale ist es, das Ereignis herunterzuspielen, um keine Selbstgefälligkeit und Anmaßung aufkommen zu lassen. ›Das korrekte Verhalten für einen erfolgreichen Jäger sind Bescheidenheit und Untertreibung‹, erklärt Richard Lee.«
»Die !Kung haben keine Häuptlinge und Führer. Probleme in ihrer Gemeinschaft werden meistens gelöst, lange bevor sie zu etwas heranreifen, was die soziale Harmonie bedrohen könnte. … Die Gespräche der Menschen sind Allgemeingut und Streitigkeiten werden durch gegenseitige Scherze schnell entschärft. Niemand erteilt oder befolgt Befehle. Richard Lee fragte einmal einen gewissen /Twi!gum, ob es bei den !Kung Häuptlinge gebe. ›Natürlich haben wir Häuptlinge‹, entgegnete er zu Lees großer Überraschung. ›Wir sind überhaupt alle miteinander Häuptlinge; jeder von uns ist Häuptling über sich selbst!‹ /Twi!gum betrachtete die Frage und seine originelle Antwort als einen amüsanten Witz.«[14]
Das Grundprinzip, das alle Lebensbereiche bestimmt, ist das Teilen. Wird bei den !Kung ein Tier erlegt, beginnt ein aufwendiges Verfahren zur Aufteilung des rohen Fleisches, das sich an Verwandtschaftsbeziehungen, Partnerschaften und sozialen Verpflichtungen orientiert. Richard Lee betont diesen Punkt besonders:
»Mit-anderen-Teilen ist im Verhalten und in den Wertvorstellungen der !Kung-Wildbeuter, innerhalb der Familie und zwischen den Familien tief verwurzelt und wird bis an die Grenzen ihrer sozialen Welt ausgedehnt. Geradeso, wie das Prinzip von Profit und Zweckmäßigkeit im Mittelpunkt der kapitalistischen Moral stehen, so steht das Teilen mit anderen im Mittelpunkt des Gemeinschaftslebens der Wildbeutergesellschaften.«[15]
Überheblichkeit war verpönt und Bescheidenheit wurde gefördert, wie folgende Schilderung eines !Kung Mannes zeigt:
»Nehmen wir an, ein Mann war auf der Jagd. Er darf nicht heimkommen und angeberisch verkünden: ›Ich habe im Busch ein großes Tier erlegt!‹ Er muss sich zuerst schweigend ans Feuer setzen, bis jemand kommt und fragt: ›Was hast du heute gesehen?‹ Darauf antwortet er ruhig: ›Ach, Ich tauge nicht zur Jagd. Ich habe überhaupt nichts… vielleicht etwas ganz Kleines.‹ Dann lache ich in mich hinein, denn nun weiß ich, dass er etwas Großes erlegt hat.«
Dazu meint Leakey:
»Je größer das erlegte Tier ist, desto mehr wird es heruntergespielt. … Dieses Spotten und Untertreiben wird keineswegs nur von den !Kung, sondern auch von vielen anderen Wildbeutervölkern befolgt, mit dem Ergebnis, dass, obwohl manche Männer zweifellos tüchtigere Jäger als andere sind, keiner aufgrund seines Könnens zu mehr Prestige oder Ansehen gelangt.«[16]
»Diese Einstellung ist nicht auf die !Kung beschränkt; sie ist ein Merkmal aller Jäger-und-Sammler-Gesellschaften. Ein solches Verhalten stellt sich jedoch keineswegs von selbst ein, es muss vielmehr wie alles menschliche Verhalten von Kindheit an gelehrt werden. ›Jedes Menschenkind ist gleichermaßen mit der Fähigkeit zum Teilen und der Selbstsucht geboren‹, sagt Richard Lee. Die Fähigkeit, die unterstützt und gefördert wird, ist jene, die von der jeweiligen Gesellschaft als wertvoll angesehen wird.«[17]
In diesem Sinne sind die moralischen Werte dieser frühen Gesellschaften denen des Kapitalismus, der den Menschen lehrt, gierig, egoistisch und unsozial zu sein, haushoch überlegen.
Es ist natürlich unmöglich, mit Gewissheit zu sagen, dass dies ein exaktes Bild der frühen menschlichen Gesellschaft darstellt. Doch ähnliche Bedingungen bringen tendenziell ähnliche Resultate hervor, und die gleichen Tendenzen können in vielen verschiedenen Kulturen, die sich auf dem gleichen Niveau der ökonomischen Entwicklung befinden, beobachtet werden.
»Richard Lee weist drauf hin, dass ›wir uns nicht vorstellen dürfen, dies sei die genaue Art und Weise, wie unsere Vorfahren lebten‹. Er glaubt jedoch, dass ›das, was wir bei den !Kung und anderen Wildbeutern sehen, Verhaltensmuster sind, die für die menschliche Entwicklung in der Frühzeit entscheidend waren‹. Von den verschiedenen Homininenarten, die vor zwei oder drei Millionen Jahren lebten, weitete eine – die Linie, die schließlich zum heutigen Menschen führte – ihre Existenzgrundlage dadurch aus, dass sie ihre Nahrung mit anderen teilte und einen größeren Anteil Fleisch in ihre Kost aufnahm. Die Entwicklung der Wildbeuterwirtschaft spielte bei unserer Menschwerdung eine bedeutende Rolle.«[18]
Vergleicht man die Werte der Jäger- und Sammlergesellschaften mit den unsrigen, kommen wir nicht unbedingt gut weg. Vergleichen wir beispielsweise den Zustand der modernen Familie – mit der Vielzahl an Missbrauchsfällen gegenüber Ehefrauen und Kindern, der Unsumme von Waisenkindern und der Existenz der Prostitution – mit der gemeinschaftlichen Kindererziehung, wie sie den Großteil der Menschheitsgeschichte hindurch praktiziert wurde, also vor dem Aufkommen jener eigentümlichen gesellschaftlichen Ordnung, die gerne als Zivilisation bezeichnet wird.
»Ihr weißen Menschen«, sagte ein amerikanischer Ureinwohner zu einem Missionar, »liebt nur eure eigenen Kinder. Wir lieben die Kinder des Stammes. Sie gehören allen Menschen und wir sorgen für sie. Sie sind Knochen von unseren Knochen, Fleisch von unserem Fleisch. Wir sind ihnen alle Vater und Mutter. Weiße Menschen sind Wilde; sie lieben ihre Kinder nicht. Wenn sie zu Waisen werden, müssen Menschen bezahlt werden, damit für sie gesorgt wird. Wir kennen solche barbarischen Ideen nicht.«[19]
Wir dürfen jedoch keinen idealisierten Blick auf die Vergangenheit haben. Das Leben war für unsere frühen Vorfahren ein ständiger, harter Überlebenskampf gegen die Kräfte der Natur. Der Fortschritt ging extrem langsam vonstatten. Die frühen Menschen begannen vor mindestens 2,6 Millionen Jahren mit der Herstellung von Steinwerkzeugen. Das älteste Werkzeug aus der Oldowan-Kultur war ungefähr eine Million Jahre in Verwendung, bis sich vor ungefähr 1,76 Millionen Jahren die immer raffinierteren, scharfkantigen Faustkeile durchsetzten. Zusammen mit anderen Arten von großen Schneidewerkzeugen kennzeichnet der Faustkeil die Acheuléen Kultur. Diese grundlegenden Werkzeuge wurden über einen sehr langen Zeitraum hergestellt und verwendet, der je nach Fundort vor etwa 400.000 bis 250.000 Jahren endete.
Die Neolithische Revolution
Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte verlief der Entwicklungsprozess schmerzhaft langsam, wie The Economist am Vorabend des neuen Jahrtausends feststellte:
»Fast die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch war der ökonomische Fortschritt so langsam, dass er innerhalb eines Menschenlebens kaum wahrnehmbar war. Von Jahrhundert zu Jahrhundert lief die jährliche Wachstumsrate gegen Null. Wenn es Wirtschaftswachstum gab, war es so langsam, dass die Zeitgenossen es nicht wahrnehmen konnten – und sogar rückblickend erscheint dieses nicht als Anstieg des Lebensstandards (so wie Wachstum heute gesehen wird), sondern als leichtes Bevölkerungswachstum. Im Laufe der Jahrtausende lief der Fortschritt, abgesehen vom Aufstieg einer winzigen Elite, auf eine Sache hinaus: Es wurde für mehr Menschen möglich, auf dem niedrigsten Existenzniveau zu leben.«[20]
Der menschliche Fortschritt beschleunigt sich in Folge der ersten und bedeutendsten der großen Revolutionen in der Geschichte, des Übergangs von der ursprünglichen Produktionsweise der Jäger und Sammler zum Ackerbau. Er schuf die Grundlage für einen sesshaften Lebensstil und die Entstehung der ersten Städte. Das war die Epoche, die Marxisten als Barbarei bezeichnen, d. h. das Stadium zwischen der Jäger-und-Sammlergesellschaft (oder »Wildheit«) und der frühen Klassengesellschaft, in der sich Klassen und damit der Staat zu entwickeln begann.
Dieser entscheidende Wendepunkt, den der Archäologe Vere Gordon Childe als Neolithische Revolution bezeichnete, bedeutete einen großen Sprung in der Entwicklung der menschlichen Produktionsfähigkeit und damit der Kultur. Childe sagt dazu: »Unsere Schuld gegenüber der schriftlosen Barbarei wiegt schwer. Jede einzelne kultivierte Speisepflanze von einiger Bedeutung wurde von einer der vielen namenlosen barbarischen Gesellschaften entdeckt.«[21]
Der Ackerbau entwickelte sich im Nahen Osten vor etwa 12.000 Jahren. Die neuen Produktionsbedingungen führten zu einer neuen Sichtweise auf das Leben, die gesellschaftlichen Beziehungen und zu einem neuen Verhältnis zwischen dem Menschen, der Natur und dem Universum, deren Geheimnisse in einem bis dahin unvorstellbaren Ausmaß erforscht wurden. Die Erforschung der Natur wird durch die Anforderungen der Landwirtschaft notwendig. Sie schreitet nur langsam voran, bis es den Menschen schließlich gelingt, die unerbittlichen Kräfte der Natur in der Praxis zu bändigen und sie sich durch kollektive Arbeit im großen Maßstab nutzbar zu machen.
Die eindrucksvollsten Ergebnisse dieser kollektiven Arbeit finden sich in der »megalithischen« Kunst dieser Zeit, wie etwa Stonehenge, bei dessen Bau gigantische Sarsensteine mit einem Gewicht von 25 bis 30 Tonnen über eine Entfernung von 20 Meilen transportiert wurden. Diese Steine wurden zusammen mit anderen, kleineren Blausteinen, die aus Westwales stammten, akribisch genau der Sonnenwende nach angeordnet und ausgerichtet. Dass diese beeindruckende Leistung mit steinzeitlicher Technik vollbracht wurde, verblüfft Archäologen bis heute und dabei handelt es sich nur um eine von vielen megalithischen Fundstätten.
Diese kulturelle und religiöse Revolution ist ein Spiegelbild der bis heute bedeutendsten sozialen Revolution der gesamten Menschheitsgeschichte, die den Weg für die Auflösung des ursprünglichen Gemeinwesens ebnete und das Privateigentum an Produktionsmitteln – also an den Mitteln des Lebens selbst – einführte.
Auf der Grundlage der Domestizierung von Pflanzen und Tieren entstand in der Region des Fruchtbaren Halbmonds (im Nahen Osten) eine Fülle von dauerhaft bewohnten Siedlungen. In der Jungsteinzeit entwickelten sich auch die ersten Städte, wie Jericho (heutiges Palästina), das auf 9.500 v. Chr. zurückdatiert wird, und Çatalhöyük (Türkei), das zwischen 7.100 und 5.600 v. Chr. eine Bevölkerung von schätzungsweise 5.000 bis 7.000 Menschen zählte.
Die neue Produktionsweise verbreitete sich auch in Europa und Südasien. Sie setzte sich unabhängig voneinander, zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Regionen der Welt durch, unter anderem in China, Mittelamerika, den Anden und der Sahelzone.
Die Periode der Barbarei, die mit dem Neolithikum beginnt, stellt einen äußerst bedeutenden Abschnitt der Menschheitsgeschichte dar. Sie wird in eine Reihe von mehr oder weniger scharf voneinander abgegrenzten Perioden unterteilt. Im Allgemeinen ist sie durch den Übergang von der Lebensweise der Jäger und Sammler zu Viehzucht und Ackerbau gekennzeichnet, d. h. der Übergang von der paläolithischen Wildheit bis zum Beginn der Zivilisation.
In dieser Periode führte die Entwicklung der Produktivkräfte erstmals in der Geschichte zu einem dauerhaften Überschuss, der nicht nur ein Wachstum der Bevölkerung, sondern auch eine stärkere Arbeitsteilung und eine Ausweitung des Handels zwischen verschiedenen Siedlungen ermöglichte. Dieser Umstand liefert die Grundlage, aus der die großen Städte, Schrift, Industrie und alles andere hervorging, was die sogenannte Zivilisation ausmacht. Dies war allerdings auch die Grundlage für die Entstehung von Ungleichheit, gesellschaftlicher Klassen und des Staates.
Auf der höchsten Stufe der Barbarei beginnt die alte gemeinschaftliche Lebensweise zu zerfallen, und aus diesem Zerfall entstehen neue, klassenbasierte Institutionen. Dieser Prozess tritt an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten auf – in Mesopotamien bereits im vierten Jahrtausend v. Chr., in Britannien im ersten Jahrtausend v. Chr. und bei den Wikingern noch später.
In der Bronzezeit und der vorangehenden Kupfersteinzeit verbesserten Innovationen wie die Bewässerung und der Ochsenkarren die Produktivität der Landwirtschaft erheblich. Zusammen mit der Entwicklung der Metallverarbeitung und der Fertigung neuer Werkzeuge wie der Töpferscheibe und dem Webstuhl trug dies zu einer immer ausdifferenzierteren Arbeitsteilung innerhalb der Siedlungen bei, mit Gruppen spezialisierten Handwerks wie etwa der Töpferei.
In dieser Phase beginnt eine privilegierte Priester- oder Kriegerkaste sich über den Rest der Gesellschaft zu erheben und den Großteil des Überschusses für sich zu beanspruchen. In Mesopotamien und Ägypten beispielsweise wurden die Priester- und Tempelbürokraten von der niederen Arbeit befreit und begannen, Mathematik und Astronomie zu entwickeln, um Produktion und Verteilung des Überschusses besser steuern zu können.
Die Entwicklung von Waffen und Werkzeugen aus Eisen stellte eine weitere Revolution in der Entwicklung der Produktivkräfte dar. Im Europa der Eisenzeit wurde der wachsende Überschuss ein attraktives Angriffsziel für Überfälle, was zu ständigen Kriegen zwischen benachbarten Stämmen führte. Die Siedlungen wurden daher häufig mit riesigen Erdwällen befestigt, wie z. B. Maiden Castle in Dorset und Danebury in Hampshire.
Neben den befestigten Siedlungen, die für diese Zeit charakteristisch sind, gab es auch mächtige Kriegsherren oder Häuptlinge und eine deutlich ungleiche Verteilung des Wohlstands in der Gesellschaft. Der erwirtschaftete Überschuss wurde nicht reinvestiert, da es keine Möglichkeit dafür gab. Ein Teil des Überschusses wurde vom Häuptling und seiner Familie angeeignet. Ein anderer Teil wurde für große Feste verbraucht, die in dieser Gesellschaft eine zentrale Rolle spielten.
Bei einem einzigen Festmahl konnten 200-300 Menschen satt werden. In den Überresten eines solchen Festes wurden die Knochen von 12 Kühen und einer großen Anzahl von Schafen, Schweinen und Hunden gefunden. Diese Versammlungen waren nicht nur Anlass für exzessives Essen und Trinken – sie spielten auch eine wichtige soziale und religiöse Rolle. In solchen Zeremonien dankten die Menschen den Göttern für den Nahrungsüberschuss. Sie ermöglichten die Vermischung der Stämme und die Regelung gemeinschaftlicher Angelegenheiten. Solche üppigen Feste boten den Häuptlingen auch die Möglichkeit, ihren Reichtum und ihre Macht zur Schau zu stellen und so das Prestige des betreffenden Stammes oder Clans zu steigern.
Ein weiteres Ergebnis der Kriegsführung war eine große Zahl von Kriegsgefangenen, von denen viele versklavt und entweder von ihren Entführern zur Arbeit eingesetzt oder wie Waren verkauft wurden. Sumerische Aufzeichnungen verweisen bereits auf die Verwendung von Kriegsgefangenen als Sklavenarbeiter in Tempelanlagen, während Homer um 700 v. Chr. schrieb:
»Lieber möchte ich mit mühseligen Schritten,
ein schweres Los tragen und atmen die lebendige Luft,
Sklave eines armen Bauern sein, der sich für Brot abmüht,
als mit dem Zepter im Reich der Toten zu regieren.«
(Homer, Odysseus, XI. Gesang, eigene Übersetzung.)
Die Zunahme von beweglichem Besitz und Handel förderte die Entstehung des Privateigentums und damit die Konzentration von Reichtum und Macht in den Händen einer Minderheit. Diese Konzentration des Reichtums lässt sich an den imposanten, einzelnen Grabstätten der damaligen Zeit festmachen. Die Frage der Vererbung dieses Vermögens wurde somit zu einer wichtigen Angelegenheit und führte zu einem einschneidenden Wandel in den Beziehungen zwischen Mann und Frau und ihren Nachkommen.
Auf dieser Grundlage sollten schließlich die ersten Staaten entstehen, »besondere Formationen bewaffneter Menschen« (Lenin), um das Eigentum zu verteidigen und den Kampf zwischen den neu entstandenen Klassen unter Kontrolle zu halten.
Hier sehen wir den ersten bedeutenden Ausdruck der Entfremdung. Der Mensch entfremdet sich in doppeltem oder dreifachem Sinn. Erstens bedeutet das Privateigentum die Entfremdung vom eigenen (selber hergestellten) Produkt, das sich ein anderer aneignet. Zweitens wird ihm die Kontrolle über sein Leben und sein Schicksal durch den Staat in der Person des Königs oder Pharaos entzogen. Nicht zuletzt wird diese Entfremdung auf das Leben im Jenseits übertragen – das innere Wesen (»Seele«) aller Menschen wird von den Gottheiten vereinnahmt, deren Gunst immer wieder aufs Neue durch Gebete und Opfergaben erlangt werden muss. So wie die Dienste für den Regenten die Grundlage für den Reichtum der Oberschicht der Beamten und Adligen bilden, so bilden die Opfer für die Götter die Grundlage für den Reichtum und die Macht der Priesterkaste, die zwischen dem Volk und den Göttern bzw. Göttinnen steht. Hier haben wir den Ursprung der organisierten Religion.
Die Wurzeln der Zivilisation liegen also gerade in der Barbarei, und noch mehr in der Sklaverei. Die Etappe der Barbarei entwickelte sich in der Regel entweder zur Gesellschaftsform der Sklaverei oder zur sogenannten »asiatischen Produktionsweise« (Marx).
Es gab jedoch auch Gesellschaften, die sich offenbar egalitäre Verhältnisse bewahrt haben und gleichzeitig eine hochproduktive Landwirtschaft, ein hochentwickeltes Handwerk und große Städte hervorbrachten. Die Indus-Kultur, die auf den Zeitraum von 3.300 bis 1.300 v. Chr. datiert wird, ist ein bemerkenswertes Beispiel für dieses Phänomen.
Das Indus-Volk errichtete große Städte, insbesondere Mohenjo-Daro und Harappa (beide im heutigen Pakistan), in denen Zehntausende Menschen gelebt haben müssen. Es entwickelte ein spezialisiertes und hochwertiges Handwerk sowie weitreichende Handelsnetzwerke. Doch bis heute haben Archäologen, die diese Städte untersuchten, keine wirklichen Belege für Tempelkomplexe, Paläste, große Monumente oder aufwendige Gräber wie die der ägyptischen Pharaonen gefunden. Diese Faktenlage legt nahe, dass es in dieser Kultur weder eine ausgebeutete und ausbeutende Klasse noch einen Staat gab oder sie sich allenfalls in einem sehr frühen Entwicklungsstadium befanden.
Faszinierende Fundstätten wie Mohenjo-Daro geben einen Einblick in die Fülle von Übergangsgesellschaften und Mischformen, die in den Tausenden von Jahren zwischen dem Aufkommen des Ackerbaus und der Entstehung der ersten Staaten entstanden sein müssen. Letztendlich setzten sich jedoch die Klassengesellschaften durch. Die Indus-Kultur trat schließlich ab etwa 1.900 v. Chr. in einen Niedergangsprozess ein. Um 1.700 v. Chr. waren in der gesamten Region die oben beschriebenen Städte gänzlich verschwunden und es etablierte sich schließlich eine höchst ungleiche Gesellschaftsform, wie sie auch in der hinduistischen Schrift Rigveda beschrieben wird.
Das Entstehen einer Klassengesellschaft führte zur Unterwerfung der Mehrheit durch eine Minderheit. Allgemein handelte es sich dabei jedoch um eine revolutionäre Entwicklung, da sie einen bestimmten Teil der Bevölkerung – die herrschende Klasse – von der unmittelbaren Arbeitslast befreite und ihr so die nötige Zeit gab, um Kunst, Wissenschaft und Kultur zu entwickeln. Die Klassengesellschaft war trotz ihrer rücksichtslosen Ausbeutung und Ungleichheit der Weg, den die Menschheit beschreiten musste, um die notwendigen materiellen Voraussetzungen für eine zukünftige klassenlose Gesellschaft zu schaffen.
Die Asiatische Produktionsweise
Eine wirklich rasante Entwicklung der Zivilisation nahm in Ägypten, Mesopotamien, dem Indus-Tal, China, Mexiko und Peru ihren Ausgang. Die Entwicklung der Klassengesellschaft fällt mit einem massiven Aufschwung der Produktivkräfte und damit der menschlichen Kultur zusammen, die eine nie dagewesene Blütezeit erlebte.
In Süd-Mesopotamien errichteten die Sumerer Ur, Lagaš, Eridu und andere Stadtstaaten. Sie waren ein gebildetes Volk, das lesen und schreiben konnte. Davon zeugen tausende bis heute erhaltene Tontafeln in Keilschrift.
Die wichtigsten Merkmale der asiatischen Produktionsweise sind:
- eine urbane Gesellschaft auf landwirtschaftlicher Grundlage.
- eine überwiegend agrarisch geprägte Wirtschaft.
- öffentliche Arbeiten, die häufig (aber nicht immer) mit der Notwendigkeit zur Bewässerung sowie der Instandhaltung und dem Ausbau eines umfangreichen Kanal- und Abwassersystems verbunden sind.
- ein despotisches Regierungssystem, oft mit einem Gottkönig an der Spitze.
- eine große Bürokratie.
- ein Ausbeutungssystem, das auf Steuern basiert.
- gemeinsames (Staats-) Eigentum an Grund und Boden.
Obwohl die Sklaverei in diesen Gesellschaften bereits existierte (Sklaven waren Kriegsgefangene), handelte es sich nicht um Sklavenhaltergesellschaften. Die Arbeitsdienste waren nicht freiwillig, diejenigen, die sie verrichteten, waren allerdings keine Sklaven. Es gibt ein Element des Zwangs, aber wichtiger waren Gewohnheit, Tradition und Religion. Die Gemeinschaft dient dem sogenannten Gottkönig (oder -königin). Sie dient dem Tempel, der eng mit dem Staat verbunden ist bzw. selbst den Staat darstellt.
Die Ursprünge des Staates sind hier mit der Religion vermischt, und diese religiöse Aura wird bis in die Gegenwart aufrechterhalten. Den Menschen wird beigebracht, mit einem Gefühl von Ehrfurcht und Verehrung zum Staat aufzuschauen, als eine Macht, die über der Gesellschaft und den gewöhnlichen Menschen steht, die ihr wiederum blind zu dienen haben.
Die Dorfgemeinschaft, die Keimzelle dieser Gesellschaften, lebt fast vollkommen vom eigenen Arbeitsprodukt. Die wenigen Luxusgüter, die einer Bevölkerung von Subsistenzbauern zur Verfügung stehen, werden auf dem Basar oder von reisenden Hausierern, die am Rande der Gesellschaft leben, erworben. Geld ist kaum bekannt. Steuern an den Staat werden in Form von Naturalien bezahlt. Es gibt keine Verbindungen zwischen den einzelnen Dörfern, und der Binnenhandel existiert kaum. Der Staat hält dieses Gefüge zusammen.
Es gab kaum soziale Mobilität, was in einigen Fällen durch das Kastensystem noch verschärft wurde. Die Gruppe ist gegenüber dem Individuum höhergestellt. Es herrscht die Endogamie vor, d. h. die Menschen neigen dazu, nur innerhalb ihrer Klasse oder Kaste zu heiraten. Üblicherweise ergreifen die Kinder den Beruf der Eltern. Im Kastensystem der Hindus ist dies sogar verpflichtend. Diese fehlende Mobilität und die starre Gesellschaftsstruktur tragen dazu bei, die Menschen an das Land (die Dorfgemeinschaft) zu binden.
Beispiele für derartige Gesellschaften bieten die Ägypter, Babylonier, die Assyrer sowie die Shang- oder Yin-Dynastie (üblicherweise datiert auf ca. 1766 bis 1122 v.Chr.). Auch die präkolumbischen Zivilisationen Mexikos und Perus, die eine gänzlich eigenständige Entwicklung nahmen, weisen trotz einiger Spezifika erstaunlich viele Ähnlichkeiten zu diesen Gesellschaften auf.
Das Steuersystem und andere Ausbeutungsmethoden wie der Frondienst (Corvée) für den Staat sind zwar unterdrückerisch, sie werden allerdings als unvermeidlicher Teil der natürlichen Ordnung akzeptiert und durch Tradition sowie Religion legitimiert. Corvée ist unfreie und oft unbezahlte Arbeit, die den Menschen entweder, wie im Feudalismus, von aristokratischen Landbesitzern, oder aber wie in diesen Gesellschaften vom Staat auferlegt wird. Doch während das System des Frondiensts dem des westlichen Feudalismus ähnelt, ist das System des Landbesitzes ein ganz anderes. Tatsächlich hatten die britischen Herrscher bei der Kolonialisierung Indiens die größten Schwierigkeiten, es zu verstehen.
Dörfer und Städte entstehen in der Regel entlang der Handelsrouten, an den Flussufern, Oasen oder anderen wichtigen Wasserquellen. Die Städte sind Verwaltungs- und Handelszentren für die Dörfer. Hier tummeln sich die Händler und Handwerker: Schmiede, Tischler, Weber, Färber, Schuhmacher, Steinmetze, usw. Auch die lokalen Vertreter der Staatsmacht leben hier, die einzigen, mit denen die Volksmassen überhaupt in Berührung kommen: niedrige Beamte, Schreiber und Polizisten oder Soldaten.
Es gibt auch Geldverleiher, die von den Bauern Wucherzinsen verlangen, aber selbst wiederum von den Steuereintreibern, den Kaufleuten und den Dorfwucherern geschröpft werden. Viele dieser altertümlichen Strukturen haben in einigen Ländern des Nahen Ostens und Asiens bis in die Neuzeit überlebt. Doch mit dem Aufkommen des Kolonialismus wurde die alte asiatische Produktionsweise endgültig zerstört. Sie repräsentierte eine historische Sackgasse, aus der keine weitere Entwicklung möglich war.
In diesen Gesellschaften ist der geistige Horizont der Menschen äußerst begrenzt. Die bestimmende Macht im Leben der Menschen ist die Familie oder der Clan, der sie erzieht und sie über ihre Geschichte, Religion und Traditionen unterrichtet. Sie wissen wenig bis gar nichts von der Politik und der Welt im Allgemeinen. Den einzigen Kontakt mit dem Staat haben sie über den Dorfvorsteher, der die Steuern einsammelt.
Auffallend bei diesen frühen Zivilisationen sind einerseits ihre Langlebigkeit, andererseits die extrem langsame Entwicklung ihrer Produktivkräfte sowie deren ausgesprochen konservative Weltsicht. Es handelte sich im Grunde um ein sehr statisches Gesellschaftsmodell. Die einzigen Veränderungen vollzogen sich als Ergebnis gelegentlicher Invasionen, zum Beispiel durch die nomadischen »Barbaren der Steppe« (die Mongolen u.a.) oder vereinzelten Bauernaufstände (China), die zu einem Herrschaftswechsel führten.
Die Ersetzung einer Dynastie durch eine andere bedeutete jedoch keine wirkliche Veränderung. Die sozialen Beziehungen und der Staat blieben durch den Wechsel an der Spitze unberührt. Das Endergebnis war immer das Gleiche. Die Eroberer wurden von der Gesellschaft aufgesogen und das System lief ungestört weiter wie zuvor.
Aufstieg und Zerfall der verschiedenen Großreiche wechselten sich stetig ab. Es gab einen ständigen Prozess von territorialen Vereinigungen und Spaltungen. Doch trotz all dieser politischen und militärischen Verschiebungen veränderte sich für die Bauern am unteren Ende der Gesellschaft nichts. Das Leben entwickelte sich stets im selben von Gott verordneten und scheinbar nie endend wollenden Trott. Die asiatische Vorstellung von einem ewigen Kreislauf in der Religion spiegelt diesen Umstand wider. Ganz unten in der Gesellschaft befand sich die uralte Dorfgemeinschaft, die auf einer Subsistenzwirtschaft beruhte und über Jahrtausende hinweg praktisch unverändert blieb. Da der Großteil der Gesellschaft Landwirtschaft betrieb, war der Lebensrhythmus der Menschen vom ewigen Kreislauf der Jahreszeiten, etwa von den jährlichen Überschwemmungen des Nils, bestimmt.
In den letzten Jahren wurde in gewissen intellektuellen und pseudomarxistischen Zirkeln viel Wirbel um die asiatische Produktionsweise gemacht. Doch obwohl Marx sie erwähnte, geschah das nur sehr selten und meist als Randbemerkung. Er hat seine Beobachtungen nie vertieft, was er mit Sicherheit getan hätte, wenn er sie für bedeutend gehalten hätte. Der Grund dafür war, dass sie eine historische Sackgasse darstellte, vergleichbar mit den Neandertalern in der menschlichen Evolution. Es handelte sich um eine Gesellschaftsform, die trotz ihrer Errungenschaften letztlich nicht den Keim zukünftiger Entwicklung in sich trug. Dieser wurde an anderer Stelle gepflanzt, namentlich auf dem Boden Griechenlands und Roms.
Sklaverei
Die griechische Gesellschaft entstand unter anderen Bedingungen als die früheren Zivilisationen. Die kleinen griechischen Stadtstaaten verfügten nicht über die riesigen Flächen an kultivierbarem Land, die großen Ebenen des Nils, des Indus-Tals oder Mesopotamiens. Sie waren eingeschlossen zwischen kargen Gebirgszügen und dem Meer. Dieser Umstand bestimmte deren gesamte Entwicklung. Da das Land für Landwirtschaft und Industrie ungeeignet war, wurden sie in Richtung Meer gedrängt, und die griechischen Stadtstaaten wurden Handelsmächte, wie zuvor die Phönizier.
Das antike Griechenland hat eine andere sozioökonomische Struktur und folglich einen anderen Zeitgeist und eine andere Weltsicht als die früheren Gesellschaften Ägyptens und Mesopotamiens. Hegel schreibt, dass im Osten der herrschende Geist die Freiheit des Einen (d. h. des Herrschers oder Gottkönigs) bedeutete, aber in Griechenland die Freiheit von Vielen, d. h. die Freiheit der Bürger Athens. [Diesen Gedanken formuliert Hegel in der Einleitung zur Philosophie der Geschichte.] Die Sklaven jedoch, welche die meiste Arbeit verrichteten, hatten überhaupt keine Rechte, ebenso wenig die Frauen und Ausländer.
Für die freien Bürger war Athen eine ausgesprochen fortschrittliche Demokratie. Dieser neue Geist, durchdrungen von Menschlichkeit und Individualismus, wirkte sich auf die griechische Kunst, Religion und Philosophie aus, die sich qualitativ von der Ägyptens und Mesopotamiens unterschied. Als Athen ganz Griechenland beherrschte, hatte die Stadt weder eine Staatskasse noch ein reguläres Steuersystem. Damit unterschied sie sich gänzlich vom asiatischen System Persiens und anderen frühen Hochkulturen. Doch all das beruhte letztlich auf der Arbeit der Sklaven, die das Privateigentum Einzelner waren.
Die Haupttrennlinie verlief zwischen freien Menschen und Sklaven. Die freien Bürger zahlten in der Regel keine Steuern, da diese Abgaben (ebenso wie die körperliche Arbeit) als entwürdigend angesehen wurden. In der griechischen Gesellschaft herrschte jedoch auch ein erbitterter Klassenkampf, der durch eine scharfe Trennung innerhalb der freien Bevölkerung auf der Grundlage des Eigentums geprägt war. Die Sklaven, die wie Vieh ge- und verkauft werden konnten, waren Mittel der Produktion. Das römische Wort für einen Sklaven war instrumentum vocale, ein »Werkzeug mit Stimme«. Trotz aller Veränderungen der letzten 2.000 Jahre hat sich die tatsächliche Lage der modernen Lohnsklaven seit damals nicht grundlegend geändert.
Man mag einwenden, dass die Sklaverei, auf der Griechenland und Rom beruhten, eine abscheuliche und unmenschliche Angelegenheit ist. Doch Marxisten betrachten die Geschichte nicht von einem moralischen Standpunkt aus. Es gibt keine ewig gültige, überhistorische Moral. Jede Gesellschaft hat ihre eigene Moral, Religion, Kultur usw., die einem bestimmten Entwicklungsniveau entsprechen und zumindest ab dem Zeitalter der sogenannten Zivilisation auch den Interessen einer bestimmten Klasse.
Ob ein bestimmter Krieg als gut, schlecht oder alternativlos bewertet werden kann, lässt sich nicht anhand der Opferzahl feststellen und noch weniger ausgehend von einem abstrakt moralischen Standpunkt. Wir mögen Kriege im Allgemeinen ablehnen, aber eines können wir nicht abstreiten: Im gesamten Verlauf der menschlichen Geschichte sind alle schwierigen Fragen letztendlich durch Krieg gelöst worden. Das gilt sowohl für Konflikte zwischen Nationen (Kriege), aber auch für Konflikte zwischen Klassen (Revolutionen).
Unsere Haltung gegenüber einer bestimmten Gesellschaftsform und deren Kultur kann nicht durch moralische Erwägungen bestimmt werden. Ob eine bestimmte sozioökonomische Formation historisch progressiv ist oder nicht, ist zuallererst von deren Fähigkeit zur Entwicklung der Produktivkräfte abhängig – der eigentlichen materiellen Grundlage, auf welcher die gesamte menschliche Kultur entsteht und sich entwickelt.
Hegel, dieser wunderbar tiefgründige Denker, schreibt: »Es ist die Menschheit nicht sowohl aus der Knechtschaft befreit worden, als vielmehr durch die Knechtschaft.« [Hegel bezieht sich hier auf die Knechtschaft der Kirche und der Leibeigenschaft im Mittelalter, die er richtigerweise als notwendigen Schritt für die weitere Entwicklung der Gesellschaft sah. Der gleiche Gedanke lässt sich auch auf die Sklaverei der Antike anwenden, welche eine der brutalsten Formen der Unterjochung bedeutete, gleichzeitig jedoch eine neue Periode in der Entwicklung der Produktivkräfte und somit des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens darstellte. Siehe: G. W. F. Hegel (1837/1970): Vorlesung über die Philosophie der Geschichte. Frankfurt a. M., Suhrkamp Verlag. S. 487.] Trotz ihres ungeheuerlich unterdrückerischen Charakters stellte die Sklavenhaltergesellschaft insofern einen Fortschritt dar, als dass sie eine Weiterentwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft ermöglichte. Wir verdanken Griechenland und Rom all die wundervollen Errungenschaften der modernen Wissenschaften, oder genauer gesagt verdanken wir diese letztlich der Arbeit der Sklaven.
Die Römer setzten auf brutale Gewalt, um andere Völker zu unterjochen, verkauften ganze Städte in die Sklaverei, schlachteten Tausende von Kriegsgefangenen zur Belustigung bei öffentlichen Veranstaltungen im Zirkus ab und führten so »kultivierte« Hinrichtungsmethoden wie die Kreuzigung ein. Doch wenn wir darüber nachdenken, woher unsere moderne Zivilisation, unsere Kultur, unsere Literatur, unsere Architektur, unsere Medizin, unsere Philosophie und in vielen Fällen unsere Sprache stammen, lautet die Antwort: aus Griechenland und Rom.
Der Niedergang der Sklavenhaltergesellschaft
Die Sklavenhaltergesellschaft enthält einen inneren Widerspruch, der zu ihrer Zerstörung führte. Obwohl die Arbeit des einzelnen Sklaven aufgrund des Arbeitszwangs nicht besonders produktiv war, so produzierten große Mengen an Sklaven dennoch einen beträchtlichen Überschuss, beispielsweise in den Bergwerken und auf den Latifundien (große Landgüter) in der letzten Periode der Römischen Republik und im Römischen Reich. In der Blütezeit des römischen Kaiserreichs waren Sklaven zahlreich und billig, und die Kriege Roms waren im Grunde großangelegte Sklavenjagden.
Doch ab einem gewissen Zeitpunkt stieß dieses System an seine Grenzen und trat in eine lange Periode des Niedergangs ein. Da Sklavenarbeit nur dann produktiv ist, wenn sie massenhaft angewandt wird, ist die Grundvoraussetzung für ihren Erfolg eine ständige Versorgung mit billigen Sklaven. Aber Sklaven vermehren sich in der Gefangenschaft nur sehr langsam, und so konnte ein ausreichendes Angebot nur durch ständige Kriege garantiert werden. Als das Römische Reich unter Kaiser Hadrian (76–138 n. Chr.) die Grenzen seiner Expansion erreicht hatte, wurde das immer schwieriger.
Die Anfänge einer Krise lassen sich bereits in der Spätphase der Römischen Republik beobachten, einer Zeit, die durch intensive soziale und politische Erhebungen und Klassenkampf gekennzeichnet war. Seit den frühesten Anfängen gab es in Rom einen heftigen Kampf zwischen Arm und Reich. Es gibt detaillierte Aufzeichnungen in den Schriften von Livius und anderen über die Kämpfe zwischen Plebejern und Patriziern, die in einem faulen Kompromiss endeten. [Die Plebejer waren das einfache Volk in der römischen Republik, das nicht dem alten Adel, den Patriziern, angehörte. Es waren vor allem Bauern und Handwerker.] Später, als Rom nach dem Sieg über seinen größten Rivalen Karthago bereits den Mittelmeerraum beherrschte, kam es zu einem Kampf um die Aufteilung der Beute.
Tiberius Gracchus (162–133 v. Chr.) forderte, dass der Wohlstand von Rom unter seinen freien Bürgern aufgeteilt werden sollte. Sein Ziel war es, Italien zu einer Republik der Kleinbauern und nicht der Sklaven zu machen, aber er wurde von den Adeligen und Sklavenhaltern besiegt. Auf lange Sicht war das für Rom katastrophal. Die ruinierte Bauernschaft – das Rückgrat der Republik – zog nach Rom, wo es zum Lumpenproletariat verkam, einer unproduktiven Klasse, die von staatlicher Unterstützung lebte. Obwohl sie große Verbitterung gegenüber den Reichen empfanden, zeigten sie trotzdem ein gemeinsames Interesse an der Ausbeutung der Sklaven – der einzigen produktiven Klasse zur Zeit der Republik und des Kaiserreichs.
Der große Sklavenaufstand unter Spartacus (73–71 v. Chr.) stellte eine herausragende Episode in der Geschichte der Antike dar. Dass sich die unterdrücktesten Teile der Gesellschaft zum bewaffneten Aufstand erhoben und den Armeen der größten Weltmacht eine Niederlage nach der anderen zufügten, ist eines der phänomenalsten Ereignisse der Geschichte. Wäre es ihnen gelungen, den römischen Staat zu stürzen, hätte sich der Lauf der Geschichte entscheidend verändert.
Der Hauptgrund für das Scheitern von Spartacus war in der Tatsache begründet, dass die Sklaven sich nicht mit dem Proletariat in den Städten verbinden konnten. Solange letzteres den Staat weiter unterstützte, war der Sieg der Sklaven unmöglich. Das römische Proletariat war hingegen, anders als das moderne Proletariat, keine produktive Klasse, sondern eine rein parasitäre, die von der Arbeit der Sklaven lebte und von ihren Herren abhängig war. Das Scheitern der römischen Revolution ist auf diese Tatsache zurückzuführen.
Die Niederlage der Sklaven führte zum Ruin des römischen Staates. Da es keine freie Bauernschaft gab, war der Staat gezwungen, seine Kriege von einem Söldnerheer führen zu lassen. Diese Pattsituation im Klassenkampf brachte ein Phänomen hervor, das dem des modernen Bonapartismus ähnelt. Das römische Äquivalent ist der sogenannte Cäsarismus.
Der römische Legionär war nicht mehr der Republik, sondern seinem Befehlshaber gegenüber loyal – dem Mann, der ihm seinen Sold, seine Beute und, wenn er sich zur Ruhe setzte, ein Stück Land garantierte. Die letzte Periode der Republik ist gekennzeichnet durch eine Verschärfung im Klassenkampf, in dem keine Seite einen entscheidenden Sieg erringen konnte. Als Folge begann der Staat (den Lenin als »besondere Formation bewaffneter Menschen« beschrieb) sich immer mehr zu verselbständigen und sich über die Gesellschaft zu erheben. Er begann immer stärker als letzte Entscheidungsinstanz in den anhaltenden Machtkämpfen um Rom aufzutreten.
Zu dieser Zeit betraten eine ganze Reihe militärischer Abenteurer die Bühne der Geschichte: Marius, Crassus, Pompeius und schließlich Julius Cäsar (100–44 v. Chr.), ein brillanter General, ein kluger Politiker und ein gewiefter Geschäftsmann, der die Republik praktisch abschaffte, während er sie in Worten verteidigte. Er nutzte sein Ansehen, das durch seine militärischen Erfolge in Gallien, Spanien und Britannien gestiegen war, um alle Macht in seinen Händen zu konzentrieren. Obwohl er durch eine konservative Fraktion, welche die Republik erhalten wollte, ermordet wurde, leitete er den sicheren Untergang des alten Regimes ein.
Nachdem Brutus und die anderen vom zweiten Triumvirat besiegt worden waren, wurde die Republik formal weitergeführt und dieser Schein wurde auch durch den ersten Kaiser Augustus (63–14 v. Chr.) aufrechterhalten. Der Titel »Kaiser« (Imperator im Lateinischen) ist ein militärischer Titel, der erfunden wurde, um den für republikanische Ohren anstößigen Titel »König« zu vermeiden. Doch in jeder Hinsicht war er ein König, auch wenn er einen anderen Titel führte.
Die Formen der alten Republik lebten noch für lange Zeit weiter. Doch sie waren nur leere Formen ohne wirklichen Inhalt, eine leere Hülle, die letztendlich vom Winde weg geweht werden konnte. Der Senat hatte keine wirkliche Macht und Autorität. Julius Cäsar hatte die respektable Öffentlichkeit schockiert, als er einen Gallier zum Senatsmitglied machte. Caligula (12–41) ging noch weiter und ernannte sein Pferd zum Senator. Niemand fand das abwegig oder wenn doch, hüllten sie sich in Schweigen.
Es passiert oft in der Geschichte, dass überholte Institutionen noch lange weiterleben, obwohl sie keine Existenzberechtigung mehr haben. Sie fristen ein erbärmliches Dasein – wie ein klappriger alter Mann, der sich ans Leben klammert – bis sie von einer Revolution weggefegt werden. Der Niedergang des Römischen Reiches dauerte vier Jahrhunderte. Es war kein kontinuierlicher Prozess. Es gab Zeiten des erneuten Aufschwungs und sogar einer neuerlichen Blütezeit, dennoch zeigte die allgemeine Entwicklungstendenz nach unten.
In derartigen Zeiten herrscht ein allgemeines Unbehagen. Es herrscht eine Stimmung der Skepsis, des Glaubensverlusts und des Zukunftspessimismus vor. Die alten Traditionen, die alte Moral und Religion – Dinge, die wie guter Zement die Gesellschaft zusammenhalten – verlieren ihre Glaubwürdigkeit. Anstelle der alten Religion suchen die Menschen nach neuen Göttern. In der Periode des Niedergangs wurde Rom von einer Welle religiöser Sekten aus dem Osten überflutet. Das Christentum war nur eine davon, und obwohl es sich schließlich durchsetzte, musste es sich gegen zahlreiche Konkurrenten, wie etwa den Mithraskult, behaupten.
Wenn die Menschen das Gefühl haben, dass die Welt, in der sie leben, ins Wanken gerät, dass sie jegliche Kontrolle über ihre Existenz verloren haben und dass ihr Leben und ihr Schicksal von unsichtbaren Kräften bestimmt werden, dann gewinnen mystische und irrationale Weltanschauungen die Oberhand. Die Menschen glauben, das Ende der Welt ist nahe. Die frühen Christen glaubten dies mit voller Überzeugung. Tatsächlich ging nicht die Welt ihrem Ende entgegen, sondern eine besondere Gesellschaftsform – die Sklavenhaltergesellschaft. Der Erfolg des Christentums gründete sich auf der Tatsache, dass es an dieser allgemeinen Stimmung anknüpfte. Die Welt war schlecht und sündhaft. Es wurde notwendig, sich von dieser Welt und all ihren irdischen Dingen abzuwenden und auf ein besseres Leben nach dem Tod zu hoffen.
Warum die Barbaren triumphierten
Als die barbarischen Stämme in das Römische Reich eindrangen, befand sich die gesamte Gesellschaft am Rande des Zusammenbruchs, nicht nur ökonomisch, sondern auch moralisch und spirituell. Es war kein Wunder, dass die Barbaren von den Sklaven und den ärmeren Schichten der Gesellschaft als Befreier begrüßt wurden. Sie vollendeten lediglich ein Werk, das im Vorfeld bereits gut vorbereitet worden war. Die Angriffe der Barbaren stellten einen Zufall der Geschichte dar, der eine historische Notwendigkeit zum Ausdruck brachte.
Der Verfall der Sklavenwirtschaft, die ungeheuerliche Unterdrückung durch das Römische Reich mit seiner aufgeblähten Bürokratie und den räuberischen Steuerpächtern untergrub bereits die gesamte Ordnung. Es kam zu einer stetigen Abwanderung aufs Land, wo bereits die Grundlagen für die Entwicklung einer anderen Produktionsweise – des Feudalismus – im Entstehen waren. Die Barbaren gaben dem verrotteten und maroden System lediglich den Gnadenstoß.
Im Kommunistischen Manifest schrieben Marx und Engels: »Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.«[22]
Was mit dem Römischen Reich geschah, ist ein eindrucksvoller Beweis für die letztere Variante. Das Versagen der unterdrückten Klassen der römischen Gesellschaft, sich zusammenzuschließen und den brutalen und ausbeuterischen Sklavenstaat zu stürzen, führte zu einer inneren Erschöpfung und einer langen und schmerzhaften Periode des sozialen, ökonomischen und kulturellen Zerfalls, der den Weg für die Barbaren frei machte.
Als das Kaiserreich an seine Grenzen stieß, begannen sich die inneren Widersprüche der Sklaverei zunehmend durchzusetzen. Rom trat in eine lange Phase des Niedergangs ein, die sich über Jahrhunderte hinzog, bis es schließlich von den Barbaren – beginnend mit den Goten – überrannt wurde.
Erst wurde Griechenland, dann Italien geplündert und verwüstet. Schließlich kam es am 24. August 410 – zum ersten Mal seit sechs Jahrhunderten – zur Plünderung Roms durch die Westgoten unter ihrem König Alarich. Und das war erst der Anfang.
Nach den Westgoten und Ostgoten kamen die Vandalen, Alanen, Langobarden, Sueben, Alemannen, Burgunder, Franken, Thüringer, Friesen, Heruler, Gepiden, Angeln, Sachsen, Jüten, Hunnen und Magyaren. Sie drangen in mehreren Wellen über die Reichsgrenzen vor. Als die Vandalen im 5. Jahrhundert die afrikanischen Provinzen eroberten, wurde die Nahrungsmittelversorgung Roms plötzlich unterbrochen, was dem Weströmischen Reich einen tödlichen Schlag versetzte.
Die unmittelbare Auswirkung des Angriffs der Barbaren war die Vernichtung der Zivilisation, was die Gesellschaft und das menschliche Denken um eintausend Jahre zurückwarf. Die Entwicklung der Produktivkräfte erlitt eine gewaltsame Unterbrechung. Die Städte wurden zerstört oder verlassen. Die Eindringlinge waren agrarische Völker, die nichts mit Klein- und Großstädten anfingen konnten. Sie verhielten sich den Städten und ihren Einwohnern gegenüber feindselig (eine Haltung, die unter der Bauernschaft aller Epochen weit verbreitet ist). Dieser Prozess der Zerstörung und Plünderung setzte sich über Jahrhunderte fort und hinterließ ein schreckliches Erbe der Rückständigkeit, das auch als Dunkles Zeitalter (engl. Dark Ages) bezeichnet wird.
Zwar gelang es den Barbaren, Rom zu erobern, ihre Kultur wurde allerdings relativ schnell absorbiert, sie verloren sogar ihre eigene Sprache und sprachen schließlich einen Dialekt des Lateinischen. So war es auch mit den Franken, die dem heutigen Frankreich ihren Namen gaben. Sie waren einst ein germanischer Stamm, der eine mit dem heutigen Deutsch verwandte Sprache hatte. Das Gleiche geschah mit den germanischen Stämmen, die in Spanien und Italien einfielen. Das ist der übliche Verlauf, wenn ein ökonomisch und kulturell rückständigeres Volk eine höher entwickelte Nation erobert.
Ebenso erging es später auch den mongolischen Horden, die Indien eroberten. Sie wurden von der fortschrittlicheren Hindu-Kultur aufgesogen und gründeten schließlich eine neue indische Dynastie – das Mogulreich (1526–1858).
Feudalismus und Kapitalismus
Der Aufstieg des Feudalsystems nach dem Zusammenbruch Roms ging in ganz Europa nördlich der Pyrenäen mit einer langen Phase der kulturellen Stagnation einher. Es gab in über tausend Jahren, abgesehen vom Wasserrad und den Windmühlen, keine nennenswerten Erfindungen. Eintausend Jahre nach dem Untergang Roms waren die einzigen brauchbaren Straßen in Europa jene aus der Römerzeit. Mit anderen Worten, es gab eine völlige kulturelle Finsternis. Das war das Ergebnis des Zusammenbruchs der Produktivkräfte, von denen die Kultur letztlich abhängt. Genau das ist gemeint, wenn wir von einer rückläufigen Entwicklung in der Geschichte sprechen. Und niemand sollte sich einbilden, dass so etwas nicht wieder geschehen kann.
Die Invasionen der Barbaren, Kriege und Seuchen führten dazu, dass der gesellschaftliche Fortschritt durch Phasen des Rückschritts unterbrochen wurde. Doch schließlich wurden die chaotischen Zustände, die mit dem Untergang Roms einhergingen, durch ein neues gesellschaftliches Gleichgewicht ersetzt: den Feudalismus. Der Niedergang des Römischen Reiches führte in weiten Teilen Europas zu einem starken Rückgang des städtischen Lebens. Die barbarischen Eroberer wurden allmählich aufgesogen und im 10. Jahrhundert begann in Europa langsam eine neue Periode des Aufschwungs.
Natürlich ist diese Aussage relativ. Die Kultur erreichte erst mit dem Beginn der Renaissance im 14. und 15. Jahrhundert ein mit der Antike vergleichbares Niveau. Bildung und Wissenschaft waren strikt der Autorität der Kirche untergeordnet. Die Schaffenskraft der Menschen wurde entweder durch ständige Kriege oder klösterliche Träumereien gebannt, doch allmählich nahm die Talfahrt ein Ende und wurde durch eine lange Aufschwungsphase abgelöst.
Der Zusammenbruch gesicherter Verkehrswege führte zum Zusammenbruch des Handels. Die Geldwirtschaft wurde geschwächt und zunehmend durch den Tauschhandel ersetzt. Anstelle der vernetzten internationalen Wirtschaft des römischen Sklavenreichs traten kleine isolierte landwirtschaftliche Gemeinschaften.
Der Grundstein für den Feudalismus wurde schon in der römischen Gesellschaft gelegt, als die Sklaven befreit und zu Kolonen (Ackerpächtern) wurden, die an den Boden gebunden waren und später zu Leibeigenen wurden. Dieser Prozess, der zu verschiedenen Zeiten stattfand und in verschiedenen Ländern verschiedene Formen annahm, wurde durch die Eroberung der Barbaren beschleunigt. Die germanischen Kriegsherren wurden zu den Grundherren der eroberten Gebiete, und sie boten deren Bewohnern militärischen Schutz und ein gewisses Maß an Sicherheit im Austausch für die Ausbeutung der Arbeit der Leibeigenen.
In der frühen Phase des Feudalismus ermöglichte die Vereinzelung des Adels ziemlich starke Monarchien, aber später standen der königlichen Macht starke adelige Grundbesitzer gegenüber, die in der Lage waren, diese herauszufordern und zu stürzen. Die Adeligen hatten ihre eigenen feudalen Armeen, die oft gegeneinander, aber auch gegen den König ins Feld zogen.
Das Feudalsystem in Europa war im Wesentlichen ein dezentrales System. Die Macht des Königs wurde durch die Aristokratie eingeschränkt. Die Zentralmacht war in der Regel schwach. Die Machtbasis des Feudalherrn war sein Gutshof und sein Grundbesitz. Die Staatsmacht war schwach und es gab keine Bürokratie. Diese Schwäche der Zentralmacht erlaubte später die Unabhängigkeit der Städte mit dem Stadtrecht und die Herausbildung des Bürgertums als eigene Klasse.
Die romantische Idealisierung des Mittelalters beruht auf einem Mythos. Es war ein blutiges und von Erschütterungen geprägtes Zeitalter, das durch große Grausamkeit und Barbarei gekennzeichnet war und von Marx und Engels als brutale Zurschaustellung von Stärke beschrieben wurde. Die Kreuzfahrer zeichneten sich durch außergewöhnliche Grausamkeit und Unmenschlichkeit aus. Die deutschen Invasionen in Italien waren nutzlose Manöver.
Die letzte Phase des Mittelalters war eine turbulente Zeit, die von ständigen Erschütterungen, Kriegen und Bürgerkriegen geprägt war – genau wie unsere Zeit. Die alte Ordnung lag im Grunde genommen bereits im Sterben. Auch wenn sie sich noch trotzig auf den Beinen hielt, wurde ihre Existenz nicht mehr als ein Naturgesetz – als etwas, das unvermeidlich akzeptiert werden musste – angesehen.
Über hundert Jahre lang führten England und Frankreich einen blutigen Krieg, der große Teile Frankreichs in Schutt und Asche legte. Die Schlacht von Azincourt (1415) war die letzte und grausamste Schlacht des Mittelalters. Hier standen sich im Wesentlichen zwei rivalisierende Systeme auf dem Schlachtfeld gegenüber: Die alte feudale Militärordnung, die auf dem Adel und der Vorstellung von Ritterlichkeit und Dienstbarkeit beruhte, traf auf eine Söldnerarmee auf der Grundlage von Lohnarbeit.
Der französische Adel wurde vernichtend geschlagen und auf beschämende Weise von einer Söldnerarmee aus dem einfachen Volk besiegt. In den ersten 90 Minuten wurden 8.000 Angehörige der französischen Aristokratie getötet und 1.200 gefangen genommen. Am Ende lag nicht nur der gesamte französische Adel blutend am Boden, sondern auch die Feudalordnung selbst.
Das hatte bedeutende soziale und politische Auswirkungen. Von diesem Moment an begann die Macht des französischen Adels zu schwinden. Die Engländer wurden durch einen Volksaufstand, der von dem Bauernmädchen Jeanne d’Arc angeführt wurde, aus Frankreich vertrieben. Mitten in den Trümmern ihres Lebens, dem Chaos und dem Blutvergießen wurde sich das französische Volk seiner nationalen Identität bewusst und handelte dementsprechend. Das Bürgertum begann, seine Rechte und Privilegien einzufordern. Eine neue monarchische Zentralgewalt, die sich auf das Bürgertum und das Volk stützte, fing an, die Zügel der Macht an sich zu reißen, indem sie einen Nationalstaat schuf, aus dem schließlich das moderne Frankreich hervorgehen sollte.
Der Schwarze Tod
Wenn ein gesellschaftliches System in eine Phase von Krise und Niedergang eintritt, zeigt sich das nicht nur in der Stagnation der Produktivkräfte, sondern auf allen Ebenen der Gesellschaft. Der Niedergang des Feudalismus war eine Epoche, in der das intellektuelle Leben im Sterben begriffen war. Der Würgegriff der Kirche lähmte alle kulturellen und wissenschaftlichen Initiativen.
Die Feudalstruktur beruhte auf einer Herrschaftspyramide, in der Gott und König an der Spitze einer vielschichtigen Hierarchie standen und alle Schichten durch sogenannte Pflichten miteinander verbunden waren. In der Theorie »beschützten« die Feudalherren die Bauern, die sie als Gegenleistung mit Nahrungsmitteln und Kleidung versorgten, und ihnen ein Leben in Luxus und Müßiggang ermöglichten; die Priester beteten für ihre Seelen; die Ritter verteidigten sie und so weiter.
Dieses System bestand für sehr lange Zeit. In Europa währte es eintausend Jahre, von Mitte des 5. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts. Doch spätestens im 13. Jahrhundert stieß der Feudalismus in England und anderen europäischen Regionen an seine Grenzen. Das Bevölkerungswachstum belastete das gesamte System. Grenzgebiete mussten kultiviert werden und große Teile der Bevölkerung mussten mit dem Nötigsten auskommen und lebten auf kleinen Parzellen.
Es war eine Situation »am Rande des Chaos«, in der das ganze marode Gesellschaftsgefüge durch einen kräftigen Stoß zum Einsturz gebracht werden konnte. Und welcher Stoß hätte kräftiger sein können, als die Verwüstung durch den Schwarzen Tod, der zwischen einem Drittel und der Hälfte der Bevölkerung Europas dahinraffte? Das Aufkommen der Pest führte die Ungerechtigkeit, das Elend, die Ignoranz und die intellektuelle und geistige Finsternis des 14. Jahrhunderts allen deutlich vor Augen.
Es ist heute allgemein bekannt, dass der Schwarze Tod eine wichtige Rolle bei der Schwächung des Feudalismus spielte. Das trifft besonders auf England zu. Nachdem die Pest bereits die Hälfte der europäischen Bevölkerung dahingerafft hatte, griff sie im Sommer 1348 auf England über. Die Pest breitete sich landeinwärts in den Dörfern auf dem Land aus und richtete dabei die Bevölkerung zugrunde. Ganze Familien und teilweise sogar ganze Dörfer wurden ausgelöscht. Wie auf dem europäischen Festland kam auch hier die Hälfte der Bevölkerung ums Leben. Diejenigen, denen es gelang zu überleben, kamen oft in den Besitz von großen Landflächen. So entstand eine neue Klasse von reichen Bauern.
Die enorm hohen Todeszahlen führten zu einem gewaltigen Arbeitskräftemangel. Es gab einfach nicht genug Arbeiter, um die Ernte einzubringen, oder Handwerker, welche die notwendigen Tätigkeiten ausführen konnten. Damit war die Grundlage für einen tiefgreifenden Gesellschaftswandel gelegt. Die Bauern wurden sich ihrer Stärke bewusst und forderten höhere Löhne und geringere Pachtgebühren, und setzten diese auch durch. Wenn der Grundherr sich weigerte, die Forderungen zu erfüllen, konnten sie einfach zum nächsten Herrn weiterziehen, der dazu bereit war. Manche Dörfer wurden so gänzlich verlassen und aufgegeben.
Die alten Fesseln der Leibeigenschaft wurden zuerst gelockert und dann vollständig aufgelöst. Als die Bauern das Joch der feudalen Verpflichtungen abwarfen, strömten viele von ihnen in die Städte, um dort ihr Glück zu suchen. Das befeuerte weiter das Wachstum der Städte und begünstigte den Aufstieg der Bourgeoisie. 1349 verabschiedete König Edward III. das wahrscheinlich erste Gesetz zur Lohnpolitik, die Ordiance of Labourers (Verordnung der Arbeiter). Darin wurden die Löhne auf dem alten Niveau fixiert. Doch das Gesetz war von Anfang an eine Totgeburt. Die Gesetze von Angebot und Nachfrage waren bereits stärker als jedes königliche Dekret.
Überall regte sich ein neuer, rebellischer Geist. Die alte Autorität war bereits ausgehöhlt und diskreditiert. Der ganze verrottete Gesellschaftsbau wankte und drohte einzustürzen. Ein kräftiger Stoß, so schien es, würde die Sache erledigen. In Frankreich kam es zu einer Reihe von Bauernaufständen, den Jacqueries. Noch bedeutender waren die Bauernaufstände in England im Jahr 1381, als die Aufständischen zeitweise London besetzten und den König in ihre Gewalt brachten. Letztlich konnten sich diese Aufstände jedoch nicht durchsetzen.
Diese Aufstände waren in Wirklichkeit eine verfrühte Vorwegnahme der bürgerlichen Revolution zu einem Zeitpunkt, an dem die Bedingungen noch nicht reif dafür waren. Sie waren ein Ausdruck der Sackgasse des Feudalismus und der tiefen Unzufriedenheit der Massen. Doch sie konnten keinen Ausweg aufzeigen. In der Folge überlebte das Feudalsystem, wenn auch in stark veränderter Form, für eine Zeit und zeigte dabei alle Symptome einer kranken, dem Untergang geweihten Gesellschaftsordnung.
Das Gefühl, dass das Ende der Welt bevorsteht, ist typisch für eine jede historische Periode, in der sich das vorherrschende Gesellschaftssystem in seinem unaufhaltsamen Niedergang befindet. Zur selben Zeit zogen Scharen barfüßiger und in Büßergewand gekleideter Männer durch die Straßen und peitschten sich selbst bis aufs Blut aus. Die Flagellanten-Sekten erwarteten jeden Augenblick voller Schrecken das Ende der Welt.
Letztendlich wurde nicht das Ende der Welt eingeläutet, sondern lediglich das Ende des Feudalismus, und es trat nicht Jesus in Erscheinung, sondern der Kapitalismus. Doch man konnte nicht erwarten, dass das damals allgemein verstanden wird. Eins war allen klar: Die alte Welt befand sich in einem Zustand des raschen und unaufhaltsamen Zerfalls. Menschen wurden durch die widersprüchlichen Tendenzen innerlich zerrissen. Ihr Glaube wurde erschüttert, und sie irrten in einer kalten, unmenschlichen, feindseligen und unfassbaren Welt umher.
Der Aufstieg der Bourgeoisie
Als all die alten Gewissheiten und Vorstellungen danieder lagen, war es, als ob der Dreh- und Angelpunkt der Welt entfernt worden wäre. Das Ergebnis war eine beängstigende Unruhe und Unsicherheit. In der Mitte des 15. Jahrhunderts begann das alte Glaubenssystem ins Wanken zu geraten. Die Menschen orientierten sich nicht länger an der Kirche, um Erlösung, Hilfe und Trost zu erhalten. Stattdessen kam es zu religiösen Meinungsverschiedenheiten, die in vielfältigen Formen auftraten und als Deckmantel für soziale und politische Opposition dienten.
Bauern widersetzten sich den alten Gesetzen und Vorschriften, forderten Bewegungsfreiheit und setzten diese durch, indem sie ohne Genehmigung in die Städte zogen. Zeitgenössische Chroniken berichten von der Entrüstung der Grundherren über die Befehlsverweigerung ihrer Untergebenen. Es kam sogar zu einigen Streiks.
Inmitten der Dunkelheit regten sich neue Kräfte, welche die Geburt einer neuen Macht und einer neuen Zivilisation ankündigten, die allmählich im Schoß der alten Gesellschaft heranwuchs. Der Aufstieg des Handels und der Städte brachte eine neue aufstrebende Klasse mit sich: die Bourgeoisie. Sie begann mit den herrschenden feudalen Klassen, dem Adel und der Kirche, um Stellung und Macht zu kämpfen. Die Geburt einer neuen Gesellschaft kündigte sich bereits in Kunst und Literatur an, wo im Lauf der nächsten hundert Jahre neue Strömungen entstanden.
Der Aufstieg der Städte, jener kapitalistischen Inseln im Meer des Feudalismus, untergrub allmählich die alte Ordnung. Die neue Geldwirtschaft, die an den Rändern der Gesellschaft entstand, nagte an den Fundamenten der Feudalwirtschaft. Die alten feudalen Schranken waren nun zu unerträglichen Hindernissen für den Fortschritt geworden. Sie mussten zerschlagen werden. Doch der Triumph der Bourgeoisie vollzog sich nicht auf einen Schlag. Es brauchte lange Zeit, um den endgültigen Sieg über die alte Ordnung zu erringen. Nur allmählich begann in den Städten ein neuer Lebensfunke aufzuleuchten.
Die langsame Erholung des Handels führte zum Aufstieg der Bourgeoisie und zu einer Belebung der Städte, vor allem in Flandern, Holland und Norditalien. Neue Ideen traten auf. Nach dem vierten Kreuzzug und der Eroberung Konstantinopels (1204) entstand ein neues Interesse an den Ideen und der Kunst der klassischen Antike. In Italien und den Niederlanden entstanden neue Kunstformen. Boccaccios Dekamerone gilt als erster moderner Roman. In England spiegeln die lebendigen und farbenreichen Schriften von Chaucer einen neuen Geist in der Kunst wider. Die Renaissance machte ihre ersten vorsichtigen Schritte. Nach und nach entstand aus dem Chaos eine neue Ordnung.
Die Reformation
Im 15. Jahrhundert hatte sich das Bürgertum bereits fest etabliert. Die Niederlande wurden die Produktionsstätte Europas, und der Handel florierte entlang des Rheins. Die Städte Norditaliens, die den Handelsverkehr mit dem Osten eröffneten, verschafften dem wirtschaftlichen Wachstum und dem Handel einen mächtigen Auftrieb. Während vom 5. bis zum 12. Jahrhundert Europa aus weitgehend voneinander isolierten Ökonomien bestand, war nun eine vollständige Kehrtwende eingetreten. Die Entdeckung Amerikas, die Umschiffung des Kaps der Guten Hoffnung und die allgemeine Ausweitung des Handels gaben nicht nur der Schaffung von Wohlstand, sondern auch der Entwicklung des menschlichen Denkens einen neuen Anstoß.
Unter diesen Bedingungen war die alte intellektuelle Stagnation nicht länger möglich. Den Konservativen und Reaktionären wurde der Boden unter den Füßen weggezogen, wie Marx und Engels es im Kommunistischen Manifest beschrieben:
»Die Entdeckung Amerikas, die Umschiffung Afrikas schufen der aufkommenden Bourgeoisie ein neues Terrain. Der ostindische und chinesische Markt, die Kolonisierung von Amerika, der Austausch mit den Kolonien, die Vermehrung der Tauschmittel und der Waren überhaupt gaben dem Handel, der Schifffahrt, der Industrie einen nie gekannten Aufschwung und damit dem revolutionären Element in der zerfallenden feudalen Gesellschaft eine rasche Entwicklung.«[23]
Es ist kein Zufall, dass der Aufstieg der Bourgeoisie in Italien, Holland, England und später in Frankreich von einer außergewöhnlichen Blütezeit von Kultur, Kunst und Wissenschaft begleitet wurde. Revolutionen sind, wie Marx einmal sagte, »die Lokomotiven der Geschichte«. In den Ländern, in denen die bürgerliche Revolution im 17. und 18. Jahrhundert triumphierte, wurde die Entwicklung der Produktivkräfte und der Technologie durch eine parallele Entwicklung von Wissenschaft und Philosophie ergänzt, welche die ideologische Vorherrschaft der Kirche für immer untergrub.
In ihrer Aufstiegsphase, als der Kapitalismus noch eine historisch fortschrittliche Kraft darstellte, musste die Bourgeoisie einen harten Kampf gegen die ideologischen Stützen des Feudalismus führen – angefangen bei der katholischen Kirche. Lange bevor das Bürgertum die Macht der feudalen Grundherren zerstörte, musste die Bourgeoisie die philosophischen und religiösen Schutzwälle einreißen, die das Feudalsystem mit Hilfe der Kirche und dessen militanten Flügel, der Inquisition, errichtet hatte. Diese Revolution wurde durch die Auflehnung Martin Luthers gegen die Autorität der Kirche vorweggenommen.
Im 14. und 15. Jahrhundert entwickelten sich in Deutschland, das zuvor vollständig von der Landwirtschaft geprägt war, neue gesellschaftliche Klassen, die mit der traditionellen Feudalhierarchie in Konflikt gerieten.
Luthers Angriffe auf die römisch-katholische Kirche dienten als Funke, um die Revolution zu entfachen. Die Bürger und der niedere Adel versuchten, die Macht des Klerus zu brechen, sich aus den Fängen Roms zu befreien und nicht zuletzt durch die Enteignung von Kirchengütern zu bereichern. Doch in den Tiefen der feudalen Gesellschaft regten sich noch weitere Kräfte. Als Luthers Appelle gegen den Klerus und seine Ideen über die christliche Freiheit die Aufmerksamkeit der deutschen Bauern bekam, wirkten sie wie ein mächtiger Impuls für die Wut der Massen, die lange schweigend die Unterdrückung durch die Feudalherren ertragen hatten. Nun erhoben sie sich, um sich an ihren Unterdrückern zu rächen.
Nach dem Beginn des Bauernkrieges 1524 weitete er sich 1525 auf die deutschen Regionen im Heiligen Römischen Reich aus, bis er 1526 niedergeschlagen wurde. Was damals geschah, hat sich in der jüngeren Geschichte vielfach wiederholt: Als Luther mit den Folgen seiner revolutionären Ideen konfrontiert wurde, musste er sich für eine Seite entscheiden, und er schloss sich dem Bürgertum, dem Adel und den Fürsten bei der Niederschlagung der aufständischen Bauern an.
In der Person von Thomas Müntzer fand die Bauernschaft einen besseren Anführer. Während Luther den friedlichen Widerstand predigte, griff Thomas Müntzer die Priesterschaft in seinen Predigten scharf an und rief das Volk zum bewaffneten Aufstand auf. Wie Luther berief auch er sich auf die Bibel, um seine Handlungen zu rechtfertigen: »Sagt nicht Christus: ›Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert‹?«
Der radikalste Flügel der Bewegung waren die Wiedertäufer, die damit begannen, das Privateigentum in Frage zu stellen und sich den Urkommunismus der frühen Christen zum Vorbild nahmen, wie er in der Apostelgeschichte beschrieben wird. Müntzer vertrat die Ansicht, dass die Bibel nicht unfehlbar sei und der Heilige Geist durch die Kraft der Vernunft direkt zu uns sprechen könne.
Luther war entsetzt und schrieb das berüchtigte Pamphlet Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern. Der Aufstand wurde mit unsäglicher Brutalität niedergeschlagen, was Deutschland um Jahrhunderte zurückwarf. Doch die Welle der bürgerlichen Revolte, die sich im Aufstieg des Protestantismus widerspiegelte, war jetzt nicht mehr aufzuhalten.
Jene Länder, in denen die reaktionären Kräfte des Feudalismus den Keim der neuen Gesellschaft schon in der Wiege erstickten, wurden dazu verdammt, einen Albtraum zu durchleben: Eine lange und schmachvolle Periode der Degeneration, des Niedergangs und des Zerfalls. Dafür ist Spanien das anschaulichste Beispiel.
Die bürgerliche Revolution
Die erste bürgerliche Revolution der Geschichte vollzog sich in Form eines nationalen Aufstands der Niederlande gegen die unterdrückerische Herrschaft des katholischen Spaniens. Um in ihrem Vorhaben erfolgreich zu sein, stützten sich die wohlhabenden holländischen Bürger auf die Besitzlosen, jene mutigen Desperados, die hauptsächlich aus den ärmsten Schichten der Gesellschaft stammten. Die Stoßtrupps der niederländischen Revolution wurden von ihren Feinden verächtlich auch als »Seebettler« bezeichnet.
Diese Beschreibung war nicht völlig von der Hand zu weisen. Es handelte sich um arme Handwerker, Arbeiter, Fischer, Obdachlose und Entrechtete – all jene, die als Abschaum der Gesellschaft betrachtet wurden. Doch vom calvinistischen Eifer erfüllt, fügten sie den Armeen des mächtigen Spaniens eine Niederlage nach der anderen zu. Damit wurde die Grundlage für die Entstehung der Niederländischen Republik und des modernen, wohlhabenden, bürgerlichen Hollands gelegt.
Die nächste Episode der bürgerlichen Revolution war in ihren Auswirkungen noch bedeutsamer und weitreichender. Die Englische Revolution des 17. Jahrhunderts nahm die Form eines Bürgerkrieges an. Sie schuf eine Doppelmacht: Auf der einen Seite stand die königliche Macht, die sich auf die privilegierten Klassen beziehungsweise auf die Spitzen dieser Klassen stützte – die Aristokraten und Bischöfe, die in Oxford beheimatet waren. Ihr gegenüber stand die Bourgeoisie und die kleinen Landbesitzer sowie die plebejischen Massen, die in London lebten.
Die Englische Revolution war erst dann erfolgreich, als Oliver Cromwell, der sich auf die radikalsten Kräfte stützte, d. h. die bewaffneten Plebejer, die Bourgeoisie beiseiteschob und einen revolutionären Krieg gegen die Royalisten führte. Infolgedessen wurde der König gefangen genommen und hingerichtet. Der Konflikt endete mit der Auflösung des Parlaments und der Diktatur Cromwells.
Die unteren Ränge der Armee unter der Führung der Levellers – dem äußersten linken Flügel der Revolution – versuchten die Revolution weiterzuführen und stellten das Privateigentum in Frage. Sie wurden allerdings von Cromwell niedergeschlagen. Der Grund für diese Niederlage liegt in den objektiven Bedingungen jener Zeit. Die Industrie war noch nicht so weit entwickelt, dass sie die Grundlage für den Sozialismus hätte bilden können.
Das Proletariat steckte noch in den Kinderschuhen. Die Levellers selbst repräsentierten die unteren Schichten des Kleinbürgertums und waren daher trotz ihres Heldenmuts nicht in der Lage, einen eigenständigen historischen Weg einzuschlagen. Nach Cromwells Tod schloss die Bourgeoisie einen Kompromiss mit Karl II., der es ihr ermöglichte, die tatsächliche Macht zu ergreifen und gleichzeitig die Monarchie als Bollwerk gegen künftige Revolutionen und zum Schutz des Privateigentums beizubehalten. Dieser Kompromiss hielt bis zum Staatsstreich von 1688/89, der sogenannten Glorious Revolution (Glorreiche Revolution), als Karls Thronfolger, Jakob II., unter der Führung des holländischen Abenteurers Wilhelm von Oranien durch eine gefügigere Dynastie ersetzt wurde.
Die Amerikanische Revolution, welche sich in der Form eines nationalen Unabhängigkeitskriegs vollzog, war nur in dem Maße erfolgreich, wie sie die breite Masse der verarmten Bauernschaft für sich gewann. Diese führte einen erfolgreichen Guerillakrieg gegen König George III. von England.
Die Französische Revolution von 1789-1793 stand auf einem weit höheren Niveau als die Englische Revolution. Sie war eines der größten Ereignisse der Menschheitsgeschichte. Bis zum heutigen Tag bleibt sie eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Während Cromwell unter dem Banner der Religion kämpfte, erhob die französische Bourgeoisie die Fahne der Vernunft. Noch bevor sie die gewaltigen Mauern der Bastille zum Einsturz brachte, hatte sie die unsichtbaren, aber nicht weniger gewaltigen Mauern der Kirche und der Religion zu Fall gebracht.
In jeder Phase war die aktive Beteiligung der Massen die Triebkraft der Französischen Revolution, die alle Hindernisse aus dem Weg räumte. Und als die aktive Beteiligung der Massen abebbte, kam die Revolution zum Stillstand und ging in die entgegengesetzte Richtung. Das führte direkt zur Reaktion, zunächst der thermidorianischen und später der bonapartistischen Variante.
Die Gegner der Französischen Revolution versuchen immer wieder, sie mit Verleumdungen von Gewalt und Blutvergießen in den Dreck zu ziehen. In Wirklichkeit ist die Gewalt der Massen stets eine unweigerliche Reaktion auf die Gewalt der alten herrschenden Klasse. Die Ursprünge des Terrors sind in der Antwort der Revolution auf die Gefahr eines gewaltsamen Umsturzes durch ihre inneren und äußeren Gegner zu suchen. Die revolutionäre Diktatur war Ergebnis und Ausdruck eines revolutionären Krieges.
Unter der Herrschaft von Robespierre und den Jakobinern brachten die halbproletarischen Sansculotten die Revolution zu einem erfolgreichen Abschluss. Tatsächlich drängten die Massen ihre Führer dazu, viel weiter zu gehen, als sie beabsichtigt hatten. Die Revolution hatte objektiv einen bürgerlich-demokratischen Charakter, weil die Entwicklung der Produktivkräfte noch nicht so weit war, dass der Sozialismus auf die Tagesordnung gesetzt hätte werden können.
An einem bestimmten Punkt ist der Prozess an seine Grenzen gestoßen und musste umgekehrt werden. Robespierre und seine Fraktion schlugen den linken Flügel nieder und wurden dann selbst beseitigt. Die thermidorianische Reaktion in Frankreich jagte und unterdrückte die Jakobiner, während die Massen, erschöpft von jahrelanger Anstrengung und Aufopferung, in Passivität und Gleichgültigkeit verfielen. Das Pendel schlug jetzt scharf nach rechts, aber das Ancien Régime wurde nicht wieder errichtet. Die grundlegenden sozio-ökonomischen Errungenschaften der Revolution blieben bestehen. Die Macht des Landadels war gebrochen.
Auf das verrottete und korrupte Direktorium folgte die genauso verkommene und korrupte persönliche Diktatur von Bonaparte. Die französische Bourgeoisie hatte Angst vor den Jakobinern und den Sansculotten mit ihrem Hang zu Egalität und Gleichmacherei. Doch noch mehr Angst hatte sie vor der Gefahr einer royalistischen Konterrevolution, die ihr die Macht entreißen und die Gesellschaft in die Zeit vor 1789 zurückreißen würde. Die Kriege gingen weiter, und es gab weiterhin reaktionäre Aufstände im Inneren. Der einzige Ausweg war die Wiedereinführung einer Diktatur, allerdings in der Form einer Militärherrschaft. Die Bourgeoisie suchte nach einem Retter und fand ihn in der Person von Napoleon Bonaparte.
Mit der Niederlage Napoleons in der Schlacht von Waterloo erlosch die letzte flackernde Glut des revolutionären Frankreichs. Eine lange und düstere Periode fiel wie eine dicke, alles erstickende Staubschicht auf Europa herab. Die Kräfte der siegreichen Reaktion schienen fest im Sattel zu sitzen. Doch das war nur eine Momentaufnahme. Unter der Oberfläche grub der Maulwurf der Geschichte fleißig das Fundament für eine neue Revolution.
Der Sieg des Kapitalismus in Europa legte den Grundstein für einen gewaltigen industriellen Aufschwung und stärkte damit die Klasse, die dazu bestimmt ist, den Kapitalismus zu stürzen und eine neue, höhere Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung einzuleiten – den Sozialismus. Marx und Engels schrieben im Kommunistischen Manifest:
»Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten.«[24]
Diese Worte beschreiben das reaktionäre System, das nach der Niederlage Napoleons im Jahr 1815 auf dem Wiener Kongress etabliert wurde. Es sollte die Gefahr einer Revolution für immer beseitigen und das Gespenst der Französischen Revolution ein für alle Mal bannen. Die brutale Diktatur der »Mächte des alten Europas« schien unüberwindbar. Doch früher oder später würden sich die Dinge in ihr Gegenteil verkehren. Unter der Oberfläche der Reaktion reiften allmählich neue Kräfte heran und eine neue revolutionäre Klasse – das Proletariat – streckte seine Glieder aus.
Die Konterrevolution wurde durch eine neue revolutionäre Welle, die 1848 über Europa hinwegfegte, gestürzt. Diese Revolutionen wurden unter dem Banner der Demokratie geführt, demselben Banner, das 1789 über den Barrikaden von Paris gehisst worden war. Doch überall war nicht die feige, reaktionäre Bourgeoisie die führende Kraft, sondern es waren die Nachfahren der französischen Sansculotten – die Arbeiterklasse, die sich ein neues revolutionäres Ideal auf die Fahne geschrieben hatte: das Ideal des Kommunismus.
Die Revolutionen von 1848–1849 wurden durch die Feigheit und den Verrat der Bourgeoisie und ihrer liberalen Repräsentanten besiegt. Die Reaktion herrschte weiter bis 1871, als das heldenhafte französische Proletariat in der Pariser Kommune den Himmel stürmte: Zum ersten Mal in der Geschichte stürzte die Arbeiterklasse den alten bürgerlichen Staat und begann damit, eine neue Staatsform zu schaffen – einen Arbeiterstaat. Diese glorreiche Episode dauerte nur einige Monate und wurde schließlich in Blut ertränkt. Aber sie hinterließ ein bleibendes Erbe und legte die Grundlage für die Russische Revolution von 1917.
Die Russische Revolution
Für Marxisten war die Russische Revolution das bedeutendste Ereignis der Menschheitsgeschichte. Unter der Führung der bolschewistischen Partei von Lenin und Trotzki gelang es der Arbeiterklasse, ihre Unterdrücker zu stürzen und mit der Aufgabe der sozialistischen Transformation der Gesellschaft wenigstens zu beginnen.
Die Revolution fand jedoch nicht, wie von Marx erwartet, in einem entwickelten kapitalistischen Land statt, sondern auf der Grundlage der schrecklichsten Rückständigkeit. Um eine ungefähre Vorstellung davon zu geben, mit welchen Bedingungen die Bolschewiki konfrontiert waren, ein Beispiel: 1920 – in nur einem Jahr – verhungerten sechs Millionen Menschen in Sowjetrussland.
Marx und Engels erklärten schon vor langer Zeit, dass der Sozialismus – eine klassenlose Gesellschaft – nur dann entstehen kann, wenn die entsprechenden materiellen Bedingungen vorhanden sind. Der Ausgangspunkt für den Sozialismus muss ein höherer Entwicklungsstand der Produktivkräfte sein als jener im entwickeltesten kapitalistischen Land (etwa den USA). Nur auf der Basis einer hoch entwickelten Industrie, Landwirtschaft, Wissenschaft und Technologie ist es möglich, die Bedingungen für die freie Entfaltung der Menschen zu garantieren, angefangen bei einer erheblichen Verkürzung des Arbeitstages. Die Voraussetzung dafür ist die Beteiligung der Arbeiterklasse an der demokratischen Kontrolle und der Verwaltung der Gesellschaft.
»Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft«, so Marx, »liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andre. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.«[25]
Wie alle großen marxistischen Theoretiker erklärten, besteht die Aufgabe der sozialistischen Revolution darin, die Arbeiterklasse an die Macht zu bringen, indem der kapitalistische Staatsapparat zerschlagen wird. Dies ist das Repressionsorgan, das die Arbeiterklasse in Schach halten soll. Marx erklärte, dass dieser kapitalistische Staat zusammen mit der Staatsbürokratie nicht den Interessen einer neuen Macht dienen kann. Er muss überwunden werden. Der neue, von der Arbeiterklasse geschaffene Staat unterscheidet sich jedoch grundlegend von allen bisherigen Staaten. Engels bezeichnete ihn als Halbstaat, ein Staat, der dazu bestimmt ist, abzusterben.
Engels erklärte schon vor geraumer Zeit, dass in einer Gesellschaft, in der eine Minderheit das Monopol auf Kunst, Wissenschaft und Staatsgewalt besitzt, sie diese Stellung immer für ihre eigenen Interessen ausnutzen und missbrauchen wird. Lenin erkannte schon sehr früh die Gefahr der bürokratischen Degeneration der Revolution unter den Bedingungen allgemeiner Rückständigkeit. In seinem Werk Staat und Revolution, welches er 1917 schrieb, arbeitete er auf der Grundlage der Erfahrungen der Pariser Kommune ein Programm aus. Hier erklärt er die Grundbedingungen, nicht für den Sozialismus oder den Kommunismus, sondern für die erste Periode nach der Revolution, der Übergangsperiode zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Diese sind folgende:
- Freie und demokratische Wahlen aller Funktionäre, mit jederzeitiger Abwählbarkeit.
- Kein Funktionär darf mehr verdienen als einen durchschnittlichen Facharbeiterlohn.
- Kein stehendes Heer, sondern ein bewaffnetes Volk.
- Nach und nach sollen die Verwaltungsaufgaben des Staates abwechselnd von jedem Arbeiter übernommen werden: Wenn jeder ein »Bürokrat« ist, ist keiner ein Bürokrat.
Das ist ein fertiges Programm für Arbeiterdemokratie und es richtet sich direkt gegen die Gefahr des Bürokratismus. Diese Punkte bildeten zudem die Grundlage für das bolschewistische Parteiprogramm von 1919. Mit anderen Worten: Entgegen den Verleumdungen der Gegner des Sozialismus war Sowjetrussland zur Zeit Lenins und Trotzkis die demokratischste Regierungsform der Geschichte.
Die Regierungsform der sowjetischen Arbeiterdemokratie, die mit der Oktoberrevolution geschaffen wurde, hat jedoch nicht überlebt. Spätestens zu Beginn der 1930er waren die oben genannten Punkte alle abgeschafft. Unter Stalin durchlief der Arbeiterstaat einen bürokratischen Degenerationsprozess, der mit der Schaffung eines monströsen totalitären Systems und der physischen Vernichtung der leninistischen Partei endete. Der entscheidende Faktor für die politische Konterrevolution unter Stalin war die Isolation der Revolution in einem rückständigen Land. Trotzki erklärte in der Verratene Revolution, in welcher Art und Weise sich diese politische Konterrevolution durchsetzte.
Es ist unmöglich, dass eine Gesellschaft direkt vom Kapitalismus in eine klassenlose Gesellschaft überspringt. Das materielle und kulturelle Erbe der kapitalistischen Gesellschaft ist dafür viel zu arm. Es gibt zu viel Mangel und Ungleichheit, die nicht sofort überwunden werden können. Nach der sozialistischen Revolution muss es eine Übergangsperiode geben, welche den Boden für Überfluss und eine klassenlose Gesellschaft bereitet.
Marx nannte dieses erste Stadium der neuen Gesellschaft die »niedere Phase des Kommunismus« im Gegensatz zur »höheren Phase des Kommunismus«, in dem die letzten Überreste der materiellen Ungleichheit verschwinden würden. In diesem Sinne hat man Sozialismus und Kommunismus als »niedere« und »höhere« Phase der neuen Gesellschaft einander gegenübergestellt. Marx beschreibt das niedere Stadium des Kommunismus wie folgt:
»Womit wir es hier zu tun haben, ist eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eignen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt.«[26]
Für Marx würde diese niedere Stufe des Kommunismus, und das ist ein zentraler Punkt, auf einer höheren Stufe der ökonomischen Entwicklung stehen als der am weitesten entwickelte Kapitalismus. Warum ist das so wichtig? Weil ohne die massive Entwicklung der Produktivkräfte Mangel herrschen und damit ein Kampf ums Überleben erneut entfacht würde. Wie Marx erklärte, würde in einer solchen Lage die Gefahr der Degeneration bestehen:
»Die Entwicklung der Produktivkräfte … [ist] auch deswegen eine absolut notwendige praktische Voraussetzung [des Kommunismus], weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müsste …«[27]
Diese prophetischen Worte von Marx erklären, warum die Russische Revolution, die so vielversprechend begann, bürokratisch degenerierte und in der monströsen, totalitären Karikatur des Stalinismus endete. Dieser bereitete schließlich den Weg für eine kapitalistische Restauration und damit einen weiteren Rückschritt vor. »Die ganze alte Scheiße« wurde wiederhergestellt, weil die Russische Revolution unter den Bedingungen schwerwiegender materieller und kultureller Rückständigkeit isoliert war. Heute wäre das nicht der Fall, weil der enorme Fortschritt in der Wissenschaft und Technik die notwendigen Voraussetzungen geschaffen haben.
Ein beispielloser Fortschritt
Jede Phase der Menschheitsgeschichte trägt die Spuren aller vorherigen Entwicklungen in sich. Das trifft sowohl auf die menschliche Evolution als auch auf die gesellschaftliche Entwicklung zu. Wir haben uns aus niederen Arten entwickelt und sind genetisch sogar mit den primitivsten Lebensformen verwandt, wie es das Human Genome Project schlüssig bewiesen hat. Der genetische Unterschied zu unseren nächsten lebenden Verwandten, den Schimpansen, beträgt weniger als zwei Prozent. Doch dieser kleine Prozentsatz bedeutet einen gewaltigen qualitativen Sprung.
Wir haben die Phasen der Wildheit, der Barbarei, der Sklaverei und des Feudalismus durchgemacht, und jedes dieser Stadien repräsentiert eine bestimmte Stufe in der Entwicklung der Produktivkräfte und der Kultur. Hegel drückte diesen Gedanken auf sehr poetische Weise in der Phänomenologie des Geistes aus:
»Die Knospe verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüte, und man könnte sagen, daß jene von dieser widerlegt wird, ebenso wird durch die Frucht die Blüte für ein falsches Dasein der Pflanze erklärt, und als ihre Wahrheit tritt jene an die Stelle von dieser. Diese Formen unterscheiden sich nicht nur, sondern verdrängen sich auch als unverträglich miteinander. Aber ihre flüssige Natur macht sie zugleich zu Momenten der organischen Einheit, worin sie sich nicht nur nicht widerstreiten, sondern eins so notwendig als das andere ist, und diese gleiche Notwendigkeit macht erst das Leben des Ganzen aus.«[28]
Jede Entwicklungsstufe der Gesellschaft beruht auf materieller Notwendigkeit und geht aus den vorherigen Perioden hervor. Die Geschichte kann nur verstanden werden, wenn man diese Stadien als Einheit betrachtet. Jede einzelne dieser Perioden hatte ihre Existenzberechtigung durch die Entwicklung der Produktivkräfte, und geriet wiederum ab einem gewissen Zeitpunkt in Widerspruch zu deren weiteren Entwicklung. Eine derartige Situation erfordert eine Revolution, um sich der alten Formen zu entledigen und den neuen Formen zum Durchbruch zu verhelfen.
Wie wir gesehen haben, wurde der Sieg der Bourgeoisie mit revolutionären Mitteln errungen, obwohl die Verteidiger des Kapitalismus heute nicht mehr gern an diese Tatsache erinnert werden. Wie Marx und Engels erklärten, hat die Bourgeoisie historisch betrachtet eine höchst revolutionäre Rolle gespielt:
»Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen.«[29]
Unter dem Kapitalismus haben die Produktivkräfte eine beispiellose Entwicklung durchlaufen, die in der Menschheitsgeschichte einzigartig ist – und das, obwohl der Kapitalismus das ausbeuterischste und unterdrückerische System seit jeher darstellt. Das Kapital kam »von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend« (Marx) zur Welt und trotzdem stellte der Kapitalismus einen kolossalen Sprung in der Entwicklung der Produktivkräfte – und damit unserer Beherrschung der Natur – dar.
In den letzten zweihundert Jahren hat sich die Entwicklung von Technologie und Wissenschaft schneller vollzogen als in der gesamten vorherigen Geschichte. Die Kurve der menschlichen Entwicklung, die im größten Teil unserer Geschichte praktisch stagnierte, erlebte plötzlich einen steilen Anstieg. Der atemberaubende Fortschritt der Technologie ist die Voraussetzung für die endgültige Emanzipation der Menschheit, der Abschaffung von Armut und Analphabetismus, Unwissenheit, Krankheit und die Beherrschung der Natur durch den Menschen durch eine bewusste Planung der Wirtschaft. Der Weg für die tatsächliche Erschließung der gesamten Welt und des Weltalls liegt offen vor uns.
Kapitalismus im Niedergang
Es ist die Illusion einer jeden Epoche, dass sie ewig bestehen wird. Von jedem Gesellschaftssystem wird geglaubt, dass es die einzig mögliche Lebensweise der Menschheit ist; dass seine Institutionen, seine Religion, seine Moral das letzte Wort darstellen. So sahen es auch die Kannibalen, die ägyptischen Priester, Marie Antoinette und Zar Nikolaus – sie alle waren felsenfest davon überzeugt. Und genau dasselbe wollen uns heute die Bourgeoisie und ihre Vertreter weismachen. Gerade wenn ihr System damit beginnt, alle Verfallserscheinungen gleichzeitig zu zeigen, wollen sie uns ohne jede Erklärung versichern, dass das System der sogenannten freien Marktwirtschaft das einzig mögliche sei. Das heutige kapitalistische System erinnert an Goethes Zauberlehrling, der mächtige Kräfte heraufbeschwor, die er selbst nicht kontrollieren konnte. Der grundlegende Widerspruch der kapitalistischen Gesellschaft ist der Gegensatz zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privaten Aneignung. Aus diesem grundlegenden Widerspruch entstehen viele weitere. Dieser Widerspruch zeigt sich in periodischen Krisen, wie Marx und Engels erklärten:
»In den Handelskrisen wird ein großer Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits geschaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnot, ein allgemeiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu haben; die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil sie zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt. Die Produktivkräfte, die ihr zur Verfügung stehen, dienen nicht mehr zur Beförderung der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse; im Gegenteil, sie sind zu gewaltig für diese Verhältnisse geworden, sie werden von ihnen gehemmt; und sobald sie dies Hemmnis überwinden, bringen sie die ganze bürgerliche Gesellschaft in Unordnung, gefährden sie die Existenz des bürgerlichen Eigentums. Die bürgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu fassen. – Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte. Wodurch also? Dadurch, dass sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.«[30]
Dies ist eine exakte Beschreibung der gegenwärtigen Lage. Es ist ein schreckliches Paradoxon: Je mehr die Menschheit ihre Produktionskapazitäten entwickelt, je spektakulärer die Fortschritte in der Wissenschaft und Technik sind, desto größer werden Leid, Hunger, Unterdrückung und Elend für die Mehrheit der Weltbevölkerung. Die Krankhaftigkeit des Kapitalismus zeigte sich weltweit im Zusammenbruch von 2008. Das war der Beginn der größten Krise in der gesamten 200-jährigen Existenz des Kapitalismus, und sie ist noch lange nicht überwunden. Sie ist Ausdruck der Sackgasse des Kapitalismus und zeigt letztlich, dass die Produktivkräfte gegen die engen Fesseln rebellieren, die ihnen durch Privateigentum und Nationalstaat auferlegt wurden.
Sozialismus oder Barbarei
Tausende Jahre lang hatte eine privilegierte Minderheit das Monopol auf die Kultur, während der Großteil der Menschheit von Wissen, Wissenschaft, Kunst und den Regierungsgeschäften ausgeschlossen war. Das ist auch heute noch der Fall. Trotz aller Behauptungen sind wir nicht wirklich zivilisiert. Die Welt, in der wir leben, verdient diesen Namen jedenfalls nicht. Es ist eine barbarische Welt, die von Menschen bewohnt wird, die ihre barbarische Vergangenheit noch nicht überwunden haben. Das Leben bleibt ein harter und unerbittlicher Überlebenskampf für die große Mehrheit der Weltbevölkerung – nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern auch in den entwickelten kapitalistischen Ländern.
Friedrich Engels wies darauf hin, dass die Menschheit vor der Wahl steht: Sozialismus oder Barbarei. Die folgende Frage muss deshalb mit Nachdruck gestellt werden: In der kommenden Periode wird entweder die Arbeiterklasse die Gesellschaft in die eigene Hand nehmen und das marode kapitalistische System durch eine neue soziale Ordnung ersetzen, auf Grundlage einer harmonischen und rationalen Planung der Produktivkräfte und der bewussten Kontrolle der Menschen über ihr eigenes Leben und Schicksal. Sollte dies nicht eintreffen, steht uns die schreckliche Katastrophe eines gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Zusammenbruchs bevor.
Die Krise des Kapitalismus bedeutet nicht nur eine Wirtschaftskrise, die die Arbeitsplätze und den Lebensstandard von Millionen auf der gesamten Welt bedroht. Sie bedroht auch die eigentliche Grundlage einer zivilisierten Existenz, soweit diese überhaupt existiert. Die Krise droht, die Menschheit auf allen Ebenen zurückzuwerfen. Falls das Proletariat – die einzige wirklich revolutionäre Klasse – es nicht schafft, die Herrschaft der Banken und Monopole zu stürzen, werden die Voraussetzungen für einen Zusammenbruch der Kultur und sogar eine Rückkehr in die Barbarei geschaffen.
Bewusstsein
Die Dialektik lehrt uns, dass sich die Dinge früher oder später in ihr Gegenteil verkehren. Es ist möglich, Parallelen zwischen der Geologie und der Gesellschaft zu ziehen. So wie tektonische Platten, die sich nur allzu langsam bewegt haben, diese Verzögerung durch ein schweres Erdbeben ausgleichen, so kann auch das Massenbewusstsein, das hinter den Ereignissen hinterherhinkt, mit einem plötzlichen Sprung zur realen Situation aufschließen. Der augenscheinlichste Beweis der Dialektik ist die Krise des Kapitalismus selbst. Die Dialektik rächt sich an der Bourgeoisie, die nichts verstanden und nichts vorhergesehen hat und unfähig ist, auch nur ein einziges Problem zu lösen.
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verbreitete sich eine pessimistische und verzweifelte Stimmung in der Arbeiterklasse. Die Verteidiger des Kapitalismus begannen eine erbitterte, ideologische Offensive gegen die Ideen des Sozialismus und des Marxismus. Sie versprachen uns eine Zukunft des Friedens, des Wohlstands und der Demokratie, dank der Wunder der freien Marktwirtschaft. Zwei Jahrzehnte sind seitdem vergangen – vor dem Hintergrund der gesamten historischen Entwicklung keine sehr lange Zeit – und von dieser tröstlichen Illusion ist heute nichts mehr übriggeblieben.
Überall gibt es Kriege, Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger, überall regt sich ein neuer Geist des Aufbegehrens, und die Menschen suchen nach Antworten, die erklären können, was in der Welt geschieht. Der alte, stabile, friedliche und florierende Kapitalismus ist tot und mit ihm die friedlichen und harmonischen Klassenbeziehungen. Die Zukunft heißt: Sparpolitik, Arbeitslosigkeit und sinkender Lebensstandard. Das ist ein fertiges Rezept für eine Wiederbelebung des Klassenkampfs weltweit.
Der Keim einer neuen Gesellschaft reift bereits im Schoß der alten heran. Die Elemente einer Arbeiterdemokratie bestehen schon in Form von Arbeiterorganisationen, Betriebsräten, den Gewerkschaften, den Genossenschaften usw. In der uns bevorstehenden Periode wird es einen Existenzkampf geben – der Keim der neuen Gesellschaft kämpft darum, geboren zu werden und die alte Ordnung setzt dem seinen erbitterten Widerstand entgegen.
Es stimmt, dass das Bewusstsein der Massen weit hinter den Ereignissen zurückbleibt. Doch auch das wird sich in sein Gegenteil verkehren. Große Ereignisse zwingen die Menschen dazu, ihre alten Überzeugungen und Annahmen in Frage zu stellen. Sie werden aus der alten, apathischen Gleichgültigkeit gerissen und gezwungen, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Wir können dies bereits in groben Zügen in Griechenland sehen. [Griechenland befand sich zu dieser Zeit inmitten eines revolutionären Gärungsprozesses. Das Land erlebte Dutzende Generalstreiks gegen das Spardiktat der EU, welches am 5. Juli 2015 in einem Referendum von 61% der Bevölkerung abgelehnt wurde. Im weiteren Verlauf beging die reformistische Partei Syriza, die zuvor für ihren Widerstand gegen das Sparpaket gewählt wurde, Verrat und akzeptierte die Auflagen der EU. ] In solchen Phasen kann sich das Bewusstsein sehr schnell verändern und genau das ist es, was eine Revolution ausmacht.
Der Aufstieg des modernen Kapitalismus, der auch seinen eigenen Totengräber – die Arbeiterklasse – schuf, hat den Kern der materialistischen Geschichtsauffassung viel deutlicher hervortreten lassen. Unsere Aufgabe ist es nicht nur, die Geschichte des Klassenkampfs zu verstehen, sondern diesen Kampf durch den Sieg des Proletariats und die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Der Kapitalismus hat es nicht geschafft, die Geschichte zu »beenden«. Es ist die Aufgabe der Marxisten, aktiv daran zu arbeiten, den Sturz des alten, verfaulenden Systems zu beschleunigen und zur Geburt einer neuen und besseren Welt beizutragen.
Von der Notwendigkeit zur Freiheit
Die wissenschaftliche Geschichtsauffassung des Historischen Materialismus ermöglicht uns, dass wir aus den katastrophalen Verfallserscheinungen, die an jeder Ecke der Gesellschaft lauern, keine pessimistischen Schlussfolgerungen ziehen. Im Gegenteil: Die menschliche Geschichte entwickelt sich im Allgemeinen hin zu einer immer stärkeren Entfaltung unseres produktiven und kulturellen Potenzials.
Der Zusammenhang zwischen der Entwicklung der menschlichen Kultur und den Produktivkräften war bereits dem großen Genie der Antike, Aristoteles, bekannt. In seinem Buch Die Metaphysik erklärte er, dass der Mensch mit der Philosophie begann, »als schon alles Lebensnotwendige erworben war«[31], und er fügte hinzu, dass die Astronomie und Mathematik in Ägypten nur entwickelt werden konnten, weil dort die Priesterkaste von der körperlichen Arbeit freigestellt war. Das ist ein zutiefst materialistisches Verständnis der Geschichte.
Die großen Errungenschaften der letzten hundert Jahre haben zum ersten Mal eine Situation geschaffen, in der alle Probleme der Menschheit leicht gelöst werden könnten. Die Voraussetzungen für eine klassenlose Gesellschaft sind im globalen Maßstab bereits vorhanden. Es ist notwendig, die Produktivkräfte auf eine rationale und harmonische Weise zu planen, damit dieses immense, schier endlose Potenzial realisiert werden kann.
Sobald die Produktivkräfte aus der Zwangsjacke des Kapitalismus befreit sind, besteht das Potenzial eine Vielzahl von Genies hervorzubringen: Künstler, Schriftsteller, Komponisten, Philosophen, Wissenschaftler und Architekten. Kunst, Wissenschaft und Kultur würden eine nie dagewesene Blütezeit erleben. Diese reiche, großartige und wunderbar vielfältige Welt würde endlich zu einem Ort werden, der dem Leben der Menschen gerecht wird.
In gewisser Hinsicht ist die sozialistische Gesellschaft eine Wiederherstellung des Urkommunismus, aber auf einem weitaus höheren Stand der Produktivität. Bevor eine klassenlose Gesellschaft verwirklicht werden kann, müssen alle Merkmale der Klassengesellschaft, besonders die Ungleichheit und der Mangel, beseitigt werden. Es wäre absurd, von der Überwindung der Klassen zu sprechen, solange Ungleichheit, Mangel und der Kampf ums nackte Überleben vorherrschen – das wäre ein Widerspruch in sich. Der Sozialismus kann nur auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, wenn die Produktivkräfte ein ausreichendes Niveau erreicht haben, verwirklicht werden.
Auf Grundlage einer echten Revolution in der Produktionsweise wäre es möglich, einen solchen Überfluss zu erreichen, sodass die Menschen sich nicht länger über ihre täglichen Bedürfnisse sorgen müssen. Die bedrückenden Sorgen und Ängste, welche das Leben der Menschen heute prägen, werden verschwinden. Zum ersten Mal werden die Menschen frei sein und ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Erstmals werden sie ein wahrhaft menschliches Leben führen können. Dann erst wird die tatsächliche Geschichte der Menschheit beginnen.
Auf Grundlage einer einheitlich geplanten Wirtschaft, in der die enorme Produktivkraft von Wissenschaft und Technologie für die Bedürfnisse der Menschen und nicht für die Profite einiger weniger genutzt wird, wird die Kultur neue und ungeahnte Höhen erreichen. Die Römer bezeichneten die Sklaven als »Werkzeuge mit Stimmen«. Heute müssen keine Menschen versklavt werden, damit die notwendige Arbeit verrichtet wird. Wir verfügen bereits über die Technologie zur Entwicklung von Robotern, die nicht nur Schach spielen und einfache Aufgaben am Fließband verrichten können, sondern Fahrzeuge sicherer steuern als Menschen und sogar noch weitaus komplexere Aufgaben ausführen können. Diese Technologie droht im Kapitalismus Millionen von Arbeitern in die Arbeitslosigkeit zu stürzen. Das trifft nicht nur auf LKW-Fahrer und ungelernte Arbeitskräfte zu, sondern auch Buchhalter und Programmierer sind dadurch bedroht, ihren Lebensunterhalt zu verlieren. Millionen werden zur Untätigkeit verdammt, während diejenigen, die ihren Arbeitsplatz behalten, länger arbeiten müssen als zuvor.
In einer sozialistischen Planwirtschaft würde dieselbe Technologie dafür genutzt werden, die Arbeitszeit zu verkürzen. Wir könnten sofort eine 30-Stunden-Woche einführen und diese in der Folge auf 20 Stunden, zehn Stunden und auf noch weniger reduzieren, während gleichzeitig die Produktion gesteigert und der Wohlstand der Gesellschaft um ein Vielfaches vermehrt werden kann, viel mehr als es im Kapitalismus je denkbar wäre.
Das würde das Leben der Menschen grundlegend verändern. Zum ersten Mal wäre die Menschheit von der mühsamen Plackerei befreit. Sie wäre frei, um sich selbst körperlich, psychisch und man könnte noch hinzufügen geistig weiterzuentwickeln. Die Menschen wären frei, ihren Blick zu heben, hoch zum Himmel und dem gesamten Universum.
Trotzki schrieb einst: »Wie viele Aristoteles hüten Schweine? Und wie viele Schweinehirten sitzen auf einem Thron?«[32] Die Klassengesellschaft verarmt die Menschen nicht nur materiell, sondern auch geistig. Das Leben von Millionen Menschen ist auf die engsten Bedürfnisse beschränkt, ihr mentaler Horizont beschnitten. Der Sozialismus würde all das gigantische Potenzial, das vom Kapitalismus vergeudet wird, freisetzen.
Menschen haben unterschiedliche Fähigkeiten und Begabungen. Nicht jeder kann ein Aristoteles, ein Beethoven oder ein Einstein sein. Doch alle haben das Potenzial, auf dem einen oder anderen Gebiet – ob Wissenschaft, Kunst, Musik, Tanz oder Fußball – Großes zu leisten. Der Kommunismus wird die Voraussetzungen schaffen, um diese Potenziale voll und ganz auszuschöpfen.
Das wäre die größte Revolution aller Zeiten. Sie würde die menschliche Zivilisation auf ein neues und qualitativ höheres Niveau heben. Um es in den Worten Engels zu sagen: Es wäre der Sprung der Menschheit vom Reich der Notwendigkeit in das Reich der wirklichen Freiheit.
[1] F. Engels (21. September 1890): Brief an Bloch. In: MEW 37, S. 463.
[2] K. Marx/F. Engels (1845): Die heilige Familie. In: MEW 2, S. 98.
[3] K. Marx/F. Engels (1846): Die deutsche Ideologie. In: MEW 3, S. 27.
[4] K. Marx (1852): Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte. In: MEW 8, S. 115.
[5] F. Engels (1886): Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In: MEW 21, S. 297.
[6] K. Marx (1859): Zur Kritik der Politischen Ökonomie. In: MEW 13, S. 8.
[7] Die deutsche Ideologie. MEW 3, S. 20f.
[8] F. Engels (1878): Anti-Dühring. In: MEW 19, S. 210.
[9] F. Engels (27. Oktober 1890): Brief an Conrad Schmidt. In: MEW 37, S. 492.
[10] Ebd. S. 493.
[11] A. Burnett (1964): The Human Species. Penguin. S. 142.
[12] Anthropologe und Autor von The !Kung San: Men, Women and Work in a Foraging Society, 1979.
[13] R. Leakey (1981): The Making of Mankind. Penguin. S. 101-103.
[14] Ebd. S. 107.
[15] Ebd.
[16] Ebd. S. 106f.
[17] Ebd. S. 107.
[18] Ebd. S. 109.
[19] M. F. Ashley Montagu (1956): Marriage: Past and Present: A Debate Between Robert Briffault and Bronislaw Malinowski. Porter Sargent Publisher. S. 48.
[20] The Economist (31. Dezember 1999).
[21] G. V. Childe (1923): What happened in history.
[22] K. Marx/F. Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW 4, S. 462.
[23] Ebd. S. 463.
[24] Ebd. S. 461.
[25] K. Marx (1875): Kritik des Gothaer Programms. In: MEW 19, S. 28.
[26] Ebd. S. 19.
[27] Die deutsche Ideologie. In: MEW 3, S. 34f.
[28] G. W. F. Hegel (1807): Phänomenologie des Geistes. Suhrkamp, S. 11.
[29] Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW 4, S. 465.
[30] Ebd. S. 468.
[31] Aristoteles: Metaphysik, Erster Halbband.
[32] L. Trotzki (1932): On the Suppressed Testament of Lenin.