Von Leo Trotzki. Geschrieben 1926.
Erschienen in: In Verteidigung des Marxismus Nr. 13, August 2024.
1. Technik und Kultur
Erinnern wir uns zunächst daran, dass „Kultur“ ursprünglich ein gepflügtes, bestelltes Feld im Unterschied zum Urwald und noch ungenutzten Boden bedeutete. Kultur stand im Gegensatz zu Natur, das heißt, man unterschied zwischen dem, was der Mensch durch seine Anstrengungen erwarb, und dem, was die Natur ihm schenkte. Diese Gegenüberstellung ist auch heute noch von grundlegender Bedeutung.
Kultur ist alles, was vom Menschen im Laufe seiner gesamten Geschichte geschaffen, gebaut, gelernt und erobert wurde; ihr stehen die Gaben der Natur, einschließlich der Naturgeschichte des Menschen selbst als einer Tierart, gegenüber. Die Wissenschaft, die den Menschen als ein Erzeugnis der tierischen Entwicklung erforscht, wird [biologische] Anthropologie genannt. Doch von dem Augenblick an, in dem der Mensch sich vom Tierreich trennte – und das geschah, als er zum ersten Mal primitive Werkzeuge aus Stein und Holz ergriff und seine Glieder mit ihnen bewaffnete –, begann die Schöpfung und Anhäufung von Kultur, das heißt aller Arten von Kenntnissen und Fertigkeiten im Kampf mit der Natur und zum Zweck ihrer Unterwerfung.
Wenn wir von der durch frühere Generationen angehäuften Kultur sprechen, denken wir zuallererst an ihre materiellen Errungenschaften in Gestalt von Werkzeugen, Maschinerie, Gebäuden, Monumenten und so fort. Ist das Kultur? Zweifelsohne sind es die materiellen Formen, in denen Kultur sich niederschlägt – materielle Kultur. Sie erzeugt auf der natürlichen Basis den fundamentalen Rahmen unseres Daseins, unserer alltäglichen Lebensweise, unserer schöpferischen Arbeit. Aber der kostbarste Teil der Kultur ist ihr Niederschlag im Bewusstsein des Menschen selbst – jene Methoden, Gewohnheiten, Fertigkeiten, von uns erworbenen Fähigkeiten, die sich aus der Gesamtheit der vorgegebenen materiellen Kultur entwickelt haben und, obwohl sie aus dieser vorgegebenen materiellen Kultur schöpfen, diese noch vervollkommnen. Wir wollen daher davon ausgehen, dass sich Kultur aus dem Kampf des Menschen um seine Existenz, um die Verbesserung seiner Lebensbedingungen, um die Steigerung seiner Macht entwickelt hat. Aber auf derselben Grundlage sind auch die sozialen Klassen entstanden. In ihrem Anpassungsprozess an die Natur, im Konflikt mit den feindseligen Kräften der Natur, hat die menschliche Gesellschaft die Form einer komplexen Klassenorganisation angenommen. Die Klassenstruktur der Gesellschaft bestimmt in entscheidendem Maße Inhalt und Form der menschlichen Geschichte, der materiellen Lebensverhältnisse und ihrer ideologischen Reflexe. Das bedeutet, dass die geschichtliche Kultur einen Klassencharakter trägt.
Die Gesellschaft der Sklavenhalter, die feudale Gesellschaft der Leibeigenschaft, die bürgerliche Gesellschaft: jede erzeugte eine spezifische Kultur, die in verschiedenen Stadien verschiedenartig war und eine Vielfalt von Übergangsformen aufweist. Die geschichtliche Gesellschaft ist eine Organisation zur Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Die Kultur diente der Klassenorganisation der Gesellschaft. Die Ausbeutergesellschaft hat eine Ausbeuterkultur hervorgebracht. Aber heißt das, dass wir gegen die Kultur der Vergangenheit sind?
Hier liegt tatsächlich ein tiefer Widerspruch vor. Alles, was durch die Anstrengungen des Menschen erobert, geschaffen, gebaut wurde und der Machterweiterung des Menschen diente, ist Kultur. Aber da es nicht um den individuellen, sondern den gesellschaftlichen Menschen geht, da Kultur ihrem ganzen Wesen nach ein sozialhistorisches Phänomen ist und da die geschichtliche Gesellschaft eine Klassengesellschaft war und weiterhin ist, erweist sich Kultur als das fundamentale Instrument der Klassenunterdrückung. Marx sagte: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken.“ Das gilt auch für die Kultur als Ganzes. Und dennoch sagen wir der Arbeiterklasse: Meistert die gesamte Kultur der Vergangenheit, sonst werdet ihr den Sozialismus nicht aufbauen. Wie ist das zu verstehen?
Über diesen Widerspruch sind viele gestolpert; sie stolpern so häufig, weil sie an das Verständnis der Klassengesellschaft oberflächlich, halbidealistisch herangehen und vergessen, dass diese grundsätzlich eine Produktionsweise ist. Jede Klassengesellschaft ist auf der Grundlage bestimmter Formen der Auseinandersetzung mit der Natur entstanden, und diese Formen haben sich im Einklang mit der Entwicklung der Technik verändert.
Was ist die Grundlage der Grundlagen – die Klassenorganisation der Gesellschaft oder ihre Produktivkräfte? Zweifellos die Produktivkräfte. Sie sind es, die auf einem gewissen Entwicklungsniveau zur Bildung und Umbildung von Klassen führen. In den Produktivkräften kommt die materialisierte ökonomische Fertigkeit der Menschheit, ihre historische Fähigkeit zur Sicherung ihrer Existenz zum Ausdruck. Auf dieser dynamischen Grundlage erheben sich Klassen, von deren Verhältnis der Charakter einer Kultur abhängt.
Hier müssen wir nun vor allem in Bezug auf die Technik fragen: Ist sie nur ein Instrument der Klassenunterdrückung? Es genügt, eine solche Frage zu stellen, um sie sogleich zu verneinen: Die Technik ist die fundamentale Errungenschaft der Menschheit; obwohl auch sie bis zur Gegenwart als Werkzeug der Ausbeutung diente, ist sie gleichzeitig die Grundbedingung für die Emanzipation der Ausgebeuteten. Die Maschine packt den Lohnsklaven an der Gurgel. Aber er kann sich nur durch die Maschine befreien. Das ist die Wurzel der ganzen Frage.
Wenn wir nicht vergessen, dass die Triebkraft des geschichtlichen Prozesses das Wachstum der Produktivkräfte ist, die den Menschen von der Herrschaft der Natur befreit, wird klar, dass das Proletariat, um sich zu erheben und das Leben auf den Grundsätzen der Solidarität neu aufzubauen, das gesamte Wissen und Können beherrschen muss, das von der Menschheit im Laufe der Geschichte erarbeitet worden ist.
„Fördert die Kultur die Technik oder fördert die Technik die Kultur?“, lautet eine der mir vorliegenden schriftlichen Fragen. Es ist falsch, die Frage so zu stellen. Die Technik kann nicht der Kultur entgegengestellt werden, denn sie ist ihre Haupttriebfeder. Ohne Technik keine Kultur. Das Wachstum der Technik treibt die Kultur voran. Aber die Wissenschaft und die allgemeine Kultur, die auf der Grundlage der Technik entstanden sind, sind eine mächtige Hilfe bei der weiteren Entwicklung der Technik. Zwischen Kultur und Technik besteht dialektische Wechselwirkung.
Genossen, wenn Sie ein einfaches, aber ausdrucksvolles Beispiel für den in der Technik selbst enthaltenen Widerspruch haben wollen, so gibt es kein besseres als die Eisenbahnen. Wenn Sie westeuropäische Eisenbahnen betrachten, werden Sie sehen, dass sie Abteile verschiedener „Klassen“ haben. Diese Klassen erinnern uns an die Klassen der kapitalistischen Gesellschaft. Die Abteile erster Klasse sind für die privilegierten oberen Kreise, die zweite Klasse ist für die bürgerliche Mittelschicht, die dritte für das Kleinbürgertum und die vierte für das Proletariat, das früher mit gutem Grund „vierter Stand“ genannt wurde. Für sich genommen sind Eisenbahnen eine enorme kulturell-technische Errungenschaft der Menschheit, die das Antlitz der Erde im Laufe eines einzigen Jahrhunderts sehr verändert hat. Aber die Klassenstruktur der Gesellschaft beeinflusst auch die Struktur der Verkehrsmittel. Unsere Sowjetbahnen sind noch weit von Gleichheit entfernt – nicht nur, weil sie aus der Vergangenheit stammende Waggons benutzen, sondern auch, weil die Neue Ökonomische Politik lediglich den Weg zur Gleichheit vorbereitet, diese aber nicht verwirklicht.
Vor dem Eisenbahn-Zeitalter war die Zivilisation an den Küsten der Meere und den Ufern der großen Flüsse konzentriert. Die Eisenbahnen eröffnen der kapitalistischen Kultur ganze Kontinente. Eine der Hauptursachen, wenn nicht die wichtigste Ursache der Rückständigkeit und Trostlosigkeit unseres russischen Landlebens ist der Mangel an Eisenbahnen, asphaltierten Straßen und Zufahrtsstraßen. In dieser Hinsicht befinden sich die meisten unserer Dörfer noch in vorkapitalistischen Zuständen. Wir müssen unseren großen Verbündeten, der gleichzeitig unser größter Gegner ist, – wir müssen den großen Raum überwinden. Sozialistische Wirtschaft ist Planwirtschaft.
Planen setzt vor allem Verkehrsmittel voraus. Die wichtigsten Verkehrsmittel sind Straßen und Eisenbahnen. Jede neue Eisenbahnlinie ist ein Weg zur Kultur und – unter unseren Verhältnissen – auch ein Weg zum Sozialismus. Außerdem wird sich mit der Verbesserung der Verkehrstechnik und der Hebung des Wohlstands im Lande auch das soziale Profil unserer Eisenbahnen wandeln: Die Trennung in „Klassen“ wird verschwinden, jeder wird in „gepolsterten“ Abteilen reisen, … falls die Menschen dann noch mit der Bahn fahren und nicht mit dem Flugzeug reisen, das jedem zur Verfügung stehen wird.
Wählen wir ein anderes Beispiel: die Werkzeuge des Militarismus, die Destruktionsmittel. In dieser Sphäre kommt die Klassennatur der Gesellschaft besonders intensiv und abstoßend zum Ausdruck. Aber es gibt keine destruktive Substanz (explosiver oder giftiger Natur), deren Entdeckung nicht an sich eine wertvolle wissenschaftliche und technische Errungenschaft ist. Explosive und giftige Substanzen werden auch zu kreativen, nicht nur zu destruktiven Zwecken benützt und eröffnen auf dem Gebiet der Entdeckungen und Erfindungen neue Möglichkeiten.
Das Proletariat kann nur an die Macht kommen, indem es den alten Apparat des Klassenstaats zerbricht. Wir haben diese Aufgabe so entschlossen ausgeführt wie nur möglich. Aber beim Aufbau des neuen Staatsapparats fanden wir, dass wir in gewissem, recht beträchtlichem Maße Elemente des alten verwenden müssen. Der weitere sozialistische Wiederaufbau des Staatsapparats ist unlösbar mit unserer sonstigen politischen, ökonomischen und kulturellen Arbeit verknüpft.
Wir dürfen die Technik nicht zertrümmern. Das Proletariat hat die von der Bourgeoisie ausgestatteten Fabriken in jenem Zustand übernommen, in dem sie die Revolution vorfand. Die alte Ausrüstung dient uns noch heute. Das zeigt anschaulich, dass wir auf das „Erbe“ nicht verzichten. Wie könnte es anders sein?
Schließlich wurde die Revolution vor allem deshalb gemacht, um das „Erbe“ in Besitz zu nehmen. Aber die alte Technik ist in der Form, in der wir sie übernahmen, für den Sozialismus völlig ungeeignet. In ihr hat sich die Anarchie der kapitalistischen Wirtschaft kristallisiert.
Die Konkurrenz zwischen verschiedenen Unternehmen, die Jagd nach Profiten, die ungleichmäßige Entwicklung der verschiedenen Wirtschaftszweige, die Rückständigkeit gewisser Gebiete, die Parzellierung der Landwirtschaft, der Raubbau an menschlichen Kräften, all das findet in der Technik Ausdruck in Eisen und Stahl. Aber während die Maschinerie der Klassenunterdrückung durch einen revolutionären Schlag zertrümmert werden kann, kann die produktive Maschinerie der kapitalistischen Anarchie nur allmählich neu aufgebaut werden. Der Abschluss des Wiederaufbaus auf der Grundlage der alten Ausrüstung hat uns nur bis zur Schwelle dieser ungeheuren Aufgabe gebracht. Wir müssen sie um jeden Preis durchführen.
2. Das Erbe geistiger Kultur
Die geistige Kultur ist so widersprüchlich wie die materielle. So, wie wir den Arsenalen und Lagerhäusern der materiellen Kultur nicht Pfeil und Bogen, nicht Werkzeuge aus Stein oder Bronze entnehmen und in Umlauf bringen, sondern die besten Werkzeuge der modernsten Technik, so müssen wir auch im Bereich der geistigen Kultur vorgehen.
Das Grundelement der Kultur der alten Gesellschaft war die Religion. Sie besaß höchste Bedeutung als Form des menschlichen Wissens und des sozialen Zusammenhalts; aber diese Form spiegelte vor allem die Schwäche des Menschen angesichts der Natur und seine Hilflosigkeit in der Gesellschaft wider. Wir lehnen die Religion und alle ihre Ersatzbildungen entschieden ab.
Anders steht es mit der Philosophie. Wir haben der von der Klassengesellschaft geschaffenen Philosophie zwei unschätzbare Elemente – den Materialismus und die Dialektik – zu entnehmen. Tatsächlich resultierte die Marxsche Methode und ihr System aus der organischen Verbindung von Materialismus und Dialektik. Diese Methode liegt dem Leninismus zugrunde.
Kommen wir zur Naturwissenschaft. Es ist klar, dass wir es hier mit einem riesigen Reservoir von Kenntnissen und Fertigkeiten zu tun haben, die von der Menschheit im Laufe ihres langen Lebens angehäuft wurden. Gewiss, man kann zeigen, dass es in der Wissenschaft, deren Ziel die Erkenntnis der Realität ist, viele tendenziöse, klassenbedingte Verfälschungen gibt. Das trifft durchaus zu. Wenn selbst die Eisenbahnen die privilegierte Position der einen und die Armut der anderen zum Ausdruck bringen, dann gilt das in noch höherem Maße bei der Wissenschaft, deren Materie weitaus flexibler ist als Metall und Holz, aus denen man Eisenbahnwaggons macht. Aber wir müssen davon ausgehen, dass die wissenschaftliche Arbeit grundsätzlich von der Notwendigkeit gespeist wird, Kenntnis von der Natur zu erlangen.
Obgleich Klasseninteressen falsche Tendenzen in die Naturwissenschaften hineingetragen haben und noch immer hineintragen, sind diesem Verfälschungsprozess doch Grenzen gezogen, deren Überschreitung den Fortschritt der Technologie verhindern würde. Betrachtet man den naturwissenschaftlichen Forschungsprozess in seinem Fortgang von unten nach oben, von der Sammlung elementarer Tatsachen bis zu den höchsten und komplexesten Verallgemeinerungen, so zeigt sich, dass, je empirischer die wissenschaftliche Forschung ist, je näher sie am Material und den Tatsachen bleibt, desto unbezweifelbarer auch die Ergebnisse sind, die sie hervorbringt. Je weiter das Feld der Verallgemeinerungen wird, je mehr sich die Naturwissenschaft philosophischen Fragen nähert, desto stärker unterliegt sie dem Einfluss klassenbedingter Vorurteile.
Im Falle der Sozial- und „Humanwissenschaften“ stehen die Dinge komplizierter und schlechter. Auch in dieser Sphäre ist das Interesse, das Bestehende zu erkennen, grundlegend. Ihr verdanken wir übrigens die brillante klassische, bürgerliche Nationalökonomie. Aber das Klasseninteresse, das sich in den Sozialwissenschaften sehr viel stärker geltend macht, gebot der Entwicklung der bürgerlichen Ökonomie bald Halt.
Auf diesem Gebiet sind wir Kommunisten besser ausgestattet als auf jedem anderen. Sozialistische Theoretiker – Marx und Engels – schufen, durch den Klassenkampf des Proletariats angestoßen, auf der Grundlage der bürgerlichen Wissenschaft, die sie kritisierten, die wirkungsvolle Methode des historischen Materialismus, die in Das Kapital einzigartig zur Anwendung kam. Das heißt natürlich nicht, dass wir gegen den Einfluss bürgerlicher Ideen auf dem Gebiet der Ökonomie und Soziologie immun sind. Nein, bei uns werden auf Schritt und Tritt aus den alten „Schatzkammern“ des Wissens die vulgärsten kathedersozialistischen und kleinbürgerlich-populistischen Anschauungen hervorgekramt, die virulent werden, weil sie in den formlos-widersprüchlichen Beziehungen der Übergangsperiode einen Nährboden finden. Aber in dieser Sphäre verfügen wir über die unentbehrlichen Kriterien des Marxismus, die in Lenins Schriften Bestätigung und Bereicherung erfahren haben. Und wir werden den Vulgär-Ökonomen und -Soziologen umso besser entgegnen können, je weniger wir uns an die Eintagserfahrung klammern, je besser wir die Entwicklung der Weltwirtschaft als Ganzes erfassen und konjunkturelle Veränderungen von den Haupttendenzen unterscheiden.
In Fragen des Rechts, der Moral und der Ideologie im Allgemeinen ist die Situation der bürgerlichen Wissenschaft sogar noch kläglicher als auf dem Gebiet der Wirtschaft. Eine Perle echter Erkenntnis lässt sich auf diesen Gebieten nur finden, nachdem man Dutzende von akademischen Abfallhaufen durchwühlt hat.
Dialektik und Materialismus sind Grundelemente der marxistischen Welterkenntnis. Aber das heißt ganz und gar nicht, dass sie der Schlüssel zu allen Wissensgebieten sind. Die Dialektik kann den Tatsachen nicht übergestülpt werden, sie muss vielmehr aus den Tatsachen, aus ihrem Wesen und ihrer Entwicklung abgeleitet werden. Nur die Gewissenhaftigkeit, mit der Marx ein riesiges Wissensgebiet bearbeitete, ermöglichte es ihm, das dialektische System der Ökonomie bis zu dem Begriff des Werts als gesellschaftlicher Arbeit voranzutreiben.
Marxens berühmte Werke, ja selbst seine Zeitungsartikel entstanden auf diese Weise. Der dialektische Materialismus kann auf neue Wissensgebiete nur „angewandt“ werden, indem man sie sich von innen her zu eigen macht. Die Kritik der bürgerlichen Wissenschaft setzt voraus, dass man sie beherrscht. Mit allgemeiner Kritik oder dürren Kommandos erreicht man nichts. Das Lernen und die „Anwendung“ gehen hier Hand in Hand mit dem kritischen Durcharbeiten. Wir haben eine Methode, aber es gibt Arbeit für Generationen.
Die marxistische Wissenschaftskritik muss nicht nur wachsam, sondern auch vorsichtig sein, sonst verkommt sie zu reiner Angeberei, zu Famusowismus.
Die Psychologie bietet ein gutes Beispiel. Pawlows Reflexologie verfährt gänzlich nach den Methoden des dialektischen Materialismus. Sie reißt konsequent die Mauer zwischen Physiologie und Psychologie ein. Der einfachste Reflex ist physiologisch, aber ein System von Reflexen gibt uns „Bewusstsein“. Die Anhäufung von physiologischer Quantität ergibt eine neue „psychologische“ Qualität.
Pawlows Methode ist experimentell und gewissenhaft. Schritt für Schritt werden Verallgemeinerungen gewonnen: vom Hunde-Speichel bis zur Poesie – das heißt, zum psychischen Mechanismus des Dichtens, nicht zum sozialen Gehalt der Dichtung. Freilich sind die Wege, die zur Poesie führen, vorerst noch nicht gefunden worden.
Die Schule des Wiener Psychoanalytikers Freud verfährt auf andere Weise. Sie nimmt von vornherein an, dass die Triebkraft der komplexesten und sublimsten psychischen Prozesse ein physiologisches Bedürfnis ist. In diesem allgemeinen Sinn ist sie materialistisch, lässt man die Frage beiseite, ob hier nicht dem sexuellen Faktor auf Kosten anderer zu viel Gewicht eingeräumt wird, denn das ist bereits ein Streit innerhalb der Grenzen des Materialismus. Aber der Psychoanalytiker geht an die Probleme des Bewusstseins nicht experimentell heran, indem er von den niedersten Erscheinungen zu den höchsten fortschreitet, vom einfachen Reflex zum komplexen Reflex, sondern indem er die Zwischenstufen in einem Satz von oben nach unten zu überspringen sucht, vom religiösen Mythos, dem lyrischen Gedicht oder den Träumen direkt zur physiologischen Grundlage der Psyche.
Die Idealisten sagen uns, die Psyche sei eine selbständige Wesenheit, die „Seele“ ein Brunnen ohne Boden. Pawlow wie Freud meinen, der Boden der Seele sei die Physiologie. Aber Pawlow steigt wie ein Taucher auf den Grund hinab und erforscht den Brunnen sorgsam von unten bis oben, Freud steht über dem Brunnen und sucht mit scharfem Blick die ständig bewegte, unruhige Wasseroberfläche zu durchdringen und die Gestalt der Dinge, die darunter liegen, zu erkennen oder zu erraten.
Pawlows Methode ist das Experiment, Freuds Methode die Konjektur, manchmal die phantastische Vermutung. Der Versuch, die Psychoanalyse für „unvereinbar“ mit dem Marxismus zu erklären und den Freudismus einfach zu ignorieren, ist allzu einfach, genauer: einfältig.
Wir sind ja nicht gezwungen, den Freudismus zu akzeptieren. Es handelt sich dabei um eine Arbeitshypothese, die im Rahmen der materialistischen Psychologie Deduktionen und Konjekturen ermöglicht. Durch Experimente wird man zu gegebener Zeit diese Vermutungen auf ihre Stichhaltigkeit hin prüfen. Wir haben keinen Grund und kein Recht, das psychoanalytische Verfahren mit einem Bann zu belegen. Auch wenn es weniger sicher ist, versucht es doch, die Schlussfolgerungen vorwegzunehmen, zu denen die experimentelle Psychologie nur sehr langsam vorstößt.
Mit Hilfe dieser Beispiele wollte ich auf die Heterogenität unseres wissenschaftlichen Erbes wie auf die verwickelten Wege hinweisen, auf denen das Proletariat es in Besitz nehmen kann. Wenn es stimmt, dass beim wirtschaftlichen Aufbau Probleme nicht per Dekret gelöst werden können und wir lernen müssen, „Handel zu treiben“, dann kann auch in der Wissenschaft das Kommandieren nur Schaden stiften und uns Schande bereiten. Auf diesem Gebiet müssen wir „das Lernen lernen“.
Die Kunst ist einer der Wege, auf denen man sich in der Welt orientiert; in diesem Sinn unterscheidet sich das Erbe der Kunst nicht vom Erbe der Wissenschaft und Technik, und es ist auch nicht weniger widersprüchlich. Anders als in der Wissenschaft erkennen wir die Welt in der Kunst aber nicht als ein System von Gesetzen, sondern als Konstellation von Bildern, die zugleich unsere Gefühle und Stimmungen beeinflussen.
Die Kunst vergangener Jahrhunderte hat den Menschen komplexer und flexibler gemacht, hat sein Denken auf ein höheres Niveau gehoben, hat ihn allseitig bereichert. Diese Bereicherung ist eine kostbare Errungenschaft der Kultur. Die Meisterung der Kunst der Vergangenheit ist daher eine notwendige Vorbedingung, nicht nur für die Ausbildung einer neuen Kunst, sondern auch für den Bau der neuen Gesellschaft; denn der Kommunismus braucht Menschen mit hoch entwickeltem Geist.
Kann uns aber die Kunst der Vergangenheit zu einem künstlerischen Weltverständnis verhelfen? Ja, gerade weil sie unsere Gefühle inspirieren und erziehen kann. Wenn wir die Kunst der Vergangenheit grundlos ablehnten, wären wir geistig auf einen Schlag ärmer.
Hier und da stößt man jetzt auf die Ansicht, der Zweck der Kunst sei nur die Erzeugung von Stimmungen, nicht die Erkenntnis der Realität.
Daraus folgt dann die Frage: Mit welcher Art von Gefühlen erfüllt uns die Kunst des Adels oder des Bürgertums? Das ist grundfalsch. Die Bedeutung der Kunst als eines Erkenntnismittels – gerade für die Massen – ist keinesfalls geringer als ihre „Gefühls“-Bedeutung. Das alte Epos, die Fabel, das Lied, das Sprichwort, die Volksdichtung vermitteln Kenntnisse in anschaulicher Form, werfen Licht auf die Vergangenheit, verallgemeinern die Erfahrung, erweitern den Horizont; nur mit ihrer Hilfe ist es möglich, mit der Kulturtradition vertraut zu werden.
Das gilt für die Literatur ganz allgemein, nicht nur für die epische Dichtung, sondern auch für die Lyrik. Es gilt für die Malerei und Bildhauerei. Die einzige Ausnahme macht in gewisser Weise die Musik, deren Wirkung stark, aber einseitig ist. Natürlich stützt sich auch die Musik auf eine besondere Erkenntnis der Natur – ihre Töne und Rhythmen. Aber hier ist die Erkenntnis so tief verborgen, werden die Resultate der Natur-Inspiration in solchem Maße durch das Nervensystem des Menschen gebrochen, dass die Musik wie eine autonome „Offenbarung“ wirkt.
Versuche, alle Formen der Kunst in die Nähe der emotional „ansteckenden“ Kunst der Musik zu rücken, sind oft gemacht worden und haben immer die Rolle der Vernunft in der Kunst zugunsten des vagen Gefühls abgewertet; in diesem Sinn waren und sind sie reaktionär … Am schlimmsten sind natürlich jene „Kunstwerke“, die weder eine anschauliche Erkenntnis noch künstlerische „Ansteckung“ bieten, sondern nur maßlose Ansprüche. Bei uns werden nicht wenige solcher Werke gedruckt, leider nicht als Übungsmaterial von Kunstschulen, sondern in vielen Tausenden von Exemplaren
Kultur ist ein gesellschaftliches Phänomen. Darum ist die Sprache als das Organ des menschlichen Verkehrs ihr wichtigstes Instrument. Die Sprachkultur ist die entscheidende Bedingung für die Entwicklung aller Kulturzweige, besonders der Wissenschaft und der Kunst. So wie die Technik nicht mit den alten Messapparaten zufrieden ist, sondern neue entwickelt, Mikrometer, Voltameter und so fort, und immer größere Genauigkeit anstrebt und erzielt, so ist auch ständige, sorgfältige, systematische Arbeit nötig, um in der Kunst die jeweils geeigneten Worte zu wählen und sie auf angemessene Weise miteinander zu verbinden, den höchsten Grad von Genauigkeit, Klarheit und Lebendigkeit zu erreichen.
Die Grundlage für diese Arbeit muss der Kampf gegen das Analphabetentum, gegen Halbbildung und Unwissenheit sein. Das nächste Stadium dieser Arbeit ist die Aneignung der klassischen russischen Literatur.
Die Kultur war das Hauptwerkzeug der Klassenunterdrückung. Aber sie und nur sie kann auch der sozialistischen Emanzipation dienen.
3. Unsere kulturellen Widersprüche
Stadt und Land
Die Eigenart unserer Lage besteht darin, dass wir – am Kreuzweg des kapitalistischen Westens und des kolonial-bäuerlichen Ostens – zuerst die sozialistische Revolution vollzogen haben. Das Regime der proletarischen Diktatur wurde zuerst aufgerichtet in einem Lande mit einem gewaltigen Erbe an Rückständigkeit und Barbarei, so dass bei uns zwischen irgendeinem Nomaden in Sibirien und dem Proletarier in Moskau oder Leningrad Jahrhunderte der Geschichte liegen. Unsere gesellschaftlichen Formen sind die des Überganges zum Sozialismus, folglich sind sie unvergleichlich höhere als die kapitalistischen Formen. In diesem Sinne betrachten wir uns mit Recht als das fortgeschrittenste Land der Welt.
Doch die Technik, die der materiellen wie jeder anderen Kultur zugrunde liegt, ist bei uns im Vergleich zu den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern eine außerordentlich rückständige. Darin liegt der grundlegende Widerspruch unserer heutigen Wirklichkeit. Die sich daraus ergebende geschichtliche Aufgabe besteht darin, die Technik auf die Höhe der gesellschaftlichen Form zu bringen.
Wenn wir dazu nicht in der Lage wären, so würde unsere Gesellschaftsordnung unvermeidlich auf das Niveau unserer technischen Rückständigkeit zurücksinken. Ja, um die ganze Bedeutung des technischen Fortschritts für uns zu erfassen, muss man sich unumwunden sagen: Würden wir es nicht verstehen, die Sowjetform unseres Regimes mit der entsprechenden Produktionstechnik auszufüllen, so würden wir uns die Möglichkeit des Überganges zum Sozialismus verschließen und würden zum Kapitalismus zurückkehren – und zu was für einem? – zu einem halb sklavischen, halb kolonialen. Der Kampf um die Technik ist für uns der Kampf um den Sozialismus, mit dem die ganze Zukunft unserer Kultur untrennbar verbunden ist.
Hier ein neues, sehr anschauliches Beispiel unserer kulturellen Widersprüche: Dieser Tage erschien in den Zeitungen eine Notiz, dass unsere öffentliche Bibliothek in Leningrad der Anzahl der Literatur nach an erster Stelle steht: Sie hat 4.250.000 Bücher! Unser erstes Gefühl ist das Gefühl des berechtigten Stolzes auf Sowjetrussland: Unsere Bibliothek ist die Erste der Welt!
Welchem Umstand verdanken wir diese Errungenschaft? Dem Umstand, dass wir die Privatbibliotheken expropriiert haben. Durch die Nationalisierung des Privateigentums haben wir die reichste kulturelle Institution geschaffen, die allen zugänglich ist. An dieser einfachen Tatsache offenbaren sich unstreitig die großen Vorzüge der Sowjetordnung. Zu gleicher Zeit aber kommt unsere kulturelle Rückständigkeit darin zum Ausdruck, dass der Prozentsatz der Analphabeten bei uns größer ist als in irgendeinem europäischen Lande – eine Bibliothek, die in der Welt an erster Stelle steht, aber gelesen werden die Bücher einstweilen von einer Minderheit der Bevölkerung. Und so fast in allem. Eine nationalisierte Industrie mit gigantischen und keineswegs phantastischen Projekten eines Dnjepr-Kraftwerkes, eines Wolga-Don-Kanals usw., aber die Bauern dreschen mit Dreschflegeln und Walzen. Die Ehegesetzgebung ist vom sozialistischen Geist durchdrungen, aber im Familienleben nehmen noch immer die Prügel keinen geringen Platz ein. Diese und ähnliche Widersprüche entspringen der ganzen Struktur unserer Kultur – am Kreuzweg zwischen dem Westen und dem Osten.
Die Grundlage unserer Rückständigkeit bildet die monströse Übermacht des Landes über die Stadt, der Landwirtschaft über die Industrie; wobei auf dem Lande wiederum die rückständigsten Produktionsmittel und Produktionsmethoden überwiegen.
Wenn wir von der geschichtlichen Leibeigenschaft sprechen, so haben wir vor allem die Beziehungen zwischen den Ständen im Auge, die Hörigkeit des Bauern gegenüber dem Gutsbesitzer und dem zaristischen Tschinownik (Beamten). Aber die Leibeigenschaft hat eine tiefere Grundlage: die Gebundenheit des Menschen an die Scholle, die völlige Abhängigkeit des Bauern von den Naturelementen.
Man lese Gljeb Uspenski. Ich fürchte, die junge Generation liest ihn nicht. Man müsste ihn neu verlegen, wenigstens seine besten Werke, und es gibt bei ihm welche, die vortrefflich sind. Uspenski ist Narodnik (Volkstümler). Sein politisches Programm ist durch und durch utopisch. Aber Uspenski – ein Milieuschilderer des Dorfes – ist nicht nur ein vorzüglicher Künstler, sondern auch ein ausgezeichneter Realist. Er verstand es, die Lebensart des Bauern und seine Psyche als abgeleitete Erscheinungen zu erfassen, die aus der wirtschaftlichen Basis erwachsen und ganz von dieser bestimmt werden. Er verstand es, die wirtschaftliche Basis des Dorfes aufzufassen als die sklavische Abhängigkeit des Bauern im Arbeitsprozess von der Scholle, überhaupt von den Naturgewalten. Man muss zum mindesten seine „Macht der Erde“ lesen. Die künstlerische Intuition ersetzt bei Uspenski die marxistische Methode, und was die Ergebnisse betrifft, kann sie in vielen Beziehungen mit dieser wetteifern. Deshalb lag der Künstler Uspenski in beständigem, erbittertem Kampfe mit dem Narodnik Uspenski. Beim Künstler sollen wir auch jetzt noch lernen, wenn wir die mächtigen Überreste der Leibeigenschaft in der bäuerlichen Lebensweise, besonders im Familienleben, begreifen wollen, die nicht selten auch auf die Lebensart in der Stadt hinüber greifen: Man braucht nur auf manche Töne der sich heute entfaltenden Diskussion über die Fragen der ehelichen Gesetzgebung zu horchen.
Der Kapitalismus hat in allen Teilen der Welt den Widerspruch zwischen Industrie und Landwirtschaft, zwischen Stadt und Land bis zur äußersten Spannung getrieben. Bei uns hat dieser Widerspruch infolge unserer verspäteten historischen Entwicklung einen ganz monströsen Charakter. Unsere Industrie bewegte sich immerhin bereits in europäischen und amerikanischen Bahnen, während unser Dorf sich in der Tiefe des 17., ja noch weiter zurückliegender Jahrhunderte verlor.
Der Kapitalismus ist selbst in Amerika augenscheinlich unfähig, die Landwirtschaft auf das Niveau der Industrie zu heben. Diese Aufgabe fällt ganz dem Sozialismus zu. In unseren Verhältnissen, bei dem kolossalen Übergewicht des Landes über die Stadt, bildet die Industrialisierung der Landwirtschaft den wichtigsten Teil des sozialistischen Aufbaues.
Unter Industrialisierung der Landwirtschaft verstehen wir zwei Prozesse, die nur in ihrem Zusammenspiel letzten Endes die Grenzlinie zwischen Stadt und Land verwischen können. Bei dieser für uns wichtigsten Frage wollen wir etwas länger verweilen.
Die Industrialisierung der Landwirtschaft besteht einerseits in der Trennung einer ganzen Reihe von Zweigen zur Vorverarbeitung der Industrie- und Nahrungsmittelrohstoffe von der ländlichen Hauswirtschaft. Ist doch überhaupt die ganze Industrie aus dem Dorfe hervorgegangen, über das Handwerk, über die ländliche Hausindustrie auf dem Wege der Ablösung einzelner Arbeitszweige vom abgeschlossenen System der Hauswirtschaft, auf dem Wege der Spezialisierung, der Gewinnung der notwendigen Fertigkeit, der Schaffung der Technik und später der maschinellen Produktion. Unsere sowjetrussische Industrialisierung wird in beträchtlichem Maße gerade diesen Weg einschlagen müssen, d.h. den Weg der Vergesellschaftung einer ganzen Reihe von Produktionsprozessen, die zwischen der eigentlichen Landwirtschaft und der Industrie stehen. Das Beispiel der Vereinigten Staaten zeigt, dass sich hier vor uns unermessliche Möglichkeiten eröffnen.
Aber mit dem Gesagten ist die Frage nicht erschöpft. Die Überwindung der Widersprüche zwischen Landwirtschaft und Industrie setzt die Industrialisierung des Feldbaues selbst, der Viehzucht, des Gartenbaues usw. voraus. Das bedeutet, dass auch diese Zweige der Produktionstätigkeit auf die Grundlagen der wissenschaftlichen Technologie gestellt werden müssen: weitgehende Anwendung von Maschinen bei richtiger Kombination derselben, Traktorisierung und Elektrifizierung; Düngung, richtiger Fruchtwechsel, laboratorisch-experimentelle Nachprüfung der Methoden und Resultate, richtige Organisation des gesamten Produktionsprozesses bei zweckmäßigster Ausnutzung der Arbeitskraft usw. Selbstverständlich wird auch der hoch organisierte Feldbau sich von dem Maschinenbau unterscheiden. Aber innerhalb der Industrie selbst unterscheiden sich ja auch ihre einzelnen Zweige sehr voneinander.
Wenn wir heute berechtigt sind, die Landwirtschaft der Industrie als Ganzem gegenüberzustellen, so deshalb, weil die Landwirtschaft zersplittert, mit primitiven Mitteln geführt wird, bei sklavischer Abhängigkeit des Produzenten von den Naturbedingungen und unter äußerst kulturlosen Existenzverhältnissen des bäuerlichen Produzenten. Es genügt nicht, einzelne Zweige der heutigen Landwirtschaft wie Ölpresserei, Butter- und Käsebereitung, Stärke- und Sirupproduktion usw. zu vergesellschaften, d.h. sie in fabrikmäßigen Betrieb zu überführen. Man muss die Landwirtschaft selbst vergesellschaften, d.h. sie ihrer heutigen Zersplitterung entreißen, und an die Stelle des gegenwärtigen kläglichen Herumstocherns im Boden wissenschaftlich organisierte Weizen- und Roggen-„Fabriken“, Kühe- und Schaf-„Werke“ usw. setzen. Dass dies möglich ist, beweist die teilweise bereits vorhandene kapitalistische Erfahrung, insbesondere die landwirtschaftliche Erfahrung Dänemarks, wo sogar die Hühner sich einem Plan und einem Standard unterwerfen mussten, nach Vorschrift in ungeheurer Zahl Eier legen, und zwar von gleicher Größe und gleicher Farbe.
Die Industrialisierung der Landwirtschaft bedeutet die Beseitigung des heutigen Gegensatzes zwischen Dorf und Stadt und folglich auch zwischen Bauer und Arbeiter: Nach ihrer Rolle in der Wirtschaft des Landes, nach den Lebensbedingungen, nach dem kulturellen Niveau müssen sie in einem solchen Maße näher aneinander gebracht werden, dass selbst die Grenzlinie zwischen ihnen verschwindet.
Eine solche Gesellschaft, wo der mechanisierte Feldbau einen gleichberechtigten Teil der Planwirtschaft bilden wird, wo die Stadt die Vorzüge des Dorfes (Geräumigkeit, das Grüne) in sich aufsaugen und das Dorf durch die Vorzüge der Stadt (gepflasterte Wege, elektrische Beleuchtung, Wasserleitung, Kanalisation) bereichert werden wird, d.h. wo die Stadt dem Dorfe nicht mehr gegenübergestellt werden kann, wo der Bauer und der Arbeiter sich in gleichwertige und gleichberechtigte Teilnehmer am einheitlichen Produktionsprozess verwandeln werden – eine solche Gesellschaft wird eben die wahre sozialistische Gesellschaft sein.
Der Weg dazu ist ein langer und schwieriger. Die wichtigsten Marksteine auf diesem Wege bilden die elektrischen Kraftwerke. Sie werden ins Dorf das Licht und die umgestaltende Kraft tragen: gegen die Kraft der Erde – die Kraft der Elektrizität!
Unlängst haben wir das Schatura-Kraftwerk eröffnet, eines unserer besten Bauten, errichtet im Torfmorast. Von Moskau bis Schatura sind es etwas über 100 Kilometer. Man könnte meinen, dass sie sich die Hand reichen könnten. Und doch, welcher Unterschied der Verhältnisse! Moskau – die Hauptstadt der kommunistischen Internationale. Einige Dutzend Kilometer weiter aber – Öde, Schnee und Tannenwald, zugefrorene Sümpfe und Tiere. Schwarze Holzhäuschen-Dörfer, die unter dem Schnee schlummern. Vom Fenster des Wagens aus ist manchmal eine Wolfsspur zu sehen. Dort, wo heute das Schatura-Kraftwerk steht, hausten vor einigen Jahren, als man an den Bau ging, Elche. Jetzt ist die Strecke zwischen Moskau und Schatura mit Eisengittermasten von eleganter Konstruktion bedeckt, die Leitungsdrähte für eine Stromstärke von 150.000 Volt tragen. Und unter diesen Masten werden die Füchsinnen und Wölfinnen diesen Frühling ihre Jungen werfen. So ist auch unsere ganze Kultur beschaffen – aus extremen Widersprüchen, aus den höchsten Errungenschaften der Technik und des verallgemeinernden Gedankens einerseits, und aus der urtümlichen Taiga andererseits.
Für Schatura ist der Torf gleichsam das Grasfutter. Wahrlich alle von der kindlichen Einbildung der Religion und selbst von der schöpferischen Phantasie der Dichtkunst geschaffenen Wunder verblassen vor dieser einfachen Tatsache: Maschinen, die einen winzigen Raum einnehmen, fressen den jahrhundertealten Morast, verwandeln ihn in unsichtbare Energie und geben sie auf leichten Leitungsdrähten derselben Industrie zurück, die diese Maschinen geschaffen und aufgestellt hat.
Schatura ist eine Schönheit. Es schufen sie ihrer Sache ergebene und begabte Baumeister. Es ist kein Flittergold, keine Talmi-Schönheit, sondern eine, die aus den inneren Eigenschaften und den Bedürfnissen der Technik selbst herauswächst. Das höchste und einzige Kriterium der Technik ist die Zweckmäßigkeit. Der Prüfstein für die Zweckmäßigkeit ist die Wirtschaftlichkeit. Letztere aber setzt voraus die größtmögliche Übereinstimmung der Teile mit dem Ganzen, der Mittel mit dem Zweck.
Das wirtschaftlich-technische Kriterium fällt vollständig zusammen mit dem ästhetischen. Man kann sagen, und das wird kein Paradox sein: Schatura ist deswegen eine Schönheit, weil die Kilowattstunde in Schatura billiger ist als die Kilowattstunde anderer Werke, die unter ähnlichen Bedingungen gebaut wurden.
Schatura steht auf einem Morast. Es gibt viele Sümpfe bei uns in der Sowjetunion, viel mehr als Kraftwerke. Es gibt bei uns auch viele andere Arten von Brennstoff, die auf ihre Verwandlung in motorische Kraft warten.
Durch den reichsten Industriebezirk des Südens fließt der Dnjepr, die gewaltige Kraft seines Druckes umsonst vergeudend, schäumend eilt er über die jahrhundertealten Stromschnellen hinweg und wartet auf den Augenblick, wo wir seinen Strom durch einen Damm bändigen und ihn zwingen werden, Städte, Fabriken und Felder zu beleuchten, zu bewegen, zu bereichern. Und wir werden ihn zwingen!
In den Vereinigten Staaten von Nordamerika entfallen auf jeden Einwohner jährlich 500 Kilowattstunden elektrischer Energie, bei uns nur 20 Kilowattstunden, das ist 25-mal weniger. An mechanischer Motorkraft überhaupt entfällt bei uns pro Kopf 50-mal weniger als in den Vereinigten Staaten. Das Sowjetsystem, verbunden mit amerikanischer Technik, das wird der Sozialismus sein.
Unsere Gesellschaftsordnung wird der amerikanischen Technik eine andere, unvergleichlich zweckmäßigere Verwendung geben. Aber die amerikanische Technik wird auch unsere Ordnung umgestalten, sie wird sie von dem Erbe der Rückständigkeit, der Primitivität, der Barbarei befreien. Aus der Kombination der Sowjetordnung mit der amerikanischen Technik wird eine neue Technik und eine neue Kultur entstehen, eine Technik und Kultur für alle, ohne Bevorzugung oder Ausgrenzung.
Das „Conveyer“-Prinzip der sozialistischen Wirtschaft
Das Prinzip der sozialistischen Wirtschaft ist die Harmonie, d. h. die Kontinuität, beruhend auf innerer Übereinstimmung. Technisch findet dieses Prinzip seinen höchsten Ausdruck im Conveyer. Was ist ein Conveyer? Ein endloses Fließband, das dem Arbeiter alles, was im Verlauf der Arbeit erforderlich ist, zuträgt bzw. von ihm fortträgt.
Es ist jetzt schon allgemein bekannt, dass Ford sich einer Kombination von Conveyers bedient, als Mittel des inneren Transports: der Zuleitung und Weiterleitung. Aber das Conveyer ist etwas mehr: Es ist eine Methode der Regelung des Produktionsprozesses selbst, soweit der Arbeiter gezwungen ist, seine Bewegungen der Bewegung des endlosen Fließbands anzupassen. Der Kapitalismus nützt das aus, um eine größere und vollkommenere Ausbeutung des Arbeiters herbeizuführen.
Doch eine derartige Ausnutzung ist mit dem Kapitalismus verbunden, nicht aber mit dem Conveyer selbst. In der Tat, nach welcher Seite geht die Entwicklung der Methoden der Arbeitsregelung: nach der Seite des Akkordlohnes oder nach der Seite des Conveyers? Alles spricht dafür, dass es nach der Seite des Conveyers geschieht.
Der Akkordlohn, wie jede Art der individuellen Kontrolle der Arbeit, ist für den Kapitalismus der ersten Entwicklungsepochen charakteristisch. Auf diesem Wege wird die völlige physiologische Leistungsfähigkeit des einzelnen Arbeiters zwar erreicht, nicht aber die Übereinstimmung der Leistungen der verschiedenen Arbeiter. Diese beiden Aufgaben löst automatisch das Fließband.
Die sozialistische Organisation der Wirtschaft muss danach streben, die physiologische Belastung des einzelnen Arbeiters, entsprechend dem Wachstum der technischen Kraft, herabzusetzen, unter gleichzeitiger Beibehaltung der Übereinstimmung der Leistungen der verschiedenen Arbeiter. Darin eben wird die Bedeutung des sozialistischen Fließbands liegen, im Unterschied zum kapitalistischen, konkreter gesprochen, es kommt hier darauf an, die Bewegung des Bandes bei der gegebenen Zahl der Arbeitsstunden zu regeln, oder umgekehrt, die Arbeitszeit bei gegebener Schnelligkeit des Bandes zu regeln.
Unter dem kapitalistischen System lässt sich das Conveyer im Rahmen eines Einzelbetriebes als Mittel des inneren Transports verwirklichen. Das Conveyer-Prinzip an sich ist jedoch viel weitergehender. Jeder einzelne Betrieb erhält von außen Rohstoffe, Brennstoffe, Hilfsmaterialien und ergänzende Arbeitskraft. Die Beziehungen zwischen den einzelnen Unternehmungen, und seien es auch riesenhafte, werden durch die Gesetze des Marktes geregelt, allerdings in vielen Fällen durch allerhand dauernde Vereinbarungen eingeschränkt. Aber jeder Betrieb für sich, und noch mehr die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, ist daran interessiert, dass der Rohstoff rechtzeitig geliefert wird, nicht zu lange auf Lager bleibt, aber auch, dass in der Produktion keine Unterbrechung eintritt, d. h. mit anderen Worten, dass der Rohstoff nach dem Conveyer-Prinzip zugestellt wird, in voller Übereinstimmung mit dem Rhythmus der Produktion. Dabei braucht man sich keineswegs das Conveyer unbedingt als endlos laufendes Band vorzustellen. Die Formen desselben können unendlich verschiedenartig sein.
Die Eisenbahn, wenn sie planmäßig arbeitet, d.h. ohne unnützes Hin- und Hertransportieren, ohne saisonmäßige Anhäufung der Frachten, kurz ohne die Elemente der kapitalistischen Anarchie – und unter dem Sozialismus wird eben die Eisenbahn so arbeiten – wird ein mächtiges Conveyer sein, durch welches die rechtzeitige Belieferung der Betriebe mit Rohstoff, Brennstoff, mit Materialien und Menschen erreicht werden wird. Dasselbe gilt für die Dampfer, Lastwagen usw.
Alle Arten der Verkehrsmittel werden vom Standpunkt der Planwirtschaft als Ganzes Elemente des Transportes innerhalb der Produktion werden. Das Petroleumleitungsrohr ist eine Art Conveyer für flüssige Körper. Je ausgedehnter das Netz solcher Leitungsrohre ist, umso weniger braucht man Vorratsreservoire, ein umso geringerer Teil des Petroleums verwandelt sich dann in totes Kapital.
Das Conveyer-System setzt keineswegs die Zusammenballung der Betriebe voraus. Im Gegenteil, die moderne Technik ermöglicht vielmehr ihre Zerstreuung, selbstverständlich nicht eine chaotische und zufällige, sondern unter strenger Berücksichtigung des günstigsten Standortes für jeden einzelnen Betrieb. Die Möglichkeit einer weitgehenden Zerstreuung der Industriebetriebe, ohne die es unmöglich ist, die Stadt im Dorfe und das Dorf in der Stadt aufgehen zu lassen, wird in gewaltigem Maße durch die elektrische Energie als motorische Kraft gesichert. Der metallene Leitungsdraht stellt das vollkommenste energetische Conveyer dar, das die Möglichkeit gibt, die motorische Kraft in kleinste Teilchen zu zerstückeln, sie in Bewegung zu setzen und durch eine einfache Umdrehung des Schalters auszuschalten. Gerade durch diese seine Eigenschaften stößt das energetische „Conveyer“ in der heftigsten Weise mit den Schranken des Privateigentums zusammen. Die Elektrizität in ihrer heutigen Entwicklung ist der am meisten „sozialistische“ Teil der Technik. Und das ist nicht verwunderlich: Es ist ihr fortgeschrittenster Teil.
Die gigantischen Meliorationssysteme – zur richtigen Bewässerung und Entwässerung – sind von diesem Standpunkt aus Wasserconveyer der Landwirtschaft. Je mehr die Chemie, der Maschinenbau und die Elektrifizierung den Feldbau von den Wirkungen der Naturelemente befreien wird, indem sie seine höchste Planmäßigkeit sicherstellt, um so vollständiger wird die heutige „Landwirtschaft“ dem System des sozialistischen Conveyers angeschlossen werden, das die gesamte Produktion, angefangen vom Untergrund (Gewinnung von Erz und Kohle) und vom Boden (Aufackerung und Bebauung der Felder), regelt und in Übereinstimmung bringt.
Der alte Ford versucht auf seinem Conveyer-Experiment so etwas wie eine Gesellschaftsphilosophie aufzubauen. Bei diesem seinem Versuch ist äußerst interessant die Verbindung einer ihrem Schwunge nach einzig dastehenden Produktions- und Administrationserfahrung mit der unerträglichen Borniertheit des selbstzufriedenen Philisters, der, obwohl Milliardär geworden, doch nur ein reich gewordener Kleinbürger geblieben ist. Ford sagt: „Wenn ihr Reichtum für euch und Wohlfahrt für die Mitbürger wollt, so handelt wie ich.“ Kant forderte von jedem Menschen ein solches Verhalten, dass es zur Norm für andere werden kann. In philosophischem Sinne ist Ford Kantianer.
Aber praktisch ist für die 200.000 Arbeiter Fords nicht das Verhalten Fords die Norm, sondern die Bewegung seines automatisierten Förderbands: Dieses bestimmt den Rhythmus ihres Lebens, die Bewegung ihrer Hände, ihrer Beine und Gedanken. Für die „Wohlfahrt der Mitbürger“ ist es notwendig, den Fordismus von Ford zu trennen, ihn zu vergesellschaften und zu läutern. Das eben wird der Sozialismus tun.
„Was ist nun aber mit der Eintönigkeit der Arbeit, die durch das laufende Band entpersönlicht und entseelt wird?“, fragt einer der Zuhörer. Diese Befürchtung ist nicht berechtigt. Wenn man sie bis zu Ende durchdenkt und ausspricht, so richtet sie sich gegen die Arbeitsteilung und gegen die Maschine überhaupt. Das ist ein reaktionärer Weg.
Der Sozialismus hatte mit den Maschinenstürmern nichts gemein und wird es auch nicht haben. Die grundlegende, hauptsächliche, wichtigste Aufgabe besteht darin, die Not zu erschlagen. Notwendig ist, dass die menschliche Arbeit ein möglichst großes Quantum von Produkten liefert: Brot, Schuhwerk, Kleidung, Zeitungen; alles, was man braucht, muss in einer solchen Menge vorhanden sein, dass keiner zu fürchten braucht, es könnte daran fehlen. Man muss die Not erschlagen und mit ihr die Habgier. Man muss Wohlstand, Muße und damit Lebensfreude für alle erkämpfen.
Eine hohe Arbeitsproduktivität ist ohne Mechanisierung und Automatisierung, deren vollendeter Ausdruck das Conveyer ist, unerreichbar. Die Eintönigkeit der Arbeit wird aufgehoben werden durch die Verkürzung ihrer Dauer und ihre steigende Leichtigkeit. In der Gesellschaft wird es immer solche Industriezweige geben, die persönlicher Schaffenskraft bedürfen – und dahin werden jene gehen, die sich für diese Produktion berufen fühlen. Hier handelt es sich aber um den Grundtypus der Produktion in ihren wichtigsten Zweigen, wenigstens so lange, als die neue chemische und energetische Revolution in der Technik die heutige Mechanisierung nicht umgestürzt hat. Doch die Sorge darüber wollen wir der Zukunft überlassen. Eine Überfahrt im Ruderboot erfordert größere persönliche Anstrengung. Die Überfahrt auf einem Dampfer ist „eintöniger“, aber bequemer und sicherer. Überdies kann man mit einem Boot den Ozean überhaupt nicht überqueren. Wir müssen aber den Ozean menschlicher Not überqueren.
Es ist allgemein bekannt, dass die physischen Bedürfnisse viel begrenzter sind als die Geistigen. Eine übermäßige Befriedigung der physischen Bedürfnisse führt rasch zur Übersättigung. Die geistigen Bedürfnisse kennen keine Grenzen. Aber zum Aufblühen der geistigen Bedürfnisse ist die vollständige Befriedigung der physischen Bedürfnisse erforderlich. Selbstverständlich können wir den Kampf um die Erhöhung des geistigen Niveaus der Massen nicht auf die Zeit verschieben, wo es bei uns keine Arbeitslosigkeit, keine Obdachlosigkeit und kein Elend mehr geben wird. Alles, was getan werden kann, muss geschehen.
Es wäre aber klägliche und jämmerliche Phantasterei, zu denken, wir könnten eine wahrhaft neue Kultur schaffen, bevor wir Wohlstand, Überfluss und Muße für die Volksmassen gesichert haben. Eine Kontrolle unserer Erfolge müssen und werden wir anhand des Querschnitts des alltäglichen Lebens des Arbeiters und des Bauern vornehmen.
Die kulturelle Revolution
Jetzt, glaube ich, ist es allen klar, dass die Schaffung einer neuen Kultur keine selbständige Aufgabe ist, die abseits von unserer wirtschaftlichen Arbeit und dem sozial-kulturellen Aufbau im Ganzen gelöst wird. Gehört der Handel zur „proletarischen“ Kultur? Abstrakt gesehen, müsste man diese Frage negativ beantworten. Aber der abstrakte Standpunkt ist untauglich. In der Übergangsepoche, und erst recht im Anfangsstadium, in dem wir uns befinden, haben die Produkte die gesellschaftliche Form der Ware, und werden sie noch lange haben. Und mit einer Ware muss man umzugehen wissen, d.h. man muss sie kaufen und verkaufen können. Sonst werden wir aus dem Anfangsstadium zum nächsten übergehen. Lenin sagte: „Erlernt den Handel“, wobei er empfahl, an den europäischen kulturellen Vorbildern zu lernen. Die Kultur des Handels ist, wie wir heute wohl wissen, ein sehr wichtiger Bestandteil der Kultur der Übergangsperiode. Ob wir die Kultur des Handels des Arbeiterstaates und der Genossenschaften als „proletarische Kultur“ bezeichnen werden, weiß ich nicht. Dass dies aber eine Stufe zur sozialistischen Kultur ist, das ist unstrittig.
Als Lenin von der kulturellen Revolution sprach, sah er ihren wesentlichen Inhalt in der Erhöhung des Kulturniveaus der Massen. Das metrische System ist ein Produkt der bürgerlichen Wissenschaft. Aber einer hundertmillionenköpfigen Bauernschaft dieses unkomplizierte Maßsystem beibringen bedeutet ein großes revolutionär-kulturelles Werk vollbringen. Es unterliegt fast keinem Zweifel, dass wir es ohne den Traktor und ohne die elektrische Energie nicht erreichen werden. Der Kultur liegt die Technik zugrunde. Die Revolution in der Technik muss zum entscheidenden Werkzeug der kulturellen Revolution werden.
In Bezug auf den Kapitalismus sagen wir, dass die Entwicklung der Produktivkräfte auf die gesellschaftlichen Formen des bürgerlichen Staates und des bürgerlichen Eigentums trifft. Nachdem wir die proletarische Revolution vollbracht haben, sagen wir: Die Entwicklung der gesellschaftlichen Formen trifft auf die Entwicklung der Produktivkräfte, d. h. auf die Technik. Das große Kettenglied, das man festhalten muss, um die kulturelle Revolution vollbringen zu können, ist das der Industrialisierung – und keineswegs das der Literatur und der Philosophie.
Ich hoffe, dass diese Worte nicht als Missgunst oder Missachtung gegenüber der Philosophie und der Dichtkunst verstanden werden. Ohne den verallgemeinernden Gedanken und ohne die Kunst wäre das menschliche Leben öde und armselig. Aber so ist ja heute in großem Maße das Leben von Millionen.
Die kulturelle Revolution muss darin bestehen, diesen Massen die Möglichkeit eines wirklichen Anschlusses an die Kultur und nicht an deren erbärmliche Reste zu eröffnen. Das aber ist unmöglich ohne Schaffung der allerhöchsten materiellen Voraussetzungen. Deswegen ist für uns im gegenwärtigen Moment eine Maschine, die automatisiert Flaschen herstellt, ein Faktor ersten Ranges der kulturellen Revolution, während ein Heldengedicht nur zehntrangig ist.
Marx sagte einmal von den Philosophen, dass sie die Welt genügend interpretiert haben, dass es aber darauf ankommt, sie zu verändern. In diesen Worten lag keineswegs eine Missachtung gegenüber der Philosophie. Marx selbst war einer der bedeutendsten Philosophen aller Zeiten. Seine Worte bedeuteten lediglich, dass die weitere Entwicklung der Philosophie, wie aller Kultur überhaupt, der materiellen sowohl wie der geistigen, einen Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse erheischt. Und deshalb appellierte Marx von der Philosophie an die proletarische Revolution – nicht gegen die Philosophie, sondern für sie.
In ähnlicher Weise können wir heute sagen: Es ist gut, wenn die Dichter von der Revolution und dem Proletariat singen; aber noch besser singt eine mächtige Turbine. Gedichte von mittelmäßigem Wert, die im Besitz kleiner Kreise bleiben, gibt es bei uns viele, Turbinen aber furchtbar wenig. Ich will damit nicht sagen, dass mittelmäßige Verse das Erscheinen von Turbinen hindern. Nein, das kann man durchaus nicht behaupten. Aber eine richtige Orientierung der öffentlichen Meinung, d.h. ein Verstehen des wirklichen Wechselverhältnisses der Erscheinungen – was und wozu – ist absolut notwendig.
Die kulturelle Revolution muss man verstehen nicht im oberflächlich-idealistischen Sinne und nicht in dem eines kleinen Zirkels. Es handelt sich um die Änderung der Lebensbedingungen, der Arbeitsmethoden und der Lebensgewohnheiten eines großen Volkes, ja einer ganzen Familie von Völkern. Nur ein mächtiges Traktorensystem, das zum ersten Mal in der Geschichte dem Bauern erlauben wird, den Rücken gerade aufzurichten; nur eine Glasblasmaschine, die Hunderttausende von Flaschen herstellt und die Lungen des Glasbläsers befreit; nur eine Turbine von hundert- und aberhunderttausend PS; nur ein allen zugängliches Flugzeug – nur das alles zusammengenommen wird die kulturelle Revolution nicht für eine Minderheit, sondern für alle sicherstellen. Und nur eine solche kulturelle Revolution wird diesen Namen verdienen. Nur auf ihrer Grundlage wird die neue Philosophie und die neue Kunst erblühen.
Marx sagte: „Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse dieser Zeit.“ Das ist richtig auch in Bezug auf das Proletariat, aber in ganz anderer Weise als in Bezug auf andere Klassen. Die Bourgeoisie trachtete, nachdem sie die Macht erobert hatte, diese zu verewigen. Ihre ganze Kultur war darauf ausgelegt.
Das Proletariat, das die Macht erobert hat, muss unvermeidlich danach streben, die Periode seiner Herrschaft möglichst abzukürzen und näher an die klassenlose sozialistische Gesellschaft heranzukommen.
Die Kultur der Sitten
Kulturell Handel treiben heißt insbesondere nicht betrügen, d.h. mit der nationalen Handelstradition brechen: Betrügst du nicht – verkaufst du nicht.
Lüge und Betrug ist nicht nur persönliches Laster, sondern eine Funktion (oder Aktion) gesellschaftlicher Natur. Die Lüge ist ein Kampfmittel und ergibt sich also aus dem Widerspruch der Interessen, die grundlegenden Widersprüche entspringen folglich den Wechselbeziehungen der Klassen. Man kann freilich sagen, dass der Betrug älter ist als die Klassengesellschaft. Schon die Tiere gebrauchen „List“ und betrügen im Kampf ums Dasein. Im Leben der Urvölker spielte der Betrug – die Kriegslist – keine geringe Rolle. Ein derartiger Betrug ergibt sich noch mehr oder weniger unmittelbar aus dem animalischen Kampf ums Dasein. Doch hat sich die Lüge, seitdem sich die „zivilisierte“, d.h. die Klassengesellschaft gebildet hat, um ein Vielfaches verkompliziert, sie wurde zur sozialen Funktion, spiegelte sich nach Klassenlinien und wurde auch zum Bestandteil der menschlichen „Kultur“. Aber es ist jener Teil der Kultur, den der Sozialismus nicht übernehmen wird.
Die Beziehungen innerhalb der sozialistischen bzw. der kommunistischen Gesellschaft, d.h. ihrer höchsten Entwicklung, werden äußerst durchsichtig sein und keine derartigen Hilfsmittel wie Betrug, Lüge, Fälschung, Verfälschung, Verrat und Treubruch benötigen.
Bis dahin ist es jedoch noch weit. In unseren Beziehungen und Sitten gibt es noch eine Menge an Lüge – sowohl feudalen wie bürgerlichen Ursprungs. Der höchste Ausdruck der feudalen Ideologie war die Religion. Die Wechselbeziehungen der feudal-monarchischen Gesellschaft beruhten auf uralter Tradition und gingen auf religiöse Mythen zurück. Die Mythen sind eine falsche Deutung der Naturerscheinungen sowie der gesellschaftlichen Institutionen in ihrem Zusammenhange. Indessen haben nicht nur die Betrogenen, d. h. die unterdrückten Massen, sondern auch jene, in deren Namen der Betrug geschah – die Herrschenden – in ihrer Mehrzahl an die Mythen geglaubt, sie stützten sich gutgläubig auf diese. Eine objektiv verlogene Ideologie, gesponnen aus Aberglauben, braucht noch nicht notwendig eine subjektive Verlogenheit zu sein. Nur in dem Maße, wie die gesellschaftlichen Beziehungen komplizierter werden, d.h. in dem Maße der Entwicklung der bürgerlichen Ordnung, mit der die religiösen Mythen in einen immer wachsenden Widerspruch geraten, wird die Religion zur Quelle immer größerer Kniffe und kunstvollen Betrugs.
Die entfaltete bürgerliche Ideologie ist rationalistisch und richtet sich gegen die Mythologie. Die radikale Bourgeoisie versuchte, ohne Religion auszukommen und den Staat auf der Vernunft, und nicht auf der Tradition aufzubauen. Das kam in der Demokratie mit ihren Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zum Ausdruck. Die kapitalistische Ökonomie erzeugte jedoch einen ungeheuren Widerspruch zwischen der alltäglichen Wirklichkeit und den demokratischen Prinzipien. Um diesen Widerspruch zu verkleistern, bedarf es einer Lüge höheren Rangs. Nirgends wird politisch so gelogen wie in den bürgerlichen Demokratien. Das ist bereits nicht mehr die objektive „Lüge“ der Mythologie, sondern der bewusst organisierte Volksbetrug mit Hilfe kombinierter Mittel von außerordentlicher Kompliziertheit. Die Technik der Lüge wird nicht minder kultiviert wie die Technik der Elektrizität. Die verlogenste Presse gibt es in den höchst „entwickelten“ Demokratien in Frankreich und den Vereinigten Staaten.
Aber gleichzeitig – das muss offen zugegeben werden – wird in Frankreich der Handel gewissenhafter betrieben als bei uns und jedenfalls unvergleichlich rücksichtsvoller gegenüber dem Käufer.
Nachdem die Bourgeoisie ein gewisses Niveau des Wohlstandes erreicht hat, verzichtet sie auf die Gaunermethoden der ursprünglichen Akkumulation – nicht aus irgendwelchen abstrakten sittlichen Erwägungen heraus, sondern aus materiellen Gründen: Der kleine Betrug, die Fälschung, das Übervorteilen schädigen den Ruf des Unternehmens und untergraben seine Zukunft. Die Grundsätze des „ehrbaren“ Handels, die sich aus den Interessen des Handels selbst auf einer gewissen Stufe seiner Entwicklung ergeben, werden zur Sitte, verwandeln sich in „sittliche“ Regeln und werden von der öffentlichen Meinung kontrolliert.
Der imperialistische Krieg hat allerdings auch in dieses Gebiet kolossale Veränderungen gebracht und Europa weit zurückgeworfen. Aber die „Stabilisierungs“-Anstrengungen des Kapitalismus der Nachkriegszeit haben die bösartigsten Erscheinungen der Verwilderung des Handels überwunden. Jedenfalls, wenn man unseren Sowjethandel in seinem ganzen Umfange nimmt, d.h. von der Fabrik bis zu dem Verbraucher des entlegenen Dörfchens, wird man sagen müssen, dass wir immer noch unvergleichlich weniger kulturell den Handel betreiben als die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder. Das kommt von der Armut, von dem Warenmangel, von der ökonomischen und kulturellen Rückständigkeit.
Das Regime der proletarischen Diktatur steht sowohl der objektiv verlogenen Mythologie des Mittelalters als auch der bewussten Verlogenheit der kapitalistischen Demokratie unversöhnlich feindlich gegenüber. Das revolutionäre Regime hat ein ureigenes Interesse daran, die gesellschaftlichen Beziehungen zu enthüllen, anstatt sie zu verschleiern. Das bedeutet, dass es an politischer Wahrhaftigkeit interessiert ist, daran, dass ausgesprochen wird, was ist. Man darf aber nicht vergessen, dass das Regime der revolutionären Diktatur ein Übergangsregime und folglich ein widerspruchsvolles ist. Das Vorhandensein mächtiger Feinde zwingt zur Kriegslist, und List ist von der Lüge untrennbar. Notwendig ist nur, dass die List im Kampf gegen die Feinde die eigenen Leute, d.h. die werktätigen Massen und ihre Partei, nicht irreführe. Das ist die grundlegende Forderung der revolutionären Politik, die sich wie ein roter Faden durch die ganze Arbeit Lenins zieht.
Wenn aber unsere neuen staatlich-gesellschaftlichen Formen die Möglichkeit und Notwendigkeit der höchsten Ehrlichkeit schaffen, die jemals in den Beziehungen zwischen Regierenden und Regierten erreicht wurde, so lässt sich das noch keineswegs sagen von unsren alltäglichen Sitten- und Lebensbeziehungen, auf denen die ökonomische und kulturelle Rückständigkeit – und überhaupt das ganze Erbe der Vergangenheit – nach wie vor mit ungeheurer Schwere lastet. Wir leben viel besser als 1920. Doch der Mangel an den notwendigsten Lebensgütern drückt immer noch unserem Leben und unseren Sitten einen schweren Stempel auf und wird ihn auch noch während vieler Jahre aufdrücken. Daraus ergeben sich die großen und kleinen Widersprüche, die großen und kleinen Missverhältnisse, der mit den Widersprüchen verbundene Kampf und die mit dem Kampf verbundene List, Lüge und der Betrug. Auch hier gibt es nur einen Ausweg: Erhöhung der Technik, der Produktions- wie der Handelstechnik. Die richtige Orientierung in dieser Richtung wird schon von selbst zur Verbesserung der „Sitten“ beitragen. Die Wechselwirkung der sich erhöhenden Technik und der Sitten wird uns vorwärts führen auf dem Wege zu einer Gesellschaftsordnung von zivilisierten Genossenschaftern, d. h. zur sozialistischen Kultur.
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