Von Alan Woods.
Erschienen in: In Verteidigung des Marxismus Nr. 4, Mai 2022.
Der Hauptartikel dieser Ausgabe beschäftigt sich mit einer Frage, die in letzter Zeit sicher nicht wenigen Leuten durch den Kopf geht. Nämlich: Wenn das, was ihr sagt, wahr ist und das kapitalistische System in einer tiefen Krise steckt, warum gab es dann noch keine sozialistische Revolution?
Es wäre natürlich leicht, eine solche Frage einfach als naiv abzustempeln. Dabei wirft sie wichtige theoretische Fragen auf, die eine Antwort verdienen. Dazu kann der Artikel hoffentlich – zumindest teilweise – beitragen.
Um die Stoßrichtung dieses Artikels zu untermauern, veröffentlichen wir Trotzkis Meisterwerk „Klasse, Partei und Führung“. Es wurde 1940 als Reaktion auf diejenigen Pseudomarxisten verfasst, die die angebliche Unreife der Arbeiterklasse für das Scheitern der Spanischen Revolution verantwortlich machten. Wir veröffentlichen außerdem Trotzkis Brief an die Amerikanischen Trotzkisten, in dem er 1929 die Grundlagen des Parteiaufbaus skizzierte.
Während wir aber in Druck gehen, drängt die heute wichtigste Frage alle anderen in den Hintergrund: die entscheidendste Frage von allen, eine Frage von Leben und Tod, die auf die eine oder andere Weise alle Männer, Frauen und Kinder auf diesem Planeten betrifft: Krieg und Frieden.
Krieg und Frieden
Es hat keinerlei Sinn, die Geschichte von einem abstrakt-moralischen Standpunkt zu betrachten. Das wäre in etwa so, als würde man versuchen, die Gesetze der natürlichen Selektion mit den Prinzipien des Vegetarismus in Einklang zu bringen.
Ob es einem gefällt oder nicht: Die ganze Geschichte zeigt, dass alle ernsten Fragen am Ende immer mit Waffengewalt gelöst wurden. Diese grundlegende Tatsache verstand schon der alte Weise Heraklit, der es so formulierte:
„Der Krieg ist der Vater aller Dinge und der König aller. Die einen macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Sklaven, die andern zu Freien.“
Übrigens gelten für den Krieg zwischen den Klassen dieselben Prinzipien wie für den Krieg zwischen Nationen. Es ist unerlässlich, das gut im Hinterkopf zu behalten. Wer das abstreitet, ignoriert bloß die Fakten und führt sich selbst und alle anderen hinters Licht.
So etwas wie einen „humanitären Krieg“ kann es nicht geben. Im Krieg geht es letzten Endes ums Töten. Dem entkommt man nicht. Es ist widerwärtig. Aber es ist trotzdem ein Faktum.
Carl von Clausewitz, der wohl größte Militärstratege aller Zeiten (und Anhänger von Hegel), verstand die Dialektik des Krieges sehr gut. Er legte den Zweck des Krieges sehr prägnant dar:
„Das Gefecht ist die eigentliche kriegerische Tätigkeit. […] Gefecht ist Kampf, und in diesem ist die Vernichtung oder Überwindung des Gegners der Zweck.“
„Was ist die Überwindung des Gegners? Immer nur die Vernichtung seiner Streitkraft, sei es durch Tod oder Wunden oder auf was für eine andere Art, sei es ganz und gar oder nur in einem solchen Maße, daß er den Kampf nicht mehr fortsetzen will. Wir können also […] die Vernichtung des Gegners ganz oder teilweise als den einzigen Zweck aller Gefechte betrachten. […] Wir behaupten, daß die unmittelbare Vernichtung der feindlichen Streitkräfte überall das Vorherrschende ist.“
Das ist also absolut klar. Im Krieg geht es schlichtweg um die Zerstörung der Kräfte des Feindes, damit dieser keinen Widerstand mehr leisten kann und alle Bedingungen akzeptieren muss, die der Sieger ihm diktieren will.
Bevor ein Krieg losgehen kann, müssen die Kriegsparteien eine Flut von Argumenten ersinnen, um die Massen vor den Kriegskarren zu spannen, sie mit allerlei Lügen und Betrügereien davon überzeugen, dass „wir das Opfer sind“, dass „Wahrheit und Gerechtigkeit auf unserer Seite sind“ (so wie auch Gott, der auf wunderliche Weise immer auf der Seite jeder kämpfenden Armee ist).
Dazu ist es immer notwendig zu beweisen, dass die andere Seite den Krieg angefangen hat. Das ist nicht so schwierig, kann man doch immer einen Vorfall konstruieren, wenn gerade keiner zur Hand ist. Außerdem verfügt die herrschende Klasse über eine weitreichende und mächtige Propagandamaschinerie, die umgehend zu diesem Zweck mobilisiert wird.
Tatsächlich sind die Fragen, wer den ersten Schuss abgegeben hat, wer wo eingefallen ist, usw. von nebensächlicher Bedeutung. Sie sagen uns gar nichts über die wahren Ursachen des Konfliktes. Dasselbe gilt für den endlosen Strom an Horrorgeschichten über die barbarischen Gräueltaten (ob real oder erfunden), die der barbarische Feind angeblich begangen hat.
Die erste und wichtigste Wahrheit hat der alte Clausewitz erklärt, als er darauf hingewiesen hat, dass der Krieg eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist.
Der Krieg ist nur eine Fortsetzung der Politik, die die verschiedenen kriegführenden Staaten betrieben haben, bevor die ersten Schüsse abgefeuert wurden. And diese ist nicht von irgendwelchen moralischen Erwägungen bestimmt – nicht vom „nationalen Interesse“ und erst recht nicht von der Verteidigung der Demokratie, den Rechten kleiner Nationen, der Wahrung des Weltfriedens, oder irgendeiner anderen derjenigen zynischen Phrasen, die regelmäßig die wahren Ziele der Räuber und Banditen rechtfertigen sollen. Alle diese schönen Worte verschleiern bloß die Interessen der Banker und Kapitalisten, die die wahren Ursachen für kapitalistische Kriege sind.
Der einzige Unterschied zwischen Frieden und Krieg ist, dass die Interessen der herrschenden Klasse oder Clique im Krieg offener und brutaler zum Ausdruck gebracht werden als zuvor.
Der Ukraine-Konflikt diente als wertvolle Lektion, in dem er die selbsternannten MarxistInnen entlarvt, die sogleich einen internationalistischen Klassenstandpunkt aufgegeben haben und in den ohrenbetäubenden Chor der imperialistischen Propaganda einstimmten.
Es ist ein wahrhaft herrlicher Anblick, wenn Leute, die sich selbst als „Linke“ und (nicht lachen!) „Marxisten“ bezeichnen, sofort in die Falle tappen und die verlogene und heuchlerische Propaganda der herrschenden Klasse schlucken.
Aber die Marxistinnen und Marxisten haben nicht die eine Position für Friedenszeiten und dann eine völlig andere, wenn der Krieg ausbricht. Inmitten dieser Flut an Müll hat nur die International Marxist Tendency (IMT) einen klaren Kopf behalten.
Die nüchternen, klaren Analysen auf marxist.com sind unübertroffen. Sie bieten einen beständigen Orientierungspunkt für die klassenbewussten Arbeiter und Jugendlichen auf der ganzen Welt, die das revolutionäre Banner des proletarischen Internationalismus hochhalten.
Unser Slogan ist jener von Lenin: „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“
Lenin in London
Diese Ausgabe enthält auch einen interessanten Artikel von Genosse Rob Sewell. In dem widmet er sich der Widerlegung der neuesten Publikation in einer nicht enden wollenden Reihe von verleumderischen Büchern von bürgerlichen Intellektuellen, die vorgeben, sich mit Aspekten des Lebens von Lenin zu befassen.
Wie üblich sind die Verleumdungen so schlecht, dass sie zeitweise ins Lächerliche abgleiten. Wir erinnern uns an die Worte von Prinz Hal, als er von den Lügen des Trunkenbolds Falstaff spricht:
„Diese Lügen sind wie der Vater, der sie erzeugt, groß und breit, wie Berge, offenbar, handgreiflich.“ (William Shakespeare, König Heinrich IV. Erster Teil, Zweiter Aufzug, Vierte Szene)
Doch der Urheber dieser Lügen ist nicht so unterhaltsam wie Sir John Falstaff. Er gehört zu der Art runzeliger, verknöcherter Bücherwürmer, die in manchen Kreisen als Intellektuelle durchgehen, deren einziges Geschick aber darin besteht, alte, staubige Manuskripte zu durchstöbern, um darin ein paar klägliche Informationsfetzen zu finden und diese dem nichtsahnenden Publikum dann als „erstaunliche, brandneue Entdeckungen“ zu übergeben.
Rob legt meisterhaft dar, dass in diesem Buch keinerlei neue Entdeckungen enthalten sind. Das einzige erstaunliche ist die unglaubliche Arroganz eines Mannes, dessen giftige Bosheit gegenüber dem großen Russischen Revolutionär nur noch von der Tiefe seiner Ahnungslosigkeit vom eigentlichen Gegenstand, von dem er behauptet so viel zu wissen, übertroffen wird.
„Diplomierte Lakaien der Pfafferei“
Lenin führte zeit seines Lebens einen erbarmungslosen Kampf gegen sogenannte Intellektuelle und bürgerliche Universitätsprofessoren, die – von den Wirtschaftswissenschaften bis zur Philosophie – ausgezogen sind, um den Marxismus zu „widerlegen“. Er bezeichnete sie – mit den Worten des deutschen Sozialisten Josef Dietzgen – treffenderweise als nichts anderes als „diplomierte Lakaien der Pfafferei“.
Seit Lenins Zeiten hat sich nicht viel geändert, wie wir dem vorliegenden Artikel von Joe Attard entnehmen können. Er zeichnet darin den offensichtlichen Verfall des New Scientist, einem einst renommierten britischen Magazin, nach.
Ich erinnere mich daran, wie mein alter Freund und Lehrer Ted Grant, als er noch am Leben war, ein Abo vom New Scientist hatte und sich immer darauf freute, es gemeinsam mit der Financial Times und dem Morning Star zu lesen. Sicher musste er sich oft über manche der idealistischen und mystischen Artikel ärgern, die ab und zu veröffentlicht wurden. Aber es gab auch einiges an interessantem und lehrreichem Material, aus dem man lernen konnte.
Schade! Das ist vorbei! Heutzutage ist der New Scientist in den Untiefen des postmodernen Misthaufens gelandet. Er hat aufgehört, ein seriöses wissenschaftliches Magazin zu sein und ist zu einem bloßen Propagandafetzen für einen subjektiven Idealismus der schlimmsten Sorte geworden. Genosse Joe hat der Bewegung einen großen Dienst erwiesen, indem er ihn als den Schwindel entlarvte, der er ist.
Alan Woods,
London ,29. März 2022
1 Kommentar zu „Krieg und Frieden (Editorial IVdM Nr. 4)“
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