Von Alan Woods
Der österreichische Marxist Ernst Fischer hat ein überaus interessantes Buch mit dem Titel Von der Notwendigkeit der Kunst geschrieben. Über die Jahre hinweg hat meine Bewunderung für das Werk nicht abgenommen.
Natürlich muss man nicht mit jeder Aussage darin übereinstimmen. Dennoch enthält es tiefgründige Erkenntnisse. Etwa: „[Kunst] ist unentbehrlich, damit der Mensch imstande sei, die Welt zu erkennen und zu verändern – aber auch unentbehrlich durch die ihr immanente Zauberei.“[1]
Wie sind diese Worte zu verstehen?
Stell dir nur für einen Augenblick eine Welt ohne Kunst, ohne Farben, ohne Musik, Tanzen oder Singen vor. So eine Welt wäre unerträglich – ein düsterer und trauriger Ort, selbst wenn es in dieser Welt ausreichend Nahrung, Wohnraum und Gesundheitsfürsorge für alle gäbe.
Das Leben wäre bedeutungslos ohne das Streben nach etwas Höherem, Erhabenerem, Schönerem als die elendige Realität des Alltags.
Eine leblose Vorstellung vom Marxismus
Dem Marxismus wird häufig vorgeworfen, ein lebloses Dogma zu sein, welches sich nur mit ökonomischen Analysen befasst. Das ist komplett falsch. Der Historische Materialismus geht davon aus, dass die Lebensfähigkeit eines jeden sozio-ökonomischen Systems letztlich durch seine Fähigkeit, die Produktivkräfte weiterzuentwickeln, bestimmt wird.
Das ist zweifelsohne korrekt. Von dieser allgemeinen Aussage jedoch abzuleiten, dass die komplexe und widersprüchliche Evolution unserer Spezies allein auf ökonomische Faktoren reduziert werden kann, ist offensichtlich absurd.
Der Materialismus versucht, die vielfältigen Verbindungen zwischen allen Formen des Denkens – darunter auch Kunst und Religion – mit dem realen Leben der Menschen, also mit ihrer sozialen Existenz, zu ergründen.
Letztendlich zeigt sich durch diese Untersuchung, dass Veränderungen in unserer Denkweise ihren Ursprung in Veränderungen in der Gesellschaft haben. Die Beziehungen zwischen Denken und gesellschaftlichem Sein sind aber weder automatisch noch mechanisch; sie sind komplex und widersprüchlich, in einem Wort: dialektisch.
Ganz im Gegensatz zu den Illusionen der Idealisten, die meinen, dass die gesamte Geschichte der Menschheit durch die Macht der Ideen und (was nur eine Weiterführung dieser ursprünglichen Annahme ist) durch das Handeln großartiger Individuen bestimmt wird, ist der menschliche Verstand grundsätzlich konservativ und hinkt den Ereignissen hinterher.
Genau dieses anhaltende Hinterherhinken des Bewusstseins und die Entwicklung der Gesellschaft, die angetrieben wird durch die Anforderungen der Produktivkräfte und andere von unserem Willen unabhängige Faktoren, erklärt die Notwendigkeit von sozialen (und auch künstlerischen) Revolutionen.
Zwei Arten der Kultur
Über die gesamte Geschichte der sogenannten Zivilisation – das heißt der Klassengesellschaften – hinweg waren die herrschenden Ideen diejenigen der herrschenden Klassen. Sie haben ein Monopol auf Kultur, von der die große Masse der Bevölkerung systematisch ausgeschlossen ist.
Die Idealisten dagegen verstehen Kunst als einen unabhängigen Ausdruck der menschlichen Seele – als etwas Mysteriöses und Unerklärliches, das aus der Phantasie des Gehirns entspringt, oder als göttliche Eingebung, die vom Himmel herabgestiegen ist.
In der Klassengesellschaft gibt es immer mindestens zwei Arten von Kultur: die herrschende Kultur, die für gewöhnlich die fortschrittlichsten Schulen der Kunst und Literatur umfasst, und eine Parallelkultur, die sich unter den ausgebeuteten Klassen entwickelt.
Wie Plechanow schrieb:
„Derselbe Kapitalismus, der in der Sphäre der Produktion ein Hindernis für die Nutzung aller dem modernen Menschen zur Verfügung stehenden Produktivkräfte darstellt, hemmt auch die Sphäre des künstlerischen Schaffens in seiner Entwicklung.“[2]
Kultur als Werkzeug der Unterdrückung
Das Leben der meisten Menschen ist geprägt von endloser Schufterei in langweiligen Berufen ohne Zukunftsaussichten. Um dem zu entfliehen, flüchten sie sich in die unterschiedlichsten Dinge.
Der französische Dichter Baudelaire schrieb von paradis artificiels – künstlichen Paradiesen wie Drogen und Alkohol, die als bequeme Fluchtwege aus der tödlichen Monotonie des Alltags dienen.[3]
Dann gibt es natürlich noch das ultimative künstliche Paradies, die härteste aller Drogen: die Religion. Sie verspricht den Menschen die verlockende Aussicht auf ein Leben in ewiger Glückseligkeit – nach ihrem Tod.
Trotz der sogenannten Pressefreiheit, dieser vielgepriesenen Säule der bürgerlichen Demokratie, befinden sich heutzutage die wenigen Tageszeitungen unter der rigorosen Kontrolle einiger milliardenschwerer Medienhäuser, diese veröffentlichen hauptsächlich Schrott.
Der angebliche Grund dafür: Die Großkonzerne „geben den Leuten, was sie wollen“. In Wahrheit gibt das Kapital der Öffentlichkeit das, was die Leute ihrer Meinung nach haben sollen. Es füttert sie beständig mit einem Einheitsbrei von Sex, Sport und Skandalen, dazu ein Minimum an Politik und Kultur, das genau auf die Bedürfnisse der Banker und Kapitalisten zugeschnitten ist.
Der Zweck dieser Unterhaltung liegt auf der Hand: Es ist ein Versuch, die Leute davon abzuhalten, über ihre Probleme nachzudenken und für deren Lösung in Aktion zu treten.
Damit sind sie überaus erfolgreich. Der Eifer, mit dem Fußballfans ihre Nationalmannschaft gegen alle anderen unterstützen, stellt ein hervorragendes Mittel dar, die Massen davon abzuhalten, als Klasse gemeinsam gegen die Banker und Kapitalisten in Aktion zu treten.
Das ist nichts Neues. Es ist die moderne Version von „Brot und Spielen“. Denn selbst in Sklavenhaltergesellschaften reichte Brot alleine nie aus, um die Massen in einem Zustand der gehorsamen Verdummung zu halten. Das ist die Funktion der sogenannten Populärkultur.
Die TV-Produktionen bieten ein trauriges Schauspiel des kulturellen und moralischen Bankrotts. Deren Ideenarmut sowie völliger Mangel an Originalität und Inhalt können bei jedem auch nur halbwegs kultivierten Menschen nur ein Gefühl der Langeweile und des Ekels hervorrufen.
Sie stellen eine Beleidigung der menschlichen Intelligenz dar. Aber eine intelligente Öffentlichkeit ist auch das Letzte, was die herrschende Klasse will, denn das wäre gefährlich für sie.
Diese Taktik hat jedoch klare Grenzen. Eines Tages werden dieselben Fußballfans mit noch größerer Leidenschaft für ihre Klasse kämpfen. Wie Friedrich der Große einst sagte: „Wir sind alle verloren, wenn die Bajonette das Denken anfangen.“
Kultur und die Arbeiterklasse
Mir wurde schon oft gesagt, dass die Arbeiterklasse nicht an Kunst und Kultur interessiert sei. Für mich liegt auf der Hand, dass diejenigen, die das behaupten, absolut keine Ahnung von der Arbeiterklasse haben und davon, wie sie denkt und fühlt.
Tatsächlich ist diese Einstellung Ausdruck der tiefsitzenden Arroganz von Intellektuellen aus der Mittelschicht, die von ihrer Überlegenheit gegenüber dem Rest der Menschheit vollends überzeugt sind. Meiner Erfahrung nach verbirgt sich hinter dieser Arroganz aber für gewöhnlich ein erstaunliches Maß an Dummheit und Ignoranz.
Die Klassengesellschaft soll das intellektuelle Potenzial der Arbeitenden ersticken, um sie mit allen Mitteln davon abzuhalten, ein höheres Niveau und Verständnis der Kultur zu erreichen.
Doch der Wissensdurst, der für lange Zeit unterdrückt wurde, tritt immer dann hervor, wenn die Arbeiterklasse zu kämpfen beginnt. Das sieht man in jedem Streik, wo selbst die rückständigsten Schichten der Klasse damit anfangen, nach Ideen zu suchen.
In einer Revolution wird dieser Drang nach Wissen tausendmal deutlicher, wenn die Massen beginnen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und die Gesellschaft zu verändern.
Sie spüren die Unzulänglichkeit des eigenen Wissens und streben danach, zu lernen und zu verstehen. Gerade dieses Streben ist ein Beweis dafür, dass die Massen begonnen haben, ihre alte Sklavenmentalität abzuwerfen und nach etwas Höherem zu streben – der Kultur.
Kapitalismus und Kunst
Im Kapitalismus hat die Entfremdung der Kunst von der Gesellschaft ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht. Echte Kunst wird unterdrückt und geächtet. Sie ist gefangen in einer erstickenden Zwangsjacke, von den Massen getrennt und der eisernen Hand des Marktes unterworfen.
Der englische Dichter Robert Graves erzählt, wie er als junger Mann von einem reichen Geschäftsmann gewarnt wurde, dass in der Poesie kein Geld steckt. Der junge Mann konterte: „Dem mag so sein, aber in Geld steckt keine Poesie.“[4]
In diesem Sinne bemerkte John Ruskin, dass ein Mädchen von ihrer verlorenen Liebe singen kann, aber ein Geizhals nicht von seinem verlorenen Geld. Warum nicht? Weil er mit einem solchen Auftritt kein Mitgefühl, sondern nur lautes Gelächter hervorrufen würde.[5]
In der Poesie können Menschen ihre innersten Gedanken und Gefühle einander mitteilen. Doch ein Kapitalist hat keine Liebe übrig für die Menschheit. Die Menschen sind für ihn nur Mittel zum Zweck – Maschinen zur Erzeugung von Mehrwert.
Das Interesse der Kapitalisten für Kunst wächst umgekehrt proportional zu ihrem Bestreben, in die Entwicklung von Industrie, Wissenschaft und Technik zu investieren und Dinge zu schaffen, die für die Mehrheit der Menschen tatsächlich von Nutzen sind.
Es gibt einen internationalen Markt für Kunst, wo Investoren gierig alles Verfügbare kaufen, häufig zu den absurdesten Preisen.
Das größte Handelszentrum liegt selbstverständlich in den USA und deckt nicht weniger als 42% des Marktes ab. Es ist offensichtlich, dass diese enormen Ausgaben für Kunstwerke herzlich wenig mit Ästhetik zu tun haben.
Die meisten dieser Werke werden nicht gekauft, um ausgestellt zu werden. Sie sind eine wirtschaftliche Investition oder – um das Kind beim Namen zu nennen – Spekulationsobjekte.
Man wird sie niemals öffentlich sehen können und selbst ihre Käufer, meist große Banken und Konzerne, werden sie nicht zu Gesicht bekommen.
Alte Meisterwerke von unschätzbarem Wert, die eigentlich das gemeinsame Eigentum aller sein sollten, liegen verborgen in den Schatzkammern dieser Geizhälse, wo sie nie wieder das Licht der Welt erblicken werden. So wird die Menschheit eines kostbaren Teils ihres kulturellen Erbes beraubt.
Die Vernichtung der Kultur
Im Zeitalter ihres Zerfalls ist die Bourgeoisie dabei, die Kultur vollständig zu zerstören. Der neue allgemeine Schlachtruf nach „Steuersenkungen“ bedeutet staatliche Kürzungen, die selbst jene Ansätze einer halbwegs menschenwürdigen Existenz untergraben, die der herrschenden Klasse in der Vergangenheit so mühevoll abgerungen wurden.
Schulen, Konzertsäle, Theater, öffentliche Bibliotheken: Alles wird kaputtgespart. Es erinnert einen unweigerlich an den berüchtigten Ausspruch, der Göring zugeschrieben wird: „Wenn ich Kultur höre, entsichere ich meinen Browning!“
Das bedeutet jedoch nicht, dass Kultur gar nicht mehr existiert. Unter der Oberfläche kämpfen sich die grünen Triebe weiterhin der Luft und dem Licht entgegen. Aber konstant werden sie von einer dicken Schicht aus Geld, Mäzenatentum und Privilegien blockiert.
Die Galerien, der Kunsthandel, Plattenfirmen und Aufnahmestudios befinden sich in den Händen der Wirtschaftselite.
Hundertausenden Kunstschaffenden wird der Zugang zu den Mitteln der Kultur verwehrt. Ihre Arbeiten werden nie veröffentlicht werden.
Künstler und Künstlerinnen werden während einer Revolution hervortreten können, wenn sie sich von den Fesseln des Großkapitals befreien, das die Kunst unterdrückt.
Für die Kapitalisten haben Kunst, Kultur und Bildung keinen Wert an sich. Sie interessieren sie nur, soweit sie eine Quelle zur Bereicherung derjenigen darstellen, die bereits obszön reich sind. Mit anderen Worten: Kunstwerke sind nur dann von Interesse, wenn sie in Waren verwandelt werden.
Wenn die Bourgeoisie damit durchkommen kann, Schulen und Krankenhäuser zu schließen, um Steuergelder zu sparen, dann werden sie das mit Vergnügen tun. Wenn sie Menschen für öffentliche Dienstleistungen wie Museen, Büchereien oder Kunstgalerien bezahlen lassen können, dann werden sie diese privatisieren. Wenn das nicht genug Geld abwirft, dann schließen sie diese Einrichtungen.
Dass diese „Ansätze“ eine Bedrohung für Kultur und zivilisierte Werte darstellen, wird dabei außer Acht gelassen. Es zählt alleine, dass das Kapital herrscht und ungehindert die gesamte Welt ausplündern darf.
Die Schlussfolgerung ist unausweichlich. Besteht der Kapitalismus fort, stirbt die Kunst. Die Rettung der Kultur und ihre Hebung auf ein höheres Niveau für künftige Generationen ist eine wesentliche Aufgabe des Klassenkampfes.
Die Grundlagen einer höheren Gesellschaft
Wir befinden uns inmitten eines allgemeinen Niedergangs der sogenannten Zivilisation. Das ist das unausweichliche Ergebnis davon, dass das gegenwärtige sozio-ökonomische System seine historische Existenzberechtigung überschritten hat.
Die Zivilisation wird von zwei gigantischen Fesseln zurückgehalten – dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und dem Nationalstaat.
Die gegenwärtige Periode in der Geschichte des Kapitalismus zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es keine großartigen künstlerische Werke, originelles Denken oder Philosophie gibt. Es handelt sich um ein Zeitalter der extremen Oberflächlichkeit, der intellektuellen Armut und der geistigen Leere.
Der Weg zur sozialistischen Revolution wird geebnet durch einen Kampf zur Verteidigung der Errungenschaften von Kunst und Kultur gegen die Bedrohung durch den Verfall und Niedergang des Kapitalismus.
Der Arbeiterklasse kann das Schicksal der Kultur nicht gleichgültig sein. Sie ist das Fundament, auf dem wir eine zukünftige sozialistische Gesellschaft errichten werden. Wir können nicht zulassen, dass die Bourgeoisie dieses zerstört!
Die gesammelten Errungenschaften von 5.000 Jahren der menschlichen Entwicklung müssen verteidigt, geschätzt und bewahrt werden zugunsten unserer Kinder und Enkelkinder.
Kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges schrieb Trotzki ein Manifest über Kunst. Es wurde mit der Unterschrift von André Breton zur Verteidigung der Freiheit der Kunst veröffentlicht. Im Jahr 1938 wurde als Antwort auf das Manifest die FIARI (Internationale Föderation der Unabhängigen Revolutionären Kunst) gegründet.
Hier haben wir ein inspirierendes Vorbild, dem wir folgen sollten!
Künstler, Musiker, Schriftsteller und Intellektuelle! Ihr müsst alle Ängste und Bedenken ablegen und euch mit der Arbeiterklasse im revolutionären Kampf für die Umgestaltung der Gesellschaft und den Aufbau einer neuen, lebenswürdigen Welt vereinen.
Wir laden euch dazu ein, euch dem Kampf für die Kultur und die Errungenschaften der menschlichen Zivilisation und gegen die kapitalistische Barbarei anzuschließen.
Durch eure Taten könnt ihr einen wertvollen Beitrag zum Kampf für die Befreiung der Arbeiterklasse weltweit leisten, welche die Voraussetzung für die Befreiung der Kunst und des kulturellen Lebens von ihren Ketten ist.
Bleibt nicht am Seitenrand stehen!
Zögert nicht!
Nehmt euren rechtmäßigen Platz in den Reihen der Revolutionären Kommunistischen Internationale ein!
London, 15. Mai 2024
[1] Ernst Fischer (1959): Von der Notwendigkeit der Kunst. Dresden, S. 13.
[2] Georgi Plechanow (1981): Selected Philosophical Works. Moskau, S. 456 – eigene Übersetzung.
[3] Vgl. Charles Baudelaire (2002): Les Paradis artificiels, Nimes.
[4] Zit. n. Elizabeth Knowles (1999): The Oxford Dictionary of Quotations. Oxford, S. 349 – eigene Übersetzung.
[5] Vgl. John Ruskin: The Relation of Art to Morals, The Complete Works, Vol. 20. Chicago, S. 46.