In Verteidigung des historischen Materialismus (Editorial IVdM Nr. 2)


Von Alan Woods.
Erschienen in: In Verteidigung des Marxismus Nr. 2, November 2021.


Der Erfolg der ersten Ausgabe des neuen „In Verteidigung des Marxismus“ Magazins hat selbst unsere optimistischen Erwartungen übertroffen. Besonders enthusiastisch haben unsere LeserInnen die Schwerpunktsetzung auf marxistische Philosophie, insbesondere unsere Polemik gegen den postmodernen Wahnsinn, begrüßt.

Wie wir aufzeigten, ist diese sogenannte „Philosophie“ eine vielköpfige Hydra. Ihr schädlicher Einfluss erstreckt sich über viele Bereiche und um diesen Stück für Stück aufzudecken führen wir diese Polemik weiter. Die vorliegende Ausgabe ist einem besonderen Bereich gewidmet, in dem der negative Einfluss des Postmodernismus die verheerendsten Konsequenzen gezeitigt hat: dem Bereich der Geschichtsbetrachtung.

Wir sind erfreut eine neue und gedankenanregende Untersuchung der Entstehung der Klassengesellschaft von Josh Holroyd und Laurie O´Connel gemeinsam mit einer Neuauflage meines Artikels zur Zivilisation und Barbarei vorlegen zu können. Letzterer wurde zwar schon 2005 geschrieben, war allerdings lange Zeit schwer zugänglich.

Postmodernismus und Geschichte

Selbsternannte Philosophen des Postmodernismus bestreiten die Möglichkeit, eine rationale Erklärung für die Menschheitsgeschichte finden zu können. Es wird behauptet, es gäbe keine allgemeinen Gesetzmäßigkeiten, keine objektiven Faktoren, die der Handlungsweise des Einzelnen zugrunde liegen und seine Psychologie und sein Verhalten bestimmen.

Von diesem Standpunkt aus – dem Standpunkt des extremen Subjektivismus – wird die gesamte Geschichte von Individuen bestimmt, die nach ihrem eigenen freien Willen handeln. Der Versuch irgendeine innere Logik in diesem turbulenten und unvorhersehbaren Meer zu finden, wäre ebenso zwecklos wie der Versuch, den genauen Impuls und Ort eines einzelnen subatomaren Teilchens vorherzusagen.

Trotz einer gewissen oberflächlichen Anziehungskraft ist dieser subjektive Zugang zur Geschichte ziemlich nichtssagend. Er bedeutet eine völlige Aufgabe jeglichen Versuchs, die Gesetzmäßigkeiten zu entdecken, nach welchen sich die menschliche Gesellschaft entwickelt hat, da er die schiere Existenz aller derartigen Gesetze ablehnt.

Nun wenn man darüber nachdenkt, ist das eine sehr ungewöhnliche Behauptung. Die moderne Wissenschaft lehrt uns, dass von den kleinsten Molekülen und Atome zu den größten Galaxien alles im Universum von Gesetzen beherrscht wird und die Entdeckung genau dieser Gesetze ist Hauptaufgabe der Wissenschaft.

Wieso sollten wir akzeptieren, dass das gesamte Universum, von den kleinsten Teilchen bis zu den entferntesten Galaxien sowie der Prozess, der die Evolution aller Spezies bestimmt, von Gesetzmäßigkeiten beherrscht werden, nur unsere eigene Geschichte aus irgendeinem unerfindlichen Grund nicht?

Dass der Mensch sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene ein komplexes Wesen ist, muss kaum erklärt werden. Schließlich ist das menschliche Gehirn das komplexeste Organ im gesamten uns bekannten Universum. Die Geschichte ist von einem extrem komplizierten Zusammenspiel vieler verschiedener Menschen bestimmt, die ganz unterschiedliche Ziele verfolgen.

Dennoch ist es schlicht und einfach falsch, dass menschliches Verhalten nicht verstanden werden könnte. Engels hat vor langer Zeit erklärt: Während es unmöglich ist, eine Voraussage zu treffen, wann ein einzelner Mensch sterben wird, ist es sehr wohl möglich eine solche Prognose für eine große Anzahl zu machen. Eine Tatsache aus der Versicherungsunternehmen riesige Profite machen.

Ebenso ist es zwar nicht möglich, Ort und Impuls eines einzelnen subatomaren Teilchens mit ausreichender Genauigkeit zu bestimmen. Doch es ist sehr wohl möglich, eine sehr genaue Prognose abzugeben, sobald man sich mit einer sehr großen Menge solcher Partikel beschäftigt. In der Dialektik nennt sich dies der Umschlag von Quantität in Qualität.

Historischer Materialismus

Die marxistische Methode analysiert die verborgenen Triebfedern, die der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft von den frühesten Stammesgesellschaften bis heute zugrunde liegen. Die Art und Weise, wie der Marxismus diesen kurvenreichen Weg der Entwicklung nachzeichnet, wird als materialistische Geschichtsauffassung bezeichnet.

Es wird sehr oft versucht den Marxismus zu diskreditieren, in dem man auf eine Karikatur seiner historischen Analyse zurückgreift. Nichts einfacher als einen Strohmann aufzustellen, um ihn wieder umzustoßen. Die übliche Entstellung lautet, dass Marx und Engels „alles auf die Ökonomie reduziert haben“. Diese absurde Karikatur hat nichts mit Marxismus zu tun.

Was der Marxismus behauptet – und das kann sicherlich niemand leugnen – ist, dass die Lebensfähigkeit eines gegebenen sozio-ökonomischen Systems letztlich von seiner Fähigkeit abhängt, die Produktivkräfte zu entwickeln, mit anderen Worten die materiellen Grundlagen auf denen Gesellschaft, Kultur und Zivilisation aufbaut.

Diese wissenschaftliche Methode ermöglicht es uns, Geschichte nicht als eine Reihe von zusammenhangslosen und unvorhersehbaren Ereignissen zu verstehen, sondern als Teil eines klar zu verstehenden und in sich verschlungenen Prozesses. Es handelt sich um eine Reihe von Aktionen und Reaktionen, welche die Politik, Ökonomie und das komplette Spektrum der gesellschaftlichen Entwicklung abdecken.

Die komplexe dialektische Beziehung zwischen all diesen Phänomenen offen zu legen ist die Aufgabe des historischen Materialismus. Die Menschheit verändert durch ihre Arbeit ständig die Natur und dabei sich selbst.

Eine reaktionäre Theorie

Die Vorstellung, dass die Geschichte keine Gesetze kennt, dass sie nur eine Reihe von zusammenhangslosen, zufälligen Ereignissen ist, kommt den Verteidigern des gegenwärtigen Systems sehr gelegen. Für jene hat der Kapitalismus (oder ein sehr ähnliches System) schon immer existiert und wird immer existieren.

Doch diese bequeme Theorie wird von der Realität nicht bestätigt. Selbst der oberflächlichste Beobachter der Geschichte wird sofort bestimmte Muster erkennen. Bestimmte Prozesse wiederholen sich ständig: Der Aufstieg und Fall von bestimmten sozio-ökonomischer Formationen, Gesellschaften und Zivilisationen, Wirtschaftskrisen, Kriege und Revolutionen.

Menschen kommen auf die Welt, entwickeln sich, werden erwachsen und treten schließlich in eine Phase des Zerfalls ein, die mit dem Tod endet. In der Evolution folgen auf lange Phasen des Stillstands plötzliche Sprünge, die die Entwicklung vorantreiben oder zu einer Trendwende und zum Niedergang führen können. Einen ähnlichen Prozess sehen wir auch in der Entwicklung bestimmter sozio-ökonomischer Formationen im Laufe der Geschichte.

Auf die Sklavenhaltergesellschaft folgte der Feudalismus, auf welchen wiederum der Kapitalismus folgte, der das vorherrschende Gesellschaftssystem der letzten 300 Jahre ist. Diese Jahrhunderte erlebten die erstaunlichsten Revolutionen in Wissenschaft, Industrie, Landwirtschaft und Technologie, die es je gab. Doch das ist jetzt an seine Grenzen gestoßen. Wir leben nun in einer Phase des Niedergangs, wie sie vorhin skizziert wurde, einer Phase des Todeskampfs des Kapitalismus.

Manche werden den gesamten Verlauf der Geschichte zweifellos als „kaum mehr als ein Register aller Verbrechen, Torheiten und Katastrophen des Menschengeschlechts“ ansehen, um den bedeutenden Historiker Edward Gibbon zu zitieren. Aber auf einer tieferen Ebene machen sich viel grundlegendere Kräfte geltend.

Jede sich durchsetzende soziökonomische Formation eröffnet die Möglichkeit für einen großen Sprung in der Entwicklung der Produktivkräfte und erhöht so die Beherrschung der Natur durch den Menschen. Auf diesem Weg wird die materielle Grundlage für das gelegt, was Engels als Sprung der Menschheit vom Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit beschrieben hat.

Es ist die Aufgabe des Sozialismus, das kolossale Potenzial für die menschliche Entwicklung, welches der Kapitalismus bereits geschaffen hat, zu dessen Realisierung er aber machtlos ist, zu verwirklichen. Das ist unsere Aufgabe. Und die Vorbedingung für die Verwirklichung dessen ist der Umsturz der bestehen Ordnung und den Wiederaufbau der Gesellschaft auf einer neuen und höheren Grundlage.

Ein sehr wichtiger Teil dieser Arbeit ist die Demolierung des verrotteten ideologischen Fundaments der bestehenden Ordnung. Das ist die Aufgabe, die wir in der vorliegenden Arbeit umsetzen.

Alan Woods
London, September 2021