Einleitung zu Lenins »Imperialismus«


Alan Woods
Juni 2014


Es könnte keinen besseren Zeitpunkt für die Neuauflage von Lenins Imperialismus geben. Kein Buch hat die Merkmale des modernen Kapitalismus besser erklärt als dieses. Alle Vorhersagen Lenins bezüglich der Konzentration des Kapitals, der Herrschaft der Banken und des Finanzkapitals, der wachsenden Konflikte zwischen den Nationalstaaten und der Unvermeidbarkeit von Kriegen – all das ergibt sich aus den Widersprüchen des Imperialismus – haben sich in der gesamten Geschichte der letzten 100 Jahre als wahr erwiesen.

Was ist Imperialismus?

Man kann wohl behaupten, dass bestimmte Formen des Imperialismus bereits in der vor-kapitalistischen Zeit und sogar in der Antike, wie z. B. im Römischen Reich, zu finden sind. Dazu gehörten die Eroberung, Versklavung und Plünderung fremder Kolonien. Diese primitive Form des Imperialismus ist sogar in der modernen Welt anzutreffen (das Russische Zarenreich war in diesem Sinne ein Beispiel dafür). Im Kapitalismus hat sich dieses Phänomen jedoch grundlegend verändert. Lenin liefert eine wissenschaftliche Definition des Imperialismus in der modernen Epoche. Er schreibt:

»Würde eine möglichst kurze Definition des Imperialismus verlangt, so müsste man sagen, dass der Imperialismus das monopolistische Stadium des Kapitalismus ist. Eine solche Definition enthielte die Hauptsache, denn auf der einen Seite ist das Finanzkapital das Bankkapital einiger weniger monopolistischer Großbanken, das mit dem Kapital monopolistischer Industriellenverbände verschmolzen ist, und auf der anderen Seite ist die Aufteilung der Welt der Übergang von einer Kolonialpolitik, die sich ungehindert auf noch von keiner kapitalistischen Macht eroberte Gebiete ausdehnt, zu einer Kolonialpolitik der monopolistischen Beherrschung des Territoriums der restlos aufgeteilten Erde.« (In dieser Ausgabe: S. 117.)

Lenin beschreibt die wichtigsten Etappen in der Geschichte der Monopole wie folgt:

»1. In den sechziger und siebziger Jahren des 19 Jahrhunderts – die höchste, äußerste Entwicklungsstufe der freien Konkurrenz; kaum merkliche Ansätze zu Monopolen. 2. Nach der Krise von 1873 weitgehende Entwicklung von Kartellen, die aber noch Ausnahmen, keine dauernden, sondern vorübergehende Erscheinungen sind. 3. Aufschwung am Ende des 19. Jahrhunderts und Krise von 1900–1903: Die Kartelle werden zu einer der Grundlagen des ganzen Wirtschaftslebens. Der Kapitalismus ist zum Imperialismus geworden.« (In dieser Ausgabe: S. 152)

Schließlich gelangt er zu folgender Definition der grundlegendsten Merkmale des Imperialismus in der modernen Epoche:

»1. Konzentration der Produktion und des Kapitals, die eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht hat, dass sie Monopole schafft, die im Wirtschaftsleben die entscheidende Rolle spielen; 2. Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital und Entstehung einer Finanzoligarchie auf der Basis dieses ›Finanzkapitals‹; 3. der Kapitalexport, zum Unterschied vom Warenexport, gewinnt besonders wichtige Bedeutung; 4. es bilden sich internationale monopolistische Kapitalistenverbände, die die Welt unter sich teilen, und 5. die territoriale Aufteilung der Erde unter die kapitalistischen Großmächte ist beendet. Der Imperialismus ist der Kapitalismus auf jener Entwicklungsstufe, wo die Herrschaft der Monopole und des Finanzkapitals sich herausgebildet, der Kapitalexport hervorragende Bedeutung gewonnen, die Aufteilung der Welt durch die internationalen Trusts begonnen hat und die Aufteilung des gesamten Territoriums der Erde durch die größten kapitalistischen Länder abgeschlossen ist.« (In dieser Ausgabe: S. 118.)

Konzentration des Kapitals

Schon auf den Seiten des Kommunistischen Manifests erklärten Marx und Engels, dass der freie Wettbewerb unweigerlich zu Monopolen und zur Konzentration des Kapitals in einigen wenigen Großunternehmen führt. Diese brillante Vorhersage wurde zu einer Zeit gemacht, als der Kapitalismus sich eigentlich erst in England entwickelt hatte und selbst dort noch keine Großunternehmen existierten. In Frankreich waren die meisten Fabriken bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Kleinbetriebe mit nur wenigen Beschäftigten.

Kein anderer Aspekt von Marx‘ Wirtschaftstheorien wurde von den bürgerlichen Ökonomen so heftig angegriffen wie seine Vorhersage, dass der freie Markt unweigerlich im Monopolkapitalismus gipfelt. Jahrzehntelang haben die Ökonomen dies geleugnet und behauptet, dass die Haupttendenz des modernen Kapitalismus in der Herausbildung kleiner und mittlerer Unternehmen bestehe (»small is beautiful«). Doch die gesamte wirtschaftliche Entwicklung der letzten 150 Jahre hat genau das Gegenteil bewiesen.

Dieser Prozess erreichte zu Marx‘ Lebzeiten noch nicht seinen Höhepunkt, konnte aber von Lenin anhand der ihm zugänglichen umfangreichen Statistiken bereits sehr detailliert analysiert werden. Im Imperialismus beschreibt er den Prozess, durch den der Kapitalismus zum Monopolkapitalismus wird. Er liefert eine umfassende Liste von Statistiken, die die Vorherrschaft einer kleinen Anzahl großer Banken und Konzerne in der globalen Wirtschaft belegen. In den letzten Jahrzehnten hat dieser Prozess der Kapitalkonzentration sogar noch Schwung gewonnen.

Die Forbes Global 2000 ist eine jährliche Rangliste der größten börsennotierten Unternehmen der Welt. Zusammen beschäftigen diese 2000 Unternehmen 87 Millionen Menschen, besitzen Vermögenswerte in Höhe von 159 Billionen US-$ und erwirtschaften jährlich Einnahmen in Höhe von 38 Billionen US-$ – das entspricht etwa 51% des weltweiten BIP. Im Zuge der Globalisierung und des wachsenden Einflusses aufstrebender Märkte hat sich der Einzugsbereich der Global 2000 vergrößert. Noch im Jahr 2004 entstammten die Unternehmen 51 Märkten, 2013 waren es bereits 63 Märkte.

Japan war mit 251 Unternehmen das zweitstärkste (gemessen an der Zahl der Unternehmen) Land auf der Liste, während Festlandchina (136 Unternehmen) an dritter Stelle stand. Bemerkenswert ist, dass zwei chinesische Unternehmen nun zum ersten Mal in der Geschichte an der Spitze der Forbes Global 2000 stehen. Die staatlich kontrollierte Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) löste 2013 Exxon Mobil als größtes Unternehmen der Welt ab, während eine andere chinesische Bank, die China Construction Bank, um elf Plätze aufstieg und nun auf Platz zwei steht.

Regional gesehen stammten die meisten dieser Unternehmen aus der Region Asien-Pazifik (insgesamt 715) gefolgt von Europa, dem Nahen Osten und Afrika (EMEA – 606), den USA (543) und dem restlichen Amerika (143). Die größte Region, Asien-Pazifik, führte auch beim Wachstum der Umsätze (+8%) und der Vermögen (+15%). Die USA hingegen führten beim Wachstum der Gewinne (+4% mit einem Gesamtgewinn von 876 Milliarden US-$) und der Marktwerte (+11% mit einem Gesamtwert von 14,8 Billionen US-$), während die EMEA-Region mit insgesamt 13,3 Billionen US-$ den höchsten Umsatz erzielte und mit 64 Billionen US-$ über die meisten Vermögenswerte verfügte.

Während Unternehmen anderer Länder aufgeholt haben (insbesondere China), dominieren US-Konzerne weiterhin die Liste. Obwohl seit dem erstmaligen Erscheinen der Forbes Global 2000 im Jahr 2004 um 208 weniger Unternehmen aus den USA vertreten sind, ist ihre Präsenz mit 543 Einträgen auf dem höchsten Stand seit 2009. Der US-Imperialismus bleibt die stärkste Kraft auf dem Planeten.

Die Macht des Finanzkapitals

Lenin zitiert einen führenden Ökonomen und erklärt weiter, dass im Stadium des imperialistischen Monopolkapitalismus die gesamte Wirtschaft von den Banken und dem Finanzkapital beherrscht wird:

»›Die Industriebeziehungen mit ihrem neuen Gegenstand, ihren neuen Formen und ihren neuen Organen, das ist den gleichzeitig zentralistisch und dezentralistisch organisierten Großbanken, bilden sich als charakteristische volkswirtschaftliche Erscheinungen kaum vor den neunziger Jahren; in gewissem Sinne kann man diesen Anfangspunkt sogar erst in das Jahr 1897 mit seinen großen Fusionen welche die neue Form dezentralistischer Organisation erstmalig aus Gründen industrieller Bankpolitik einführen, oder man kann ihn vielleicht deshalb auf einen noch späteren Termin verlegen, weil die Krise den Konzentrationsprozess wie in der Industrie so im Bankwesen enorm beschleunigt und verstärkt und den Verkehr mit der Industrie erst recht zu einem Monopol der Großbanken und ihn im Einzelnen bedeutend enger und intensiver gemacht hat.‹

Das 20. Jahrhundert ist also der Wendepunkt vom alten zum neuen Kapitalismus, von der Herrschaft des Kapitals schlechthin zu der Herrschaft des Finanzkapitals.« (In dieser Ausgabe: S. 75.)

Wie bemerkenswert aktuell diese Worte in der heutigen Situation sind! Heute, über hundert Jahre nachdem Lenin den Imperialismus verfasst hat, ist die Vorherrschaft der Banken und des Finanzkapitals hundertmal größer. Der Würgegriff der großen Banken und ihr parasitäres und ausbeuterisches Wesen wurden durch die Krise von 2008 der ganzen Welt vor Augen geführt. Skandalöse Rettungspakete – Steuergelder in Billionenhöhe – wurden den Banken von den Regierungen einfach ausgehändigt. Diese schamlose Subventionierung der Reichen durch die Armen ist das Paradebeispiel für die Verschmelzung der großen Unternehmen und Banken mit dem Staat, die im Mittelpunkt von Lenins Definition des Imperialismus steht.

»Die Trennung des Kapitaleigentums von der Anwendung des Kapitals in der Produktion, die Trennung des Geldkapitals vom industriellen oder produktiven Kapital, die Trennung des Rentners, der ausschließlich vom Ertrag des Geldkapitals lebt, vom Unternehmer und allen Personen, die an der Verfügung über das Kapital unmittelbar teilnehmen, ist dem Kapitalismus überhaupt eigen. Der Imperialismus oder die Herrschaft des Finanzkapitals ist jene höchste Stufe des Kapitalismus, wo diese Trennung gewaltige Ausdehnung erreicht. Das Übergewicht des Finanzkapitals über alle übrigen Formen des Kapitals bedeutet die Vorherrschaft des Rentners und der Finanzoligarchie, bedeutet die Aussonderung weniger Staaten, die finanzielle ›Macht‹ besitzen.« (In dieser Ausgabe: S. 89.)

Das sagte Lenin im Imperialismus. Wie sieht es heute aus? In der Forbes Global-Liste der 2000 größten Unternehmen machten Banken und andere Finanzinstitute die größte Anzahl an Unternehmen aus (469); die drei nächstgrößten Branchen nach Anzahl waren Öl und Gas (124), Werkstoffe (122) und Versicherungen (109).

Man sagt, dass die Welt kleiner wird, aber die Banken, die die wahren Herren der Weltwirtschaft sind, werden es ganz sicher nicht. Die Finanzkrise von 2008 nahm im Bankensektor ihren Anfang und hat den wachsenden Reichtum und die Macht der größten Banken dieser Welt, die heute zusammen über Vermögenswerte von etwa 25,5 Billionen US-$ verfügen, nicht aufhalten können. Fünf Jahre nach der Rettung durch die US-Regierung erzielt das amerikanische Bankensystem Rekordgewinne. Allein im vergangenen Jahr verbuchte JPMorgan, die größte Bank des Landes, einen Nettogewinn von 24,4 Milliarden US-Dollar. 77% des Nettogewinns von JPMorgan (und anderen Banken) stammen jedoch aus staatlichen Subventionen.

Diese Tatsache entlarvt den Mythos vom »freien Wettbewerb« und der »freien Marktwirtschaft« vollständig. Die Großbanken sind eng mit dem Staat verflochten und würden ohne massive Geldspritzen aus der Staatskassa keinen Tag überleben. Riesige Geldbeträge, gestohlen aus den Taschen der Steuerzahler, werden von den Bankern in Beschlag genommen, die das Geld nicht zur Ausweitung der Produktion und zur Schaffung von Arbeitsplätzen verwenden, sondern um sich selbst zu bereichern und auf Kosten der Allgemeinheit an der Börse zu spekulieren.

Wie in der Welt von Alice im Wunderland subventionieren die Armen die Reichen. Es ist ein verkehrter Fall von Robin Hood. Nichts verdeutlicht die dekadente und parasitäre Natur des modernen Kapitalismus besser als die vollständige Dominanz des Finanzkapitals. Es ist ein unschlagbares Argument für die Enteignung der großen Banken und Monopole und die Umgestaltung der Gesellschaft nach dem Prinzip einer sozialistischen Planwirtschaft.

Ungleichheit

Genauso wie die bürgerlichen Ökonomen die Konzentration des Kapitals beharrlich leugneten, versuchten die bürgerlichen Soziologen aus demselben Grund, den von Marx vorhergesagten gleichzeitigen Prozess der Klassenpolarisierung in der Gesellschaft zu leugnen. Im ersten Band des Kapitals finden wir die bekannte Stelle:

»Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der Klasse, die ihr eignes Produkt als Kapital produziert.« (Marx-Engels-Werke, Band 23, S. 674.)

Wie empört waren die bürgerlichen Soziologen über Behauptungen! Mit welcher Verachtung und Spott begegneten sie der Vorstellung, dass der Kapitalismus zu einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich führt. Sie füllten Band um Band randvoll mit einer Unmenge an Statistiken, die beweisen sollten, dass die Arbeiterklasse in Wirklichkeit verschwunden sei, dass wir »jetzt alle Mittelschicht« seien, dass die freie Marktwirtschaft die Massen nicht verarmen lasse, sondern bereichere, und dass es eine sehr gute Sache sei, wenn die Reichen reicher würden, weil ein Teil ihres Reichtums schließlich zu den Armen »hinunterrieseln« würde, wodurch die Armut der Vergangenheit angehören würde. So wäre in der besten aller kapitalistischen Welten alles zum Besten.

So viel zu den Theorien der bürgerlichen Ökonomen und Soziologen. Aber die Fakten sprechen eine andere Sprache, und Fakten sind, wie man zu sagen pflegt, hartnäckige Dinge. Das kürzlich veröffentlichte Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert des französischen Ökonomen Thomas Piketty hat eine heftige Kontroverse ausgelöst. Obwohl der Autor kein Marxist ist (er sagt, er habe Das Kapital nie gelesen) und seine »Lösungen« für das Problem der Ungleichheit nicht über äußerst zaghafte keynesianische Rezepte hinausgehen, wurde Piketty heftig angegriffen. Sein »Verbrechen« war es, darauf hinzuweisen, dass die Kapitalrendite in kapitalistischen Volkswirtschaften tendenziell höher ist als die Wachstumsrate, was zu einer Konzentration von Reichtum und wachsender Ungleichheit führt. Das lässt sich nicht leugnen.

Kapitalkonzentration bedeutet eine immense Anhäufung von Reichtum und Macht in den Händen einer kleinen Anzahl unverschämt reicher Individuen und eine ständig wachsende Zahl von Menschen, die ums Überleben kämpfen oder am Rande des Verhungerns leben. Bei einer Weltbevölkerung von sieben Milliarden Menschen fällt eine Handvoll (2.170 Personen) in die Kategorie der Superreichen. Zusammen besitzen sie ein Vermögen von 6,55 Billionen US-$ – mehr als das BIP von Großbritannien.

Oxfam hat kürzlich aufgedeckt, dass die reichsten 85 Menschen genauso viel besitzen wie die ärmsten 3,5 Milliarden Menschen. Marx‘ Vorhersagen über die Konzentration von Kapital und die »Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation« wurden somit mit wissenschaftlicher Genauigkeit bestätigt.

Materieller Reichtum bedeutet Macht. Noch nie in der Geschichte war so viel Macht in so wenigen Händen konzentriert. Demokratische Strukturen werden zu leeren Hülsen, während die wahre Macht von einer kleinen Elite aus Bankern und Kapitalisten ausgeübt wird, die die Regierungen nach ihren Interessen lenken und beeinflussen. Staat und Großkapital verschmelzen immer mehr zu einer oligarchischen Herrschaft, die nur notdürftig mit dem formalen Schein der parlamentarischen Demokratie verhüllt wird. In den USA sind über 80% der Kongressabgeordneten Millionäre, und um Präsident zu werden, muss man entweder Milliardär sein oder zumindest die finanzielle Unterstützung mehrerer Milliardäre haben.

In formell demokratischen Ländern wie Großbritannien ist die Macht vom Parlament auf die Regierung und von der Regierung auf eine winzige Clique ungewählter Bürokraten, Berater und PR-Experten rund um den Premierminister übergegangen. Die »freie Presse« gehört einer Handvoll superreicher Eigentümer wie Murdoch und wird von ihnen kontrolliert. Demokratie wird immer mehr zu einem bedeutungslosen Wort. In Ländern wie Mexiko, wo Politiker wie ein Sack Zucker gekauft und verkauft werden und das Fälschen von Wahlen zu einer hohen Kunst geworden ist, ist der betrügerische Charakter der bürgerlichen Demokratie natürlich jedem klar. Überall herrschen die Reichen und von den Armen wird erwartet, dass sie sich dem Joch des Kapitals unterwerfen.

Hat der Imperialismus sein Wesen geändert?

Zu Lenins Zeiten manifestierte sich der Imperialismus in der direkten Herrschaft der imperialistischen Mächte über die Kolonien. Der britische Imperialismus besaß fast die Hälfte des Globus. Er plünderte den Reichtum Afrikas, des Nahen Ostens und des indischen Subkontinents und hatte auch viele Länder Lateinamerikas in seinem Griff. Um das Weltmonopol des britischen Imperialismus zu brechen und eine Neuaufteilung der globalen Macht zu erreichen, zettelten die deutschen Imperialisten den Ersten Weltkrieg an. Die anderen Mächte beteiligten sich alle eifrig an diesem Ringen um die Aufteilung der Welt und die Eroberung von neuen Kolonien.

Dazu gehörte auch das zaristische Russland, obwohl es ein wirtschaftlich rückständiges halbfeudales Land war. Das zaristische Russland exportierte nie auch nur eine einzige Kopeke Kapital. Sein Imperialismus ähnelte eher dem Imperialismus der Antike: Er stützte sich auf die Eroberung fremder Gebiete (Polen ist das offensichtliche Beispiel) und territoriale Ausdehnung (die Eroberung des Kaukasus und Zentralasiens). Das zaristische Russland war, um es mit Lenins Worten zu sagen, ein wahres Völkergefängnis, das eroberte, versklavte und ausplünderte. Dennoch war Russland selbst finanziell von Frankreich und anderen imperialistischen Staaten abhängig. Seine wirtschaftliche Rückständigkeit und Abhängigkeit von ausländischem Kapital hinderte Lenin nicht daran, es zu den fünf wichtigsten imperialistischen Mächten zu zählen.

Nach 1945 änderte sich die Situation grundlegend. Die Oktoberrevolution stürzte den Zarismus und gab den nationalen Befreiungsbewegungen der unterdrückten Kolonialvölker einen starken Schub. Der Zweite Weltkrieg erschütterte die Macht der alten imperialistischen Staaten. Großbritannien und Frankreich gingen geschwächt aus dem Krieg hervor, während die USA und die Sowjetunion zu den dominierenden Mächten wurden. Der Aufschwung der antikolonialen Revolutionen war eines der bedeutendsten Ereignisse in der Menschheitsgeschichte.

Hunderte Millionen Menschen, die zu einem Dasein als Kolonialsklaven verdammt waren, erhoben sich in Afrika, Asien und im Nahen Osten gegen ihre Unterdrücker. Die großartige Chinesische Revolution und die nationale Befreiung Indiens, Indonesiens und anderer Länder markierten einen historischen Wendepunkt. Allerdings löste die nationale Befreiung alleine – obwohl ein großer Schritt nach vorne – nicht die Probleme der ausgebeuteten Massen. Im Gegenteil, in vielerlei Hinsicht wurden sie noch verschärft.

Heute, mehr als sieben Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, ist der Würgegriff des Imperialismus über die ehemaligen Kolonialländer noch enger als in der Vergangenheit. Der einzige Unterschied besteht darin, dass der Imperialismus seine Herrschaft nicht mehr direkt durch militärisch-bürokratische Kontrolle ausübt, sondern indirekt durch die Mechanismen des Welthandels, ungleiche Handelsbeziehungen, ausländische »Hilfe«, Kreditzinsen usw. Die ehemaligen Kolonialländer sind dem Imperialismus weiterhin unterworfen, auch wenn ihre Ketten jetzt unsichtbar sind.

Hinter dem Wort Globalisierung verbirgt sich in Wirklichkeit die systematische Ausplünderung der ehemaligen Kolonialländer. Diese sind gezwungen, ihre Märkte für eine Flut ausländischer Waren zu öffnen, was ihre lokale Industrie ruiniert, ihre Wirtschaft lähmt und ihren Wohlstand abschöpft. Riesige multinationale Unternehmen eröffnen Fabriken in Bangladesch, Indonesien und Vietnam, in denen Arbeiter unter sklavenähnlichen Bedingungen und für Hungerlöhne brutal ausgebeutet werden, um Jeans und Nike-Schuhe herzustellen und damit den Profit der Ausbeuter zu steigern. Katastrophen wie in Bhopal und der jüngste Brand in einer Textilfabrik in Bangladesch ruinieren ganze Gegenden. Die Bosse westlicher Unternehmen vergießen Krokodilstränen und füllen ihre Taschen weiterhin mit den Erträgen aus dem Blut, dem Schweiß und den Tränen von Millionen von Kolonialsklaven.

Entwicklungsländer werden von der Schuldenlast und der Handelspolitik des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank und der Welthandelsorganisation (WTO) erdrückt. Die Entwicklungsländer geben heute für jeden Dollar, den sie an Mitteln erhalten, 1,3 Dollar für die Schuldenrückzahlung aus. Nigeria hat sich etwa 5 Milliarden US-$ geliehen und etwa 16 Milliarden US-$ zurückgezahlt, schuldet aber immer noch 28 Milliarden US-$. Diese 28 Milliarden US-$ sind auf die verzerrten Zinssätze der ausländischen Gläubiger zurückzuführen.

Die Schuldenlast lässt den ärmsten Ländern der Welt nichts, was sie für Grundbedürfnisse wie Gesundheit, Bildung und Infrastruktur ausgeben könnten. Um nur ein Beispiel zu nennen: 1997 gab Sambia 40% seines gesamten Budgets für die Rückzahlung von Auslandsschulden aus und nur 7% für grundlegende Dienstleistungen wie Impfstoffe für Kinder. In Pakistan ist die Situation noch schlimmer. Aber alle unterentwickelten Länder werden vom Imperialismus ausgebeutet, beraubt und unterdrückt.

Die Geschichte kennt viele verschiedene Formen der Sklaverei, und die Finanzsklaverei ist ihre moderne Form. Sie ist nicht so offensichtlich wie die Sklaverei von Menschen als Eigentum, aber dennoch Sklaverei, durch die ganze Nationen unterjocht und ausgeplündert werden. Allein im Jahr 1999 wurden 128 Millionen US-$ von den ärmsten Ländern an die reichsten zur Rückzahlung von Schulden überwiesen – jeden Tag. Davon stammten 53 Millionen US-$ aus Ostasien und dem Pazifikraum, 38 Millionen US-$ aus Südasien und 23 Millionen US-$ aus Afrika. Das Leben von Milliarden Menschen wird durch diese kollektive Schuldknechtschaft erdrückt. Die Bibel berichtet uns, dass die alten Kanaaniter dem Moloch Kinder opferten. Aber durch die Schuldknechtschaft werden sieben Millionen Kinder auf dem Altar des Kapitals geopfert, was den alten Moloch völlig in den Schatten stellt.

Wenn 1997 für zwanzig der ärmsten Länder die Schulden erlassen worden wären, hätte das für die medizinische Grundversorgung freigewordene Geld bis zum Jahr 2000 etwa 21 Millionen Kindern das Leben retten können, d. h. 19.000 Kindern pro Tag. Laut der Kampagne »Jubilee 2000« werden 52 Länder in Subsahara-Afrika, Lateinamerika und Asien mit insgesamt 1 Milliarde Menschen von einer Schuldenlast von 371 Milliarden US-$ erdrückt. Das ist weniger als das Vermögen der 21 reichsten Personen der Welt zusammengenommen. Auf diese Weise saugt der Imperialismus immer noch das Blut von Milliarden armer Menschen in der ehemaligen Kolonialwelt aus.

Schon sehr früh in seiner Geschichte lernte Mexiko, was es heißt, neben einem großen und hungrigen imperialistischen Räuber zu leben. Man erinnert sich an die berühmten Worte von Porfirio Diaz: »Armes Mexiko: so weit von Gott entfernt und so nah an den Vereinigten Staaten.« Obwohl Mexiko seit fast zwei Jahrhunderten offiziell unabhängig ist, wurde der fiktive Charakter dieser Unabhängigkeit in den letzten Jahrzehnten mit der Unterzeichnung des Freihandelsabkommens mit dem großen Bruder jenseits des Rio Grande deutlich. Dieses Abkommen hatte verheerende Auswirkungen auf die mexikanische Industrie und Landwirtschaft, während die Eröffnung von US-amerikanischen Fabriken in den Maquiladoras in den Grenzgebieten den Yankee-Bossen einen riesigen Pool an billigen Arbeitskräften bietet.

Ursprünglich in den Grenzstädten Tijuana, Ciudad Juarez, Matamoros, Mexicali und Nogales ansässig, haben sich diese Montagewerke, welche für den US-Markt produzieren, mittlerweile über das gesamte Gebiet Mexikos ausgebreitet. Hier sehen wir genau, wie der moderne Imperialismus funktioniert. Warum sollte man sich all diese Mühe und die Kosten einer direkten militärisch-bürokratischen Herrschaft machen, wenn man ein Land sehr effektiv mit wirtschaftlichen Mitteln beherrschen kann und die unangenehme Aufgabe der Unterdrückung einer »befreundeten« (d. h. abhängigen) Regierung überlässt?

Diese neokolonialistische Ausbeutungsform ist nicht weniger räuberisch als die offene Plünderung der Kolonien, die früher auf der Grundlage direkter Militärherrschaft durchgeführt wurde. Im Grunde werden dieselben alten Kolonien in Afrika, Asien und der Karibik von denselben alten Ausbeutern ausgeplündert. Der einzige Unterschied besteht darin, dass dieser Raub ganz legal über die Mechanismen des Welthandels erfolgt. Durch sie herrschen die entwickelten kapitalistischen Länder Europas gemeinsam über die ehemaligen Kolonien und ersparen sich dadurch die Kosten einer direkten Herrschaft, während sie weiterhin riesige Extraprofite erzielen.

Imperialismus und Krieg

Die Aufteilung der Welt in rivalisierende imperialistische Mächte, von der Lenin spricht, war bereits Ende des 19. Jahrhunderts abgeschlossen. Danach stellte sich die Frage nach der Neuaufteilung der Welt, eine Frage, die nur auf eine Weise gelöst werden konnte: durch Krieg.

In den letzten hundert Jahren gab es zwei Weltkriege, von denen der zweite den Tod von 55 Millionen Menschen zur Folge hatte und beinahe zum Untergang der menschlichen Zivilisation geführt hätte. Das ist der anschaulichste Beweis dafür, dass das kapitalistische System keine fortschrittliche Rolle mehr spielt und zu einem gewaltigen Hindernis für den menschlichen Fortschritt geworden ist. Die enorme Entwicklung der Produktivkräfte stößt auf zwei grundlegende Hindernisse: das Privateigentum an den Produktionsmitteln und den Nationalstaat. Darin liegt die eigentliche Ursache für die Kriege in der heutigen historischen Periode.

Die regelmäßigen Ausbrüche von Kriegen, die gewöhnlich als Ausbruch eines unerklärlichen kollektiven Wahnsinns dargestellt werden, sind in Wirklichkeit Ausdruck der sich in Klassengesellschaften aufbauenden Spannungen. Sie können einen kritischen Punkt erreichen, an dem die Widersprüche nur noch mit gewaltsamen Mitteln gelöst werden können. Lange vor Lenin erklärte Clausewitz, dass Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist.

Im Kommunistischen Manifest zeigten Marx und Engels, dass der Kapitalismus, der zuerst in Form des Nationalstaats entsteht, unweigerlich einen Weltmarkt schafft. Die erdrückende Herrschaft des Weltmarktes ist in der Tat das entscheidende Merkmal der Epoche, in der wir leben. Kein Land, egal wie groß und mächtig es ist, kann sich dem Sog des Weltmarktes entziehen. Das völlige Scheitern des Sozialismus in einem Land, in Russland und China, ist ein ausreichender Beweis für diese Behauptung. Ebenso wie die Tatsache, dass beide großen Kriege des 20. Jahrhunderts im Weltmaßstab geführt wurden und Kriege um die Weltherrschaft waren.

Der Kapitalismus und der Nationalstaat, die einst eine Quelle enormen Fortschritts waren, wurden zu einer enormen Fessel und einem Hindernis für die harmonische Entwicklung der Produktion. Dieser Widerspruch spiegelte sich in den Weltkriegen von 1914-18 und 1939-45 und der Krise der Zwischenkriegszeit wider. Im Ersten Weltkrieg führten die britischen Imperialisten einen »Verteidigungskrieg« – das heißt, einen Krieg zur Verteidigung ihrer privilegierten Position als führender imperialistischer Räuber in der Welt, der unzählige Millionen Inder und Afrikaner in kolonialer Sklaverei hielt. Das gleiche zynische Kalkül lässt sich bei allen kriegführenden Nationen erkennen, von den größten bis zu den kleinsten.

Die Entwicklung des Welthandels in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglichte es dem kapitalistischen System, diesen Widerspruch zu überwinden, wenn auch nur teilweise und für einen begrenzten Zeitraum. Eine wichtige Rolle für den wirtschaftlichen Aufschwung spielten die Entwicklung des Welthandels und die Intensivierung der internationalen Arbeitsteilung. Diese Entwicklung gipfelte in der sogenannten Globalisierung. Ex-Marxisten wie Eric Hobsbawm glaubten, dass die Globalisierung den nationalen Konflikten ein Ende setzen würde. Der Revisionist Karl Kautsky sagte vor hundert Jahren genau dasselbe.

Der Erste Weltkrieg hat gezeigt, wie hohl diese Theorie ist. Und der Zustand unserer heutigen Welt zeigt, wie dumm Hobsbawms Neo-Revisionismus ist. Die nationalen Widersprüche wurden nicht etwa beseitigt, sondern haben sich enorm verschärft. Trotz aller Reden über Freihandel und Liberalisierung liefern sich alle großen kapitalistischen Nationen einen erbitterten Kampf um die Märkte.

Es gibt eine klare Entwicklung hin zur Aufteilung der Welt in Handelsblöcke. Jeder versucht eifersüchtig, seine eigenen Märkte und Einflussbereiche zu schützen, während er gleichzeitig mehr Zugang zu denen seiner Rivalen fordert. Die Spannungen zwischen den USA und China im Pazifik nehmen immer mehr zu. In den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts werden weiterhin täglich Tausende von Menschen in Kriegen getötet. Allein im Kongo sind mindestens fünf Millionen Menschen ums Leben gekommen. Wie viel tiefgründiger war doch Lenin, dessen Klassiker Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus heute noch genauso aktuell und relevant ist wie am Tag seiner Veröffentlichung.

Die Europäische Union wurde gegründet, um diese Beschränkung zu überwinden. Die einzelnen nationalen Märkte Großbritanniens, Frankreichs, Deutschlands und der anderen waren für die riesigen Monopole viel zu klein. Die großen Monopole freuten sich auf einen freien Binnenmarkt mit Hunderten von Millionen Menschen und darüber hinaus auf den Weltmarkt. Auf der Grundlage des wirtschaftlichen Aufschwungs gelang es den europäischen Kapitalisten weitgehend, diese glorifizierte Freihandelszone zu etablieren, in der die Abschaffung der Zölle zwischen den Ländern des Binnenmarktes und ein gemeinsamer Zolltarif mit dem Rest der Welt dazu dienten, den Welthandel zu entwickeln und anzukurbeln. Doch nun verkehren sich all diese Fortschritte in ihr Gegenteil.

Die Herausbildung regionaler Handelsblöcke und bilateraler Handelsabkommen, weit entfernt vom Freihandelsgedanken, sind eine potenzielle Gefahr für die Globalisierung. Die EU ist weit davon entfernt, ein Schritt in Richtung Freihandel zu sein. Sie ist ein regionaler Handelsblock, der sich einerseits gegen die USA und Japan richtet, andererseits ist sie eine Allianz imperialistischer Mächte, die sich der kollektiven Ausbeutung der Dritten Welt verschrieben hat.

Die Europäische Union war schon immer eine Union im Interesse der Bankiers und Kapitalisten. Marxisten sind Internationalisten. Wir sind für ein vereintes Europa, aber es kann nicht auf der Grundlage des Kapitalismus verwirklicht werden. Haben wir die nationale Spaltung in Europa überwunden? Nein. Der Euro hat die Dinge verschlimmert, wie die Menschen in Griechenland nur zu gut wissen. Die Idee einer gemeinsamen Währung wäre natürlich eine gute Idee, wenn es ein sozialistisches Europa gäbe. Im Sozialismus gäbe es einen gemeinsamen Produktionsplan, aber dieser würde auf der Grundlage einer auf Freiwilligkeit basierenden demokratischen Union beruhen, auf der Grundlage der Gleichheit, und nicht einer Union, die von den Banken und einem Land, Deutschland, dominiert wird.

Warum hat es keinen weiteren Weltkrieg gegeben?

Heute sind die Widersprüche des Kapitalismus auf globaler Ebene erneut mit voller Wucht ausgebrochen. Eine lange Phase kapitalistischer Blüte – die einige auffällige Ähnlichkeiten mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg aufweist – fand 2008 ein dramatisches Ende. Wir befinden uns mitten in der schwersten Wirtschaftskrise in der gesamten 200-jährigen Geschichte des Kapitalismus.

Im Gegensatz zu den Theorien der bürgerlichen Ökonomen hat die Globalisierung die grundlegenden Widersprüche des Kapitalismus nicht beseitigt. Sie hat sie nur in einem viel größeren Ausmaß reproduziert als je zuvor: Die Globalisierung äußert sich nun als eine globale Krise des Kapitalismus. Die eigentliche Ursache der Krise ist das Aufbegehren der Produktivkräfte gegen die beiden grundlegenden Hindernisse, die den menschlichen Fortschritt verhindern: das Privateigentum an den Produktionsmitteln und der Nationalstaat.

Die Spannungen, die heute zwischen den Vereinigten Staaten, Japan und Europa bestehen, hätten in einer anderen Zeit bereits zu einem Krieg geführt. Aber angesichts der Existenz von Atomwaffen und auch der schrecklichen Vielfalt anderer barbarischer Vernichtungswaffen – chemischer und biologischer Art – würde ein totaler Krieg zwischen den Großmächten die gegenseitige Vernichtung bedeuten oder zumindest einen so hohen Preis, dass ein Krieg keine attraktive Option wäre, außer vielleicht für ignorante und labil veranlagte Generäle.

Es gibt wichtige Unterschiede zwischen der heutigen Situation und der zu Lenins Zeiten. Zweimal haben die Imperialisten versucht, ihre Widersprüche durch Krieg zu lösen: 1914 und 1939. Warum kann das nicht wieder geschehen? Die Widersprüche zwischen den Imperialisten sind heute so scharf, dass sie in der Vergangenheit bereits zu einem Krieg geführt hätten. Die Frage, die gestellt werden muss, lautet: Warum befindet sich die Welt nicht wieder im Krieg? Die Antwort liegt im veränderten Kräfteverhältnis auf globaler Ebene.

Tatsache ist, dass die alten Zwergstaaten Europas schon vor langer Zeit aufgehört haben, eine unabhängige Rolle in der Welt zu spielen. Deshalb war die europäische Bourgeoisie gezwungen, die EU zu gründen, um im Weltmaßstab mit den USA, Russland und jetzt auch China konkurrieren zu können. Ein direkter Krieg zwischen Europa und einem der oben genannten Staaten ist jedoch völlig ausgeschlossen. Europa fehlt es unter anderem an einer Armee, einer Marine und einer Luftwaffe. Die bestehenden Armeen werden sorgfältig von den verschiedenen herrschenden Klassen gehütet, die hinter der Fassade der europäischen »Einheit« um die Verteidigung ihrer »nationalen Interessen« streiten.

Unter den heutigen Bedingungen ist nicht der Krieg zwischen den europäischen Staaten, sondern der Klassenkampf in jedem Land Europas die Perspektive, die sich eröffnet. Die Einführung des Euro hat die nationalen Widersprüche verschärft. In der Vergangenheit konnten die Länder Südeuropas, wenn sie finanzielle Probleme hatten, ihre Währung abwerten. Heute haben sie diese Möglichkeit nicht mehr. Stattdessen sind sie gezwungen, auf eine »interne Abwertung« zurückzugreifen, d. h. auf Angriffe auf den Lebensstandard. Das passiert nicht nur in Griechenland, sondern in ganz Europa und auf der ganzen Welt.

Das Hauptmotiv für den Ersten Weltkrieg war das Streben des deutschen Imperialismus, sich als vorherrschende Macht in Europa zu etablieren. Heute braucht Deutschland nicht mehr auf solche Methoden zurückzugreifen, weil es sich mit wirtschaftlichen Mitteln das erobert hat, was es will. Es hätte keinen Sinn, wenn Deutschland in Belgien einmarschieren oder Elsass-Lothringen erobern würde, aus dem einfachen Grund, dass Deutschland bereits ganz Europa durch seine wirtschaftliche Macht kontrolliert. Alle wichtigen Entscheidungen werden von der deutschen Regierung und der Bundesbank getroffen, ohne dass ein einziger Schuss abgefeuert wird. Vielleicht kann Frankreich einen Krieg für die nationale Unabhängigkeit von Deutschland beginnen? Es genügt, die Frage zu stellen, um sofort ihre Absurdität zu begreifen.

Die Bourgeoisie greift derzeit alle Errungenschaften an, die die Arbeiterklasse in den letzten fünfzig Jahren erreicht hat. Sie wollen uns in die Steinzeit zurückschicken. Schauen wir uns an, was auf der Welt passiert, von Europa bis Brasilien und von Afrika bis Thailand – überall herrscht Instabilität. Es handelt sich also nicht um eine Krise in Europa, sondern um eine Krise des weltweiten Kapitalismus. Nicht ein Weltkrieg, sondern ein beispielloser Aufschwung des Klassenkriegs ist die Perspektive für die Zeit, in die wir eingetreten sind.

Militärisch gesehen kann sich kein Land gegen die kolossale Militärmacht der USA behaupten. Aber auch diese Macht hat Grenzen. Im Pazifik gibt es scharfe Widersprüche zwischen den USA, China und Japan. Früher hätte das zu einem Krieg geführt. Aber China ist kein schwacher, rückständiger, halbkolonialer Staat mehr, den man leicht überfallen und kolonial unterwerfen könnte. Es ist eine wachsende Wirtschafts- und Militärmacht, die ihre Muskeln spielen lässt und ihre Interessen durchsetzt. An eine Invasion und Versklavung Chinas durch die USA ist nicht zu denken.

Pax Americana?

Vor fast 25 Jahren hielt George Bush (Senior), der damalige Präsident der USA, seine berühmte Rede zur »Neuen Weltordnung«. Der Präsident des mächtigsten Staates der Welt versprach eine Welt ohne Kriege, ohne Diktaturen und natürlich eine Welt, die fest unter der Kontrolle eines einzigen allmächtigen Weltpolizisten steht – der USA. Das war 1991, zu einer Zeit, als er den ersten Golfkrieg vorbereitete.

Nach dem Fall des Stalinismus dachte der US-Imperialismus wirklich, dass die Welt fest unter seiner Kontrolle stehen würde und dass er in der Lage wäre, das Schicksal jedes einzelnen Landes zu diktieren. Alle Konflikte in der Welt sollten im Rahmen einer Art »Pax Americana« durch Dialog gelöst werden. Nun liegen all diese Träume in Trümmern. Es gibt einen Krieg nach dem anderen. Und um es mit den Worten des römischen Historikers Tacitus zu sagen: »Wenn sie eine Wüste geschaffen haben, nennen sie es Frieden.«

Wir leben in einer eigentümlichen historischen Phase. Früher gab es immer drei, vier oder mehr imperialistische Mächte, aber heute gibt es nur einen wirklichen Giganten, die Vereinigten Staaten. Die Macht des Römischen Reiches war nichts im Vergleich zu den Vereinigten Staaten von heute. 38% der weltweiten Militärausgaben entfallen auf die USA, darunter auch die schrecklichsten Massenvernichtungswaffen. Der US-Imperialismus ist zweifellos die größte konterrevolutionäre Macht der Geschichte auf Erden.

Mit kolossaler Macht geht jedoch auch kolossale Arroganz einher. George W. Bush zerriss alle internationalen Regeln und brach mit der Diplomatie, die seit dem 17. Jahrhundert geduldig aufgebaut wurde. Gemäß der »Bush-Doktrin« beanspruchten die USA für sich das Recht, überall einzugreifen. Die Kriege, die den Planeten heimsuchen, sind ein Symptom für ein System im Verfall. In den Vereinigten Staaten werden jedes Jahr mehr als 750 Milliarden US-$ für Waffen ausgegeben. Allein mit diesem Geld wäre es möglich, genügend Krankenhäuser, Schulen und Häuser für alle zu bauen und den Hunger in der Welt zu beenden.

Es ist eine Tatsache, dass die Vereinigten Staaten sehr mächtig sind, aber auch das hat seine Grenzen, wie sich im Irak gezeigt hat. Die Imperialisten marschierten 2003 im Irak ein und verkündeten, dass die Mission »accomplished« worden sei. In Wirklichkeit liegt der Irak in Trümmern und hat keine einsatzfähige Armee. 150.000 amerikanische Soldaten waren nicht in der Lage, das irakische Volk zu besiegen, obwohl mindestens 100.000 Iraker getötet wurden. Das Ziel war es, den Irak auszuplündern, aber es wurde nichts erreicht, außer einem furchtbaren Blutvergießen und einer Geldverschwendung, die selbst das reichste Land der Welt nicht verkraften konnte. Am Ende waren die US-Streitkräfte gezwungen, sich zurückzuziehen und hinterließen den Irak in barbarischem Elend und Verzweiflung.

Die USA haben sich bereits im Irak und in Afghanistan schwer die Finger verbrannt. Sie waren nicht in der Lage, in Syrien einzugreifen, und sehen sich nun auch nicht in der Lage, mit Russland um die Ukraine zu kämpfen. Wie könnten sie auch nur einen Krieg mit einem Land wie China in Betracht ziehen, wenn sie nicht einmal auf die ständigen Provokationen Nordkoreas reagieren können? Die Frage ist sehr konkret.

Aus all diesen Gründen ist ein Weltkrieg wie 1914–1918 oder 1939–1945 in absehbarer Zukunft kein Thema. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Welt friedlicher und harmonischer wird. Im Gegenteil, es wird einen Krieg nach dem anderen geben, aber es werden »kleine« Kriege sein, wie der Krieg im Irak und in Afghanistan. Das ist eine für die Menschheit hinreichend schlechte Perspektive.

Lenin antwortete einem Pazifisten, der sagte, Krieg sei schrecklich: »Ja, schrecklich profitabel«. Große multinationale Konzerne wie Halliburton erhielten vom amerikanischen Steuerzahler Milliarden von US-$ für sogenannte »Wiederaufbau«-Maßnahmen im Irak. Es ist auch kein Zufall, dass dieses Unternehmen der Republikanischen Partei große Spenden zukommen lässt und dass Vizepräsident Dick Cheney lange Zeit in der Geschäftsführung tätig war. Hier haben wir ein sehr deutliches Beispiel für die organische Verbindung zwischen den großen Monopolen und dem Staat, von der Lenin im Imperialismus sprach.

Krieg und Revolution

Zwei Weltkriege waren Beweis genug, dass das kapitalistische System sein fortschrittliches Potenzial völlig ausgeschöpft hatte. Lenin wies jedoch darauf hin, dass der Kapitalismus selbst aus der tiefsten Wirtschaftskrise einen Ausweg finden kann, sofern er nicht von der Arbeiterklasse gestürzt wird. Was Lenin 1920 als theoretische Möglichkeit ansah, trat nach 1945 tatsächlich ein. Als Ergebnis einer besonderen Verkettung historischer Umstände trat das kapitalistische System in eine neue Phase des Aufschwungs ein. Die Aussicht auf eine sozialistische Revolution wurde zumindest in den entwickelten kapitalistischen Ländern aufgeschoben.

Genau wie in den zwei Jahrzehnten vor 1914 waren die Bourgeoisie und ihre Verfechter von ihren Illusionen berauscht. Und wie damals gaben sich die Anführer der Arbeiterbewegung diesen Illusionen hin. Mehr noch als damals haben sie jeglichen Anspruch aufgegeben, für den Sozialismus einzutreten, und sich voll und ganz dem »Markt« verschrieben. Doch nun schließt sich der Kreis. 2008 zerbröselten diese Illusionen, wie 1914 hat die Geschichte ihnen ein böses Erwachen beschert.

Vor 1914 bekannten sich die sozialdemokratischen Führer noch zu den Ideen des Sozialismus und des Klassenkampfes. Am 1. Mai hielten sie radikal klingende und sogar revolutionäre Reden. In der Praxis hatten sie jedoch die Perspektive einer sozialistischen Revolution zugunsten des Reformismus aufgegeben: die Vorstellung, dass sie den Kapitalismus friedlich, schrittweise und schmerzlos in eine sozialistische Gesellschaft umwandeln könnten, irgendwann in der Zukunft.

Auf einem internationalen Kongress nach dem anderen beschlossen die Sozialdemokraten – zu denen zu dieser Zeit Lenin, Trotzki, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gehörten – Resolutionen, in denen sie sich verpflichteten, sich jedem Versuch der Imperialisten, einen Krieg vom Zaun zu brechen, entgegenzustellen und die Situation sogar zu nutzen, um einen revolutionären Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus zu organisieren.

Zu ihrer ewigen Schande haben alle Führer der Zweiten Internationale (mit Ausnahme der Russen und Serben) die Arbeiterklasse verraten, indem sie »ihre« herrschende Klasse aus »patriotischen« Gründen unterstützten. In der Folge wurden Millionen von Arbeitern in Uniform dazu verurteilt, im Matsch, Blut und Giftgas an der Front in Flandern zu sterben.

Lenin war so schockiert, als er hörte, dass die deutschen Sozialdemokraten im Reichstag für die Kriegskredite gestimmt hatten, dass er es zunächst nicht glauben wollte. Aber sobald sich dies bestätigte, zögerte er nicht, mit der Zweiten Internationale zu brechen und die Fahne der Dritten (Kommunistischen) Internationale zu hissen. Während des Krieges war Lenin in der Schweiz praktisch isoliert. Die Situation schien völlig hoffnungslos. Der Aufruf »Arbeiter aller Länder, vereinigt euch!« schien eine grausame Ironie zu sein, da deutsche, französische, russische und britische Arbeiter sich im Interesse ihrer Herren gegenseitig erschossen und mit Bajonetten niederstachen. Auf der ersten Konferenz der Antikriegssozialisten, die 1915 in dem kleinen Schweizer Dorf Zimmerwald stattfand, scherzte Lenin, dass man alle Internationalisten der Welt in zwei Postkutschen stecken könne.

Doch der imperialistische Krieg endete in einer Revolution. Die Russische Revolution bot der Menschheit einen Ausweg aus dem Schrecken der Kriege, der Armut und des Leids. Weil es jedoch keine revolutionäre Führung auf internationaler Ebene gab, wurde diese Möglichkeit in einem Land nach dem anderen zunichte gemacht. Das Ergebnis war eine neue Krise und ein neuer, noch schrecklicherer imperialistischer Krieg.

Immense Möglichkeiten

Lenin sagte: »Der Kapitalismus ist Schrecken ohne Ende.« Die blutigen Erschütterungen, welche die Welt überziehen, zeigen, dass er Recht hatte. Die moralisierenden Bürger beweinen und beklagen diese Schrecken, aber sie haben keine Ahnung, was die Ursachen sind, geschweige denn die Lösung. Pazifisten, »Grüne« und andere weisen auf die Symptome hin, nicht aber auf die zugrunde liegende Ursache. Sie liegt in einem kranken Gesellschaftssystem, das seine historische Rolle überlebt hat.

Die Schrecken, welche wir vor uns sehen, sind nur die äußeren Symptome für den Todeskampf des Kapitalismus. Aber sie sind auch die Geburtswehen einer neuen Gesellschaft, die darum kämpft, auf die Welt zu kommen. Es ist unsere Aufgabe, die Wehen abzukürzen und die Geburt einer neuen und wirklich menschlichen Gesellschaft zu beschleunigen.

Dank der Entwicklungen in Technik und Wissenschaft hätte die Menschheit die Möglichkeit, die Übel der Vergangenheit wie Hunger, Krieg und Analphabetismus zu beseitigen. Aber was ist die Realität? Noch immer leben 1,2 Milliarden Menschen unter der Armutsgrenze, und jedes Jahr sterben 8 Millionen Männer, Frauen und Kinder an den Folgen. Das ist nichts anderes als ein stiller Völkermord im Weltmaßstab, über den niemand spricht. Das ist es, was der Kapitalismus heute zu bieten hat.

Heute ist der Kampf gegen den Imperialismus ohne den Kampf gegen den Kapitalismus undenkbar. Gibt es irgendeine Macht auf der Welt, die die Macht des US-Imperialismus überwinden könnte? Ja, eine solche Macht existiert. Es ist die Arbeiterklasse! Ohne ihre Erlaubnis leuchtet keine Glühbirne, dreht sich kein Rad und klingelt kein Telefon! Das Problem ist, dass sie sich dieser Macht nicht bewusst ist.

In den dunklen Tagen des Ersten Weltkriegs war Lenin isoliert und stand nur mit einer sehr kleinen Gruppe in Kontakt. Aber er hatte keine Angst davor, gegen den Strom zu schwimmen. Er setzte all seine Kraft dafür ein, die Kader auf der Grundlage der unverfälschten Ideen des Marxismus auszubilden und zu schulen. Sein Meisterwerk Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus ist ein ewiges Denkmal für seine Arbeit auf dem wichtigen Gebiet der Theorie.

Lenin ließ sich nicht von Pessimismus leiten, als die Situation hoffnungslos schien. Und auch jetzt ist kein Platz für Pessimismus. In den kommenden turbulenten Zeiten wird die Arbeiterklasse viele Gelegenheiten haben, die Gesellschaft neu zu gestalten. Die Macht der Arbeiterklasse war noch nie größer als jetzt. Aber diese Macht muss organisiert, mobilisiert und mit einer angemessenen Führung ausgestattet werden. Genau das ist die Hauptaufgabe, vor der wir heute stehen. Wir stehen fest auf dem Fundament von Lenins Ideen, die die Zeit überdauert haben. Zusammen mit den Ideen von Marx, Engels und Trotzki sind sie die einzige Garantie für einen zukünftigen Sieg.