Von Leo Trotzki. Geschrieben 1929.
Erschienen in: In Verteidigung des Marxismus Nr. 4, Mai 2022.
An die amerikanischen Bolschewiki-Leninisten
Herausgeber von „The Militant“
Liebe Freunde,
Ich verfolge eure Zeitschrift mit großem Interesse und bin begeistert von ihrem Kampfgeist. Die Entstehungsgeschichte der amerikanischen Opposition ist an sich schon sehr bezeichnend und aufschlussreich. Nach fünf Jahren des Kampfes gegen die russische Opposition bedurfte es einer Reise der Zentralkomiteemitglieder der amerikanischen Partei [der Kommunistischen Partei, Anm.] und sogar ihres Politbüros zu einem Kongress in Moskau, um zum ersten Mal zu erfahren, was der sogenannte „Trotzkismus“ ist. Diese Tatsache allein ist eine vernichtende Anklage gegen die Polizeimethoden und die schädlichen Verfälschungen des Parteiregimes. Lovestone und Pepper[1] haben dieses Regime nicht erschaffen, doch sie sind seine Stabsoffiziere. Ich habe Lovestone einer schwerwiegenden ideologischen Verfälschung überführt (dargelegt in meinem Buch „Europa und Amerika“). Unter einem halbwegs normalen Regime hätte das allein schon ausgereicht, um einen Mann für lange Zeit, wenn nicht für immer, abzusägen, oder ihn zumindest zu einem Geständnis und reuevoller Einsicht zu bewegen. Aber unter dem gegenwärtigen Regime müssen die Lovestones nur hartnäckig ihre bereits aufgedeckten Verfälschungen wiederholen, um ihre Position zu festigen. Sie tun dies nach dem Vorbild ihrer Vorgesetzten mit völliger Schamlosigkeit. Der Geist der Lovestones und Peppers steht im grundlegenden Widerspruch zum Geist der proletarischen Revolution. Die Disziplin, die wir anstreben – und wir streben eine eiserne Disziplin an – kann nur auf gewonnenen Überzeugungen fußen, die uns in Fleisch und Blut übergegangen sind.
Ich hatte keine Gelegenheit, andere Führungsmitglieder der amerikanischen Kommunistischen Partei näher kennenzulernen – mit Ausnahme von Foster, um genau zu sein. Letzterer schien mir immer vertrauenswürdiger als Lovestone und Pepper. Fosters Kritik an der offiziellen Parteiführung enthielt stets viel Wahres und Scharfsinn. Aber so wie ich ihn einschätze, ist Foster ein Empiriker. Er will oder kann seine Gedanken nicht zu Ende führen und auf der Grundlage seiner Kritik die notwendigen Schlüsse ziehen. Aus diesem Grund ist mir nie klar geworden, in welche Richtung ihn seine Kritik treibt: nach rechts oder nach links vom offiziellen Zentrismus[2]. Wir müssen bedenken, dass es neben der marxistischen eine opportunistische Opposition gibt (Brandler, Thalheimer, Souvarine und andere). Derselbe Empirismus bestimmt scheinbar die gesamte Form von Fosters Tätigkeit, die darin besteht, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Foster versucht sich das Tarnkleid des Stalinismus überzustreifen, um auf diesem Weg in die Führung der amerikanischen Partei aufzusteigen. Dieses Versteckspiel hat in der revolutionären Politik noch nie zum Ziel geführt. Ohne eine allgemeine, prinzipienfeste Position zu den grundlegenden Fragen der Weltrevolution, und vor allem zur Frage des Sozialismus in einem Land, kann man keine dauerhaften und echten revolutionären Siege erringen. Man wird lediglich, wie Stalin, bürokratische Erfolge erzielen. Aber diese vorübergehenden Erfolge werden mit der Niederlage des Proletariats und dem Zerfall der Komintern bezahlt. Ich glaube nicht, dass Foster auch nur seine zweitklassigen Ziele erreichen wird, denn die Lovestones und Peppers sind weitaus besser für die Umsetzung einer Politik des bürokratischen Zentrismus geeignet: Sie sind im Grunde charakterlos und bereit, binnen 24 Stunden jeglichen Zick-Zack-Kurs gemäß den administrativen Notwendigkeiten des stalinistischen Stabs durchzusetzen[3].
Die von der amerikanischen Opposition zu leistende Arbeit ist von internationaler und historischer Bedeutung, denn letztlich werden alle Probleme unseres Planeten auf amerikanischem Boden entschieden. Vieles spricht für die Annahme, dass die Revolution zuerst in Europa und im Osten, und dann erst in den Vereinigten Staaten ausbrechen wird. Doch ist ein Verlauf der Ereignisse möglich, in dem diese Abfolge zugunsten des Proletariats der Vereinigten Staaten durchbrochen wird. Und selbst unter der Annahme, dass Amerika, das jetzt die ganze Welt erschüttert, als letztes erschüttert wird, bleibt die Gefahr bestehen, dass eine revolutionäre Situation in den Vereinigten Staaten die Avantgarde des amerikanischen Proletariats unvorbereitet trifft, wie es 1923 in Deutschland, 1926 in England und zwischen 1925 und 1927 in China der Fall war. Wir dürfen keine Sekunde die Tatsache aus den Augen verlieren, dass sich die Macht des amerikanischen Kapitalismus immer mehr auf das Fundament der Weltwirtschaft mit ihren Widersprüchen und Krisen – militärischen wie revolutionären – stützt. Das bedeutet, dass eine soziale Krise in den Vereinigten Staaten viel früher auftreten kann, als viele denken, und dass sie sich von Anfang an fieberhaft entwickeln wird. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung: Es ist notwendig, sich vorzubereiten.
Soweit ich es beurteilen kann, hat eure Kommunistische Partei nicht wenige Eigenschaften von der alten Sozialistischen Partei geerbt. Das wurde mir klar, als Pepper die amerikanische Kommunistische Partei erfolgreich in das skandalöse Abenteuer mit der Partei LaFollettes[4] verwickelte. Dieser parlamentarische Opportunismus wurde mit „revolutionärem“ Geschwätz getarnt, wonach die soziale Revolution in den Vereinigten Staaten nicht vom Proletariat, sondern von den ruinierten Farmern vollzogen würde. Als Pepper mir nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten diese Theorie unterbreitete, dachte ich, dass ich es mit einem merkwürdigen Fall von individueller Verirrung zu tun hätte. Erst mit einiger Mühe erkannte ich dahinter ein ganzes System, und dass die amerikanische Kommunistische Partei in dieses System hineingezogen wurde. Dann wurde mir klar, dass diese kleine Partei sich nicht ohne schwere innere Krisen entwickeln kann, die sie gegen den Pepperismus und andere üble Krankheiten immunisieren werden. Man kann diese Krankheiten nicht als Kinderkrankheiten bezeichnen – im Gegenteil handelt es sich um Alterskrankheiten, Krankheiten bürokratischer Unfruchtbarkeit und revolutionärer Impotenz.
Deshalb vermute ich, dass die Kommunistische Partei viele Eigenschaften der Sozialistischen Partei übernommen hat, die trotz ihrer Jugend von Altersschwäche gezeichnet ist. Für die Mehrheit dieser Sozialisten – ich denke an die führenden Schichten – ist der Sozialismus eine Nebensache, eine nachrangige Freizeitbeschäftigung. Diese Gentlemen widmen sich sechs Tage der Woche ihren freien oder kaufmännischen Berufen, vergrößern dabei nicht ohne Erfolg ihre Besitztümer, und am siebten Tag widmen sie sich schließlich ihrem Seelenheil. In meinen Memoiren [„Mein Leben“, Anm.] habe ich versucht, diesen Typus des sozialistischen Babbitt[5] nachzuzeichnen. Offensichtlich geben sich nicht wenige dieser Gentlemen erfolgreich als Kommunisten. Sie sind keine intellektuellen Gegenspieler, sondern Klassenfeinde. Die Opposition darf nicht auf die kleinbürgerlichen Babbitts orientieren, sondern auf die proletarischen Jimmie Higginses[6], für die der Kommunismus, wenn sie ihn erst einmal verinnerlicht haben, zum Mittelpunkt ihres ganzen Lebens und Wirkens wird. In der revolutionären Arbeit gibt es nichts Abstoßenderes und Gefährlicheres als den kleinbürgerlichen Dilettantismus: konservativ, eigennützig, selbstverliebt und unfähig, Opfer für eine große Idee zu bringen. Die fortschrittlichen Arbeiter müssen eine einfache, aber unverhandelbare Regel befolgen: Jene Führer oder Führungsanwärter, die in friedlichen, alltäglichen Zeiten unfähig sind, ihre Zeit, ihre Kraft und ihre Mittel für die Sache des Kommunismus zu opfern, werden in einer revolutionären Periode am häufigsten zu Verrätern oder im Lager derjenigen landen, die abwarten und sich dann auf die Seite der Sieger schlagen. Stehen derlei Elemente an der Spitze der Partei, werden sie diese im entscheidenden Moment unweigerlich zerstören. Um keinen Deut besser sind jene hirnlosen Bürokraten, die sich einfach bei der Komintern verdingen wie bei einem Notar und sich gehorsam jedem neuen Vorgesetzten unterwerfen.
Natürlich kann die Opposition – das heißt, die Bolschewiki-Leninisten – einige Wegbegleiter haben, die, ohne sich ganz der Revolution zu verschreiben, der Sache des Kommunismus diesen oder jenen Dienst erweisen. Es wäre natürlich falsch, dies nicht zu nutzen. Sie können einen bedeutsamen Beitrag für die Arbeit leisten. Doch Wegbegleiter, auch die ehrlichsten und ernsthaftesten, sollten keinen Führungsanspruch stellen. Die Führung muss durch ihre tägliche Arbeit mit jenen, die sie anführen, untrennbar verbunden sein. Ihre Arbeit muss vor den Augen der Masse erfolgen, egal wie klein die Masse im gegebenen Moment auch sein mag. Ich würde keinen Cent für eine Führung geben, die völlig unbemerkt von den Massen per Telegramm nach Moskau oder sonst wohin beordert werden kann. Mit einer solche Führung ist das Scheitern garantiert. Wir müssen auf den jungen Proletarier orientieren, der verstehen und kämpfen will, der fähig ist, Enthusiasmus und Opfer aufzubringen. Diese Menschen müssen wir gewinnen und zu wirklichen Kadern der Partei und des Proletariats ausbilden.
Jedes Mitglied der Oppositionsorganisation sollte verpflichtet sein, mehrere junge Arbeiter ab 14 oder 15 Jahren unter seine Fittiche zu nehmen, in ständigem Kontakt mit ihnen bleiben und sie in ihrer Selbstbildung unterstützen, sie in den Fragen des wissenschaftlichen Sozialismus ausbilden und systematisch in die revolutionäre Politik der proletarischen Avantgarde einführen. Der Oppositionelle, der selbst noch nicht in der Lage ist, diese Arbeit zu tun, sollte die von ihm rekrutierten jungen Proletarier an fortgeschrittenere und erfahrenere Genossen übergeben. Diejenigen, die Angst vor harter Arbeit haben, wollen wir nicht. Die Berufung eines revolutionären Bolschewiken bringt auch Verpflichtungen mit sich. Die erste dieser Verpflichtungen besteht darin, um die proletarische Jugend zu kämpfen und den Weg zu ihren unterdrücktesten und am meisten vernachlässigten Schichten zu bereiten. Sie stehen unter unserem Banner an vorderster Front.
Die Gewerkschaftsbürokraten, genauso wie die Bürokraten des falschen Kommunismus, leben in einer Atmosphäre, die geprägt ist von den aristokratischen Vorurteilen der bessergestellten Arbeiter. Es wäre eine Tragödie, wenn diese Stimmung auf die Oppositionellen auch nur geringfügig abfärben würde. Wir müssen diese Vorurteile ablehnen und verurteilen; wir müssen auch ihre letzten Spuren aus unserem Bewusstsein verbannen; wir müssen uns den Weg zu den am meisten benachteiligten, den dunkelsten Schichten des Proletariats bahnen, angefangen mit dem Schwarzen, den die kapitalistische Gesellschaft ausgestoßen hat, und der lernen muss, in uns seine revolutionären Brüder zu erkennen. Und das hängt einzig und allein von unserer Energie und Hingabe zur Arbeit ab.
Aus dem Brief des Genossen Cannon entnehme ich, dass ihr beabsichtigt, der Opposition eine klarere Organisationsform zu geben. Dieses Vorhaben kann ich nur begrüßen. Es deckt sich vollständig mit den oben dargelegten Ansichten. Für die Arbeit, die ihr leistet, ist eine gut ausgebildete Organisation notwendig. Das Fehlen klarer Organisationsverhältnisse ist das Resultat intellektueller Verwirrung oder führt zu ihr. Der Ruf nach einer zweiten Partei[7] und einer Vierten Internationale ist lächerlich und sollte uns nicht aufhalten. Wir setzen die Kommunistische Internationale nicht mit der stalinistischen Bürokratie gleich, sprich mit der Hierarchie der Peppers in verschiedenen Graden der Demoralisierung. Der Internationale liegen klare Ideen und Prinzipien zugrunde, die aus dem gesamten Kampf des Weltproletariats resultieren. Diese Ideen werden durch uns, die Opposition, repräsentiert. Wir werden sie gegen die ungeheuerlichen Fehler und Verstöße des 5. und 6. Kongresses und gegen den usurpierenden Apparat der Zentristen verteidigen, die an der einen Flanke geschlossen in die Reihen der Thermidorianer[8] überlaufen. Jedem Marxisten ist völlig klar, dass die derzeit herrschende Fraktion der Komintern trotz der gewaltigen materiellen Ressourcen des stalinistischen Apparats politisch und theoretisch bereits tot ist. Das Banner von Marx und Lenin befindet sich in den Händen der Opposition. Ich zweifle nicht daran, dass die amerikanische Sektion der Bolschewiki einen würdigen Platz unter diesem Banner einnehmen wird.
Mit herzlichen Oppositionsgrüßen,
L. Trotzki
Konstantinopel, März 1929
[1] Lovestone und Pepper waren die damaligen Führer der amerikanischen KP. Sie dirigierten den Ausschluss der Trotzkisten und initiierten die ersten Gewaltkampagnen gegen sie, was später von der Lovestone-Gruppe abgestritten wurde. [Anm. Marxist Internet Archive]
[2] Der Zentrismus ist eine politische Strömung, die zwischen reformistischer und revolutionärer Politik schwankt.
[3] Lovestone und Pepper befanden sich in den Streitigkeiten der Russischen KP im Lager Bucharins. Als sie erfuhren, dass der so genannte „Korridor-Kongress“ im Rahmen des 6. Kongresses der Komintern entschieden hatte, Bucharin fallenzulassen, versuchten sie die Seiten zu wechseln, waren mit ihrer Loyalitätsbekundung an Stalin aber zu spät dran. Ihre Verknüpfung mit Bucharin machte sie suspekt und besiegelte ihre Führung in den Vereinigten Staaten. [Anm. Marxist Internet Archive]
[4] Pepper argumentierte dafür, den „progressiven“ Republikaner und US-Senator Robert La Follette, der mit seiner eigenen Partei zu den Präsidentschaftswahlen 1924 antrat, zu unterstützen.
[5] Babbitt ist Immobilienmakler und Hauptfigur des gleichnamigen Romans von Sinclair Lewis, erschienen 1922, der bekannt für seine Satire des amerikanischen Mittelschichtslebens ist.
[6] Jimmie Higgins ist ein Roman von Upton Sinclair (erschienen 1919). Er folgt dem Leben Jimmie Higgins, einem Mann aus der Arbeiterklasse, dessen Erfahrungen ihn zum Klassenkämpfer machen.
[7] Als Trotzki diesen Brief 1929 verfasste, widersetzten sich die Mitglieder der Linken Opposition in Russland und die internationalen Unterstützer Trotzkis den Ausschlüssen der Stalinisten aus den Kommunistischen Parteien weltweit und kämpften um ihre Wiederaufnahme. Sie betrachteten den Prozess des Thermidors (bezeichnet in Anlehnung an die Reaktion gegen die Französische Revolution und Robespierre 1794 den Prozess der politischen Konterrevolution des Stalinismus gegen die Errungenschaften der Oktoberrevolution von 1917) innerhalb der Sowjetunion und der Komintern noch nicht als abgeschlossen oder unumkehrbar. Das Jahr 1933 war ein entscheidender Wendepunkt. Hitlers Machtübernahme löste nicht den geringsten Widerspruch innerhalb der Kommunistischen Partei an der katastrophalen Politik der Komintern aus, die den Aufstieg Hitlers begünstigte.
[8] Siehe vorige Anmerkung.