Begeisterung für Poesie: Was bedeutet der aktuelle Trend?


Von Jérôme Métellus und Irene Serra.
Erschienen in: In Verteidigung des Marxismus Nr. 13, August 2024.


Im vergangenen Sommer haben das französische Kulturmagazin Télérama und die überregionale Tageszeitung Le Monde darauf hingewiesen, dass die kleine Welt der Poesie in den letzten Jahren einen neuen Aufschwung erlebt hat.

Im französischen Buchhandel stieg der Verkauf von Sammelbänden (von „Klassikern“ oder anderen) von 2019 bis 2022 um ganze 42%. Diese Tendenz setzte sich 2023 fort: Um 22% stiegen die Verkaufszahlen zwischen Januar und Mai. Natürlich macht die Poesie nach wie vor nur etwa ein Prozent des Umsatzes aus, aber dennoch ist der Anstieg bemerkenswert. „Die unabhängigen Verlage werden immer zahlreicher – Seghers, Bruno Doucey, Le castor astral, usw. – und mit ihnen wächst auch die Lust am Schreiben“[1], erklärt Télérama.

In den sozialen Medien zeigt sich dieser Trend noch deutlicher. Der Hashtag „Poetry“ wurde auf TikTok 75 Milliarden Mal aufgerufen und auf Instagram gibt es zahlreiche „Instapoets“. Es sind vor allem junge Menschen, die hinter diesem poetischen Revival stehen. Dies zeigt sich an der zunehmenden Begeisterung für „Open Mic Nights“ in Bars, wo die Besucher nicht nur ihre Getränke, sondern auch poetische Darbietungen genießen wollen.

Das Wesen der Poesie

Um diese Frage zu klären, muss zuerst klargestellt werden, dass die Poesie nicht einfach so behandelt werden kann, wie die großen Klassiker in der Schule gelehrt werden.

Mit Sicherheit haben Verlaine, Hugo, Baudelaire und Rimbaud – um nur vier Genies der französischen Poesie des 19. Jahrhunderts zu nennen – einen rechtmäßigen Platz im Lehrplan. Doch eine akademische Herangehensweise führt allzu oft dazu, dass diese großen Werke nicht ernsthaft verstanden werden, womit auch das tatsächliche Wesen der Poesie, die weit über die Bücher aus dem Schulunterricht hinausgeht, unerkannt bleibt.

Um zu verstehen, was Poesie im Grunde genommen ist, können wir darauf zurückgreifen, was der deutsche Philosoph Hegel über sie sagte. In seiner Klassifizierung der verschiedenen Kunstformen schloss er in den Begriff „Poesie“ alles ein, was wir heute als Literatur betrachten – also auch Romane und Theaterstücke. Natürlich haben sich Literatur und Kunst seit Hegel stark weiterentwickelt. In den letzten zwei Jahrhunderten haben interne Differenzierungen in der Literatur den Begriff Poesie für eine bestimmte Form des Schreibens reserviert. Es gilt jedoch den tieferen Sinn von Hegels Klassifizierung zu begreifen: „[D]ie Poesie ist ihrem Begriffe nach wesentlich tönend.“[2]

Diese Charakterisierung der Poesie ist nicht ganz so banal, wie sie auf den ersten Blick scheint. In der Tat ist gesprochene Poesie nicht einfach nur gewöhnliche Sprache. Sie befreit sich von den rein instrumentellen Funktionen der Sprache, von alltäglichen Zwängen, von der Sorge um effiziente Kommunikation und transparente Logik, um den Schätzen an Musik und Bildern freien Lauf zu lassen, die tief in der Sprache – und tief in jedem von uns – verborgen sind.

Zum Thema Bildlichkeit erklärt Hegel:

„Dem gewöhnlichen, verständigen Bewußtsein nach verstehe ich beim Hören und Lesen mit dem Wort unmittelbar die Bedeutung, ohne sie, d.h. ohne ihr Bild vor der Vorstellung zu haben. Sagen wir z.B. ‚die Sonne‘ oder ‚morgens‘, so ist uns klar, was damit gemeint sei, die Frühe und die Sonne selbst aber wird uns nicht veranschaulicht. Wenn es dagegen im Dichter heißt: ‚Als nun die dämmernde Eos mit Rosenfingern emporstieg‘, so ist hier zwar der Sache nach dasselbe ausgesprochen; der poetische Ausdruck gibt uns aber mehr, da er beim Verstehen auch noch eine Anschauung von dem verstandenen Objekte hinzufügt oder vielmehr das bloße abstrakte Verstehen entfernt und die reale Bestimmtheit an die Stelle setzt.“[3]

Wie Hegels Beispiel der Homer-Metapher zeigt, bietet uns das poetische Bild noch „mehr“, denn in der realen Welt hat keine Morgenröte rosige Finger! So spiegelt sich ironischerweise ein konkreteres Bild des Beschriebenen in einer Sprache wider, die, wörtlich genommen, falsch oder gar absurd ist.

Die Mittel der poetischen Bildsprache eröffnen so viele Möglichkeiten, dass das „Ding an sich“ nicht so sehr „abgebildet“, sondern umgebildet werden kann. Die Geschichte der modernen Poesie ist durch eine allgemeine Entwicklung in diese Richtung gekennzeichnet – bis zu dem Punkt, an dem das Bild bei den Surrealisten aufhört, das „Ding an sich“ „abzubilden“, um seine geheimsten und unbewussten Resonanzen zu erfassen.

In den folgenden Versen von Paul Éluard werden beispielsweise die Vögel durch die Verwendung einer erweiterten Metapher mit Fischen und dann mit Perlen assoziiert:

„Un bel arbre (Ein schöner Baum) / Ses branches sont des ruisseaux (Seine Äste sind wie Bäche) / Sous les feuilles (Unter den Blättern) / Ils boivent aux sources du soleil (Trinken sie aus den Quellen der Sonne) / Leurs poissons chantent comme des perles (Ihre Fische singen wie Perlen.)”[4]

Es gibt keine unüberwindbare Grenze zwischen Poesie und Alltagssprache. In gewissem Sinne fließt das eine aus dem anderen. Selbst unsere trivialsten Alltagsgespräche sind mit „poetischen“ Bildern gespickt, denen wir meist keine Beachtung schenken. Wenn wir erklären, dass jemandem „die Sicherung durchgebrannt“ ist, verwenden wir eine Metapher. Wenn wir einem Freund vorschlagen, „ein oder zwei Gläser zu trinken“, verwenden wir eine Metonymie, d.h. wir ersetzen ein Wort durch etwas, das eng mit ihm verbunden ist – in diesem Fall durch das Getränk mit dem Glas. Aber der Dichter verwendet diese verschiedenen Redewendungen, um seine Gefühle, Gedanken und seine Weltsicht in den Rang eines Kunstwerks zu erheben.

Ein weiteres zentrales Merkmal der Poesie ist die Musikalität des gesprochenen Wortes. Wenden wir uns hierzu ein weiteres Mal Hegel zu:

„Sehen wir die Buchstaben, welche Zeichen für Sprachlaute sind, so verstehen wir bei ihrer Betrachtung, ohne dass wir die Töne zu hören nötig hätten, sogleich das Gelesene; und nur ungeläufige Leser müssen sich erst die einzelnen Laute aussprechen, um die Wörter verstehen zu können. Was hier eine Ungeübtheit ist, wird aber in der Poesie das Schöne und Vortreffliche.“[5]

Die Aussprache des Textes fügt de facto eine musikalische Dimension hinzu.

Einer der großen Musiker der französischen Poesie, Paul Verlaine, weist in der ersten Strophe seines Gedichtes Art poétique darauf hin:

“De la musique avant toute chose, / Et pour cela préfère l’Impair / Plus vague et plus soluble dans l’air, / Sans rien en lui qui pèse ou qui pose.“
„Musik muss sein vor allen Dingen. / Zieh deshalb vor den unbestimmten Duft, / verschwommen und ganz aufgelöst in Luft, / und nichts enthaltend, das beschwert beim Singen.“[6]

Die größten Dichter zeichnen sich durch ihre Fähigkeit aus, Bildhaftigkeit und Musikalität zu verbinden, mit ihrem Zusammenhang zu spielen. Sie verbinden Form und Inhalt zu einer harmonischen und originellen Einheit, was genau das ist, was unsere „funktionale“ Alltagssprache nie – oder jedenfalls nur sehr selten – tut.

Literatur und Revolte

Wie wir sehen, ist die Poesie, so wie wir sie charakterisiert haben, nicht auf klassische Lyrik beschränkt. Sie durchzieht in unterschiedlichem Maße Romane und Theaterstücke, aber auch Lieder. Die Poesie drückt sich in einer großen Vielfalt von Kunstformen aus, und sie kann natürlich musikalisch untermalt werden, ohne dass sie aufhört, Poesie zu sein.

Vor diesem Hintergrund sollten wir das erneute Interesse an „reiner“ Poesie in den letzten Jahren analysieren. Mit „rein“ meinen wir: nur auf dem gesprochenen Wort basierend, ohne Gesang oder Musik. In diesem Sinne ist die „Slam Poetry“ eine Zwischenform zwischen Rap und Poesie, auf ihre Essenz reduziert. Diese Entwicklung zur Reduktion des poetischen Ausdrucks auf das Wesentliche ist sehr bedeutsam. Es ist nämlich nicht notwendig, singen oder musizieren zu können, um Gedichte zu schreiben oder zu rezitieren. Wie Hegel betonte: „Es bedarf nur der Gabe phantasiereicher Gestaltung überhaupt.“[7]

Mit anderen Worten: Der Dichter muss etwas zu sagen haben, was er gehört haben will, und das er in erhabene und schöne Worte fassen kann, die eine große Wirkung haben und ihr Publikum erreichen.

Und junge Menschen haben heute durchaus etwas zu sagen: gegen Ausbeutung, Unterdrückung, die Armut auf unseren Straßen, die Zerstörung der Umwelt, imperialistische Kriege, den Zynismus und die Heuchelei, die aus der herrschenden Klasse, den Mainstream-Medien und den Reden aller Politiker triefen. Dieser Durst nach Poesie, der sich nicht nur in denjenigen manifestiert, die sie schreiben und vortragen, sondern auch in den noch zahlreicheren Menschen, die sie lesen oder ihr bei ein paar Drinks zuhören, ist eine schleichende, aber kraftvolle Revolte.

Diese Verbindung zwischen den verschiedenen Erscheinungsformen der Krise des Kapitalismus und der zunehmenden Popularität der Poesie wurde von Olivier Barbarant, dem Vorsitzenden der Kommission für Poesie im Nationalen Buchzentrum Frankreichs, hervorgehoben: „Katastrophale Zeiten erzeugen einen Durst nach Sinn und nach Poesie. Unser Erfolg ist ein Kommentar zur Härte unserer Epoche.“[8] Julia Vergely schreibt ihrerseits in Télérama: „Wenn die Welt unwiderruflich auf eine Katastrophe zuzusteuern scheint, gedeiht die Poesie.“[9]

All das ist vollkommen richtig, nur dass die Welt nicht unwiderruflich auf eine Katastrophe zusteuert, sondern auf eine Reihe von revolutionären Krisen, von deren Ausgang die Zukunft der Menschheit abhängt. Die aktuelle Begeisterung für die Poesie ist nur einer von vielen Vorboten dafür. Was die von Olivier Barbarant erwähnte „Sehnsucht nach Sinn“ angeht, so muss man sagen, dass sie zwangsläufig einen eindeutig politischen – und oft antikapitalistischen – Charakter hat.

Es stimmt, dass sich die Poesie nicht auf einen politischen Diskurs reduzieren lässt. Ein gutes Gedicht und ein guter Slogan – oder ein gutes politisches Programm – müssen sehr unterschiedlichen Anforderungen genügen. Allerdings suchen die meisten jungen Menschen, die sich heute für Poesie interessieren, mehr als nur rein formale Kunstfertigkeit. Sie suchen eine Poesie, die auf die eine oder andere Weise, auch mit Humor und Leichtigkeit, von der Katastrophe dieser Welt, ihrer Gewalt, ihrer Absurdität, aber auch von der Hoffnung auf eine bessere, gerechtere und menschlichere Welt spricht.

Das soll nicht heißen, dass Poesie unbedingt einen politischen Charakter haben muss, um schön zu sein oder geschätzt zu werden. Gute Poesie – und gute Literatur im Allgemeinen – muss aus dem Innersten des Dichters, aus seiner Erfahrung, aus seiner Leidenschaft entstehen. Die intimsten und einzigartigsten Freuden und Leiden sind oft der Kern großer poetischer Werke. Dies gilt insbesondere seit dem Aufkommen der Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Schönheit der Gedichte von Verlaine oder Baudelaire zum Beispiel ist untrennbar mit den seelischen Qualen der Dichter verbunden.

Doch auch bei Verlaine und Baudelaire haben wir es mit Werken zu tun, die bis zu einem gewissen Grad die Gesellschaft widerspiegeln, in der die Autoren lebten. Diese beiden Dichter tragen die Handschrift der gleichen tiefen Desillusionierung gegenüber den Versprechungen des bürgerlichen Rationalismus, aber auch der Romantik. Der schwärmerische Optimismus von Victor Hugo, dem Anführer der französischen Romantik, wurde durch das korrupte und diktatorische Regime von Napoleon III. mit Füßen getreten. In gewisser Weise fand die Dekadenz des Zweiten Kaiserreichs in den Meisterwerken von Verlaine und Baudelaire einen deformierten – weil verformten, umgelenkten – Ausdruck: Les fleurs du mal (Die Blumen des Bösen, 1857) und die Poèmes saturniens (Gedichte unter Saturn, 1866).

Der Dichter mag zwar in seinen eigenen subjektiven Quellen nach Inspiration suchen, aber auch diese werden von der realen Welt geformt, die sich außerhalb des Einflusses des Künstlers befindet. Wie Trotzki schrieb:

„Das künstlerische Schaffen ist […] eine Umformung, eine Veränderung und eine Verwandlung der Wirklichkeit, gemäß den besonderen Gesetzen der Kunst. Wie phantastisch die Kunst auch sein mag, sie kann über kein anderes Material verfügen als über das, das ihr von der dreidimensionalen Welt und der beschränkteren Welt der Klassengesellschaft gegeben wird. Selbst wenn der Künstler Himmel und Hölle erschafft, verwandelt er lediglich die Erfahrung seines eigenen Lebens in seine Phantasmagorien, fast bis hin zur unbezahlten Rechnung seiner Vermieterin.“[10]

Heute, da der Kapitalismus die Menschheit mit einer allgemeinen Barbarei bedroht, können sich die besten Dichter – und ihr Publikum – nicht mit subtilen, raffinierten Werken begnügen, die vom sozialen Puls der realen Welt, ihrem Leiden und ihren Kämpfen abgeschnitten sind. Die Zeit ist reif für eine Dichtung, die mit lautem Schrei und feuriger Leidenschaft in energischem Protest auf die Verwüstungen einer krisenhaften, ungerechten und brutalen Welt antwortet. Das wiedererwachte Interesse an der Poesie ist nicht nur das Symptom einer revolutionären Epoche; wir können ebenso mit Sicherheit sagen, dass diese Epoche aus denselben Gründen auch große revolutionäre Dichter hervorbringen wird.

[1] J. Vergely (16.06.2023): La poésie est bien vivante, vive la poésie!, Télérama – eigene Übersetzung.

[2] G.W.F. Hegel (1986): Vorlesungen über die Ästhetik. in Hegel Werke Bd. 15. Suhrkamp, Frankfurt a. M., S.320.

[3] Ebd., S. 277.

[4] Paul Eluard (1934): La Lumière éteinte, in: La Rose Publique, Gallimard, S. 37.

[5] Hegel, Ästhetik, S. 277.

[6] Paul Verlaine (1967): Gedichte. Jakob Hegner Verlag, Köln, S. 218f.

[7] Hegel, Ästhetik, S. 271.

[8] Le Monde (07.06.2023): La poésie – enquête sur un art en pleine mue.

[9] Télérama (16.06.2023): La poésie est bien vivante, vive la poésie.

[10] Leo Trotzki (1923/1960): Literature and Revolution. University of Michigan Press, S. 176 – eigene Übersetzung.