Lenin in London


Von Rob Sewell.
Erschienen in: In Verteidigung des Marxismus Nr. 4, Mai 2022.


Im Laufe seines Lebens reiste Lenin mehrfach nach London. Der erste und längste Besuch begann im Jahr 1902 und dauerte über ein Jahr. Weitere Reisen folgten anlässlich der Kongresse der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) in den Jahren 1903, 1905 und 1907. 1908 und 1911 kehrte er erneut zurück und recherchierte aus Forschungszwecken im British Museum. Seit geraumer Zeit besteht ein wachsendes Interesse an Lenins Wirken in London. In einem faszinierenden Projekt zu diesem Thema werden sogar Stadtspaziergänge auf Lenins Spuren durch die britische Hauptstadt angeboten.

Lenins Aufenthalte in London wurden schon in mehreren Büchern behandelt. Die namhaftesten davon sind Conspirator, Lenin in Exile (Verschwörer: Lenin im Exil) von Helen Rappaport, und das jüngste Werk The Spark that Lit the Revolution: Lenin in London and the Politics that Changed the World (Der Funke, der die Revolution entfachte: Lenin in London und Politik, die die Welt veränderte) von Dr. Robert Henderson.

Mit einem gewissen Interesse blickte ich der Lektüre von Hendersons Buch entgegen – schließlich war er der Kurator der Russischen Sammlung in der britischen Nationalbibliothek. Über viele Jahre hinweg versuchte er Details über Lenins Leben in London in Erfahrung zu bringen und seine Forschungen führten ihn in verschiedenste Archive in Großbritannien und im Ausland, darunter in Russland.

In diesem Sinne konnte man hoffen, dass Henderson neue Erkenntnisse über Lenin zutage befördert – über den Menschen Lenin, aber auch über die Entwicklung seiner Ideen. Tatsächlich verspricht Henderson auf der Titelseite „neues Licht auf [Lenins] Weltanschauung [zu werfen] – eine Philosophie, die einen entscheidenden Einfluss auf das zwanzigste Jahrhundert haben sollte. Als solches handelt es sich um die erste vollständige Abhandlung über die Entwicklung eines der führenden politischen Visionäre seiner Zeit.“[1]

Leider ist diese Behauptung, um es nett auszudrücken, völlig übertrieben. Das Buch wirft mit Sicherheit kein neues Licht auf „Lenins Weltanschauung“. Im Gegenteil, das Buch behandelt, abgesehen von oberflächlichen Kommentaren, kaum Lenins Politik. Dort wo Lenins Anschauungen tatsächlich thematisiert werden, finden wir nichts als langwierige Wiederholungen all der altbekannten Vorurteile bürgerlicher Historiker. Diese Verfälschungen von Lenins Ideen haben wir bereits eine Million Mal gehört, und eine Buchbesprechung reicht unmöglich aus, sie alle zu beantworten. Dafür bräuchte es schon ein ganzes Buch.

Reine Spekulation

Jene Leser, die sich etwas völlig anderes erwarten, werden bitter enttäuscht sein. Während einige der Geschichten zwar interessant sind, handelt es sich beim Großteil des Inhalts um Klatsch und Tratsch aus den Memoiren unbedeutender Persönlichkeiten.

Doch bei seiner Recherche stolperte Henderson auch über eine Sammlung von Briefen Lenins, die in Zusammenhang mit seinem Aufenthalt in London stehen. Diese waren in den Gewölben der British Library eingelagert. Außerdem fand er in diesen Archiven einige längst verloren geglaubte Photographien russischer Revolutionäre. Er förderte auch einige Informationen über Personen zu Tage, mit denen Lenin im Laufe seiner Aufenthalte in London zu tun hatte, darunter auch Polizeispitzel und russische Agenten, die sich zu dieser Zeit in East London aufhielten.

Anders als es der Untertitel suggeriert, ist der zentrale Inhalt von Hendersons Buch nicht Lenins Ideenwelt. Vielmehr dreht es sich um die Orte, die Lenin während seiner Zeit in London aufsuchte, und die Personen, die er dort traf. Bei dem Buch handelt es sich dementsprechend weitgehend um eine Auflistung von Individuen, die bestenfalls als Fußnoten in der Geschichte betrachtet werden können.

Weitaus bessere Berichte über Lenins Leben in London zwischen 1902 und 1903 finden wir in Trotzkis Autobiographie Mein Leben und in den Erinnerungen an Lenin, die von seiner Frau und lebenslangen Kampfgefährtin Krupskaja verfasst wurden:

Die Geschichte von Lenin in London beginnt nicht in Großbritannien, sondern in Deutschland. Nach seiner Rückkehr aus dem sibirischen Exil im Jahr 1900 reiste Lenin ins Ausland, um mit Plechanow und anderen gemeinsam an der Gründung der Iskra, der ersten allrussischen marxistischen Zeitung, zu arbeiten. Die Redaktion bestand aus Lenin selbst, Plechanow, Sassulitsch, Axelrod, Potresow und Martow. Es wurden 21 Ausgaben produziert – die Zeitung erschien zunächst monatlich, später zweiwöchentlich. Der Druck der deutschen Behörden jedoch zwang sie die Operation, in ein anderes Land zu verlegen.

Axelrod und Plechanow wollten die Redaktion in die Schweiz verlegen, die Mehrheit samt Lenin jedoch entschied sich für London, da sie dadurch leichter Zugang zu den Schätzen der britischen Nationalbibliothek bekommen würden.

Mitte April 1902 kamen Lenin und Krupskaja mit einer Fähre nach Dover und reisten von dort mit dem Zug weiter nach London, wo sie von einem alten Bekannten, dem Revolutionär Nikolai Alexejew, empfangen wurden, der einige Jahre zuvor nach London gezogen war. Zunächst schien Lenin bei seiner Ankunft wenig von London gehalten zu haben. In einem Brief an Plechanow schrieb er: “London macht auf den ersten Blick einen scheußlichen Eindruck!!”[2]

Anstatt sich auf Alexejews Beziehung zu Lenin zu konzentrieren, fokussiert Henderson auf zwei andere Persönlichkeiten, Konstantin und Apollinaria Tachtarjew, die bereits in London lebten. Sie waren seit 1893 Teil der revolutionären sozialdemokratischen Bewegung in St. Petersburg. Apollinaria war Mitglied des Petersburger Kampfbunds zur Befreiung der Arbeiterklasse, einer Organisation marxistischer Studentenzirkel unter der Leitung von Lenin. Sie und ihr Partner entwickelten sich jedoch zu Unterstützern der „ökonomistischen“ Strömung in der russischen Arbeiterbewegung. Konstantin war sogar Redakteur der Zeitung Rabotschaja Mysl.

Lenin und die Iskra führten einen heftigen Kampf gegen diese Strömung, die die Arbeiterbewegung auf den ökonomischen Kampf zu reduzieren versuchte und revolutionärer Politik und Theorie wenig Aufmerksamkeit schenkte. In einem Antwortbrief an Apollinaria stellte Lenin im Oktober 1900 klar:

“Daß wir in der Rabotschaja Mysl das Organ einer besonderen Richtung sehen, von der wir uns ganz wesentlich unterscheiden, haben Sie längst gewußt.” Später im Brief schreibt er: “Ohne Kampf kann es auch keine Klärung geben, und ohne Klärung kann es kein erfolgreiches Voranschreiten, kann es keine Einheit von Dauer geben.”[3]

Trotz dieser politischen Differenzen waren die Tachtarjews bekannt dafür, politischen Flüchtlingen in London zu helfen, eine Unterkunft zu finden und sich in der neuen Stadt einzuleben. So halfen sie ihren alten Bekannten Lenin und Krupskaja bei der Wohnungssuche und unterstützten sie auch dabei, einen Veranstaltungsort für den zweiten Kongress der SDAPR ein Jahr später zu finden. Bei Lenins Ankunft befand sich die ökonomistische Strömung jedoch bereits im Niedergang. Lenin und Krupskaja waren dankbar für die Hilfe der Tachtarjews und pflegten eine freundschaftliche Beziehung mit ihnen, obwohl sie sich bei weitem nicht so nahestanden, wie Henderson das darstellt.

Lenins und Krupskajas erste Wohnung war in der Sidmouth Street nahe Kings Cross. Binnen einer Woche zogen sie aber um in ein Haus mit zwei Zimmern an der Adresse 30 Holford Square, das nur einen kurzen Fußweg entfernt lag. Ihre Zimmer waren im ersten Stock, und sie mieteten sie für 20 Schilling die Woche von Frau Yeo, einer Witwe und Schneiderin. Um sich die zaristische Polizei vom Leib zu halten, nahmen sie die Namen Dr. und Frau Jacob Richter an. Als Berufsrevolutionäre lebten Lenin und Krupskaja von mageren Löhnen. Nach Bezahlung der Miete blieben ihnen nur 10 Schilling zum Leben. Laut Henderson „war Frau Yeo […] etwas schockiert davon, dass das Paar es unterließ Vorhänge in die Fenster zu hängen und auch von der Abwesenheit eines Eherings an Krupskajas Finger.“[4] Doch die Tachtarjews versicherten ihr, alles sei in bester Ordnung. Später sollte auch Krupskajas Mutter nachfolgen.

Nach einigen Wochen kamen auch Martow und Sassulitsch an und quartierten sich in einem Haus in der Sidmouth Street ein, welches das Hauptquartier der Iskra werden sollte. Die Räumlichkeiten wurden bekannt als die „Kommune“ und später von Plechanow wegen des unordentlichen Zustands als „Räubernest“ beschrieben. Lenin lebte ganz in der Nähe und schaute jeden Tag nach dem Mittagessen für die Redaktionssitzungen vorbei, während er die Vormittage üblicherweise in den Leseräumen des British Museums verbrachte, das auch in Gehweite lag. Einige Monate später musste die „Kommune“ nach Percy Circus, einen Steinwurf von Lenins Wohnung in Holford, verlegt werden, nachdem der Vermieter einen Räumungsbescheid ausstellte.

Die Iskra wurde bei Twentieth Century Press, in Clerkenwell Green gedruckt. Eingefädelt hatte das ein gewisser Harry Quelch, Mitglied der Social Democratic Federation (SDF), der ersten offen sozialistischen Partei auf den britischen Inseln, deren Zeitung Justice ebenfalls dort gedruckt wurde.

Die russischen Abzüge der Iskra jedoch mussten an einen Drucker im East End gesendet werden, wo Blumfield, der Schriftsetzer der Iskra, die kyrillischen Buchstaben setzte. Im Gebäude der Druckerei wurde Lenin ein kleines Zimmer zur Verfügung gestellt: gerade groß genug für einen kleinen Tisch und einen Stuhl, wo er an der Iskra arbeitete. Plechanow und Axelrod blieben in Genf, reisten für wichtige Redaktionssitzungen jedoch nach London.

Im Herbst 1902 stieß der erst 22-jährige Leo Trotzki, der vor kurzem aus dem sibirischen Exil geflüchtet war, zur Redaktion in London. Nachdem er sich eines frühen Morgens bei Lenin gemeldet hatte, wurde er in der „Kommune“ bei den anderen Redakteuren untergebracht.

Obwohl sie sich zwar mit Büchern Englisch beigebracht hatten, verstanden Lenin und Krupskaja bei ihrer Ankunft kein einziges Wort, das die Leute sprachen und ihre Aussprache konnte auch niemand verstehen.

„Wir kamen anfangs in die komischsten Situationen“, schreibt Krupskaja, „Wladimir Iljitsch lachte darüber, aber es war ihm doch sehr unangenehm. Er begann die Sprache eifrig zu studieren.“[5] Sie lernten Englisch und nahmen im Gegenzug für Lektionen in Russisch die Hilfe eines Tutors in Anspruch. Schlussendlich erlernten sie die Sprache, teilweise auch indem sie Teilnehmern von politischen Treffen oder Rednern am Hyde Park Corner lauschten.

Auch wenn sie es am Anfang nicht gerade einfach hatten, begann das Paar das Leben in London mit der Zeit zu genießen. Lenin entdeckte im British Museum und der dort untergebrachte Bibliothek die besten Quellen der Welt und verbrachte dort die Hälfte seiner Zeit. Gemeinsam mit Krupskaja besuchte er Pubs, Leseräume und öffentliche Treffen. Sie reisten auch häufig nach Primrose Hill und spazierten von dort zum Grab von Karl Marx in Highgate. Lenin liebte Spaziergänge und Ausfahrten auf dem oberen Deck der Omnibusse und entdeckte so die Stadt. Die Kluft zwischen Arm und Reich war in der Stadt augenscheinlich; Lenin kommentierte dies mit zusammengeknirschten Zähnen auf Englisch: „Two nations!” (Zwei Nationen!)

Der Kongress in London: Fiktion und Fakten

In Krupskajas ausführlichen Erinnerungen an Lenin, ursprünglich 1930 in Moskau veröffentlicht, beschreibt sie Trotzkis Ankunft in London und sein Aufeinandertreffen mit Lenin. Das Buch fiel bald der stalinistischen Zensur zum Opfer, was bedeutete, dass diese Passage in späteren Ausgaben vollkommen gestrichen wurde. Obwohl Henderson das wohl bewusst war, fehlt diese Begegnung in seinem Buch dennoch. Dabei könnte sie als Anhaltspunkt dafür dienen, wie Lenin mit seinen Genossen umging, auch wenn das nicht in Hendersons Bild passt. Dementsprechend ist es lohnenswert, hier ein Zitat des fehlenden Texts aus der Ausgabe von 1930 anzuführen:

„Inzwischen erhielten wir aus Samara die Nachricht, dass bei den dortigen Genossen der aus Sibirien entflohene Bronstein (Trotzki) eingetroffen sei. Er sei ein eifriger Anhänger der Iskra und mache auf alle einen sehr guten Eindruck. „Ein wahrhafter junger Adler”, schrieben die Genossen aus Samara. Man taufte ihn ,Feder’ und dirigierte ihn nach Poltawa, wo er mit dem Juschny Rabotschij [Zu Deutsch: „Der Arbeiter des Südens”; Anm.] in Verhandlungen treten sollte. Er gewann den Eindruck, dass man mit der Gruppe Juschny Rabotschij [einer unabhängigen sozialdemokratischen Gruppe; Anm.] zusammenarbeiten könne…
Kurze Zeit darauf, ich glaube Anfang Oktober, kam Trotzki nach London.
Einmal erscholl frühmorgens ein ungestümes Klopfen an der Haustür. Wenn jemand auf nicht übliche Weise pochte, so wusste ich schon genau, dass der Besuch uns galt, und ich beeilte mich, hinunterzugehen, um die Tür zu öffnen. Es war Trotzki. Ich führte ihn in unser Zimmer hinauf. Wladimir Iljitsch war eben erst aufgewacht und lag noch im Bett. Ich ließ die beiden allein und ging, um den Droschkenkutscher abzufertigen, Kaffee zu kochen usw. Als ich zurückkehrte, saß Wladimir Iljitsch immer noch im Bett, in lebhafter Unterhaltung mit Trotzki über irgendein abstraktes Thema begriffen. Sowohl die warmen Empfehlungen des ‚jungen Adlers‘ wie auch die erste Unterhaltung veranlassten Wladimir Iljitsch, sich den Genossen besonders aufmerksam anzuschauen. Er unterhielt sich viel mit ihm und machte oft mit ihm zusammen Spaziergänge.
Wladimir Iljitsch forschte ihn über seine Reise zum Juschny Rabotschij aus, und es gefiel ihm, wie bestimmt Trotzki in seinen Formulierungen war, wie er es verstand, sofort den Kern der Meinungsverschiedenheiten zu erfassen und durch die Schicht wohlwollender Erklärungen hindurch den Wunsch zu erspähen, unter dem Firmenschild einer populären Zeitung die Sonderstellung des eignen Grüppchens zu bewahren.
Aus Russland wurde lebhaft Trotzkis Rückkehr verlangt. Wladimir Iljitsch wünschte jedoch, dass er im Auslande blieb, um zu lernen und an der Iskra mitzuarbeiten.
Plechanow war gegen Trotzki sofort voreingenommen. Er sah in ihm einen Anhänger des jüngeren Teils der Iskra-Redaktion (Lenin, Martow und Potressow), einen Schüler Lenins. Als Wladimir Iljitsch ihm Trotzkis Artikel einsandte, antwortete Plechanow: ‚Die Feder Ihrer ,Feder’ gefällt mir nicht‘. – ‚Der Stil ist Sache der Übung‘ – antwortete Wladimir Iljitsch darauf –, ‚aber der Mann ist lernfähig und wird sehr nützlich sein‘. Im März 1903 stellte Wladimir Iljitsch den Antrag, Trotzki in die Redaktion der Iskra aufzunehmen.
Trotzki reiste bald darauf nach Paris ab, wo er mit ungewöhnlichem Erfolg aufzutreten begann.
“[6]

Während Henderson dieses aufschlussreiche Treffen zwischen Lenin und Trotzki verschweigt, legt er viel Augenmerk auf unerhebliche Kleinigkeiten, die zu Spekulationen Anlass geben und mit denen er seine vorgefertigte Meinung über Lenin zu untermauern versucht. Er begibt sich wiederholt auf fantastische Höhenflüge, in denen er darüber spekuliert, was passieren hätte „können“, und schmückt das mit der einen oder anderen abschätzigen Bemerkung zur Bestärkung seiner Überlegungen.

Zum Zeitpunkt des zweiten Kongresses der SDAPR hatten sich die Beziehungen zwischen den Tachtarjews und Lenin und Krupskaja deutlich abgekühlt und endeten in der Folge gänzlich.

Henderson wiederholt das Märchen, dass die Spaltung zwischen Bolschewiki und Menschewiki am Kongress von 1903 „die Frage betraf, wer die Kontrolle über den Parteiapparat erhalten sollte.“[7] Er gibt Lenin die Schuld an der Spaltung und übernimmt vollumfassend die Sichtweise der Tachtarjews zu dieser Geschichte. Henderson erklärt: „Für Tachtarjew bestand kein Zweifel, dass der Bruch alleine durch Lenins Radikalismus und sein Verlangen der erste – der Anführer – zu sein. Er kritisierte ihn aufs Schärfste für seine ‚hinterlistigen polemischen Tricks und seine Intoleranz’.“[8]

Wie zu erwarten, ist es Lenin in Hendersons Buch nicht gestattet, selbst seinen Kritikern zu antworten. Für jene LeserInnen, die Lenins Einschätzung des Kongresses und seiner Bedeutung besser verstehen wollen, empfehlen wir Lenins Buch Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück.

In Anbetracht der politischen Sympathien Tachtarjews für die sogenannte ökonomistische Strömung, die auf dem Kongress eine herbe Niederlage erlitt, ist seine Darstellung und Abneigung gegenüber Lenin nur allzu verständlich.

Henderson schreibt: „Tachtarjew nahm teil [am Kongress], doch er bewahrte eine neutrale Position und verließ den Kongress nach der 5. Sitzung. Er betrachtete es aufgrund der von scharfen fraktionellen Konflikten aufgeladenen Atmosphäre als sinnlos und unratsam den Kongress fortzuführen.“ Was soll daran eine „neutrale“ Position sein?

Obwohl sie selbst am Kongress nicht teilnahm, schrieb Apollinaria Tachtarjew eine Nachricht an Krupskaja, in der sie den Kongress als „von eiserner Faust geführt“ bezeichnete, und dass „sie um den Bund weine“. Sie bezog sich dabei auf die jüdische Arbeiterorganisation, die sich zuvor der SDAPR angeschlossen hatte. Krupskaja betrachtete die Nachricht als einfältig und schrieb: „sie [Apollinaria] versteht gar nichts!“ Krupskajas korrekte Einschätzung von Apollinarias politischer Position war, dass sie zum „Sumpf“, also zu den opportunistischen Zauderern am Kongress, gehörte. Henderson betrachtet Krupskajas Bemerkung als „offensichtlichen Neid“ und demonstriert so eindrucksvoll, dass er nichts von der tatsächlichen Bedeutung des zweiten Kongresses der SDAPR und den dort ausgetragenen politischen Konflikten begriffen hat.[9]

Ungeachtet Hendersons Version der Ereignisse war die Spaltung am zweiten Kongress für alle Beteiligten völlig unerwartet, so auch für Lenin. Die Spaltung hatte sich an zweitrangigen Fragen, wie der Zusammensetzung der Redaktion der Iskra, entzündet und hatte nichts damit zu tun, dass Lenin ein “Zentralist” und Martow ein “Demokrat” gewesen sei. Tatsächlich waren alle Unterstützer der Iskra, die einen geschlossenen Block von 33 Delegierten stellten, sich einig in Bezug auf die Notwendigkeit einer zentralistisch organisierten Partei. Das zeigte sich auch in der Ablehnung des Föderalismus, wie ihn der Bund vertrat. Dieser forderte, als alleiniger Repräsentant der jüdischen Arbeiterschaft angesehen zu werden.

Bis zur 22. Sitzung ging alles reibungslos vonstatten, als diese Einigkeit plötzlich zerbrach und sich innerhalb der Iskra eine Spaltung auftat. Zwischen Lenin und Martow kam es zu einem Konflikt über die Frage der Mitgliedschaftskriterien. Mit Unterstützung der Delegierten des Bundes und der „Ökonomisten“ gewannen Martow und seine Unterstützer die Abstimmung.

Nach dieser Entscheidung war Lenin bis zur 27. Sitzung in der Minderheit. Als die „Ökonomisten“ und der Bund den Kongress verließen, verlor Martow sieben Stimmen und war so mit 20 Stimmen Lenins 24 Stimmen unterlegen.

Lenin wollte die Partei professionalisieren, nichts weiter. Und doch geriet er dadurch in Konflikt mit denen, die eine Zirkelmentalität vertraten. Das führte zur Spaltung in einen „harten“ und einen „weichen“ Flügel, aus denen in der Folge die Bolschewiki und die Menschewiki entstehen sollten.

Zur Spaltung kam es anhand der Abstimmung über die Redaktion, in der Lenins Vorschlag die Mehrheit erhielt. An diesem Punkt weigerten sich Martow und seine Unterstützer, die Entscheidungen des Kongresses anzuerkennen. Lenin versuchte einen Kompromiss zu erzielen, doch dieser wurde abgelehnt. Diese Spaltung in Bolschewiki und Menschewiki war eine Vorwegnahme der zukünftigen scharfen politischen Differenzen, die im Zuge großer Ereignisse, insbesondere der Revolution von 1905, offen zutage treten sollten.

Wie erwähnt, verließ Tachtarjew den Kongress nach der 5. Sitzung, bei der über den Status des jüdischen Bunds debattiert wurde. Es wurden Befürchtungen geäußert, dass die vom Bund vorgeschlagene föderalistische Struktur die Integrität der Partei gefährden und zu ihrer Zersplitterung führen würde. Eine solche Entscheidung hätte auch rückwärtsgewandte und nationalistische Vorurteile bekräftigt, was den Untergang der Partei bedeutet hätte.

Die Tachtarjews unterstützten die Position des Bundes, waren damit aber Teil einer winzigen Minderheit. Zum Zeitpunkt der Abstimmung unterstützten nur noch die fünf Delegierten des Bundes den Vorstoß. Alle anderen stimmten dagegen und genau das war der Grund, weshalb Tachtarjew und die Delegierten des Bundes den Kongress verließen. Das hatte nichts damit zu tun, dass der Kongress mit „eiserner Hand“ geführt worden wäre, dafür aber umso mehr damit, dass sie deutlich in der Minderheit geblieben waren.

Wenn Henderson diese Mythen über den Kongress wiederholt, dann würgt er nur die Lügen bürgerlicher Historiker über Lenin erneut hoch. Er bewegt sich damit in den Fußstapfen von Robert Service, Richard Pipes, Orlando Figes und all den anderen.

Wie nicht anders zu erwarten, erhält Lenin in Hendersons Text nicht die Gelegenheit, auf die Kritik zu antworten. Wer Lenins Einschätzung von diesem Kongress und seiner Bedeutung besser verstehen möchten, dem empfehlen wir seine Schrift Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück.

Kleinbürgerliche Vorurteile

Die wichtigen theoretischen Debatten zu dieser Zeit führten unweigerlich zur Entstehung verschiedener Strömungen und Fraktionen. Hendersons Ignoranz in diesen Dingen lässt ihn folgende banale Aussage tätigen: „Ein geläufiges Problem linker Parteien scheint in ihrer Unfähigkeit zu liegen, ihre Differenzen zu überwinden und geeint aufzutreten.“ Für ihn sind politische Differenzen Zankereien, nichts weiter. Er führt weiter aus, dass diese Differenzen zu „aggressiven und schikanösen Spaltungstaktiken der Sozialdemokraten um Lenin“[10] führten. In Hendersons Fantasie ist der Kampf um eine eindeutige politische Position gleichbedeutend mit „Schikane“.

Es ist völlig klar, dass das kleinbürgerliche Milieu, in dem sich die meisten Akademiker bewegen, Lichtjahre entfernt ist vom Meinungs- und Gedankenaustausch, der eine gesunde politische Debattenkultur ausmacht. Sie fühlen sich dadurch in ihren liberalen Ansichten und Perspektiven gekränkt, und diese Kränkung gibt ihrer Rechtfertigung der kapitalistischen Ordnung moralische Deckung. Hinter dieser „liberalen“ Fassade verbirgt sich ein reaktionärer Kern. In einem Brief an Apollinaria Tachtarjew erklärte Lenin auf ehrliche Art und Weise: „Natürlich wird der Kampf in der Presse zu einigen neuen Kränkungen führen, es werden dabei viele Hiebe ausgeteilt werden, aber wir sind doch nicht so zart besaitet, daß wir uns vor Hieben fürchten! Einen Kampf ohne Hiebe, Meinungsverschiedenheiten ohne Kampf zu wünschen wäre kindlich naiv…“[11]

Um seinen Text aufzupeppen, streut Henderson hier und da Einschätzungen verschiedener Akteure ein, die jedoch nur spärliche Verbindungen zu Lenin aufweisen. Er verlässt sich dabei vor allem auf unsachlichen Klatsch und Vorurteile. So bezieht er sich beispielsweise auf eine Behauptung Tachtarjews, in der ebendieser einen Streit zwischen ihm selbst und Lenin über Peter Struves Werdegang vom legalen Marxismus zum Liberalismus schildert. Lenin soll gesagt haben, Struve habe dafür „nichts Besseres verdient als den Tod.“[12] Dieses Hörensagen wird dann unreflektiert nachgeplappert, um die Darstellungen der Gegner Lenins und des Bolschewismus zu untermauern. Lenin wird als blutrünstiger und skrupelloser Mann gezeichnet – Eigenschaften, die ihn scheinbar schon immer charakterisiert haben. Tachtarjew, der selbst ein Gegner des Bolschewismus war, bezog sich später immer wieder auf „Lenins eiserne Faust“ und kaschierte seine Abneigung nur dürftig.

Hendersons Buch ist voll von solchen politischen Vorurteilen, die seine selbstherrliche Feindseligkeit gegen Lenin und den Bolschewismus offenbaren. „1917 und in den darauffolgenden Jahren des Bürgerkriegs wurde Lenin bekannt für seine Kaltblütigkeit, Skrupellosigkeit und Entschlossenheit“, schreibt er zu Beginn seiner Arbeit. „Wie dieses Buch zeigen wird, legte bereits der junge Lenin, der in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts Großbritannien besuchte, eine ähnlich gefühllose Zielstrebigkeit an den Tag.“[13]

Diese derben Bemerkungen erlauben uns einen Einblick in die politischen Ansichten des Autors. Diese ablehnenden Worte sind durchtränkt von liberalen Ansichten. „Zielstrebigkeit“ wird gleichgesetzt mit „kaltblütiger Skrupellosigkeit“. Ohne „Zielstrebigkeit“ hätte die Sowjetregierung – im Angesicht von 21 Interventionsarmeen und im Kampf um das eigene Überleben – aber niemals gewinnen können. Hendersons Darstellungen sind typisch für jene Historiker, die „Fakten“ in ihr vorgefertigtes Narrativ pressen. Man beginne mit einem gängigen Vorurteil und rechtfertige dieses mit allen verfügbaren Mitteln. Das ist die Arbeitsweise eines jeden bürgerlichen Historikers, der eine Lenin-Biographie verfasst.

Lenin und die Bolschewiki zeichneten sich in der Tat durch Entschlossenheit aus. Darüber besteht kein Zweifel, und das kann nur für sie sprechen. Sie kämpften für den Sturz des zaristischen Regimes, und ein solches Unterfangen ist keine vornehme Teegesellschaft! Zu diesem Zweck erbrachten sie unvorstellbare Opfer. Bei seinem ersten Besuch in London drehten sich Lenins Gedanken vornehmlich um die Professionalisierung der Partei. Es handelte sich schließlich um eine ernsthafte Angelegenheit, die eine ernsthafte Organisation erforderte, wie er in seinem Buch Was tun? skizzierte. Amateurhafte Methoden hatten da keinen Platz, denn es ging darum, die revolutionäre Arbeit auf eine stabile Basis zu stellen. Selbstverständlich sind solche Gedanken bürgerlichen Historikern völlig fremd, denn sie haben kein Verständnis davon, welchen Stellenwert persönliche Opferbereitschaft und freiwillige Selbstverpflichtung in der revolutionären Arbeit haben.

Hendersons Buch ist so gespickt mit nutzloser Spekulation, dass es beinahe scheint, als wollte er es damit aufpolstern. So beleuchtet er beispielsweise lang und breit Tachtarjews persönliche Geschichte und seinen Werdegang, obwohl dieser im geschichtlichen Ganzen ein politischer Niemand war. Er legt dabei auch viel Wert auf die angeblichen romantischen Gefühle, die Lenin früher für Apollinaria gehegt haben soll, und wie diese Lenins Beziehung zu den Tachtarjews letztlich trübten.

Diese Aspekte basieren rein auf Vermutungen oder sind frei erfunden. Henderson stützt sich einfach auf Klatsch und Tratsch. „Es wurde behauptet“ (so die Formulierung Hendersons), Lenin hätte Apollinaria einen Heiratsantrag gemacht, den diese abgelehnt habe. Daraufhin wandte er sich erst Krupskaja zu. Viele unsinnige Dinge wurden schon „behauptet“, das macht sie aber noch nicht gleich wahr. Henderson fasst es so zusammen: „Der Leser möge sich selbst ein Bild all dieser Möglichkeiten machen.“[14] Mit anderen Worten, Henderson lädt uns dazu ein, all die Lücken in der Geschichte mit den Vorurteilen und Meinungen zu füllen, die uns am geeignetsten erscheinen.

Geschichte oder Tratsch?

In einem letzten verzweifelten Versuch zitiert Henderson einen Artikel, den Trotzki im April 1924, Lenins Todesjahr, verfasste. Der Artikel sollte Teil einer Lenin-Biographie werden, an der Trotzki arbeitete. In diesem Artikel erwähnt Trotzki eine Episode auf einer Neujahrsfeier bei den Tachtarjews, zu der er eingeladen war.

Trotzki beschrieb die Tachtarjews als „einen Mann und eine Frau, die früher Teil der Petersburger Gruppe Rabotschaja Mysl („Der Arbeitergedanke“) waren und bereits längere Zeit in London lebten.“ Warum Trotzki nicht ihre vollen Namen benutzt, können wir nicht sagen – es handelt sich aber schließlich auch um ein unwichtiges Detail ohne jegliche Konsequenzen. Dennoch witterte Henderson unverzüglich eine Verschwörung von Trotzki oder der staatlichen Zensur, mit dem Ziel, die Tachtarjews aus der Geschichte zu löschen. „Es ist offenkundig, dass bereits 1924, im Jahr von Lenins Tod, die Parteigeschichte neugeschrieben, und dass, aus welchem Grund auch immer, Tachtarjew und [Apollinaria] Jakubowa zu Unpersonen erklärt worden waren.“[15]

Weshalb sollten Trotzki oder die staatliche Zensur gezielt versucht haben, die Tachtarjews zu „Unpersonen“ zu erklären, wenn sie doch ohnehin schon seit längerem aus der Öffentlichkeit verschwunden waren? Es ergibt keinen Sinn, denn sie waren von keinerlei politischer Relevanz mehr. Apollinaria jedenfalls starb schon während des Ersten Weltkriegs, und ihr Mann, der sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr mit Politik befasste, arbeitete bis zu seinem Tod 1925 als Universitätsprofessor in Russland. Im September 1924 wurde Tachtarjew von seiner Stelle an der Universität entlassen, Henderson behauptet, das war „möglicherweise ein direktes Resultat einiger womöglich nicht schmeichelhafter Erinnerungen an den verstorbenen Sowjetführer, die er kurz zuvor veröffentlicht hatte.“[16] Oder auch nicht, wie es dem Leser beliebt!

Erneut haben wir es mit einer Demonstration von Hendersons blühender Fantasie zu tun. Er fährt fort und behauptet, die Tachtarjews „wurden unverzüglich von Lenins Schwester Anna angegriffen, und das für sich genommen könnte als Grund für seine Entlassung gereicht haben.“[17] In einer Fußnote jedoch gesteht er, dass Annas Kritik an Tachtarjew erst 1934 veröffentlicht wurde – beinahe 10 Jahre nach seinem Tod! Wie hätte das also irgendeinen Einfluss auf seine Entlassung haben können?

Die stalinistischen Verfälschungen begannen nicht als Angriff auf unbedeutende Persönlichkeiten wie Tachtarjew und seinesgleichen, sondern um Trotzki zu diskreditieren. Es war das sogenannte „Triumvirat“, bestehend aus Sinowjew, Kamenew und Stalin, das auf diesem Weg versuchte, Trotzki aus der Parteiführung fernzuhalten. Solche Methoden ergaben sich aus dem Aufstieg der Bürokratie zur Macht nach Lenins Tod und spiegelten diesen auch wider. Die Tachtarjews, die mit Trotzki nichts zu tun hatten, waren für das Triumvirat von keinerlei politischem Interesse. Henderson plustert diese Nicht-Angelegenheit auf und stellt sie als etwas dar, was sie nicht ist.

In Trotzkis Geschichte über die Neujahrsfeier bei den Tachtarjews – es gab wohl Zweifel, ob Lenin und Krupskaja tatsächlich kommen würden – kommt Henderson zur erstaunlichen Schlussfolgerung, dass dies „den wahren Charakter der persönlichen Beziehungen zwischen Lenin und seinen revolutionären Mitstreitern zeige. Trotzki gibt darin eine gewisse Scheu in der Haltung der ‚Kommunarden‘ gegenüber Lenin preis, und es fehlen in seiner Schilderung jegliche Anhaltspunkte, die auf Wärme und Freundschaft im Umgang des Anführers mit seinen engsten Genossen schließen lassen würden.“[18]

Diese lächerliche Behauptung Hendersons soll Lenins Kaltherzigkeit gegenüber seinen engsten Genossen und seine Gefühlslosigkeit untermalen. Das ist mehr als nur weit hergeholt – das ist eine Farce! Henderson scheint mit Vorliebe Konflikte schüren zu wollen. Die Wahrheit ist natürlich das genaue Gegenteil, wie Trotzki in seinen Erinnerungen ausführt: „Es gab auch ein Zimmer zur gemeinsamen Benutzung, wo man Kaffee trank, rauchte, endlose Gespräche führte und wo, nicht ohne Schuld von Sassulitsch, aber auch nicht ohne Mitwirkung Martows, große Unordnung herrschte.“ Er fährt fort: „In London, wie später auch in Genf, kam ich viel häufiger mit Wera Sassulitsch und mit Martow zusammen als mit Lenin. […] während Lenin ein geregeltes Familienleben führte und jede Begegnung mit ihm außerhalb der offiziellen Sitzungen gewissermaßen schon ein kleines Ereignis war. Die Gewohnheiten und die Leidenschaften der Boheme, zu denen Martow so sehr neigte, waren Lenin absolut fremd.“[19]

Lenin lebte abseits des „Räubernests“, um Plechanows Audruck zu verwenden. Er lebte mit seiner Frau und seiner Schwiegermutter in einer häuslicheren Umgebung, wie Trotzki schrieb. Es war eine Geschmacksfrage, nicht mehr. Vielleicht war Lenin in seiner sozialen Haltung ein wenig konservativer als die anderen und war gerne für sich und bei seiner Familie. Das unkonventionelle Bohème-Leben war nicht seins. Das hatte nichts zu tun mit einer fehlenden Wärme gegenüber seinen Genossen. Eine solche Schlussfolgerung sagt mehr über den Autor aus als über Lenin.

Abgesehen von Hendersons politischem Unrat und seinen subjektiven Ausschweifungen, bietet das Buch dennoch interessante Einblicke in das Leben der russischen Emigranten im Londoner East End am Beginn des 20. Jahrhunderts. Es nimmt uns mit in die Wohnungen, öffentlichen Gebäude, Versammlungsräume usw., in denen die Exilrevolutionäre lebten, verkehrten und debattierten. Henderson beschreibt auch die Free Russian Library in Whitecapel, wo das Leben radikaler Exilrussen nur so florierte. Das Buch enthüllt auch die Rolle der russischen Polizei, die sich besonders für russische Emigranten interessierte und 1883 in Paris ein Auslandsbüro eröffnete – genau in jenem Jahr, in dem Plechanow in Genf die Gruppe Befreiung der Arbeit gründete.

Lenins kam im April 1905 ein weiteres Mal nach London, während sich nach den Ereignissen des „Blutsonntags“ in Russland die Revolution entfaltete. Im Zuge der Pattsituation nach dem zweiten Parteikongress, als die „Minderheit“ die Parteigremien boykottierte, war Lenin entschlossen, die Blockade durch das Ausrufen eines neuerlichen Kongresses zu lösen. Dieser dritte Kongress sollte schließlich in London, in der Gaststätte Crown and Woolpack in Clerkenwell, stattfinden. An diesem Kongress nahmen jedoch nur Bolschewiki teil, da die Menschewiki den Beschluss fassten, zum selben Zeitpunkt in Genf eine separate „Konferenz“ abzuhalten.

Henderson gibt an, dass Lenin „feste Kontrolle über die Sitzungen ausübte“ und „am Ende der Tagung seine Machtposition konsolidiert hatte.“[20] Trotz der reichhaltigen Debatten über die Frage des bewaffneten Aufstands und andere wichtige Themen vor dem Hintergrund der Revolution von 1905 begnügt sich der Autor mit der sturen Wiederholung seiner Behauptung, Lenin sei „machtgierig“ gewesen. Um es in Hendersons Worte zu sagen: Wir überlassen es den Lesern, „ihre Schlussfolgerungen zu ziehen“.

Es ist kaum zu fassen, doch Henderson schenkt sogar den lächerlichen Ansichten von Wladimir Burzew, einem vehementen Anti-Bolschewiken, Glauben, dass Lenin angeblich „unter der Schutzherrschaft der Polizei und der Deutschen agierte“[21]! Dass Burzew im Russischen Bürgerkrieg die Weiße Armee von Admiral Koltschak und Generalleutnant Denikin unterstützte, ist kein Zufall.

Henderson fährt mit derselben Energie fort: „Nachdem Lenin an Stelle von Plechanow die Kontrolle über die Partei erlangt hatte, schlug die Bewegung den Weg einer Verschwörergruppe ein. Die Bolschewiki blockierten alle Versuche, die Untergrundaktivitäten einzustellen, die Einheit der Bewegung wieder herzustellen und eine legale Arbeiterpartei zu etablieren, die die Regierung im Kampf um grundlegende politische Freiheiten herausgefordert hätte.“[22] Es scheint, als wäre der Autor der Auffassung, die Bolschewiki wären damals in einer Demokratie wie Großbritannien aktiv gewesen und nicht unter den Bedingungen der zaristischen Diktatur! Allein die Tatsache, dass sie gezwungen waren, ihren Kongress im Ausland in London (und die Menschewiki in Genf) abzuhalten, zeigt wohl hinlänglich, wie schwierig die Bedingungen in Russland waren.

In Wirklichkeit sprach sich Lenin dafür aus, jede legale Möglichkeit zur Verbreitung der Ideen des Marxismus zu nützen, vorausgesetzt, dass es nicht die Partei selbst gefährdet. Henderson schreibt aber: „Lenins ablehnende Haltung zu diesen Versuchen, eine geeignete demokratische Struktur zu schaffen, stellte sich als in höchstem Maße schädlich für die gesamte revolutionäre Bewegung heraus, die in den Jahren 1905-06 entflammte und sich 1917 voll entfaltete. Aus der Sicht von Burzew war das wohl eine der schlimmsten Taten der Bolschewiki vor ihrer Machtübernahme. Seiner Ansicht nach bereitete sich die Katastrophe von 1917 bereits ab 1900 vor, und das vor allem dank der Unterstützung, die sie [die bolschewistische Fraktion, Anm.] von der Geheimpolizei Ochrana erhalten hatte.“[23]

An dieser Stelle geht Henderson sogar so weit, Lügen zu verbreiten. Er behauptet, die Bolschewiki wären tatsächlich von der zaristischen Geheimpolizei unterstützt worden. Wenn er die Russische Revolution von 1917 als „Katastrophe“ bezeichnet, sagt das alles aus, was man über seine politische Einstellung wissen muss.

Der dritte Kongress, der sicherlich kein abgekartetes Spiel war, war insofern von entscheidender Bedeutung, weil er die politischen Differenzen zwischen dem Bolschewismus und dem Menschewismus deutlich machte. Während beide Fraktionen der Auffassung waren, die Russische Revolution sei eine bürgerliche Revolution, so vertraten Lenin und die Bolschewiki die Ansicht, dass die Bourgeoisie eine konterrevolutionäre Rolle spielen würde. Dementsprechend würde die Führung der Revolution einem Bündnis aus Bauernschaft und Proletariat zufallen. Die Menschewiki hingegen glaubten, das Proletariat sollte gegenüber der Bourgeoisie eine untergeordnete Rolle spielen. In Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution unterzog Lenin im Sommer 1905 beide Positionen einer Analyse.

Hendersons Buch deckt auch Lenins spätere Aufenthalte in London ab: 1907, 1908 und 1911. In altbekannter Manier streut er auch in diesen Abschnitten seine voreingenommenen Ansichten ein. Zum Thema des fünften Kongresses im Jahr 1907 schreibt er beispielsweise:

„Die Versuche von Trotzki und anderen, die verfeindeten Fraktionen zusammenzubringen und die Partei mit den Kadetten und anderen liberalen Parteien in einer legalen Opposition gegen das Zarenregime zu vereinen, scheiterten.“[24]

Natürlich werden hier erneut Tatsachen und Fiktion vermischt. Es ist wahr, dass Trotzki sich für eine Versöhnung zwischen der bolschewistischen und der menschewistischen Fraktion aussprach, was er später selbst als Fehler bezeichnete. Die Behauptung, er wäre für eine Allianz mit den bürgerlichen Liberalen eingetreten, ist jedoch völlig falsch. Trotzki war in dieser Frage ganz einer Meinung mit Lenin. Beide standen in Opposition zu den bürgerlichen Parteien und lehnten die Politik der Klassenkollaboration der Menschewiki entschieden ab. In der Debatte auf dem Kongress erklärte Lenin:

„Trotzki hat die Zulässigkeit und Zweckmäßigkeit eines Linksblocks gegen die liberale Bourgeoisie anerkannt. Für mich genügen diese Tatsachen, um anzuerkennen, daß Trotzki sich unseren Ansichten genähert hat. Unabhängig von der Frage der permanenten Revolution herrscht hier Solidarität in den grundlegenden Punkten der Frage nach der Stellung zu den bürgerlichen Parteien.”[25]

Doch wie man so schön sagt – warum sollte man sich eine gute Geschichte durch Tatsachen ruinieren lassen? Offensichtlich nimmt es Henderson mit der Wahrheit nicht so genau.

Seine Schlussfolgerung ist absolut oberflächlich. Er endet wie folgt: „Womöglich war es Lenins Glück, dass er nicht genug Zeit in London verbrachte, um dem zerstörerischen und politisch lähmenden Einfluss der Stadt zum Opfer zu fallen…“ Warum das der Fall hätte sein sollen, bleibt ein Geheimnis. Schließlich verbrachten doch auch Marx und Engels den Großteil ihres Lebens in London, ohne politisch zu degenerieren.

Zum Schluss meint er noch, dass „es wohl überraschend ist, dass er [Lenin] bei seinen zahlreichen Besuchen in der britischen Hauptstadt keine erkennbaren Spuren hinterließ.“[26]

Lenin hatte nicht die Absicht, in London seine „Spuren“ zu hinterlassen, genauso wenig war es seine Intention, welche in Genf oder München zu hinterlassen. Das waren für ihn lediglich Orte, in denen er arbeiten konnte. Wo er sehr wohl seine Spuren hinterlassen hat, das war in Russland – und diese sind sicherlich wert, genauer behandelt zu werden. In Russland trug er dazu bei, eine sozialistische Revolution zum Sieg zu führen, die in der ganzen Welt widerhallte und die den Verlauf der Weltgeschichte veränderte.

Was immer man von Lenin halten mag, es kann mit Sicherheit gesagt werden, dass Hendersons Buch keine erkennbaren Spuren hinterlassen wird – abgesehen von ein wenig Gestank. Ein besserer Titel wäre vielleicht gewesen Das Buch, das einen Furz entzündete – und der Gestank, den es hinterließ.

[1] Robert Henderson (2020): The Spark That Lit the Revolution: Lenin in London and the Politics That Changed the World. I. B. Tauris, London – eigene Übersetzung.

[2] W. I. Lenin (1902/1967): An G. W. Plechanow am 17.04.1902, in: Lenin Briefe Bd. 1. Dietz Verlag, Berlin, S. 176.

[3] W. I. Lenin (1900/1968): An A. A. Jakubowa vom 26.10.1900, in: LW Bd. 34. Dietz Verlag, Berlin, S. 36-38.

[4] Henderson: Lenin in London, S. 83f.

[5] Nadeschda Krupskaja (1933): Erinnerungen an Lenin, online: https://sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/nadeschda-krupskaja/n-k-krupskaja-erinnerungen-an-lenin-1929 (zuletzt aufgerufen: 19.04.2022).

[6] Ebd.

[7] Henderson: Lenin in London, S. 108.

[8] Ebd.

[9] Ebd., S. 109.

[10] Ebd., S. 105.

[11] W. I. Lenin (1902/1967): An A. A. Jakubowa vom 26.10.1900, in: Lenin Briefe Bd. 1. Dietz Verlag, Berlin, S. 57f.

[12] Henderson: Lenin in London, S. 100.

[13] Ebd., S. 8.

[14] Ebd., S. 55f.

[15] Ebd., S. 98.

[16] Ebd., S. 212 – unsere Hervorhebung.

[17] Ebd.

[18] Ebd., S. 98.

[19] Leo Trotzki (1929/1990): Mein Leben. Versuch einer Autobiographie. Dietz Verlag, Berlin, S. 136f – unsere Hervorhebung.

[20] Henderson: Lenin in London, S. 123.

[21] Ebd., S. 128.

[22] Ebd., S. 131.

[23] Ebd., S. 131f.

[24] Ebd., S. 169.

[25] W. I. Lenin (1902/1959): Parteitag der SDAPR 1907, in: LW Bd. 12. Dietz Verlag, Berlin, S. 473.

[26] Henderson: Lenin in London, S. 197-99.