„New Scientist“ und der Kampf gegen die Realität


Von Joe Attard.
Erschienen in: In Verteidigung des Marxismus Nr. 4, Mai 2022.


Seit über 60 Jahren vermittelt das Magazin New Scientist einer breiten Öffentlichkeit komplexe wissenschaftliche Ideen auf verständliche Weise. Oh, wie tief diese Helden gefallen sind! Neben der erniedrigenden Übernahme der Zeitschrift durch den Daily Mail General Trust (Großbritanniens führender Herausgeber rechter Schmierblätter) im Jahr 2021 wandte sich diese einst stolze Publikation nicht nur vom qualitativ-hochwertigen Wissenschaftsjournalismus ab, sondern auch von der Realität selbst.

Die ausweglose Situation, in der der Kapitalismus steckt, bringt die herrschende Klasse dazu, Mystizismus und Solipsismus (die Vorstellung, dass die einzige Realität die im eigenen Kopf ist) zu fördern. Das hat auf allen Ebenen zersetzende Auswirkungen auf Wissenschaft und Philosophie. Anstatt die Leser über die jüngsten Durchbrüche der menschlichen Erkenntnis zu unterrichten, füllen Magazine wie das New Scientist ihre Seiten mit idealistischem Geschwätz. Ironischerweise sind diese Gedanken dabei weder neu, noch wissenschaftlich. Vielmehr wiederholen sie hauptsächlich alte Ideen, wie jene des reaktionären Bischofs George Berkeley aus dem 18. Jahrhundert – einem bekennenden Gegner der Wissenschaft und insbesondere seines Zeitgenossen Sir Isaac Newton.

Wir wollen nicht unterstellen, dass die Mehrheit der Wissenschaftler diese Ansichten vertritt. Aber es steht außer Frage, dass das New Scientist dem subjektiven Idealismus eine wichtige Plattform bietet. Das sehen wir beispielsweise an drei ausgewählten Artikeln, die zwischen 2020 und 2022 veröffentlicht wurden und von denen es zwei auf die Titelseite schafften. Sie sind Ausdruck eines subjektivistischen Trends im wissenschaftlichen Establishment, der durch die Populärkultur in die breitere Öffentlichkeit getragen wird, um dort sein Unwesen zu treiben.

„Relativ real: Warum wir die Wirklichkeit nicht erfassen können“

Damit die Wissenschaft vorankommen kann, muss sie eine einzige, objektive Realität als Grundprinzip annehmen, deren Verständnis durch Beobachtung und Experiment vervollkommnet werden kann. Doch stattdessen verweist ein Artikel im New Scientist vom Februar 2020 mit dem Titel „Können wir die Realität wahrnehmen?“ gleich zu Beginn auf eine existentielle Unsicherheit der Erkenntnis:

„Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich halte meine Wahrnehmung der Realität für ziemlich gut. In meinem Kopf befindet sich ein lebendiges Abbild der Welt um mich herum, komplett mit Tönen, Gerüchen, Farben und Objekten. Es ist also ziemlich beunruhigend, festzustellen, dass all das vielleicht nur eine Erfindung sein könnte.“[2]

Das ist in der Tat beunruhigend! Und was ist der Grund für die plötzlichen Zweifel der Autoren an ihren Sinnen? Sie zitieren David Hoffman, einen Psychologen der University of California und Autor des Buches mit dem bescheidenen Titel Relativ real: Warum wir die Wirklichkeit nicht erfassen können und wie die Evolution unsere Wahrnehmung geformt hat. Hoffman stellt seine sogenannte „Interface Theorie“ der Wahrnehmung vor, mit der er argumentiert, dass unsere Sinnesorgane die Komplexität der realen Welt in vereinfachte „User Interfaces“ (deutsch: Benutzeroberflächen) zusammenfassen – wobei sie überflüssige Informationen filtern, um unser Verständnis zu erleichtern.[3]

Nun, es ist sicherlich richtig, dass unser Gehirn geübt darin ist, Muster zu erkennen und vieles in unserer sinnlichen Wahrnehmung unbewusst herauszufiltern. Für Prof. Hoffman jedoch existiert nur das Interface. Was wir für die Realität halten, ist nichts anderes als eine „abstrakte Datenstruktur für etwas, das nicht einmal in Raum und Zeit existiert“, und somit, „wird es paradox zu glauben, dass wir jemals Zugang zur Realität haben, wenn man die Realität für etwas inhärent vom Geist unterschiedenes hält.“[4]

Dieses „Paradox“ entspricht jenem Argument, das Immanuel Kant bereits vor hunderten Jahren vorgebracht hat. Obwohl er wichtige Beiträge zur Wissenschaft und Philosophie lieferte, war Kant Idealist und litt unter der damit einhergehenden Begrenztheit im Denken. Kant argumentierte, dass wir auf der Basis unserer Sinneseindrücke nur die Erscheinung der Realität erkennen können und nie das „Ding an sich“. Genau wie Prof. Hoffman davon spricht, dass das Bewusstsein eine „Datenstruktur“ aufzwingt, nahm Kant an, dass sich der Geist abstrakter Denkkategorien a priori[5] bedient, um unsere Sinnesdaten verständlich zu interpretieren. Aber obwohl uns diese Kategorien helfen, unsere Gedanken zu ordnen, bleibt das Wesen der Realität für Kant unerkennbar.[6]

Allerdings, wie Friedrich Engels in Ludwig Feuerbach und das Ende der klassischen Deutschen Philosophie erklärt, liefern die Praxis, der Fortschritt und die Geschichte der Wissenschaft den endgültigen Beweis für die Möglichkeit der Erkenntnis der objektiven Welt. Er führt als Beispiel die Entwicklungen in der Chemie und Biologie an, die es Wissenschaftlern erlaubten, natürliche Phänomene zu reproduzieren, inklusive jener Chemikalien, die von Pflanzen und Tieren selbst erzeugt werden. Diese wurden so durch den Fortschritt der Wissenschaft und des menschlichen Wissens von einem unbegreifbaren „Ding an sich“ in ein „Ding für uns“ verwandelt.[7]

Kant war, das muss man ihm zugestehen, ein Wissenschaftler und Philosoph von Format. Aber indem sich Prof. Hoffman auf seine schwächste Seite stützt, macht er Jahrhunderte der wissenschaftlichen Entwicklung mit einem Schlag zunichte. Der Autor des Artikels aus dem Magazin bringt dann Hoffmans Argumente zu ihrer logischen Conclusio, indem er die Frage stellt, ob „Menschen zumindest die gleiche falsche Darstellungsweise teilen?“. Dies scheint eine vernünftige Annahme zu sein, meint der Autor. Schließlich „haben Menschen ungefähr die gleichen Gehirne und Wahrnehmungsapparate, und wenn wir über unsere bewussten Erfahrungen sprechen, scheinen wir einander zu verstehen.“[8]

Aber, warnt der Autor, „wir können nicht sicher sein. Die einzige Möglichkeit zu wissen, dass man als bewusstes Wesen existiert, ist die Erfahrung des eigenen Bewusstseins. Die Natur und sogar die bloße Existenz des Bewusstseins anderer Menschen ist ein Buch mit sieben Siegeln. Nach allem was wir wissen, sind alle anderen Zombies.“[9]

Bei der Lektüre hat man auf jeden Fall das Gefühl, als würde das eigene Gehirn langsam von wankenden Untoten verzehrt werden. Der Autor lässt hier bewusst oder unbewusst ein altes Argument wieder aufleben, dessen prominentester Vertreter in der Geschichte der Philosophie der reaktionäre Bischof Berkeley war. Wobei Berkeley zumindest die Ehrlichkeit besaß, seine Abneigung gegenüber der wissenschaftlichen Revolution des 18. Jahrhunderts, und insbesondere dem Materialismus, klar auszudrücken.

Berkeley erkannte, dass der Materialismus die Saat des Atheismus in sich trägt, indem dieser behauptet, dass Wissen und Wahrheit nicht von Gott, sondern aus den Experimenten und dem Studium der materiellen Welt fließen. Sein Vorstoß gegen den Materialismus basierte auf einem Kniff. Berkeleys subjektiver Idealismus ging davon aus, dass, wenn wir die Welt nur durch die Sinne erkennen können, es unmöglich sei, sich über irgendetwas anderes als seiner eigenen Wahrnehmungen sicher zu sein. Demgemäß existieren die sogenannte reale Welt, die Natur und alle anderen Menschen nur insoweit, als sie vom menschlichen Bewusstsein wahrgenommen werden. In Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis schreibt Berkeley:

„Es besteht in der That eine auffallend verbreitete Meinung, dass Häuser, Berge, Flüsse, mit Einem Wort, alle sinnlichen Objecte, eine natürliche oder reale Existenz haben, welche von ihrem Percipirtwerden durch den denkenden Geist verschieden sei. Mit wie grosser Zuversicht und mit wie allgemeiner Zustimmung aber auch immer dieses Princip behauptet werden mag, so wird doch, wenn ich nicht irre, ein Jeder, der den Muth hat es in Zweifel zu ziehen, finden, dass dasselbe einen offenbaren Widerspruch involvirt. Denn was sind die vorhin erwähnten Objecte anderes als die sinnlich von uns wahrgenommenen Dinge, und was percipiren wir anderes als unsere eigenen Ideen oder Sinnesempfindungen? und ist es nicht ein vollkommener Widerspruch, dass irgend eine solche oder irgend eine Verbindung derselben unwahrgenommen existire?“[10]

Die gleiche Argumentation bringt Hoffman vor. Aber während Berkeley den Materialismus und die Wissenschaft ausdrücklich angreift, wird Hoffmans „Theorie“ in einem weltbekannten Wissenschaftsmagazin voller Anerkennung abgedruckt! Es ist ein Armutszeugnis für den Kapitalismus in der Epoche seines Niedergangs und seiner Unfähigkeit, das menschliche Denken weiterzuentwickeln, dass hunderte Jahre alter idealistischer Mist heute als „das letzte Wort der modernen Wissenschaft“ neu aufgewärmt wird.

Der logische Abschluss dieser Ideen ist der Solipsismus: die Auffassung, dass nur ich selbst existiere. Diese Art des Denkens reflektiert eine bürgerliche und kleinbürgerliche, individualistische Auffassung, in der das „Ich“ die letzte und einzige Wahrheit darstellt. Diese solipsistische Perspektive ist bestenfalls wertlos, aber schlimmstenfalls weist sie die Möglichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis überhaupt aktiv zurück. Was bringt schlussendlich der Versuch, die Geheimnisse des Universums zu entschlüsseln, wenn wir niemals wissen können, ob es sie wirklich gibt?

Während ihrem revolutionären Siegeszug bekämpfte die Bourgeoisie religiösen Aberglauben unter dem Banner von Wissenschaft, Vernunft und Fortschritt. Es ist ein Beweis dafür, wie tief das bürgerliche Denken gesunken ist, um bei solchem Stumpfsinn anzukommen. Wir kehren in Kürze zu Prof. Hoffman zurück, aber zuerst wollen wir noch ein paar andere Ausgaben unserer einst geschätzten populärwissenschaftlichen Zeitschrift durchblättern.

Verheddert in der Quantentheorie

Dieser eine Artikel in der Zeitschrift New Scientist ist alles andere als eine Ausnahmeerscheinung. Ansichten des subjektiven Idealismus sind in den letzten Jahren in der Zeitschrift wieder und wieder aufgetaucht – vor allem, wenn es um den Bereich der Quantentheorie geht.

Auf der Titelseite der Novemberausgabe 2021 des New Scientist wird die Frage gestellt: „Existieren die Dinge auch, wenn wir nicht hinsehen? Der wahren Natur der Quantenrealität auf der Spur.“ Wenn der Leser der Versuchung widersteht, das Magazin beiseite zu legen oder es aus der Sphäre der Realität und in den Mülleimer zu verbannen, wird klar, dass der betreffende Artikel („Das Quantenexperiment, das die Existenz der Realität widerlegen könnte“) die Grenze zwischen der Welt der klassischen Mechanik Newtons und jener der Quantenmechanik thematisiert.

Kurz gesagt, auf der Ebene des täglichen Lebens gilt die klassische Mechanik: Objekte haben eine klare Position und mehr oder weniger messbare Eigenschaften wie Impuls, Energie und so weiter. Auf der winzigen Skala der Quantenmechanik wird die Situation komplizierter. Subatomare Objekte weisen sowohl Eigenschaften von Teilchen auf, die bestimmte Positionen haben, als auch von Wellen, die im Raum kontinuierlich verteilt sind (und somit keinen fixen Ort haben; Anm.). Wie diese beiden Sphären interagieren, ist der Ursprung vieler Debatten der Grundlagenphysik.

Der bekannteste Weg, um diesem offensichtlichen Widerspruch auszuweichen, ist die sogenannte Kopenhagener Deutung, die in den 1930ern von Niels Bohr und Werner Heisenberg entwickelt wurde. Sie argumentierten, dass ein Quantenteilchen nicht in festem Zustand existiert, solange es nicht beobachtet wird. Wenn wir es nicht beobachten, existiert es lediglich als eine Wahrscheinlichkeitswelle. Sie zogen die Schlussfolgerung, dass der Blick auf etwas, es in dem einen oder anderen Zustand existieren lässt. Das ist reiner Idealismus: die Annahme, dass die Idee die materielle Welt bestimmt.

Das New Scientist zitiert die geistreiche Antwort, die Albert Einstein auf idealistische Interpretationen der Quantenmechanik gab: „Sie werden doch nicht behaupten wollen, dass der Mond nicht da oben ist, wenn niemand hinsieht?“ Jetzt aber. behauptet der Autor, „stellt eine neue Art von Experimenten Einsteins Überzeugung auf die Probe, und zeigt, ob die Merkwürdigkeit der Quantenphysik die winzige Welt von Quarks, Atomen und Qubits überschreitet und in die alltägliche Welt von Tischen, Stühlen und eben Monden eindringt.“ Der Autor behauptet weiter, dass diese Experimente „möglicherweise einer unserer fundamentalsten Überzeugungen den Boden entziehen: dass die Dinge unabhängig davon existieren, ob wir sie beobachten.“[11]

Im Artikel wird weiter ausgeführt, dass Wissenschaftler verschiedener Spitzeninstitutionen in Oxford, Wien und London versucht haben, das Quantenverhalten von verhältnismäßig großen Objekten zu beobachten, wenngleich es sich dabei auch nur um winzige Nanokristalle handelt. Wenn ihnen das gelingt, so das Argument, was sollte sie daran hindern, ihre Schlussfolgerungen auf Objekte von der Größe des Mondes auszudehnen? Jonathan Halliwell, Forscher am Imperial College London, fasst es zusammen: „Wenn der Realismus auch auf makroskopischer Ebene verletzt wird, kann man nicht annehmen, dass der Mond da ist”.[12]

Unglücklicherweise kann sogar ein Streuphoton diese Experimente stören und die beobachteten Objekte dazu zwingen, sich „klassisch“ zu verhalten (ein Problem, das als Dekohärenz bekannt ist). Es sieht so aus, als ob das letzte Wort über den Mond noch immer nicht gesprochen wurde! Es gibt zwar noch viele ungelöste Probleme in der Grundlagenphysik, aber idealistische Hirngespinste bringen uns keinen Schritt weiter dabei, sie zu lösen. Fürs erste können wir zuversichtlich sein, dass der Mond stur weiter existieren wird, unabhängig davon, ob die Redakteure des New Scientist sich die Mühe machen, nach oben zu schauen oder nicht.

Sich die Realität herbeireden

Das Titelblatt der Februar-Ausgabe des New Scientist von 2022 stellt ebenfalls die Existenz der Wirklichkeit in Frage. „Erschaffen wir die Raumzeit?“ liest man auf dem Cover. Einmal mehr befinden wir uns im Bereich der Quantenmechanik. Und wieder bekräftigt der Artikel die Kopenhagener Deutung: „Als die Quantentheorie aufkam […] schien sie zu zeigen, dass wir durch die Messung von Dingen dazu beitragen, ihre Eigenschaften zu bestimmen.“ Infolgedessen, fährt der Autor fort, „stellen viele Physiker in Frage, ob es überhaupt die eine objektive Realität gibt, die von allen Beobachtern geteilt wird.“[13]

Aber keine Angst! Der Artikel versichert uns, dass eine Reihe von Wissenschaftlern inzwischen davon ausgeht, dass die Realität tatsächlich existiert – weil wir sie nämlich selbst erschaffen. Der Autor zitiert die Physiker Flavio Mercati von der Universität Burgos in Spanien und Giovanni Amelino-Camelia von der Universität Neapel Federico II, deren Forschung „auf eine verblüffende Schlussfolgerung hinweist“, nämlich:

„Wenn Menschen Quanteninformationen austauschen, arbeiten sie zusammen, um ihre gemeinsame Realität zu erschaffen. Das bedeutet, dass wir nicht nur die ganze Schönheit von Raum und Zeit verpassen, wenn wir sie nur aus einer Perspektive betrachten, sondern dass es möglicherweise keine tiefere gemeinsame Realität gibt. […] solange zwei Menschen nicht interagieren, teilen sie nicht die gleiche Wirklichkeit – denn es ist die Kommunikation selbst, die sie schafft.“[14]

Wieder stoßen wir auf Bohrs und Heisenbergs idealistische Schlussfolgerung, nach der das Vorhandensein eines bewussten Beobachters die Realität erzeugt. Mehr noch, erst die „Kommunikation“ zwischen den Beobachtern erzeugt aus den getrennten subjektiven Realitäten eine „gemeinsame“ Realität. Vermutlich haben wir es einer Art von „Quantentelepathie“ zu verdanken, dass wir überhaupt erst von jemandem da draußen erfahren haben, mit dem wir kommunizieren können.

Das stellt das wissenschaftliche Konzept des Universums auf den Kopf. Das Bewusstsein ist nichts anderes als ein Produkt der Materie, die auf eine bestimmte Weise organisiert ist. Es ist der Höhepunkt einer Entwicklung von Milliarden von Jahren , die zur Entstehung unserer Galaxie, unseres Sonnensystems und unseres Planeten geführt hat. Schließlich entstanden die Bedingungen für die Herausbildung von organischer Materie und Leben, bis hin zu tierischem Leben, das zum Denken und zur Kommunikation fähig ist. Wer also hat dann die Erde „beobachtet“, als sie bloß eine heiße Magmakugel war?

Der New Scientist-Artikel vom Februar 2020 lobt John Wheeler von der Princeton Universität als einen der „überzeugendsten Verfechter“ dieser idealistischen Interpretation der Quantentheorie. Er schrieb: „Am Überraschendsten in Bezug auf die Quantenmechanik ist, dass sie es uns erlaubt, ernsthaft in Betracht zu ziehen, dass das Universum nicht ohne Beobachter existieren würde.“[15] Dies erinnert an einen alten Vers des katholischen Theologen Ronald Arbuthnott Knox:

“There once was a man who said ‘God / Es war einmal ein Mann, der sagte Gott
Must think it exceedingly odd / muss es äußerst merkwürdig finden
If he finds that this tree / wenn er feststellt, dass dieser Baum
Continues to be / weiter besteht
When there’s no one about in the Quad. / wenn niemand im Hof unterwegs ist
”[16]

Das wirft natürlich die Frage auf, von welcher Art von Bewusstsein wir sprechen. Würde die Wahrnehmung einer vorbeischwirrenden Fruchtfliege ausreichen? Eine verblüffende Lösung für dieses sogenannte Beobachterproblem, die im Artikel vom Februar 2020 vorgestellt wird, lautet, dass „sogar leblose Objekte eine rudimentäre Form von Bewusstsein besitzen können. In der Tat könnte das Bewusstsein selbst eine grundlegende Eigenschaft der Materie sein. Wenn dies stimmt, gab es so etwas wie ein „vorbewusstes“ Universum nicht.“[17]

Dies ähnelt Berkeleys Antwort auf eine Schwachstelle in seinem subjektiven Idealismus: Woher wissen wir, dass Gott nicht auch nur eine Erfindung unserer Sinne ist? Der Bischof umging dieses kleine Rätsel, indem er behauptete, der allwissende Gott sei ein universeller Beobachter:

“Dear Sir, your astonishment’s odd. / Werter Herr, Ihr Staunen verwundert.
I am always about in the Quad. / Ich bin immer im Hof unterwegs.
And that’s why the tree / Und darum wird der Baum
Will continue to be / auch weiter bestehen
Since observed by / weil er wahrgenommen wird von
Yours faithfully, God. / mir. Hochachtungsvoll, Gott
”[18]

Die Idee, die im New Scientist vorgestellt wird, ist ähnlich: Der einzige Unterschied besteht darin, dass es keine allwissende Gottheit gibt, die die Realität bewusst beobachtet, sondern das Bewusstsein eine universelle Eigenschaft der Materie selbst ist. Alles, von Bergen über Briefkästen bis hin zu Gummibadeenten, hat ein Bewusstsein, und daher beobachtet sich das Universum ständig selbst und bringt sich selbst hervor.

Wenn aber bereits das Universum selbst ein bewusster Beobachter ist, warum würden Wissenschaftler, die einen Quantenpartikel beobachten, seine „Wellenfunktion kollabieren lassen“? Wenn man das ganze Universum zum bewussten Beobachter macht und es jeden Teilbereich des Universums ständig beobachten lässt, müsste doch jedes Partikel zu jedem Zeitpunkt eine bestimmte Position haben? Es würde nie als bloße „Wahrscheinlichkeitswelle“ existieren. Warum also den Beobachter à la Kopenhagener Deutung überhaupt einführen? Damit ist wirklich gar nichts gelöst. Oder wir müssen zu dem Schluss kommen, dass das, was wir Bewusstsein nennen, eigentlich doch Gott ist – dass Berkeley recht hatte. Und so haben wir die Religion durch die Hintertür eingeschmuggelt.

Ein noch haarsträubenderer Vorschlag vom Wissenschaftler und Philosophen Nick Bostrom, der in der gleichen Ausgabe vorgestellt wird, findet Inspiration in der Lage von Neo, Trinity, Morpheus und der restlichen Besetzung des Films Matrix. Er äußert den Verdacht, dass wir alle in einer gigantischen Computersimulation leben, die ständig von Wissenschaftlern der „echten“ Welt beobachtet wird. Wer das für einen Witz hält, dem sei gesagt, dass er auch Vorschläge nennt, wie wir die Theorie testen könnten, die alle ohne zu erröten vom New Scientist Magazin abgedruckt wurden:

„Eine Möglichkeit ist, das Verhalten der energiereichsten kosmischen Strahlung zu untersuchen, die nach Ansicht einiger Physiker nicht zu 100 Prozent nach den „echten“ Gesetzen der Physik simuliert werden kann. Unregelmäßigkeiten in ihrem Verhalten könnten ein Beweis dafür sein, dass die Realität nicht real ist.“[19]

Der Artikel warnt uns jedoch, mit solchen Untersuchungen vorsichtig umzugehen. „Wenn unsere Simulator-Herrscher herausfinden, dass wir Bescheid wissen, könnten sie uns einfach abschalten.“[20] Nach der Lektüre dieser Zeilen wünscht man sich das fast, oder wenigstens die Einleitung eines Systemneustarts, um uns von diesen fehlerhaften „Theorien“ zu befreien.

Selbst, wenn er damit Recht hätte, hat uns Bostrom der Wahrheit keinen Millimeter nähergebracht. Leben die Simulatoren selbst in einer simulierten Realität, und das endlos so fortgesetzt? Dieser Unsinn ist kaum eine Widerlegung wert. Er gehört ins Reich von Science-Fiction – und zwar einer schlechten Vertretung dieses Genres wohlgemerkt.

Die Wiederbelebung des Idealismus

Man könnte einwenden, dieser Unsinn sei leicht abzutun, dass es lustig ist, sich darüber zu amüsieren und dass er nicht die Ansichten der meisten Wissenschaftler widerspiegelt. Dass es nur alberne Launen sind, um mehr Exemplare der Zeitschrift zu verkaufen. Aber dahinter stecken perfidere Absichten. Im gleichen Artikel wird die Ansicht von Markus Müller von der Universität Wien beschrieben, „dass nicht die Welt das Zugrundeliegende ist, sondern Information und das Wahrscheinlichkeitsgesetz, die dem Beobachter den Eindruck einer materiellen Welt mit konsistenten Naturgesetzen vermitteln.“ Das New Scientist gibt dann zu, worum es hier wirklich geht, indem Kelvin McQueen zitiert wird, ein Philosoph der Quantenphysik an der Chapman Universität in Kalifornien:

„Müllers Überlegung ist extrem interessant. Sie zielt eigentlich darauf ab, eine alte philosophische Idee namens Idealismus wiederzubeleben, der zufolge Erfahrungen nicht durch eine zuvor schon existierende materielle Realität verursacht werden, sondern tatsächlich nur sie die gesamte Realität ausmachen.“[21]

Hier haben wir es schwarz auf weiß! Diese „Wissenschaftler“ und „Philosophen“ wollen den stinkenden Leichnam des Idealismus wiederauferstehen lassen, und New Scientist macht sich schuldig, ihnen eine Plattform zu bieten. Diese zutiefst reaktionären Ideen sind eine Beleidigung für den heroischen Kampf, den die Pioniere der bürgerlichen wissenschaftlichen Revolution gegen den religiösen Obskurantismus geführt haben.

Man darf sich nicht einbilden, Dr. Müller wüsste nicht darüber Bescheid, dass seine Arbeit dazu benutzt wird, den Idealismus zu rehabilitieren. Wie sich herausstellt, sind sowohl er als auch der bereits erwähnte Prof. Hoffman Mitglieder des „wissenschaftlichen Beirats“ der Essentia Foundation. Und was ist die Essentia Foundation? Ein Think Tank, gegründet von dem Philanthropen und Multi-Millionär Fred Matser, einem Bürgerlichen, der nur um unser Seelenheil besorgt ist. Die Essentia Foundation teilt uns ihre Absichten klar mit. Sie möchte den Materialismus zerstören und den Idealismus in den Mittelpunkt der modernen Wissenschaft stellen:

„Wir leben unter dem Dogma einer materialistischen Metaphysik: alles, was angeblich existiert, ist Materie, eine abstrakte Entität, die sich konzeptuell dadurch auszeichnet, außerhalb des Bewusstseins und unabhängig von diesem zu sein. Diese Metaphysik wird oft mit der Wissenschaft selbst in einen Topf geworfen […] Die kulturelle Anerkennung des metaphysischen Materialismus wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fest als Mainstream verankert. Seitdem ergibt sich seine Stärke jedoch hauptsächlich aus intellektueller Gewohnheit…
„Nichtsdestotrotz hat die kulturelle Vormachtstellung des metaphysischen Materialismus unzählige – man kann sagen dysfunktionale – Auswirkungen sowohl auf individueller als auch gesellschaftlicher Ebene: Sie beeinflusst unsere Einstellung zu Sinn und Zweck, unser Wertesystem, unser Verständnis von Gesundheit, Krankheit und Tod, bis hin zu unserem Verhalten zu anderen Menschen, dem Planeten und sogar uns selbst.
„Die Essentia Foundation stellt den metaphysischen Materialismus in Frage und argumentiert für die Wahrscheinlichkeit des Idealismus, indem sie genau die gleichen erkenntnistheoretischen Werte heranzieht, die unsere Kultur heute hochhält. […] Wir zeigen, dass diese Werte, wenn sie objektiv und konsequent angewandt werden, direkt auf den Idealismus hinauslaufen, während sie dem Materialismus widersprechen.“[22]

Hier handelt es sich nur um die offensten Parteigänger einer philosophischen Konterrevolution, und sie haben offenbar einen direkten Draht zu den Redaktionen einiger der größten populärwissenschaftlichen Zeitschriften der Welt! Die Bourgeoisie spielte einst eine revolutionäre Rolle. Sie brachte das menschliche Denken voran und führte eine wissenschaftliche Revolution durch, deren Kernstück eine materialistische Methode war. Doch ihre modernen Vertreter würden der Wissenschaft das materialistische Herzstück herausreißen.

Der Vormarsch von Wissenschaft und materialistischer Philosophie während des Aufstiegs des Kapitalismus fügte dem Subjektivismus und Idealismus aller Schattierungen schwere Schläge zu, wie die Leute bei der Essentia Foundation anerkennen. Heute jedoch ist die kapitalistische Klasse dem philosophischen Materialismus feindlich gesinnt, was zum Teil auf seine Nähe zum Marxismus zurückzuführen ist. Allgemeiner gefasst bedeutet die Leugnung der Objektivität der Realität aber auch die Leugnung der Realität von Ausbeutung, Unterdrückung und Klassenkampf sowie der Möglichkeit von Fortschritt oder Veränderung. Der subjektive Idealismus ist somit für die herrschende Klasse von politischem Nutzen.

Auch hier gilt, dass diese Vorstellungen bei der Mehrheit der normalen Wissenschaftler nicht vorherrschend sind. Sie haben auch den wissenschaftlichen Fortschritt und die Entwicklung nicht aufgehalten, der weiterhin erfolgreich unter der Annahme operiert, dass die objektive Realität existiert und erforscht werden kann. Allerdings gibt es starke subjektivistische Tendenzen an der Spitze des wissenschaftlichen Establishments, die im Einklang mit den Interessen der herrschenden Klasse predigen, dass die Erlösung in der Introspektion (Selbstbeobachtung) liege. Durch den Wissenschaftsjournalismus werden solche reaktionären Konzepte in der breiteren wissenschaftlichen Community und darüber hinaus gefördert und verbreitet.

Wir lehnen all diesen mystischen Unsinn ab, der sich in wissenschaftlich klingende Phrasen hüllt. Wir erklären klar und deutlich, dass das menschliche Bewusstsein ein Produkt der Materie ist, die auf eine bestimmte Weise organisiert ist, und dass unsere Sinne uns Zugang zu einer objektiven Realität verschaffen, die außerhalb von uns selbst existiert. Mit den Worten von Lenin:

„Alle Kenntnisse stammen aus Erfahrung, Empfindungen, Wahrnehmungen. Das stimmt. Es fragt sich aber nur, ob die objektive Realität „der Wahrnehmung angehört“, d.h. ob sie die Quelle der Wahrnehmung ist. Wenn ja, so sind Sie Materialist. Wenn nein, so sind Sie inkonsequent und müssen unvermeidlich zum Subjektivismus, zum Agnostizismus gelangen, gleichviel ob Sie die Erkennbarkeit des Dinges an sich, die Objektivität von Zeit, Raum und Kausalität (nach Kant) verneinen oder ob Sie (nach Hume) nicht einmal den Gedanken an das Ding an sich zulassen. Die Inkonsequenz ihres Empirismus, Ihrer Philosophie der Erfahrung wird in diesem Fall darin bestehen, daß Sie den objektiven Inhalt in der Erfahrung, die objektive Wahrheit in der Erfahrungserkenntnis leugnen.“[23]

Die objektive Realität kann erkannt werden, und es gibt keine grundsätzliche Grenze für unser Wissen über sie. Die Aufgabe der Wissenschaft sollte es sein, unser Verständnis der Realität ständig zu verfeinern, um uns von Unwissenheit und Aberglauben zu befreien.

Die Zunahme mystischer und subjektivistischer Ideen heute spiegelt die Sackgasse des Kapitalismus und der kapitalistischen Klasse selbst wider. Die entschiedensten Vertreter des Systems führen einen bewussten Angriff auf den Materialismus. Marxisten, alle konsequenten Materialisten und alle Verteidiger der Wissenschaft müssen eine ebenso bewusste Gegenoffensive einleiten. Im Gegensatz zur herrschenden Klasse und den Herausgebern des Magazins New Scientist dürfen wir nicht vor der Realität davonlaufen, sondern müssen dafür kämpfen, sie zu verändern.

[1] Bestrebung die Menschen unwissend zu halten und im Glauben an Übernatürliches zu erziehen; Anm. d. Ü.

[2] Donna Lu, Alison George, Daniel Cossins and Layal Liverpool (2020): Can we perceive reality?, in: New Scientist, IPC Magazines, London, S. 39 – eigene Übersetzung.

[3] Donald Holffman (2019): Relativ real: Warum wir die Wirklichkeit nicht erfassen können und wie die Evolution unsere Wahrnehmung geformt hat. dtv, London, S. 11.

[4] Lu, George, Cossins und Liverpool (2020): Can we perceive reality?, S. 39.

[5] von vornherein, unabhängig von der Erfahrung und Wahrnehmung; Anm. d. Ü.

[6] Immanuel Kant (1783/1977): Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, in: Werke in zwölf Bänden. Band 5. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, S. 149.

[7] Friedrich Engels (1886/1956): Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: MEW Bd. 21, Dietz Verlag, Berlin, S. 276.

[8] Lu, George, Cossins and Liverpool (2020), S. 40.

[9] Ebd.

[10] George Berkeley (1710/1979): Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis. Hamburg, S. 27.

[11] Thomas Lewton (2021): The quantum experiment that could prove reality doesn’t exist, in: New Scientist. IPC Magazines, London – eigene Übersetzung.

[12] Ebd. – eigene Hervorhebung.

[13] Amanda Gefter (2022): Quantum Perspective, in: New Scientist, IPC Magazines, London, S. 38 – eigene Übersetzung.

[14] Ebd. S. 41.

[15] Lu, George, Cossins und Liverpool (2020): Can we perceive reality?, S. 41.

[16] Ronald Knox: Some Berkeley Limericks, online: http://faculty.otterbein.edu/AMills/EarlyModern/brklim.htm (zuletzt aufgerufen am 27.04.2022).

[17] Lu, George, Cossins and Liverpool (2020), S. 42.

[18] Know: Some Berkeley Limericks.

[19] Lu, George, Cossins und Liverpool (2020): Can we perceive reality?, S. 42f.

[20] Ebd. S. 43.

[21] Ebd. S. 42. – unsere Hervorhebung.

[22] “The challenge”, Essentia Foundation, https://www.essentiafoundation.org/about/ – eigene Übersetzung.

[23] V. I. Lenin (1908/1947): Materialismus und Empirio-Kritizismus, Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau, S. 126.