Von Jesse Murray Dean.
Erschienen in: In Verteidigung des Marxismus Nr. 13, August 2024.
Die Aufklärung des antiken Griechenlands ist eine der bedeutendsten Epochen der Menschheitsgeschichte. In der Politik, im Denken und der Kultur brachen Revolutionen aus, die in einer Weise ineinander verwoben waren, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. Diese Periode ist vergleichbar mit der Renaissance des 15. und 16. Jahrhunderts oder der Aufklärung des 18. Jahrhunderts.
Athen war dabei der Mittelpunkt der griechischen Welt des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr., bekannt für seine Philosophen, Wissenschaftler, Demokraten – aber auch für die dort neu entstandene Kunstform: das Drama.
Nachdem die demokratische Verfassung etabliert wurde, wurde auch das athenische Theater neugestaltet, um ein wichtiger Bestandteil der neuen Demokratie zu werden. Die großen Dramatiker Athens schrieben ihre Stücke, um sich mit den Ideen der Gesellschaft auseinanderzusetzen und diese weiterzuentwickeln.
Die Tragödie Der gefesselte Prometheus (sie wird Aischylos zugeschrieben, 5. Jahrhundert v. Chr.) steht symbolhaft für diese bemerkenswerte Periode. In den großartigsten und spektakulärsten der überlieferten griechischen Tragödien finden die fortschrittlichsten politischen und wissenschaftlichen Ideen der neuen athenischen Demokratie ihren Ausdruck.
Es war nicht nur ein großartiges Werk für seine Zeit, sondern fand auch im Laufe der Geschichte bei den fortschrittlichsten Teilen der Gesellschaft Anklang.
Hesiod und Aischylos
Die Handlung des Stücks lehnt sich stark an den Mythos des Prometheus aus den epischen Dichtungen des 8. Jahrhunderts v. Chr. an, die dem Dichter Hesiod zugeschrieben werden. Das athenische Publikum war mit Hesiods Werk bestens vertraut, das zusammen mit den Epen von Homer wohl am ehesten einer Art Bibel des antiken Griechenlands entsprach.
Sowohl in Hesiods als auch in Aischylos‘ Version des Mythos ist das neue Regime der olympischen Götter unter der Führung von Zeus erst kürzlich an die Macht gekommen, indem es die Titanenarmee der alten Götter, angeführt von Zeus‘ Vater Kronos, besiegt hat.
In dieser Anfangszeit von Zeus‘ Herrschaft stiehlt Prometheus, ein Titan der alten Ordnung, Feuer von den Göttern und bringt es, versteckt in einem Fenchelstängel, zu den Menschen. Dafür straft ihn Zeus, indem er ihn an einer Klippe über dem Meer fesseln lässt. Als Unsterblicher soll er dort bis in alle Ewigkeit verweilen und leiden.
Aischylos entwickelt diese Erzählung von hier an anders weiter als in Hesiods Mythos und bringt dabei eine ganz andere Weltsicht hervor.
In Hesiods Theogonie und in Werke und Tage ist der Sieg von Zeus über Kronos der Sieg von Ordnung über das Chaos. Auch wenn Zeus hart ist und zu Zorn neigt, ist er letztendlich weise und gerecht und regiert den Kosmos mit strenger, aber gerechter Hand. Prometheus ist ein gewiefter Schurke, der bei dem Versuch, Zeus zu überlisten, scheiterte und nun die Konsequenzen tragen muss.
Aischylos‘ Zeus hingegen ist ein unrechtmäßiger Thronräuber an der Spitze einer brutalen Diktatur, der seine Macht mit Repression und Willkür ausübt. Prometheus wird zum heroischen Märtyrer umgedeutet, der nicht für schelmenhafte Streiche bestraft wird, sondern dafür, dass er gegen einen Tyrannen rebelliert und die Menschheit gerettet hat.
Dieser politische Kontext ist so eindeutig, wie er für das zeitgenössische Athen zutreffend war. Prometheus‘ Kampf gegen Zeus spiegelt gleichzeitig den Klassenkampf wider, der zur Etablierung der athenischen Demokratie führte, sowie deren anhaltende Spannungen.
Zeus der Tyrann
Aischylos findet innovative Wege in dieser neuen dramatischen Kunstform, um seine Vision zu vermitteln. In Athen galt er als der erste große Meister der Tragik, gefolgt von Sophokles und dann Euripides. Laut Aristoteles führte er den zweiten Schauspieler ein, wodurch die Rolle des Dialogs erheblich aufgewertet wurde. Damit war er wegweisend für diese Kunstform.
Das Wesen von Zeus‘ Regime wird in der erschütternden Eröffnungsszene, Prometheus‘ Fesselung, sehr anschaulich vermittelt. Nicht nur werden seine Gliedmaßen mit Metallschellen und Ketten an der Klippe festgebunden, auch seine Brust wird durchstoßen – ähnlich einer Kreuzigung, die den niedersten Verbrechern Athens vorbehalten war. Er ist an „der Erde äußerstes Geländ[e]“[1] gefesselt, um auf ewig von den Elementen geschunden zu werden.
Hephaistos, der olympische Gott der Schmiedekunst und Sohn des Zeus, wird gegen seinen Willen gezwungen, diese qualvolle Prozedur durchzuführen, unter der Anleitung von Kratos und Bia, Handlanger des Zeus und die Personifikationen von Macht und Gewalt.
Prometheus soll bestraft werden, „als daß er achten lerne Zeus‘ Zwingherrentum und sich entschlage seiner Menschenfreundlichkeit“[2]. Die Thematiken der Rebellion gegen den Despotismus und die neuen Ideen des aufgeklärten Humanismus werden also schon in den ersten Zeilen klar dargelegt.
Der gefesselte Prometheus bleibt während des gesamten Stücks auf der Bühne fixiert, steht im Mittelpunkt des Dramas und verkörpert die Qualen des Regimes von Zeus.
Dramatische Entwicklung
Die eindeutige politische Ausrichtung des Stücks wurde von vielen klassischen Literaturwissenschaftlern kritisiert. So bezeichnet Oliver Taplin das Stück als „großartig und leer“ und stellt fest: „Als romantische Vision des Trotzes gegen die Mächte der Tyrannei und der Zerstörungswut ist es schön und gut, aber als Drama taugt es nichts“[3].
Diese Kritik entspringt sicherlich einem Klassenstandpunkt, da das Stück in der Tat eine hochgradig aufgeladene dramatische Entwicklung enthält, in der die behandelten Ideen aufgeworfen werden.
Zu Beginn scheint es, als sei Prometheus völlig niedergeschlagen, als wäre er nur ein Abbild schrecklichen Leidens. Prometheus wird in einer Reihe von Episoden abwechselnd von verschiedenen Figuren besucht. Dabei enthüllt sich langsam, dass Prometheus tatsächlich den Schlüssel zu Zeus‘ Untergang in den Händen hält.
Im Laufe der Geschichte erfahren wir, dass Prometheus von einer geheimen Prophezeiung weiß, nach der eine namenlose Frau, die von Zeus schwanger wird, einen Sohn gebären wird, der mächtiger sein wird als sein Vater.
Die Fesselung des Prometheus ist also nicht nur eine Strafe für sein Verbrechen gegen Zeus, sondern auch ein Mittel, um unter der Folter die Einzelheiten der Prophezeiung zu erfahren. Wenn Zeus weiß, wer die Frau ist, kann er verhindern, dass sich die Prophezeiung erfüllt.
Das Schicksal des Zeus liegt also tatsächlich in Prometheus‘ Händen. Diese zusätzliche Handlung ist mit Sicherheit von Aischylos hinzugefügt worden. Im weiteren Verlauf des Stücks wird Prometheus immer mutiger und aufmüpfiger.
Fast unmerklich wandelt sich das Stück von einem Bild des Schmerzes und des Elends zu einem kosmischen Zusammenstoß zwischen einer unaufhaltsamen Kraft und einem unbeweglichen Objekt.
Der standhafte Prometheus
Während alle anderen Figuren des Stücks Zeus‘ tyrannische Natur zwar benennen, steht Prometheus mit seiner Opposition, die er bis zum Ende aufrechterhält, dennoch alleine da.
Okeanos, der alte Gott des Meeres, der im neuen Regime im Olymp von Poseidon abgelöst wurde, besucht Prometheus aus Mitleid. Der Rat, den er Prometheus gibt, ist jedoch der eines feigen Pragmatikers, der sich mit dem Regime abgefunden hat. Okeanos möchte zwischen Prometheus und Zeus eine Abmachung vermitteln, damit Prometheus mit dem Regime koexistieren kann, wie es viele der anderen alten Götter getan haben. Prometheus hat für diesen Vorschlag jedoch nur Hohn und Spott übrig.
Die Töchter des Okeanos, die Okeaniden, besuchen Prometheus und bleiben mit ihm auf der Bühne. Sie sind der Chor des Stücks, ein Bestandteil aller griechischen Theaterstücke, der aus einer Gruppe von Darstellern besteht, die zu Musik singen und tanzen und mit den anderen Figuren interagieren. Während sie Prometheus gegenüber Mitleid und Sympathie empfinden, sind sie wie gelähmt aus Angst vor Zeus. Immer wieder stellen sie Prometheus‘ Entscheidung in Frage und beklagen, dass sich nichts ändern lässt.
Im letzten Teil des Stücks kommt Hermes, Zeus‘ Bote und, in Prometheus‘ Worten, ein „Götterknecht“, und versucht, Prometheus völlig zu brechen.[4] Er droht, dass, sollte er die Prophezeiung nicht aushändigen, Zeus einen schrecklichen Sturm schicken werde, der Prometheus in den Berg schlagen und von dort aus in die Unterwelt schicken werde. Nach einer langen Zeit im Tartaros sollte er dann wieder an die Klippe gebunden werden – aber seine Folter sollte noch qualvoller werden. Zeus werde einen Adler schicken, der jeden zweiten Tag seine Leber aus ihm herausreißen und verspeisen werde, die sich, nachdem Prometheus unsterblich ist, Mal für Mal erneuert.
Doch Prometheus bleibt standhaft:
„… Zu leiden jedoch / Als Feind durch den Feind, darin ist keine Schmach. / Daraufhin auf mich denn zucke herab / Zweischneidig die Feuerlocke, den Raum / Des Himmels errege Donner und Krampf / Wildwühlender Winde, und aus ihrer Ruh‘ / Mitsamt ihren Wurzeln die Erde sogar / Mache wanken das Wehn, die Woge des Meers / Mit gellendem Tosen verschütte die Bahn / Der Himmelsgestirne, und mein Leib / In Tartaros‘ Nacht fass‘ und schleudr‘ er hinab / Umwirbelnd in unbarmherzigem Zwang …“[5]
Wie versprochen schickt Zeus seinen Sturm, der so stark ist, dass der Himmel und das Meer eins werden. Hermes sagt dem Chor, dass sie gehen sollen, damit sie nicht in die Welt des Schmerzes hineingezogen werden, die Prometheus bevorsteht. Doch überraschenderweise weigert sich der Chor:
„Wie? Feigheit zu üben verlangst du von mir? / Mit ihm, was auch not ist, erdulden will ich. / Die Verräter hab ich hassen gelernt, / Und kein Übel gibt‘s, das ich mehr ausspeie als dieses!“[6]
Mit diesem letzten Akt der Solidarität endet die Tragödie.
Das Stück endet also mit einer völligen Ablehnung von Kompromissen und unterstreicht die neuen Tugenden, die von den radikalen Demokraten entwickelt worden waren. Die Altphilologin Isabel Ruffell stellt fest, dass das Stück „die embryonalen Stadien der radikaldemokratischen Theorie herauszukristallisieren scheint“[7].
Der Aufstieg der athenischen Demokratie
Die athenische Demokratie entsprang einer langwierigen Periode des Klassenkampfes. In den vorangegangenen zwei Jahrhunderten war die gesamte antike griechische Welt von Unzufriedenheit, Bürgerkrieg und Revolution erfasst. Diese Periode wurde auch als Stasis bezeichnet.
Nur wenige Jahrhunderte zuvor befand sich die griechische Gesellschaft in einem Stadium, das der Anthropologe Lewis Henry Morgan als „obere Stufe der Barbarei“ bezeichnen würde – sie bestand fast ausschließlich aus Bauern, die gesellschaftlich in Gentes und Stämmen organisiert waren.
Im 8. Jahrhundert v. Chr. führte eine Welle griechischer Kolonisationsexpeditionen zu einem Aufschwung des Handels, der die Entwicklung der Warenproduktion und der neuen Geldwirtschaft förderte. Da es sich bei den Waren überwiegend um landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Oliven, Wein usw. handelte, wurden die wohlhabenderen Grundbesitzer immer reicher und eigneten sich den Überschuss an, der durch die Arbeit einer wachsenden Zahl von Sklaven erzeugt wurde.
Die Klassenunterschiede nahmen zu, und aus der alten Organisation in Gentes entwickelten sich frühe Formen der Poleis, die uns als „Stadtstaaten“ bekannt geworden sind. Zu Hesiods Zeiten waren die Poleis aristokratisch, und die führenden Positionen wurden von einer Handvoll der reichsten Landbesitzerfamilien besetzt.
Die armen Bauern verschuldeten sich bei den wohlhabenden. Diese Schuldenlast geriet im Laufe des folgenden Jahrhunderts außer Kontrolle und schürte Ungleichheit und Klassenhass.
Gleichzeitig bildete sich eine neue Klasse von Händlern heraus, von denen viele nicht zu den aristokratischen Familien gehörten. Angestachelt durch ihr zunehmendes ökonomisches Gewicht in der Gesellschaft begannen sie Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. die auf Erbschaft beruhende Vorherrschaft der Aristokratie anzugreifen.
Die Frage von Aristokratie versus Demos – ein Begriff, der alle außer Aristokraten miteinschloss, ausgenommen Frauen und Sklaven – gewann an Bedeutung und nahm revolutionäre Dimensionen an.
Mit dem Aufstieg der griechischen Tyrannen explodierte diese turbulente Periode förmlich. Diese Tyrannen waren unterschiedlicher Herkunft, manchmal Aristokraten und manchmal nicht. Sie rissen die politische Macht mit Gewalt an sich und führten den Staat mit absoluter Autorität. Zeus wird in dem Stück ausdrücklich als Tyrann bezeichnet.
Diese sehr häufigen, wenn auch relativ kurzen Episoden der Tyrannei versetzten der aristokratischen Ordnung einen Schlag und trieben die Stasis weiter voran. Im Laufe des 6. Jahrhunderts v. Chr. wurden viele Ein-Mann-Tyranneien und Aristokratien durch Oligarchien abgelöst, in denen die erbliche Herrschaft durch die des Eigentums ersetzt wurde.
In einigen Stadtstaaten ging der Prozess sogar über Oligarchien hinaus. In Athen, Korinth, Megara und Syrakus kämpfte der Demos für die volle politische Gleichberechtigung aller freien Männer, unabhängig von ihrem Besitz, und gewann sie.
508 v. Chr. wurde von Kleisthenes in Athen die demokratische Verfassung eingeführt. Das war nur der Beginn einer langen Reihe von Reformen, durch die in den folgenden zwei Jahrhunderten die Demokratie ausgebaut und die Aristokratie angegriffen wurde.
Aber der Sieg des Demos bedeutete nicht, dass die Aristokratie verschwand. Sie waren stets bemüht, ihre Herrschaft wieder zurückzugewinnen.
Zusätzlich war Athen von allen Seiten von mächtigen Staaten umgeben, die der Demokratie feindlich gesinnt waren, vor allem von Sparta und dem despotischen Perserreich.
Der gefesselte Prometheus ist Teil des Kampfes gegen den politischen Rückschritt. Das Stück zieht eine klare Linie zwischen den demokratischen Werten und allen Elementen der Tyrannei – nicht nur die der griechischen Tyrannen, sondern allen Einschränkungen der politischen Rechte, die die Aristokratie und die Oligarchen forderten.
Die revolutionären Ideale, die im Laufe des politischen Kampfes hervorgebracht wurden, werden im Stück verteidigt und verkörpern sich in der heroischen Figur des Prometheus. Aber das Stück geht über die bloße Verteidigung der demokratischen Ideale Athens hinaus – es verbindet sie mit einer völlig neuen, materialistischen Weltanschauung und macht sie zu einem integralen Bestandteil davon.
Die griechische Aufklärung
Nur 100 Jahre bevor Der gefesselte Prometheus geschrieben wurde, erlebte die Philosophie im 6. Jahrhundert v. Chr. im griechischen Stadtstaat Milet in der heutigen Türkei ihre Geburtsstunde. Hier begannen die ersten Versuche, die Natur auf rationale Weise und ohne Erklärungen durch Mythen und Götter zu verstehen.
Die Philosophen aus Milet fingen mit der Frage nach dem Ursprung und der Beschaffenheit des Universums an. Parallel zur Entwicklung eines philosophischen Materialismus entwickelten sich in der ganzen griechischen Welt rasch neue Bereiche der Wissenschaft. Biologie, Naturgeschichte, Mechanik, Meteorologie, Kartographie, Geologie und Medizin wurden auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt.
Mit dem Aufkommen der Demokratie gegen Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. wurden die neuen Denkweisen, die mit der Untersuchung der Natur entwickelt worden waren, nun auf soziale Fragen angewandt. Politik, Moral, Geschichte, Sprache und Logik wurden zu Feldern der wissenschaftlichen Untersuchung.
Dieses Aufblühen der Wissenschaft und Kultur war Produkt einer Gesellschaft, die auf Sklaverei beruhte, wodurch sich eine Schicht intellektuellen Auseinandersetzung widmen konnte und so eine beispiellose Entwicklung der Produktivkräfte, der Technologie und der Kultur ermöglichte.
Der gefesselte Prometheus bringt alle diese neuen und sich entwickelnden Ideen in einer dramatischen Einheit zusammen.
Hesiods „Sündenfall“ der Menschheit
Wie Aischylos das bewerkstelligt, können wir am besten sehen, indem wir sein Stück noch einmal mit Hesiods Dichtungen vergleichen. Bei Hesiod thronte Kronos über das „goldene Zeitalter“ der Menschheit – konkret der Männer, da es Frauen noch nicht gab. Diese lebten in göttlicher Glückseligkeit, frei von Leid und Arbeit:
„… Und sie lebten wie Götter und hatten das Herz ohne Kummer, ohne Plagen und Jammer… […] Und Frucht trug der nahrungsspendende Acker unbestellt in neidloser Fülle.“[8]
Das Ende dieser Idylle wurde nicht durch die Machtübernahme Zeus‘ eingeleitet, sondern erst später, durch die Torheit des Prometheus.
Nachdem Zeus an die Macht gekommen war, wird Prometheus mit der Aufgabe betraut, die Opfergaben der Menschen an die Götter zu überwachen. Hesiods Prometheus ist ein durchtriebener Betrüger, und er findet einen Weg, Zeus und den Olymp zu überlisten und sie um die besten Teile des Opferfleisches zu bringen. Als Vergeltung nimmt Zeus den Menschen das Feuer weg. Prometheus stiehlt es und gibt es den Menschen zurück, wofür er bestraft wird.
Um die Menschen für ihre Beihilfe an diesem Verbrechen zu bestrafen, erschafft Zeus die erste Frau, Pandora:
„… Als er bereitet das schöne Übel, das Gute [Feuer] vergeltend, […] Stammt doch von ihr das Geschlecht der zarter gebildeten Weiber, ja von ihr das böse Geschlecht, die Stämme der Frauen, die den sterblichen Männern zu großem Leide gesellt sind …“[9]
Zeus formt daraufhin eine Büchse voller Übel, die Pandora öffnet und damit alle Leiden freisetzt, die die Menschheit fortan plagten.
So beginnt der schrittweise Niedergang der Menschheit, der im „eisernen Zeitalter“ gipfelt, das der Zeit Hesiods entspricht und in dem die Menschheit nur Leid kennt: „…niemals am Tage ruhn sie von quälender Mühe und Jammer, und immer die Nächte reiben sie auf mit drückenden Sorgen, Geschenken der Götter.“[10]
Eine Ode an den menschlichen Fortschritt
In Aischylos‘ Der gefesselte Prometheus wird die gegenteilige Ansicht vertreten. Anstatt dass die Menschheit in Ungnade gefallen ist, lebten die Menschen (das geschlechtsbezogene „Pandora“-Element von Hesiod fehlt) früher nicht nur ein härteres Leben, sondern führten ursprünglich ein tierisches Dasein, den Kräften der Natur völlig schutzlos ausgeliefert. In dieser Version ist es das Geschenk des Feuers von Prometheus, das die unaufhörliche und uneingeschränkte Entwicklung der Menschheit und ihre Macht über die Natur in Gang setzt.
In einer der berühmtesten Oden der Dichtung listet Prometheus die Meilensteine der menschlichen Entwicklung in chronologischer Reihenfolge auf, die alle aus seinem Geschenk des Feuers hervorgehen.
Zuallererst hält er fest, dass Menschen nicht schon immer ein Bewusstsein besaßen. Vor dem Feuer lebten wir wie andere Tiere der Erde, nicht in der Lage, unsere Umwelt zu verstehen oder zu beeinflussen:
„… wie die vorher Törichten [Menschen] / Gedankenvoll ich macht[e], mächtig der Vernunft. […] / Sie, die zu Anfang Augen hatten, doch nicht sahn, / Und Ohren und nicht hörten, sondern wie Gebild[e] / Von Träumen ihre lange Lebenszeit hindurch / Blind all in eines wirrten […]“[11]
Prometheus beschreibt dann unsere Entwicklung, eingeleitet durch die Gabe des Feuers. Zunächst lernten wir, den Zyklus der Jahreszeiten zu verstehen, was die Entwicklung der Landwirtschaft ermöglichte. Prometheus zählt dann Mathematik, Sprache, Tierzucht, Medizin, Schifffahrt und Bergbau auf, wobei die letzten beiden besonders wichtig waren, da das damalige Athen eine mächtige Seeflotte und lukrative Minen besaß.
Er endet mit: „Was Menschen wissen, von Prometheus haben sie‘s.“[12] Aber es muss festgehalten werden, dass Prometheus uns nur Feuer und Hoffnung schenkte, wofür er bestraft wurde, aber nicht weiter in unsere Geschichte eingriff, wie er schon zuvor im Stück erklärt:
„Im hohlen Stengel trug ich fort des Feuers Quell, / Hatt‘ ihn entwendet, der den Menschen jeder Kunst /Lehrmeister ist erschienen, Wender aller Not. / Von solcher Art sind die Verfehlungen, für die / Ich büße, unterm Himmel angekettet so!“[13]
Nach dem anfänglichen Impuls durch den Titan sind keine übernatürlichen Kräfte mehr im Spiel. Es gibt nur den Menschen und die Natur, und unsere Fortschritte beruhen auf der Weiterentwicklung der Technik und gleichzeitig unseren geistigen Fähigkeiten. Das Stück bietet also eine materialistische Erklärung für die Entwicklung des frühen Menschen aus dem Tierreich hin zur Zivilisation.
Diese Ideen waren zu jener Zeit in unterschiedlichen Formen im Umlauf. Etwa argumentierte der miletische Philosoph Anaximander im 6. Jahrhundert v. Chr., dass alle Menschen und Tiere aus Fischen entstanden waren. Xenophanes, Philosoph des 5./6. Jahrhunderts v. Chr., vertrat eine atheistische Sicht auf die menschliche Entwicklung.
„Nicht von Anfang an haben die Götter den Sterblichen alles Verborgene gezeigt, sondern allmählich finden sie suchend das Bessere.“[14]
Das Stück könnte auch auf die Ansicht des Philosophen Anaxagoras aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. anspielen, oder womöglich selbst Inspiration dafür sein, wonach die Entwicklung der menschlichen Hände „die Ursache dafür ist, dass der Mensch von allen Tieren das intelligenteste ist“[15]. Diese tiefe Einsicht in die dialektische Beziehung zwischen Bewusstsein und Körper in der menschlichen Evolution wurde im letzten Jahrhundert von der modernen Wissenschaft belegt.
Es gibt noch viele weitere Verbindungen zwischen den Gedanken, die im Stück aufgebracht werden, und modernen Ideen in der Philosophie und Wissenschaft. Indem all diese Ideen in Form eines mythologischen Dramas dargelegt werden, entsteht tatsächlich etwas Neues, und in dieser ganzheitlichen Einheit werden die Ideen weiterentwickelt.
Die Kunst des Symbolismus ermöglicht es, dass philosophische, politische und kulturelle Ideen in den verschiedenen Bestandteilen des Stückes verkörpert werden, und durch das Medium des Dramas können diese Ideen dann miteinander interagieren, aufeinanderprallen und sich miteinander verbinden.
So symbolisierte das Feuer wahrscheinlich das Konzept, das die alten Griechen techne nannten und das im weitesten Sinne den Akt, die Fähigkeit oder die Kunst der Praxis, des Handwerks oder der Produktion umfasste (von daher stammen auch unsere Wörter „Technik“ und „Technologie“; Anm.).
Die Figur des Prometheus wird oft als Symbol für techne verstanden. Wie wir jedoch sehen werden, verkörpert Aischylos‘ Prometheus nicht nur einen Aspekt des menschlichen Intellekts, sondern den menschlichen Zustand als Ganzes.
„Blinde Hoffnung“
Prometheus macht den Menschen noch ein zweites Geschenk: „blinde Hoffnung“. Im ersten Moment klingt das negativ, im Stück wird allerdings erklärt, dass die Menschen im Zeitalter von Kronos wussten, wann sie sterben würden. Die Gabe der „blinden Hoffnung“ hat ihnen dieses Wissen genommen. Die Okeaniden sind sich einig, dass dies ein großartiges Geschenk ist, denn wenn man nicht weiß, wann man sterben wird, hat man einen Grund zu versuchen, seine Umstände zu verbessern.
Auch das ist eine Abwandlung von Hesiods Version. In einem ziemlich verworrenen Teil seines Pandora-Mythos wurde die Hoffnung auch der Büchse des Übels beigelegt. Doch als die Büchse geöffnet wurde und alle Übel entkamen, um die Menschen zu plagen, blieb sie in der Büchse stecken und entkam nicht, so blieben die Menschen „hoffnungslos“.
Aischylos‘ Prometheus hingegen schenkt der Menschheit die Hoffnung, die offenbar sowohl den Optimismus für die Zukunft als auch die Fähigkeit zum abstrakten Denken symbolisiert.
Einerseits sind die beiden Geschenke Feuer und Hoffnung der Kern allen menschlichen Fortschritts – unser Mittel und Motiv, um unser Leben zu gestalten. In diesem Sinne verkörpert die „Hoffnung“ unseren Eigenwillen und das Streben, unser Leben zu verbessern.
Andererseits sind wir durch die „Blendung“ unseres göttlichen Wissens über die Zukunft nun gezwungen, die Zukunft selbst vorherzusagen und unsere Vernunft zu entwickeln. Die alten Griechen benutzten den Begriff nous im weitesten Sinne für rationales Denken, Verstehen, Abstraktion, Konzeptualisierung und so weiter.
So repräsentiert Prometheus, mit seinen „Gaben“ der Hoffnung und des Feuers, unser Menschsein in all seinen Aspekten – nous und techne, Vernunft und Praxis, Wissenschaft und Kunst, Gefühl und Verstand.
Dialektische Einheit
Prometheus‘ Ode an den menschlichen Fortschritt ist kein interessanter Nebenschauplatz des Werkes, sondern ein zentraler Bestandteil, der dem politischen Thema, das in Prometheus‘ Kampf gegen Zeus zum Ausdruck kommt, eine viel umfassendere Dimension verleiht.
Das Stück stellt die Ansicht auf, dass alle Aspekte der menschlichen Gesellschaft durch Auseinandersetzungen entstanden sind und sich durch Auseinandersetzungen entwickelt haben.
Zeus verkörpert alle Fesseln der menschlichen Gesellschaft, während Prometheus unseren Erfindungsgeist, unseren Tatendrang und unseren Optimismus im Kampf gegen diese gesellschaftlichen Fesseln und die Naturgewalten darstellt.
Ein dialektisches Verständnis der Entwicklung verbindet alle Themen miteinander. Aber es ist keine chaotische Veränderung, sondern eine schöpferische, in einer aufwärts gerichteten, progressiven Richtung.
Prometheus prophezeit das scheinbar Unvorstellbare, dass sich der gegenwärtige Zustand in sein Gegenteil verkehren wird:
„An solcher Klippe wird er [Zeus] scheitern, und erfährt, / Wie sehr es unterschieden, Herr sein oder Knecht.“[16]
Die Vorstellung eines Universums in ständigem Wandel, das von Kämpfen bestimmt wird, erinnert an die Ideen des Philosophen Heraklit, des Vaters der Dialektik, aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. In einem Fragment sagt er:
„Homer hat sich geirrt, als er sagte: ‚Ich wünschte, der Streit unter den Göttern und Menschen würde verschwinden!‘ Er sah nicht, dass er für die Zerstörung des Universums betete; denn wenn sein Gebet erhört würde, würden alle Dinge vergehen.“[17]
Diese Auffassung, dass Veränderung und Widerspruch („Streit“) untrennbar mit der Realität verbunden sind, ist eine tiefe Wahrheit, die in Der gefesselte Prometheus aus verschiedenen Blickwinkeln deutlich dargelegt wird. Aischylos füllt diese dialektische Weltanschauung mit den neuen politischen und wissenschaftlichen Ideen, die sich seit Heraklit entwickelt haben.
Revolutionärer Geist
Es wird davon ausgegangen, dass Der gefesselte Prometheus Teil einer Trilogie war, so wie Aischylos‘ Orestie, obwohl die beiden anderen Stücke leider verloren gegangen sind. Wenn man jedoch bedenkt, was wir über Aischylos‘ andere Werke wissen, und die Beschaffenheit der athenischen Gesellschaft zu jener Zeit berücksichtigen, ist es wahrscheinlich, dass Prometheus und Zeus im letzten Teil auf die eine oder andere Art miteinander versöhnt werden sollten.
Man darf nicht vergessen, dass das demokratische Athen immer noch eine Klassengesellschaft war. Die Bürgerschaft war in der Tat eine Minderheit der Bevölkerung. Nur athenische Männer waren Bürger – ausländische Einwohner, Sklaven und alle athenischen Frauen hatten keine politischen Rechte. Auch die Bürgerschaft selbst war entlang von Klassenlinien gespalten. Während alle Bürger politisch gleichberechtigt waren, gab es nicht auch nur den Anschein von ökonomischer Gleichheit.
Es ist daher wahrscheinlich, dass eine Schicht reicherer Demokraten keine weitere Stasis wollte: „Der revolutionäre Kampf für die Demokratie war notwendig und heroisch, aber jetzt müssen wir uns beruhigen und wieder an die Arbeit zurückgehen.“ Der Kompromiss, der die so genannte Prometheia-Trilogie abschließt, würde wohl diese Stimmung widerspiegeln.
In Der gefesselte Prometheus selbst ist jedoch nicht viel von der konservativen Seite der Gesellschaft Athens zu erkennen. Das Stück ist Produkt einer bestimmten Zeit und eines bestimmten Ortes, jedoch reicht sein kühnes Eintreten für Rebellion, Freiheit, menschlichen Fortschritt und Aufklärung weit über das Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. hinaus.
Aischylos‘ Prometheus fand bei Künstlern und Radikalen im Zeitalter der demokratischen Revolutionen in ganz Europa mächtigen Anklang.
Percy Shelley, revolutionärer Dichter der englischen Romantik, verfasste eine eigene Fortsetzung von Der gefesselte Prometheus, mit dem Titel Der entfesselte Prometheus (Original: Prometheus Unbound), in der es nicht zu einem Kompromiss kommt, sondern wir das Ende der Herrschaft Jupiters (der römische Name für Zeus) erleben. Im Vorwort des Werkes fasste er die Stimmung dieser jungen und optimistischen Schicht von Künstlern zusammen:
„… Ich war abgeneigt von einer so schwachen Katastrophe wie der, den Meister mit dem Unterdrücker der Menschheit zu versöhnen. […] Prometheus ist gleichsam der Typus der höchsten Vollkommenheit der moralischen und intellektuellen Natur, die von den reinsten und wahrhaftigsten Motiven zu den besten und edelsten Zielen getrieben wird.“[18]
Der junge Goethe griff viele der Ideen in Der gefesselte Prometheus auf und schrieb sogar ein Gedicht mit dem Titel Prometheus, das man am besten als einen Aufruf zum Atheismus beschreiben kann. Beethoven komponierte Die Geschöpfe des Prometheus, ein Ballett, das den Weg der Menschheit zur Aufklärung beschreibt.
Auch Karl Marx wurde von dem Stück inspiriert. Er zitiert Aischylos als seinen Lieblingsdichter und bezieht sich in seinem Werk mehrfach auf Prometheus. In seinem Meisterwerk Das Kapital schreibt Marx, die kapitalistische Produktion „schmiedet den Arbeiter fester an das Kapital als den Prometheus die Keile des Hephästos an den Felsen“[19].
Besonders interessant ist hier, dass es für Marx nicht mehr nur die Natur oder die politische Tyrannei ist, sondern die Gesetze des kapitalistischen Systems selbst, die die Menschheit unterdrücken. Es ist jedoch diese Tyrannei, die den Kampf der Arbeiterklasse zu ihrer Überwindung antreibt.
Prometheus heute
Heute werden die Ideen des Stücks von zynischen und pessimistischen Akademikern, vor allem von der sogenannten „Linken“, entstellt, die den Begriff „Prometheismus“ spöttisch für einen naiven Glauben an die Revolution oder an die Wissenschaft verwenden. Dies ist nichts anderes als ein Ausdruck kleinbürgerlicher Ohnmacht in der Epoche des senilen Verfalls des Kapitalismus.
In Wirklichkeit hat die Arbeiterklasse den prometheischen Kampf von all den Unterdrückten, die im Laufe der Geschichte gegen ihre Unterdrücker gekämpft haben, geerbt. Der Kapitalismus ist nicht nur ein Hindernis für die Produktion, sondern auch für die Kultur, die Philosophie, die Wissenschaft und die menschliche Entwicklung als Ganzes. Neben einem Überfluss an materiellen Ressourcen, Technologie usw. gibt es auch ein enorm reiches Erbe an Ideen, Kunst und Kultur, das von der Menschheit über Jahrhunderte hinweg entwickelt wurde.
Wie der Kampf der alten Griechen gegen die Aristokraten und der Kampf der bürgerlichen Radikalen gegen die Feudalherren ist auch der Kampf der Arbeiterklasse gegen den Kapitalismus mit einer neuen Aufklärung verbunden.
Und durch die Übernahme der immensen Produktivkräfte, die der Kapitalismus aufgebaut hat, kann die Arbeiterklasse die Menschheit zum ersten Mal auf den Weg tatsächlicher Freiheit führen.
[1] Aischylos (2002): Der gefesselte Prometheus, in Aischylos Die Tragödien. Phillipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart, S. 283.
[2] Ebd.
[3] Oliver Taplin (1977): The Stagecraft of Aeschylus. Oxford University Press, S. 467 – eigene Übersetzung.
[4] Aischylos, S. 319ff.
[5] Ebd., S. 323f.
[6] Ebd.
[7] Isabelle Ruffell (2012): Aeschylus: Prometheus Bound. Bristol Classics Press, S. 57 – eigene Übersetzung.
[8] Albert von Schirnding (2012): Theogonie, Werke und Tage. Akademie Verlag, S. 91.
[9] Ebd., S. 49.
[10] Ebd., S. 95.
[11] Aischylos, S. 299f.
[12] Ebd. S. 301.
[13] Ebd. S. 287f.
[14] Zit. in P. Curd (2011): A Presocratics Reader. Hackett, S. 34 – eigene Übersetzung.
[15] Aristotle (1882): On the Parts of Animals. Kegan Paul, Trench et al., S. 117 – eigene Übersetzung.
[16] Aischylos, S. 318.
[17] Zit. in J. Burnet (1908): Early Greek Philosophy. Adam und Charles Black, S. 150 – eigene Übersetzung.
[18] Percy Shelley (1970): Alastor, Prometheus Unbound, in Adonais and Other Poems. Collins, S. 63f – eigene Übersetzung.
[19] Karl Marx (1867): Das Kapital. Band 1, in MEW Bd 23. Dietz Verlag, Berlin, S. 675.