Eine Muse des Feuers: Kunst, Gesellschaft und Revolution


Von Alan Woods.
Erschienen in: In Verteidigung des Marxismus Nr. 13, August 2024.


Die menschliche Kunst ist deutlich älter, als wir glauben möchten. Die älteste Höhlenmalerei in Europa soll vor mindestens 30.000 Jahren entstanden sein, und in Indonesien wurde ein noch älteres Exemplar gefunden, das auf etwa 45.000 Jahre geschätzt wird. Jüngere Untersuchungen behaupten sogar, Belege für noch ältere Höhlenmalereien und bearbeitete Muschelperlen aus der Zeit von vor etwa 65.000 Jahren gefunden zu haben, möglicherweise das Werk von Neandertalern vor der Ankunft des modernen Homo sapiens in Europa.

Wie dem auch sei, es ist unbestreitbar, dass Kunst so alt ist wie die menschliche Spezies selbst und das kann kein Zufall sein. Es scheint dabei etwas zu geben, das sehr tief in unserer Psyche verankert ist. Die Rolle der Kunst muss daher bei jeder ernsthaften Untersuchung der Evolution und der Geschichte des Menschen berücksichtigt werden.

Historischer Materialismus

Der genaue Zusammenhang zwischen der menschlichen Entwicklung und der Kunst in der jeweiligen Epoche ist allerdings eine schwierige Frage. Die Verbindung von Kunst und der Entwicklung der Produktivkräfte ist äußerst komplex.

Kunstrichtungen verändern sich ständig und diese Veränderungen spiegeln letztlich die tiefgreifenden Veränderungsprozesse in der Gesellschaft wider. Deren Grundlage wiederum bilden die Veränderungen der Produktionsweise und den daraus resultierenden Klassenbeziehungen, mit all ihren unzähligen gesetzlichen, politischen, religiösen, philosophischen und ästhetischen Erscheinungsformen.

Marx war der Ansicht, dass die Kunst, wie auch die Religion, ihren Ursprung in der Urgeschichte hat. Ideen, Stile, Kunstrichtungen können in den Köpfen der Menschen weiterleben, selbst wenn der konkrete sozioökonomische Kontext, in dem sie entstanden sind, schon lange in der Versenkung verschwunden ist. Der menschliche Geist zeichnet sich schließlich durch einen tiefsitzenden Konservatismus aus.

Ideen, die schon lange ihre Existenzberechtigung verloren haben, bleiben hartnäckig in der menschlichen Psyche verhaftet und spielen weiterhin eine Rolle – sogar eine entscheidende Rolle in der menschlichen Entwicklung.

In seinen Ökonomischen Manuskripten 1857-58 [Grundrisse, Anm.] schreibt Marx:

„Bei der Kunst bekannt, daß bestimmte Blütezeiten derselben keineswegs im Verhältnis zur allgemeinen Entwicklung der Gesellschaft, also auch der materiellen Grundlage, gleichsam des Knochenbaus ihrer Organisation, stehn.“[1]

Die Kunst gehorcht also ihren eigenen Entwicklungsgesetzen, die als ein spezifisches Gebiet untersucht werden müssen. Ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen klarerweise die Kunst. Aber das eine lässt sich nicht mechanisch auf das andere reduzieren.

Engels stellte fest, dass der Versuch, einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Kunst und Ökonomie zu suchen, pedantisch wäre, da dieser bestenfalls indirekt und verworren ist. Die Kunst folgt ihren eigenen komplexen Entwicklungsgesetzen, die nicht direkt abhängig von anderen gesellschaftlichen Entwicklungen sind. Doch an bestimmten, entscheidenden Punkten überschneiden sich diese beiden Linien.

Die Erforschung der Kunstgeschichte muss empirisch vorgehen und versuchen, die immanenten Gesetzmäßigkeiten, die ihre Entwicklung bestimmen, herauszuarbeiten. Nur auf diese Weise kann man die wirkliche Beziehung zwischen Kunst und Gesellschaft offenlegen.

Die Ursprünge der Kunst

Die genauen Ursachen für die Entstehung der Kunst sind nur schwer zu bestimmen. Sie bleiben verborgen in der Dunkelheit der Höhlen, in denen beim schwachen Schein von flackernden Tierfettlampen die ersten Bilder gemalt wurden.

Unsere frühesten Vorfahren haben keine schriftlichen Aufzeichnungen ihrer Gedanken und Vorstellungen hinterlassen. Daher ist es unmöglich für uns, diese außergewöhnlichen Werke mit den Augen der Menschen zu betrachten, die sie geschaffen haben.

Trotzdem ist es möglich, aus der Untersuchung des Inhaltes dieser Kunstwerke, die uns bis heute durch ihre unwiderstehliche Lebendigkeit und ihren Realismus in Staunen versetzen, gewisse allgemeine Schlussfolgerungen zu ziehen.

Das auffälligste Merkmal der frühen Höhlenmalereien ist, dass sie meist nicht in den äußeren Abschnitten der Höhlen gemalt wurden, wo sie leicht zugänglich wären. Meist findet man sie in den tiefsten und am schwersten zu erreichenden Winkeln der Höhle. Was auch immer der Zweck dieser Kunst gewesen sein mag, sie diente sicherlich nicht der bloßen Dekoration. Ebenso wenig war es „Kunst um der Kunst willen“.

Das Erste, was bei diesen Malereien hervorsticht, ist das, was sie nicht zeigen. Es sind keine Pflanzen, Bäume oder Blumen zu sehen, sondern hauptsächlich Darstellungen von Tieren. Dabei folgte die Auswahl der gemalten Tiere wohl einer bewussten Überlegung.

Diese Tiere sind mit verblüffender Genauigkeit und Detailtreue dargestellt. In Kontrast dazu sind Menschen, die nur selten vorkommen, auf eine sehr skizzenhafte Art und Weise abgebildet. Sie gleichen Strichmännchen, wie sie von kleinen Kindern gezeichnet werden.

Kunst als gesellschaftliche Aktivität

In der frühen Kunst waren Wissenschaft und Religion untrennbar miteinander verbunden. Man spricht dabei vom sogenannten „Symphatiezauber“. Das Ziel dieser frühen Kunst war es, den Menschen Macht über die von ihnen gejagten Tiere zu geben.

Diese Jäger und Sammler führten einen unaufhörlichen und unerbittlichen Überlebenskampf in einer feindseligen Umgebung. Sie mussten sich im Kampf um Nahrung und um die Herrschaft über die Erde mit mächtigen Tieren messen.

Stammestänze sind in der Regel eng mit Ritualen verbunden. Sie stellen den Versuch dar, sich mit der Natur zu verständigen, die Welt zu verstehen und Herrschaft über sie zu erlangen.

Dieses anfangs stark begrenzte Verständnis fand ihren Ausdruck in der mystischen Sprache der Religion und der Magie. Der renommierte Anthropologe James George Frazer erklärt in seinem bekanntesten Werk Der Goldene Zweig und etlichen anderen Studien den Symphatiezauber als die Vorstellung von fiktiven Beziehungen zwischen Objekten und Lebewesen. Die Höhlenmalerei ist ein klassisches Beispiel dafür.

Der Zweck dieser bemerkenswerten Malereien war wahrscheinlich ein doppelter: Sie sollten die Kraft und das Geschick der Jäger erhöhen und ihnen Macht über die abgebildeten Tiere geben. In manchen Fällen sollten die damit zusammenhängenden Rituale die Fruchtbarkeit des Stammes oder Clans erhöhen.

Die Jagd großer und gefährlicher Säugetiere wie Mammuts konnte nur erfolgreich sein, wenn mehrere Jäger die Tiere in Fallen oder über Klippen trieben.

Das erforderte eine Zusammenarbeit beim Bau von Fallen, beim Ausheben tiefer Gruben und dem Errichten von Gehegen aus dicken Pfählen. All das setzt kollektive Arbeit in großem Maßstab voraus.

Das ist es, und nicht Religion oder Magie, was unseren Vorfahren einen ernsthaften Vorteil im Überlebenskampf verschaffte. Gesellschaftliche Zusammenarbeit, nicht individuelle Konkurrenz, war der Schlüssel zu unserem evolutionären Erfolg.

Klassengesellschaft

Heute wollen die Fürsprecher der herrschenden Ordnung beweisen, dass die Klassengesellschaft schon immer existiert habe und es schon immer einen Unterschied zwischen Arm und Reich gegeben habe.

Sie wollen zeigen, dass die Gesellschaft nur von einer außergewöhnlichen Klasse von „klugen“ Personen geführt werden könne, die Einzigen, die ihren Verstand verwenden können, während die ignorante Mehrheit – die „Holzhauer und Wasserträger“ (Josua, 9, 3-15) – einfach zu dumm ist, um sich den komplexen Aufgaben der Regierungsgeschäfte anzunehmen.

Sie behaupten, dass das schon immer so gewesen sei. Aber das ist bei weitem nicht die Wahrheit. Kunst war ursprünglich das Eigentum der gesamten Gemeinschaft, nicht eine spezialisierte Aktivität einer privilegierten Elite. Diese Kunst war im Wesentlichen etwas Soziales und Kollektives, nicht etwas Persönliches.

In Wahrheit ist die Teilung zwischen geistiger und körperlicher Arbeit eine relativ späte Entwicklung in der menschlichen Evolution. Wie es genau zu dieser Revolution kam, ist unmöglich zu sagen, da wir über keine schriftlichen Aufzeichnungen verfügen. Dass aber eine derartige Veränderung stattfand, steht völlig außer Frage.

Vor etwa 12.000 Jahren begann im Fruchtbaren Halbmond im Nahen Osten der womöglich größte Umschwung in der gesamten Menschheitsgeschichte. Ich beziehe mich darauf, was der großartige australische Archäologe Vere Gordon Childe (der Marxist war) als die Neolithische Revolution bezeichnete.

Engels bezeichnete dieses Ereignis, indem er sich auf Lewis Henry Morgan stützte, als den „Übergang von der Wildheit zur Barbarei“ – der Übergang von einer Jäger-und-Sammler-Gesellschaft zu einer sesshafteren Lebensweise auf der Grundlage von Ackerbau und Viehzucht.

Diese Revolution führte zu einer enormen Entwicklung der Produktivkräfte und verstärkte dadurch die Kontrolle der Menschen über die Natur. Sie schuf jedoch ebenso die materielle Grundlage für das Aufkommen von Ungleichheit. Das Privateigentum begann sich durchzusetzen und eine kleine Minderheit ergriff die Macht in der Gesellschaft.

Vor etwa 6.000 Jahren konzentrierte sich der Überschuss, den die bäuerliche Bevölkerung erwirtschaftete, in den Händen einer privilegierten Elite, in der Regel unter der Kontrolle des Tempels, d. h. der Priesterkaste. Dies führte zu einem grundlegenden Wandel der religiösen Anschauungen. Damit ging eine kulturelle Revolution einher.

Der Aufstieg einer privilegierten Priesterkaste drückte sich in der Errichtung riesiger Tempelanlagen und Denkmäler für die Götter aus. Sie standen für den Erfolg der Landwirtschaft, die Fruchtbarkeit der Ernten, Sonne und Regen. Der Weiße Tempel in Uruk, der auf einer 12 Meter hohen und 50 Meter breiten Plattform steht, ist ein eindrucksvolles Beispiel dieses Phänomens.

Hier haben wir zum ersten Mal eine Teilung zwischen geistiger und körperlicher Arbeit, die seitdem zum Prinzip aller Gesellschaften erhoben wurde.

Religion, Kunst und alle anderen Manifestationen des kulturellen oder intellektuellen Lebens hörten auf Gemeingut zu sein und wurden zu privaten Geheimnissen einer Minderheit, die sich selbst das „gottgegebene“ Recht nahm, diese Geheimnisse für die breite Masse zu interpretieren.

Dieser Wandel der Religion führte zur Entwicklung neuer Formen der Kunst. Die Entfremdung der arbeitenden Klassen ging einher mit ihrer geistigen und kulturellen Enteignung.

Ägypten

In der Metaphysik schreibt Aristoteles, dass die Philosophie dort ihren Anfang nimmt, wo die lebensnotwendigen Bedürfnisse gesichert sind. Er fügt hinzu, dass die Astronomie und Geometrie in Ägypten erfunden wurden, weil die Priester nicht arbeiten mussten. Hier wird die materialistische Geschichtsauffassung bereits in genialer Weise vorweggenommen.

Die günstigen Bedingungen im Niltal waren die Vorrausetzung für ein hohes Niveau an Arbeitsproduktivität. Auf der anderen Seite hatte der Staat Zugriff auf enorme Reserven an Arbeitskraft.

Die Bevölkerung war relativ klein und der Boden ausreichend fruchtbar, um Nahrung für das Volk und einen Überschuss für die herrschende Elite zu erwirtschaften. Genau dieses Mehrprodukt war der Schlüssel zur Entwicklung der ägyptischen Zivilisation.

Durch eine zentralisierte Arbeitsorganisation war es nun möglich, erstaunliche Meisterleistungen wie den Bau der Pyramiden zu bewerkstelligen. Diese gewaltigen Monumente werden oft als die größten Errungenschaften des alten Ägyptens angesehen, weil sie unsere Vorstellungskraft beflügeln.

Aber viel beeindruckender und unendlich wichtiger als die Pyramiden waren die Bewässerungssysteme. Die damit verbundene Steigerung der Arbeitsproduktivität ermöglichte die Herausbildung einer Klasse, die von der körperlichen Arbeit freigestellt war und dadurch all die umwerfenden Errungenschaften der ägyptischen Kunst, Wissenschaft und Kultur hervorbringen konnte.

Die Arbeitsteilung

Auf der Grundlage von Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft hat die herrschende Klasse in Ägypten das menschliche Wissen vermehrt und die Entwicklung der Produktivkräfte beschleunigt – die eigentliche Grundlage der Entwicklung von Kultur und Zivilisation.

In letzter Instanz ruhten all diese wunderbaren Errungenschaften auf dem Rücken der Fellachen (Ackerbauern). Ein einschneidendes Ereignis in der Teilung zwischen geistiger und körperlicher Arbeit war die Erfindung der Schrift im späten vierten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung – ein weiterer Beweis für den raschen Fortschritt der Gesellschaft.

Das Geheimnis des Schreibens wurde von den Schreibern sorgfältig gehütet, die ursprünglich aus der Priesterkaste kamen. Ihre Haltung zur körperlichen Arbeit ist im Rat eines wohlhabenden Ägypters an seinen Sohn treffend ausgedrückt:

Ich habe gesehen, wie der Geschundene geschunden wird – du sollst dein Herz auf das Schreiben richten. Und ich habe beobachtet, wie man sich von seinen Pflichten befreien kann – sieh, es gibt nichts, was das Schreiben übertrifft…
Ich habe den Schmied an der Arbeit an seinem Ofen beobachtet. Seine Finger sahen beinahe so aus, wie die eines Krokodils; er stank ehr als Fischeier…
Der Bauarbeiter trägt den Schlamm… er ist schmutziger als Reben oder Schweine vom Schleppen des Schlamms. Seine Kleider sind steif vor Lehm…
Der Pfeilmacher, ihm ist elend, wenn er in die Wüste geht. Das, was sein Esel bekommt, ist mehr wert als seine Arbeit…
Der Wäscher wäscht am Flussufer, ein Nachbar des Krokodils…
Sieh, es gibt keinen Beruf ohne einen Meister – außer dem Schreiber: er ist der Meister…
Sieh, es gibt keinen Schreiber, dem es an Nahrung aus dem Hause des Königs fehlt – Leben, Wohlstand, Gesundheit!… Sein Vater und seine Mutter loben Gott, denn er ist auf dem Weg der Lebenden. Sieh alle diese Dinge – ich habe sie dir und deinen Kindeskindern hingestellt.[2]

Dies ist ein Ausschnitt eines ägyptischen Textes namens „Lehre des Cheti“, der etwa 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung geschrieben wurde. Es soll sich dabei um die mahnenden Worte eines Vaters an seinen Sohn handeln, der an die Schreiberschule gesandt wird.

Die Verachtung gegenüber manueller Arbeit, die in diesen Zeilen zum Ausdruck kommt, ist ein treffendes Abbild der Psychologie der herrschenden Klasse bis zum heutigen Tage.

Diese Entfremdung fand seinen Ausdruck in der Kunst. Die riesigen Statuen der Pharaonen in Ägypten sprechen zu uns und vermitteln eine sehr klare Botschaft: die Botschaft der Macht.

Unabhängig davon, ob wir ihre Sprache verstehen, liegt auf der Hand, was diese monumentalen Bauwerke uns sagen wollen:

Ich bin stark, du bist schwach.
Ich bin riesig, du bist winzig.
Ich bin mächtig, du bist machtlos.

Seitdem ist die Kunst das Monopol der herrschenden Klasse und eine mächtige Waffe in ihren Händen. Wenn die Gottheiten allmächtig sind, so müssen ihre Diener auf Erden ebenso mächtig sein und respektiert und gefürchtet werden wie niemand sonst.

Die Massen hingegen waren nun völlig ausgeschlossen von der Welt der Kultur. Sie wurden nicht nur ökonomisch, sondern ebenso geistig und spirituell enteignet. Und dieser Zustand hält bis heute an.

Frühe ägyptische Kunst

Die frühe Periode der ägyptischen Kunst besteht fast ausschließlich aus Totem-Darstellungen. Sie stellt Gottheiten meist in halb-tierischer Form dar.

Zu einem späteren Zeitpunkt wurden auch Menschen abgebildet, jedoch sehr häufig in steifen und unnatürlichen Posen.

Die Darstellungsweise folgt dabei stets dem gleichen Konzept: Kopf und Hals werden im Profil gezeigt, während der Körper mit breiten Schultern von vorne dargestellt wird.

Die Darstellung der menschlichen Gestalt blieb bis auf wenige Ausnahmen die gesamte ägyptische Geschichte über grundlegend dieselbe. Ägyptische Künstler waren Handwerker, die keinen besonderen sozialen Status innehatten. Ihre Aufgabe war es, ihren Herren – den Mitgliedern der Priesterkaste, den Staatsbeamten und, letztendlich, dem Gottkönig, dem Pharao – treu zu dienen.

Das herausstechendste Merkmal dieser Kunst war ihr Konservatismus, ihre Beständigkeit. Das spiegelt die Tatsache wider, dass diese Kunst nicht frei war, sondern der strengen Bevormundung der Religion und den starren Anforderungen der Priesterkaste unterlag.

Diese Tatsache lässt uns das Wesen und den Geist der ägyptischen Kunst verstehen, die trotz ihrer genialen Errungenschaften nie die Höhen der griechischen Kunst erreichen konnte.

Griechenland

Wenn wir die mysteriöse und entfremdete Welt der ägyptischen Kunst hinter uns lassen und in die Welt des antiken Griechenlands eintauchen, fühlt es sich an, als würden wir aus einem spärlich beleuchteten Raum, der nur von flackerndem Licht erhellt wird, hinaustreten an die frische Luft und in strahlenden Sonnenschein.

Hier spüren wir erstmals festen Boden unter den Füßen. Anstelle von Gottheiten, die teils Mensch, teils Tier sind, sehen wir hier menschliche Gestalten, die unverkennbar und authentisch dargestellt sind.

In vielerlei Hinsicht ist diese Kunst – womöglich mit Ausnahme der Renaissance – bis heute unübertroffen. Es versetzt mich immer wieder in Erstaunen, diese aus kaltem Stein gefertigten Figuren zu betrachten, die so realistisch sind, dass sie wie lebendige und atmende Wesen wirken. Die Wirkung ist so groß, dass man glauben könnte, die Körper müssen warm sein, wenn man sie anfasst.

Doch diese Perfektion war nicht von Anfang an gegeben. Die frühesten griechischen Statuen junger Männer, heute als Kouroi bekannt, werden zwischen dem 7. und 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung datiert. Sie sind eindeutig von ägyptischen Vorbildern inspiriert.

Sie weisen dieselbe Starrheit, dieselben steifen Posen auf und sind frontal, breitschultrig und mit schmaler Taille dargestellt. Die Arme sind eng an der Seite anliegend, die Hände zu Fäusten geballt, die Knie sind starr und der linke Fuß etwas nach vorgestreckt.

Am Ende dieser Periode begann die Steifheit in der Darstellung zu verschwinden und machte einem neuen Sinn für Flexibilität und Bewegung Platz. Diese neue Schule spiegelte einen neuen Geist wider. Es war der Geist der freien Griechen, insbesondere in Athen, wo eine demokratische Revolution stattgefunden hat.

In den Jahren 508-507 vor unserer Zeitrechnung erhob sich das athenische Volk gegen die herrschende Aristokratie und begründete eine Demokratie, an der alle männlichen Bürger teilnehmen konnten.

Die Attische Demokratie beflügelte die Entwicklung der Kunst. Das drückte sich in vielerlei Hinsicht aus, von der Bemalung von Vasen, die eine der wichtigsten Exportgüter der Stadt waren, bis hin zu Statuen und Monumenten, Wandmalerei und vielem mehr.

Doch diese Demokratie stand nicht allen offen. Von ihr waren Frauen, Fremde und Sklaven ausgeschlossen, die einen beträchtlichen Teil der Gesellschaft ausmachten.

Heutzutage ist es Mode geworden, die Kunst früherer Gesellschaften dafür zu kritisieren, dass sie nicht mit den heutigen moralischen Standards vereinbar sei. Das ist aber eine völlig unwissenschaftliche Anschauung.

Hegel sagte einmal, dass die Menschheit nicht so sehr aus der Knechtschaft als vielmehr durch die Knechtschaft befreit wurde. Auf den ersten Blick mag das als ein höchst eigenartiges Paradox erscheinen. Aber in Wahrheit enthält diese Aussage einen sehr tiefgründigen Gedanken.

Heute betrachten wir die Sklaverei als etwas zutiefst Unmoralisches. Doch wenn wir uns anschauen, woher unsere moderne Wissenschaft und Philosophie kommt, werden viele Menschen antworten, dass sie ihren Ursprung in der griechischen und römischen Antike hatten.

Dabei handelte es sich allerdings um Sklavenhaltergesellschaften, in denen letztlich alle großartigen Errungenschaften auf Sklavenarbeit beruhten.

Dazu müssen wir hinzufügen, dass in einer Klassengesellschaft jegliche Kunst, Wissenschaft und Kultur immer auf der Ausbeutung menschlicher Arbeit basiert – ob es die der Sklaven in Griechenland und Rom war, der Leibeigenen unter dem schweren Joch des Feudalismus oder die der modernen Lohnsklaverei.

Die herrschenden Ideen einer Gesellschaft waren stets die der herrschenden Klasse. Wer das nicht begreift, wird nie auch nur irgendetwas von Geschichte verstehen.

Zusammenbruch der Zivilisation

Kultur hat eine materielle Grundlage. Der Zusammenbruch der Sklaverei führte zum Niedergang der römischen Gesellschaft und zum Abstieg in die Barbarei. Auf die Zerstörung der Produktionsgrundlage folgte der Verfall der Zivilisation für mehrere Jahrhunderte.

Langsam erwuchs aus den Ruinen der alten Sklavenhaltergesellschaft ein neues Wirtschaftssystem, der Feudalismus. Aber das Mittelalter zeichnete sich in erster Linie durch wirtschaftliche und kulturelle Stagnation aus, wie William Manchester ausführt:

„In all dieser Zeit hatte sich nichts Bedeutendes verbessert oder verschlechtert. Mit der Ausnahme der Einführung des Wasserrads im 9. und der Windmühle im 12. Jahrhundert gab es keine nennenswerte Erfindung. Es wurden keine bahnbrechenden neuen Ideen entwickelt und auch keine neuen Gebiete außerhalb Europas erkundet. Alles blieb so, wie es war, solange sich der älteste Europäer zurückerinnern konnte.“[3]

Der kulturelle Verfall drückte sich in einer allgemeinen Gleichgültigkeit und Geringschätzung der herrschenden Klasse gegenüber der Bildung aus.

Kaiser Sigismund – der siebenundvierzigste Nachfolger Karl des Großen – sagte bekannterweise: „Ego sum rex Romanus et super grammatica“[4] – Ich bin der römische König und stehe über der Grammatik. Heute gibt es mehr als nur einen US-Präsidenten, zu dem diese Aussage passen würde. Aber damit wollen wir uns jetzt nicht weiter beschäftigen.

Die mittelalterliche Kirche übte eine uneingeschränkte geistige Diktatur über die Seelen der Menschen aus. Ihr geistiges Erbe erstickte über Jahrhunderte jeglichen freien Gedanken und lähmte die freie Entwicklung der Kunst.

Wiedergeburt

In dieser statischen Welt schien es, als würde und könnte sich niemals etwas ändern. Doch im frühen 15. Jahrhundert begann sich in Europa ein neuer Geist zu regen. Persönlichkeiten wie Dante, Petrarca, Boccaccio, Giotto und selbst der heilige Franz von Assisi hatten schon zuvor diese Entwicklung in Ansätzen vorweggenommen.

Es ist kein Zufall, dass all diese Männer aus Italien stammten, wo sich die kapitalistische Produktionsweise als erstes entwickelt hatte. Der Aufstieg des Bürgertums stellte eine Kriegserklärung an die feudale Ordnung dar. Was mit einer Kritik an den etablierten Dogmen der Kirche begann, führte letztlich zum Aufstieg des Protestantismus und der Reformation in Nordeuropa.

In der frühen Renaissance entwickelte sich eine florierende europäische Literatur, die zunehmend in der Landessprache verfasst wurde, um den Bedürfnissen eines neuen bürgerlichen Publikums zu entsprechen, das kein Latein lesen konnte.

Geoffrey Chaucer läutete in England das Zeitalter einer neuen Literatur und einer neuen Sprache ein. In Italien war Machiavelli, dessen schlechter Ruf völlig unverdient ist, das herausragende Genie seiner Zeit.

In der Malerei brachte der neue Kunststil eine revolutionäre Technik von großer Raffinesse hervor, die es dem Künstler ermöglichte, so detailgetreu wie noch nie zuvor zu malen: den goldenen Zwirn eines Kleides, den Faltenwurf eines Mantels, das Schimmern der Sonnenstrahlen auf einer Rüstung, die Reflexion eines polierten Spiegels, allesamt technisch sehr schwierige Aufgaben.

Ab etwa 1420 wurde die Portraitkunst wesentlich realistischer. Die Gesichter wurden zu deutlich erkennbaren Individuen. Das stellte eine wahre Revolution in der Kunst dar, die zuerst in Italien und Flandern aufkam.

Allem voran erlaubte sie die Darstellung von Individuen als Individuen: echte Männer und Frauen, keine stilisierten Abstraktionen. Die wundervolle Statue des David, eines der Meisterwerke Michelangelos, verkörpert eine Rückkehr zur Welt der griechischen Kunst, die die Schönheit des nackten menschlichen Körpers würdigt. Diese Idee war von der Kirche brutal unterdrückt worden, die den menschlichen Körper – und insbesondere den weiblichen Körper – als ein Objekt der Abscheu und als Quelle aller Sünden betrachtete.

In der Kunst spiegelte sich die individualistische Psychologie des Bürgertums in der Periode der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals wider. Diese neue Kunst ist eng mit dem Aufstieg der Bourgeoisie verbunden.

Hier sehen wir die ersten Anzeichen einer Revolte, die in den bürgerlichen Revolutionen in den Niederlanden und in England gipfelte. Diese großen Revolutionen ermöglichten wiederum eine Revolution in Kunst und Kultur.

Kunst und die bürgerliche Revolution

Es war Martin Luther, der den Feldzug gegen die alte Welt anführte. Als er die Bibel auf Deutsch übersetzte, löste er eine Revolution aus, deren Ausmaß er selbst nicht im Entferntesten erahnen hätte können.

Man könnte sagen, dass er die moderne deutsche Sprache erfunden hat. Er war Autor zahlreicher Gedichte, die angesichts des damaligen Zeitgeistes zwangsläufig die Form religiöser Lobgesänge hatten.

Diese Loblieder sind voll revolutionärer Leidenschaft, besonders Ein feste Burg ist unser Gott, die Friedrich Engels als die Marseillaise (Hymne der französischen Revolution) des 16. Jahrhunderts beschreibt.

Und als er den Papst und das Papsttum angriff, tat er es in der erdigen Sprache eines deutschen Bauern:

„Wegen des Zorns Gottes hat uns der Teufel nun mit dem großen fetten Hintern von Rom beglückt.“

Die bürgerliche Revolution, die in Deutschland gescheitert war, errang ihren ersten großen Erfolg mit dem Sieg des niederländischen Volkes in einem langen und blutigen Kampf gegen das katholische Spanien.

Die Entstehung der niederländischen Republik schuf nicht nur die Bedingungen für eine neue wirtschaftliche Großmacht in Europa, sondern auch für eine große kulturelle und künstlerische Revolution.

Eine neue Klasse wohlhabender Kaufleute konsolidierte ihre führende Stellung in der Gesellschaft und war bereit, Geld für Kunstwerke auszugeben, um ihr Heim zu schmücken.

Diese neuen Freiheiten, die durch den revolutionären Kampf gewonnen worden waren, ebneten neuen und frischen Ansätzen in der Kunst den Weg. Das ermöglichte den Aufstieg einer herausragenden Generation an Malern, darunter Vermeer, Frans Hals und zu guter Letzt Rembrandt van Rijn.

Nur im Holland des 17. Jahrhunderts konnte ein Sohn eines Müllers wie Rembrandt danach streben, ein berühmter Maler zu werden. Er hatte eine wilde Art und einen sturen, rebellischen Charakter, was in seinen Gemälden deutlich zum Ausdruck kommt.

Rembrandts Modelle sind keine Göttinnen, sondern echte Frauen, viele von ihnen von der Straße und aus den Bordellen. Auch wenn sie als biblische Figuren wie Potifars Frau oder Batseba ausgegeben werden, sind sie einfach nur nackte Frauen. Damit machte er sich keine Freunde unter den heuchlerischen Pharisäern des calvinistischen Establishments.

Eines seiner Lieblingsmodelle war Hendrickje, seine Haushälterin und spätere Lebensgefährtin. Sie wird in einer Reihe von provokanten Posen gezeigt, in Hendrickje badet am Fluß hebt sie ihr Kleid hoch.

Rembrandt zog bald den Zorn der religiösen Obrigkeit auf sich. Er wurde verfolgt und geächtet und im hohen Alter geriet er in schwere finanzielle Nöte.

Seine letzten Selbstporträts sind vielleicht seine großartigsten Meisterwerke. Sie zeigen einen alten Mann, dessen Gesicht vom Leid tief gezeichnet ist. Sie stellen einen schmerzlichen Kontrast zu den frühen Porträts eines erfolgreichen jungen Malers dar, der sich selbstbewusst auf den Weg zum Erfolg begibt.

Im Jahr 1658 musste er seinen Bankrott erklären. Wie Vermeer und viele andere große Künstler starb er in bitterster Armut.

Kunst und Revolution

Es heißt, wenn die Kanonen dröhnen, verstummen die Musen. Diese Aussage ist jedoch mit Vorsicht zu genießen. Denn die Muse hat sich oft vom Donner der Kanonen inspirieren und vom revolutionären Enthusiasmus der Massen beflügeln lassen.

Das revolutionäre Erwachen der Massen in der Revolution findet zwangsläufig ein Echo in den Herzen und Köpfen der Intellektuellen, zumindest unter den Besten von ihnen.

Die Englische Revolution brachte eine große Volksliteratur hervor in Form von Büchern und Flugblättern. Besonders erwähnenswert sind die herausragenden Polemiken von Gerrard Winstanley.

In der Person von John Milton fand die Revolution ihren herausragendsten Verteidiger. Er diente loyal dem neuen Regime und konnte sich nach der Restauration der Monarchie von Karl II. nur aufgrund seiner großen Bekanntheit vor der Hinrichtung retten.

In der großartigen Poesie von Miltons Das Verlorene Paradies ist der Krieg zwischen Himmel und Hölle nur eine Widerspiegelung des revolutionären Krieges zwischen Puritanern und Monarchisten.

„Wenn Nacht die Straßen dunkel hüllt,
Dann wanken Belials Söhne wild heraus
Von Wein und frechem Übermuth erfüllt.“[5]

Hier haben wir den verzweifelten Protestruf eines blinden alten Mannes gegen die Überheblichkeiten der betrunkenen Kavaliere (die Söhne des Belial), die nachts durch die Straßen ziehen und die besiegten Revolutionäre demütigen und verprügeln.

Die Restauration unter Karl II. leitete eine Periode der ungezügelten Reaktion ein, die sich in einer hemmungslosen und amoralischen Kunst, vor allem im Theater, widerspiegelte.

Die Französische Revolution

Noch einen größeren Einfluss auf die Weltkultur hatte ein Jahrhundert später die große Französische Revolution von 1789-93. Es wird oft die Rolle der französischen Aufklärung als Wegbereiterin dieser Revolution vergessen.

Die Revolution diente als Quelle der Inspiration für eine neue Generation von Künstlern, deren bester Vertreter der Maler Jacques-Louis David war. Claude-Joseph Rouget de Lisle komponierte die Marseillaise, die die weltweite Hymne der Revolution werden würde.

Mit der Französischen Revolution führten die Sansculotten, wie Plechanow feststellte, die Kunst „auf einen Weg, den die Kunst der höheren Klassen nicht zu beschreiten vermochte: sie wurde eine Angelegenheit des ganzen Volkes.“[6]

Mit dem Sieg der thermidorianischen Konterrevolution jedoch begann auch auf dem Gebiet der Kultur eine Periode der Rückwärtsentwicklung. Die alten Ideale und der Enthusiasmus wurden von philisterhaftem Konservatismus verdrängt, der der Mentalität der neuen bürgerlichen Spießer und Bürokraten entsprach, die nun das Sagen hatten.

Die Französische Revolution hatte nicht nur in Frankreich kolossale Auswirkungen, sondern auch international. Sie wirkte wie ein riesiger Felsbrocken, der in einen großen See geschleudert wurde.

Mit einem Schlag überwand sie die starren klassischen Kunstformen, wie sie von der Aristokratie bevorzugt wurden, und öffnete die Türen für die Romantik, die eine völlig neue literarische, künstlerische und musikalische Gattung in Europa schuf.

Einige der größten englischen Dichter – Byron, Shelley, Wordsworth, Coleridge sowie Robert Burns in Schottland – wurden von diesem großen Ereignis inspiriert. William Blake, ein äußerst origineller Schriftsteller und Künstler, war ebenfalls ein begeisterter Unterstützer der Revolution.

Der Einfluss der Revolution auf diese Generation wurde von William Wordsworth, der sich zu dieser Zeit in Frankreich aufhielt, auf brillante Weise formuliert. In seinem großartigen Gedicht Prelude schreibt er die folgenden inspirierenden Worte:

„Ein Fest, in diesem Aufgang einer neuen Zeit zu leben. Und dabei noch jung zu sein, war wie der Himmel.“[7]

In Deutschland begrüßten viele Künstler und Intellektuelle die Französische Revolution, unter ihnen auch der große Dichter Schiller. Doch den größten Einfluss hatte sie auf die Welt der Musik. Das größte musikalische Genie der Geschichte, Ludwig van Beethoven, war ein leidenschaftlicher Bewunderer der Französischen Revolution.

Er war angewidert von der Tatsache, dass Österreich die führende Macht in der konterrevolutionären Koalition gegen Frankreich war. In der erstickenden Atmosphäre Wiens kommentierte er verzweifelt: „So lange der Österreicher noch braunes Bier und Würstel hat, revoltiert er nicht.“[8]

Beethoven räumte alle bis dahin vorherrschenden musikalischen Konventionen mutig beiseite, ebenso wie die Französische Revolution all den angesammelten Schmutz des Feudalismus und der absolutistischen Monarchie beiseite fegte.

Beethovens Symphonien standen für einen grundlegenden Bruch mit der Vergangenheit. Sie brachen wie ein Donnerschlag über die Musikwelt herein, die nie wieder dieselbe sein würde. Diese Transformation wurde von seiner dritten Symphonie, der Eroica, eingeläutet.

Es war ein monumentales Werk, das jene empörte, die die elegante Musik gewöhnt waren, die bislang das adelige Publikum hörte. Allein der erste Satz ist länger als jede damals bekannte Symphonie.

Die Geschichte ihrer Komposition führt uns mitten ins Geschehen der Französischen Revolution. Beethoven war zuerst beeindruckt von dem, was er über den jungen Napoleon Bonaparte hörte, den er mit der Revolution verband.

Doch als Beethoven erfuhr, dass sich Napoleon zum Kaiser hatte krönen lassen, war er außer sich vor Wut. Seine Widmung an Napoleon strich er so heftig durch, dass das Manuskript, das heute noch existiert, einen Riss bekam.

Er benannte das Stück in Eroica-Symphonie um. Ihre beiden donnernden Anfangstakte erinnern an eine Faust, die auf einen Tisch schlägt und die Aufmerksamkeit einer hitzigen Versammlung auf sich ziehen will, sofort gefolgt von einem unaufhaltsamen Ansturm der Kavallerie. Der zweite Akt ist ein Trauermarsch – zur Erinnerung an einen gefallenen Helden.

Beethoven blieb bis zum Ende seines Lebens den Idealen der Französischen Revolution treu. Seine letzte große Symphonie (die Neunte), die er in einer Zeit komponierte, als in Europa dunkelste Reaktion herrschte, war eine triumphale Hymne der Revolution.

Kunst als Protest

Der berühmte spanische Maler Francisco Goya bietet ein äußerst eindrucksvolles Beispiel, welch mächtiges Kampfmittel die Kunst sein kann.

Die Werke des jungen Goya stehen im völligen Kontrast zu seinen späteren Arbeiten. Es ist, als würden wir zwei verschiedene Künstler bzw. zwei unterschiedliche Welten betrachten.

Die Gemälde des jungen Goya sind voller Lebensfreude. Er zeichnet sorglose Szenen von jungen Damen mit Sonnenschirmen und ihre jungen männlichen Verehrer in schicker Kleidung, die Majos.

Doch die Gemälde des älteren Goyas zeigen uns eine andere Welt – eine Welt der Finsternis und der schwarzen Schatten, bevölkert von Monstern, Dirnen, Hexen, korrupten Priestern, Mördern und verstümmelten Bettlern. Dieser Wandel ist ein getreues Abbild des Schicksals, das Spanien unter der Besatzung der napoleonischen Armee erlitt.

Am 2. Mai 1808 erhob sich die Bevölkerung Madrids in einem heldenhaften, aber zum Scheitern verurteilten Aufstand gegen die Besatzungstruppen. Die Franzosen befahlen einen brutalen Gegenangriff. Die Aufständischen wurden niedergeschlagen und gnadenlos massakriert.

Der Aufstand wird in zwei berühmten Gemälden von Goya beschrieben. Es wird erzählt, dass der Künstler gemeinsam mit seiner Magd, die ihm die Laterne hielt, nachts die Orte des Gemetzels besuchte, wo sich jedes abscheuliche Detail in sein Gedächtnis einbrannte.

Ob dies nun stimmt oder nicht: Die Gemälde zeigen die Geschehnisse mit größtmöglichem Realismus. Das erste zeigt die schrecklichen Ereignisse des 2. Mai. Das zweite Gemälde ist eine ergreifende Darstellung der Erschießungen dieser Nacht.

Dieses eindrucksvolle Gemälde zeigt Szenen blanken Horrors, der sich in völliger Dunkelheit abspielt, und nur durch die phantastische Figur eines Mannes im weißen Hemd durchbrochen wird, der seine Hände in Protest gegen sein Schicksal zum Himmel erhebt, während die Reihen der französischen Soldaten ihre Gewehre anlegen und auf seine verwundbare Brust zielen.

Das Erschießungskommando wird von hinten gezeigt, sodass keine menschlichen Gesichter erkennbar sind. Sie sind keine Menschen mehr, sondern bloß Teil einer stumpfen Militärmaschinerie, die blind dem Schießbefehl gehorcht.

Im völligen Kontrast dazu sind die Gesichter der Opfer zutiefst menschlich, mit der christusartigen Figur im weißen Hemd im Mittelpunkt eines Gemäldes voller Dramatik und Pathos. Die Blutlachen am Boden wirken so echt, dass man sie beinahe riechen kann. Das ist „engagierte Kunst“ in ihrer stärksten Form: nicht nur eine Darstellung der Ereignisse, sondern ein leidenschaftlicher Aufschrei des Protestes.

Nach diesen Ereignissen begann ein jahrelanger Krieg auf der iberischen Halbinsel. Dabei handelte es sich um den ersten Guerillakrieg der Neuzeit (tatsächlich kommt der Begriff aus dem Spanischen und bedeutet „Kleinkrieg“).

Dieser blutige Krieg wurde von Goya in einer Serie von Schwarz-Weiß-Radierungen mit dem Titel Die Schrecken des Krieges (Los desastres de la guerra) festgehalten. Als Darstellungen des ungeschönten Grauen des Krieges sind sie unübertroffen.

Zu guter Letzt kommen wir zu Goyas schwarzer Phase. Hier haben wir es mit einem anderen Künstler und einer anderen Welt zu tun. Es ist die Vision einer Welt, die von Jahren des Krieges, der Revolution und der Konterrevolution zerrissen, eine Welt, die auf den Kopf gestellt wurde.

Es ist die Sicht eines alten Mannes, eines Mannes, der zu viel menschliches Leid miterleben musste und nicht mehr weiß, wie das alles enden soll. Es ist eine düstere und pessimistische Sicht auf die Welt. Es ist ein Schrei der puren Verzweiflung, der direkt aus dem Herzen eines gebrochenen Mannes kommt.

Um auch nur irgendetwas zu finden, das mit diesen meisterhaften Kunstwerken zu vergleichen wäre, müssen wir zu einer vergleichbaren Periode der spanischen Geschichte vorspulen – die Zeit des blutigen Bürgerkrieges, der in den 1930ern von Francos faschistischen Armeen gegen das spanische Volk geführt wurde.

In dieser Zeit schuf Pablo Picasso ein Gemälde, das zu Recht als eines der größten Meisterwerke des 20. Jahrhunderts betrachtet wird: das Gemälde, das man als Guernica kennt.

Wie in den Bildern Goyas wird auch hier der Krieg in seiner ganzen Grausamkeit dargestellt. Das Gemälde ist schwarzweiß gehalten, was die dramatische Wirkung noch mehr verstärkt. Die Bildsprache ist karg und beängstigend.

Inmitten völliger Dunkelheit wirft eine Glühbirne Licht auf einen Schauplatz der Verwüstung. Doch es handelt sich dabei nicht um angenehmes Tageslicht, sondern die Art von Licht, die man mit einer Folterkammer in einem dunklen und stickigen Kerker in Verbindung bringt.

Auf allen Seiten herrschen Gewalt, Leid und Tod. Ein Pferd wird mit einer Lanze durchbohrt und seine Schreie kann der Betrachter regelrecht hören, obwohl das Gemälde selbst stumm ist.

Eine Frau umklammert die Leiche eines Kindes und stößt einen unüberhörbaren Protestschrei gen Himmel aus, der ihrem Leiden gegenüber völlig gleichgültig zu sein scheint.

Über dieser Schreckensszene schwebt der Kopf eines rasenden Stieres, ein wahrhaft furchterregendes Porträt der Grausamkeit und Gewalt, der das Wesen des Faschismus verkörpert.

Bomben explodieren überall und der Boden ist mit zerschmetterten Leichen von Kriegern bedeckt, zerbrochene Schwerter in ihren Händen. Doch all diese schrecklichen Geräusche verstummen und machen einer verstörenden Stille Platz. Die Stille eines Alptraums.

Die Kunst der Heuchelei

In unserer modernen Welt der Heuchelei möchten die Postmodernisten unsere Nerven beruhigen, indem sie alle anstößigen Ausdrücke aus unserem Wortschatz verbannen.

Da der Krieg ihnen besonders viel Unbehagen bereitet, wurde das Vokabular entsprechend geändert, um dessen schädliche Auswirkungen auf empfindliche Seelen zu lindern.

Daher wird heutzutage niemand mehr im Krieg „getötet“. Sie werden lediglich „ausgeschaltet“ und unschuldige Opfer von Kriegen sind bloße „Kollateralschäden“.

Die Heuchelei wird hier zur Kunstform erhoben. Doch Pablo Picasso, der ein wirklicher Künstler war, sprach die Wahrheit über den Krieg aus. Wie alle wahre Kunst, hält sie uns einen Spiegel vor, der unsere Zeit in all ihrer abstoßenden Hässlichkeit darstellt.

Manch einer mag behaupten, dies sei keine Kunst, sondern bloße Propaganda. Wahre Kunst zielt nicht darauf ab, irgendeine Botschaft von außen wiederzugeben. Sie ist vielmehr ein wahrhafter Ausdruck von dem, was der Künstler in seinem Herzen und seiner Seele fühlt.

Das stimmt. Propaganda kann nie das Niveau wahrer Kunst erreichen. Doch wahre Kunst verschließt sich nicht der realen Außenwelt. Sie lebt nicht im Elfenbeinturm, abgeschottet vom realen Leben.

Ein wirklicher Künstler ist ein lebendiger Mensch, der die Freuden und Leiden menschlicher Existenz teilt, wie es im bekannten Motto des römischen Dichters Terenz ausgedrückt wird: „Homo sum, humani nihil a me alienum puto“ (Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches, denk ich, ist mir fremd.)

Wie Goya vor ihm gab Picasso dem Gefühl der leidenschaftlichen Empörung und Entrüstung, das in seiner Brust brodelte, einen Ausdruck.

Picasso war zweifellos politisch engagiert. Auch wenn es heute kaum Erwähnung findet, trat er 1944, als er im von den Deutschen besetzten Paris im Exil lebte, der Kommunistischen Partei bei. Aus dieser Zeit stammt folgende Anekdote. Ein deutscher Offizier soll, nachdem dieser Picassos Gemälde begutachtet hatte, ihm die Frage gestellt haben: „Haben Sie das gemacht?“ Worauf Picasso antwortete: „Nein, das waren Sie.“

In Guernica drückte er keine spezifische politische Botschaft aus, sondern lediglich das, was direkt aus seinem Herzen und seiner Seele sprach.

Dabei nahm er dennoch mutig seinen Platz auf den Barrikaden ein. Er schwang seinen Pinsel für die revolutionäre Sache und dieser erwies sich als weit effektivere Waffe als ein Maschinengewehr.

Es ist eine Schande für die Kunst unserer Zeit, dass das Massaker an den Männern, Frauen und Kindern in Gaza, das jeden Tag auf unseren Fernsehern übertragen wird, keinen adäquaten Ausdruck in der Kunst findet.

Wir sind viel zu beschäftigt mit ungemachten Betten (Tracey Emin) und Haien in Formaldehyd (Damien Hirst). Es reicht, die zeitgenössische Kunst mit der von Picasso und Goya zu vergleichen, um zu realisieren, wie tief der menschliche Geist im gegenwärtigen Zeitalter gesunken ist. Aber es hat andere Epochen gegeben, in denen Kunst und Künstler ihrer Berufung würdig waren.

Kunst und die Oktoberrevolution

Die Oktoberrevolution in Russland beflügelte die Entwicklung von Kunst und Literatur, bis sie später, wie so vieles, von der politischen Konterrevolution des Stalinismus erstickt wurden.

Die bürgerlichen Kritiker des Oktobers stellen die Bolschewiki gerne als blutrünstige Monster dar, versessen auf die Zerstörung aller zivilisierten, menschlichen Werte. Sie versuchen die Kunst der Revolution mit der abgestumpften und bürokratischen Kunst des stalinistischen „sozialistischen Realismus“ zu identifizieren.

Das ist eine Lüge. Die Revolution setzte das kolossale Kreativpotenzial des russischen Volkes, das so lange unterdrückt worden war, frei. Davon wurden auch die besten Schichten der Intelligenz erfasst.

Namen wie Tatlin, Meyerhold, Schostakowitsch und Majakowski gehören zu einer Galaxie von Talenten, wie es sie im 20. Jahrhundert weder zuvor noch danach gegeben hat.

Das Drama der Revolution spielte sich nicht nur in der großen Politik ab, sondern auch in Millionen von Haushalten sowie in den Herzen und Köpfen der Menschen.

Die Revolution schlug einen Ton an, der bei den Massen großen Anklang fand und ihren Durst nach Wissen und Kultur weckte, der in der Klassengesellschaft so lange unterdrückt worden war.

Sie schuf eine Bühne, die gewaltiger war als jede bisherige, die die Tragödien von Aischylos und Shakespeare gesehen hatte. Die Poesie von Majakowski wurde mit größter Aufmerksamkeit von Arbeitern und Soldaten verfolgt, die eine völlig neue Perspektive auf das Leben und die eigene Persönlichkeit zu entdecken begannen.

In diesen Jahren füllte sich das Moskauer Bolschoi-Theater – vormals Domäne der “Bildungsbürger“ – plötzlich mit Arbeitern in Arbeitskleidung und Soldaten in ihren grauen Mänteln, alle begierig eine neue Welt der Musik zu entdecken, die ihnen bis dato verschlossen war.

Sie hörten zu und schauten gebannt die spektakulären Opern von Mussorgski, Borodin und Rimski-Korsakow und die wunderbaren Ballette von Tschaikowski.

Sie betraten eine neue Welt, die sie kaum gekannt hatten, und wurden von neuen Gefühlen mitgerissen, die sie nie zuvor erlebt hatten. An einem solchen Punkt verschwimmt die Grenze zwischen der Kunst und dem Leben selbst und hört fast auf zu existieren.

Dies war eine Zeit der endlosen Debatten und des Ideenaustauschs. Viele neue Kunstgattungen entstanden und vergingen genauso schnell wieder. Manche der neuen Ideen trugen Früchte. Manche waren hochgradig verfehlt. Aber über alles wurde offen und frei diskutiert.

Trotzki forderte mit seinem genialen Stil und seiner meisterhaften Anwendung der Dialektik die sowjetischen Künstler auf ihrem eigenen Terrain heraus und antwortete ihnen in ihrer eigenen Sprache.

Auf diese Weise festigte er die politische Autorität der Bolschewiki und der Oktoberrevolution und half, die Besten unter den Künstlern und Schriftstellern für die revolutionäre Sache zu gewinnen. Bürokratische Schikane und Einschüchterung spielten dabei keine Rolle, geschweige denn staatlicher Zwang.

„Sozialistischer Realismus“

Doch all das änderte sich, als das demokratische Regime, das Lenin und Trotzki im Oktober 1917 errichtet hatten, von der bürokratischen Konterrevolution des Stalinismus beseitigt wurde.

Diese Entwicklung hatte eine äußerst zerstörerische Wirkung auf die Kunst und auf originelles und kreatives Denken im Allgemeinen. Die neue offizielle Doktrin in der Kunst, die sich „sozialistischer Realismus“ nannte, bestand vor allem darin, die Bürokratie in einer für sie verständlichen Sprache zu preisen.

Der Zweck dieser Kunst war, die Partei – den kollektiven politischen Ausdruck der Bürokratie – als allwissend und allmächtig darzustellen.

An der Spitze der Partei stand der allwissende und allmächtige Anführer Stalin, der unter allen Führern der bolschewistischen Partei der Einzige mit einer gleichgültigen oder sogar offen feindseligen Haltung gegenüber der Kunst war.

Wie in allen anderen Bereichen gibt es auch in der Kunst und der Literatur Routine. Die Revolution hatte den alten konservativen Routinismus durchbrochen und neuen und aufregenden Ideen Platz gemacht. Aber das war das Letzte, was Stalin und die Bürokratie gebrauchen konnten.

Die Kunst- und Literaturgeschichte hat viele Helden, sie kennt aber genauso eine ganze Reihe zweitklassiger und pedantischer Spießbürger. All diese Charaktere eilten nun herbei, um sich in den Dienst von Stalins Diktatur zu stellen, indem sie als treue Wachhunde die Kunst, Musik und Literatur kontrollierten und zensierten.

Die Türen, die von der Revolution geöffnet worden waren, wurden schnell wieder zugeschlagen. All jene, die sich dagegen wehrten, fanden sich schnell im Gefängnis oder einem sibirischen Arbeitslager wieder.

Majakowskis Suizid im Jahr 1930, im Alter von 36 Jahren, war ein früher Protest gegen die erstickende, konservative und repressive Atmosphäre des stalinistischen Regimes, das die genaue Antithese von allem war, das Majakowski und der Bolschewismus verkörpert hatten.

Es war das Verdienst des unerschöpflichen künstlerischen Geistes des sowjetischen Volkes, dass die großen Traditionen der russischen Literatur, Kunst und Musik trotz aller Widrigkeiten am Leben erhalten wurden.

Das Feuer wurde am Brennen gehalten, und mit ihm die unbändige Loyalität der Menschen zu Lenin und die Erinnerung an den Oktober. Das machte es möglich, die Nazihorden Hitlers, die die gesamten Ressourcen Europas zur Verfügung hatten, zu besiegen.

Kapitalismus und Kunst

In der Periode ihres Aufstiegs spielte die Bourgeoisie eine fortschrittliche Rolle in der Entwicklung der Produktivkräfte und der Weiterentwicklung der Zivilisation und der Kultur.

Aber in der Periode ihres senilen Niedergangs hat sie kein Interesse mehr daran, die Produktivkräfte zu entwickeln. In den engen Grenzen des Kapitalismus ist es nicht einmal möglich, die bestehenden Produktivkräfte aufrechtzuerhalten.

Der herrschenden Klasse fehlt es an einem umfassenden Weitblick, einer tiefgründigen Philosophie und sie hat keine Vision von der Zukunft. Ihr ganzes Wesen ist auf Geldgier im engsten und abstoßendsten Sinne ausgerichtet.

Es ist, als ob die Bourgeoisie einen kollektiven Rückfall in die Kindheit erlitten hätte und auf die Stufe der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals zurückgekehrt wäre. Engstirnigkeit als Existenzbedingung und Geiz als einzige moralische Tugend.

In seiner senilen Verkommenheit zeigt der Kapitalismus alle abstoßenden Züge, die Shakespeare so treffend beschrieben hat:

„Ohn‘ Augen, Zähne, Zunge, ohne alles.“[9]

Wahre Kunst ist revolutionär

Die verheerendsten Folgen dieses Verfallsprozesses schlagen sich in der Welt der Kunst nieder. Wohin wir auch blicken, sehen wir, dass die bürgerliche Kunst im Sterben liegt.

Die Symptome des Verfalls sind zu zahlreich, um sie aufzählen zu können. Der größte Teil der bildenden Künste ist offen gesagt in einem bedauernswerten Zustand, und der Zustand dessen, was man früher „klassische“ Musik nannte, ist noch schlimmer.

Aber die Kräfte, die es braucht, um das heruntergekommene und altersschwache System des Kapitalismus herauszufordern, sind nicht innerhalb der künstlerischen Intelligenz zu finden.

Künstler können und müssen in der sozialistischen Revolution eine Rolle spielen. Aber das können sie nur, wenn sie sich mit dem revolutionären Proletariat vereinigen.

Wie auch in der Periode des Niedergangs des Feudalismus, konnte die Tyrannei der Kirche und der Monarchie nur durch die Anstrengungen einer aufstrebenden revolutionären Klasse, der Bourgeoisie, gestürzt werden. Gleichsam kann das stagnierende und repressive Regime des Kapitalismus nur von einer Kraft gestürzt werden, die stärker ist als er selbst.

Das kann nur die Klasse sein, die die Mehrheit der Gesellschaft ausmacht, die Klasse, die die Zügel der wirtschaftlichen Macht in ihren Händen hält. Wenn diese Klasse einmal in Bewegung ist, um die Gesellschaft zu verändern, kann sie durch nichts aufgehalten werden.

Es braucht einen entschiedenen Klassenkampf, der den Status quo herausfordert und die erstickende Atmosphäre der Selbstgefälligkeit und Gleichgültigkeit zerstört, die den Tod einer jeden Kunst bedeutet.

Wenn die Arbeiterklasse den Weg des Kampfes beschreitet, wird der frische Wind des Klassenkampfes all den Staub und die Spinnweben hinwegfegen, die sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt, ihr Bewusstsein getrübt und ihre Empfindsamkeit betäubt haben.

Sobald sich die Massen erstmal in Bewegung setzen, werden sie sich nicht mehr mit der letztklassigen, erbärmlichen Aufmachung dieser „Kunst“ zufriedengeben, mit der sie momentan abgespeist werden. Sie werden nach etwas Besserem suchen als dem, womit sie sich bisher abgefunden haben: Sie werden nach neuen Büchern, neuen Ideen, neuer Musik verlangen.

Sie werden nicht nur alles, was in der gegenwärtigen Kultur verfault und verrottet, verwerfen, sondern sich im Zuge dessen die besten Ideen und Kulturformen der Vergangenheit mit Begeisterung enthusiastisch zu eigen machen.

Der Kampf für die soziale Befreiung der Arbeiterklasse ist undenkbar, wenn er nicht auch mit ihrer intellektuellen und kulturellen Befreiung einhergeht.

Kunst und Kommunismus

Echte Kunst ist ihrem Wesen nach immer revolutionär.

Kunst muss sich dem Joch der Tyrannei in all seinen Formen widersetzen, nicht nur dem Polizisten mit seinem Schlagstock und seinen Handschellen, nicht nur dem seelenlosen Bürokraten mit seinem stets gezückten Regelheft, nicht nur dem spirituellen Polizisten der Kirche, sondern auch der Diktatur des Kapitals, sowohl der materiellen als auch der geistigen.

Künstler und Schriftsteller können dem schrecklichen Leid der Menschheit gegenüber nicht gleichgültig sein. Auch sie müssen entscheiden, auf welcher Seite sie stehen und ihren Platz auf den Barrikaden einnehmen.

Wenn alle Männer und Frauen sich wirklich frei entwickeln und ihr wahres Potenzial als Menschen entfalten können, wenn der Arbeitstag auf ein Minimum reduziert und der Mangel beseitigt ist, dann wird es weder an Shakespeares, Rembrandts und Beethovens oder an Einsteins und Darwins mangeln.

Der Aufstieg der Klassengesellschaft hat die völlige Entfremdung der Massen von der Welt der Kunst und Kultur mit sich gebracht. Ihr Sturz wird die materiellen Bedingungen für die Abschaffung der Trennung in Hand- und Kopfarbeit schaffen, die die Menschen verkümmern lässt.

Nach Jahrtausenden der Sklaverei werden die Elfenbeintürme der Abschottung niedergerissen werden. Die Pforten, die jeglichen Zugang zur Kultur versperrten, werden aufgestoßen. Neue Kunst-, Musik- und Literaturgattungen werden aufblühen, ungehindert von der Zensur des Staates, der Kirche oder des Marktes.

Aber der Kommunismus wird eine weitaus tiefere und wichtigere Veränderung mit sich bringen.

Im Kommunismus wird die Kunst wieder Gemeingut aller werden. Es wird nicht mehr ein unerreichbarer Traum sein, etwas Seltsames und Fremdes, das vom echten Leben vollständig abgetrennt ist.

Die Kunst wird mit dem alltäglichen Leben verschmelzen und letztlich ein untrennbarer Bestandteil davon werden. Denn die größte Kunst ist die Kunst des Lebens.

Das ist die wahre Bedeutung von Engels berühmter Definition des Kommunismus:

„Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.“[10]

[1] Karl Marx (1857/1983): Einleitung zu den Grundrissen, in MEW Bd. 42. Dietz Verlag, Berlin, S. 44.

[2] Zit. in Alan Woods (2021): Geschichte der Philosophie – eine marxistische Perspektive. Verein Gesellschaft und Politik, Wien, S. 43.

[3] William Manchester (1993): A World Lit Only by Fire. Little, Brown and Co., S. 26 – eigene Übersetzung.

[4] Ebd.

[5] John Milton (1674/2008): Das verlorene Paradies. Verlag Philipp Reclam, Leipzig, S. 16.

[6] Georgi Plechanow (1981): Selected Philosophical Works, Vol. 5. Progress Publishers, S. 395 – eigene Übersetzung.

[7] William Wordsworth (2001): William Wordsworth: Poems. Faber and Faber, S. 127 – eigene Übersetzung.

[8] Ludwig van Beethoven (1906): An den Musikverleger N. Simrock, in Beethovens sämtliche Briefe. Schuster und Loeffler, S. 17f.

[9] William Shakespeare (1599/2004): Wie es euch gefällt/Verlorene Liebesmühle. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, S.38.

[10] Friedrich Engels (1878/1975): Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, in MEW, Bd.20, Dietz Verlag Berlin, S.264.