Das Wesen des revolutionären Kommunismus

Einleitung zu Klassiker des Marxismus – Band 1

Wir erleben gerade die turbulenteste Phase in der Geschichte des Kapitalismus. Die Armut nimmt überall zu, während gleichzeitig eine kleine Minderheit, das »1 %«, beispiellose Unmengen an Reichtum anhäuft. Die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich überall, während die Bosse die Rechte der Arbeiter immer weiter beschneiden. Die Löhne halten nicht mit der Inflation Schritt und die Sozialleistungen für die Armen werden ständig gekürzt. Das Thema Wohnen ist zu einem großen Problem geworden. Die Immobilienpreise schießen in die Höhe, während gleichzeitig die Mieten für viele Arbeiter unerschwinglich werden. Hinzu kommt, dass der Klimawandel in vielen Ländern katastrophale Auswirkungen hat, von Überschwemmungen bis zu Waldbränden und wo Dürren die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen zerstören.

Die imperialistischen Mächte ringen um Märkte und Einflusssphären, mischen sich in die Angelegenheiten jeder Nation auf dem Planeten ein und verursachen Instabilität und Unruhen, Kriege und Bürgerkriege. Dies veranlasst Millionen, wenn nicht Milliarden von Menschen in allen Ländern, sich zu fragen, warum dies geschieht, was die Ursachen sind und was die Lösung sein soll.

All dies wiederum führt zu politischer Instabilität, mit großen Verschiebungen im Wahlverhalten. Auf der Suche nach etwas Neuem, das ihnen einen Ausweg aus der gegenwärtigen Sackgasse bieten kann, kehren die Menschen den alten etablierten Parteien den Rücken. Das erklärt den Aufstieg und Niedergang von Parteien sowie das Entstehen neuer Gruppierungen, wobei Kräfte, die zuvor marginal und unbedeutend schienen, plötzlich in den Umfragen an Boden gewinnen. Manche Menschen suchen Trost in der Religion und hoffen, in der Bibel, im Koran oder in einer der unzähligen anderen Religionen Antworten auf den gegenwärtigen Albtraum zu finden. Die vier in diesem Band veröffentlichten Texte bieten keinen solchen religiösen Trost. Marxisten sind der Ansicht, dass die materielle Welt verstanden werden kann, dass die Ursachen für Wirtschaftskrisen in den Mechanismen des Kapitalismus selbst zu finden sind.

Der Marxismus ist in erster Linie eine philosophische und wissenschaftliche Weltanschauung, die zu der Erkenntnis führt, dass das kapitalistische System an seine Grenzen gestoßen ist und beseitigt werden muss. Er führt uns auch zu der Erkenntnis, dass die Menschheit fähig ist, die Welt zu verändern, Klassenunterschiede zu beseitigen und zu einer höheren Gesellschaftsform überzugehen. Doch um dies zu erreichen, müssen wir zunächst das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft verstehen. Und um zu verstehen, braucht man eine wissenschaftliche Methode.

Mit dem Studium der vier hier veröffentlichten Texte – Das Kommunistische Manifest; Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft; Staat und Revolution; Das Übergangsprogramm – begibst du dich auf einen Weg, der zu einem marxistischen Verständnis der Gesellschaft führt, welches das notwendige Werkzeug für jeden ist, der ein Ende der gegenwärtigen Krise der Menschheit herbeisehnt.

Es lag schon immer im Interesse der besitzenden Klasse, der Reichen, Privilegierten und Mächtigen, jene Ideen zu bekämpfen, die ihre Stellung in der Gesellschaft infrage stellen. Im Laufe der Geschichte war jedes revolutionäre Denken Kampagnen der Verfälschung, Verleumdung und Hetze ausgesetzt. Der Marxismus steht diesem Ansturm seit seinen Anfängen gegenüber, sowohl in Form offener staatlicher Unterdrückung als auch in der subtileren Form der Propaganda, die versucht, seine wahre Bedeutung zu verzerren. Die schlimmste Art solcher Verfälschung geht von jenen aus, die sich als die »echten Interpreten« präsentieren. Es ist daher viel besser, das Original zu lesen. Der einzig sichere Weg, die Grundideen des Marxismus zu erfassen, besteht darin, die grundlegenden Texte der großen marxistischen Lehrer der Vergangenheit zu lesen, angefangen bei Karl Marx selbst, zusammen mit seinem Mitstreiter Friedrich Engels.

Das Manifest der Kommunistischen Partei

Der erste hier vorgestellte Text ist Das Kommunistische Manifest, verfasst von Karl Marx und Friedrich Engels als öffentliche Erklärung der Grundsätze und des Programms des Bundes der Kommunisten. Der Bund der Kommunisten wurde im Juni 1847 auf einem Kongress in London gegründet. Er entstand aus dem Zusammenschluss des Bundes der Gerechten, einer geheimen Vereinigung deutscher Arbeiter mit Sitz in mehreren europäischen Ländern und des Kommunistischen Korrespondenzkomitees, das von Marx und Engels in Brüssel gegründet worden war. Engels nahm als Delegierter am ersten Kongress des Bundes teil und war maßgeblich an der Ausarbeitung der Statuten der Organisation beteiligt, in denen es heißt:

»Der Zweck des Bundes ist der Sturz der Bourgeoisie, die Herrschaft des Proletariats, die Aufhebung der alten, auf Klassengegensätzen beruhenden bürgerlichen Gesellschaft und die Gründung einer neuen Gesellschaft ohne Klassen und ohne Privateigentum.«[1]

Der Bund hielt im November und Dezember 1847 in London einen zweiten Kongress ab, an dem sowohl Marx als auch Engels teilnahmen. Nach einer ausführlichen Diskussion über die Grundsätze des Bundes wurden sie vom Kongress beauftragt, ein Manifest zu verfassen, Das Kommunistische Manifest, das schließlich im Februar 1848 veröffentlicht wurde.

Man mag sich fragen, welche Relevanz ein vor rund 180 Jahren verfasster Text für die neuen Generationen hat. Und doch, wenn man ihn liest, wird man feststellen, dass er die Welt, wie sie heute ist, treffend beschreibt. Ein Zitat aus dem ersten Kapitel verdeutlicht die Relevanz dieses Textes für die heutige Situation:

»Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor. (…) Es genügt, die Handelskrisen zu nennen, welche in ihrer periodischen Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellen. In den Handelskrisen wird ein großer Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits geschaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion.«[2]

Im weiteren Verlauf des Textes wird erläutert, dass gerade die Entwicklung der Produktivkräfte in den Händen der privaten Eigentümer, der Kapitalisten, das System selbst untergräbt und »sie die ganze bürgerliche Gesellschaft in Unordnung (bringen)«. Dies führt zu Krisenphasen:

»Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte. Wodurch also? Dadurch, dass sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.«[3]

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs war das erste Anzeichen dafür, dass der Kapitalismus eine Zerreißgrenze erreicht hatte. Der Weltmarkt konnte nicht alle Kräfte in sich aufnehmen und der einzige Ausweg für die Kapitalisten bestand darin, in den Krieg zu ziehen. Die tiefe Wirtschaftskrise der 1930er Jahre war eine weitere Bestätigung all dessen, was Marx und Engels bereits 1848 erklärt hatten.

Die Lösung dieser Krise war der beispiellose Tod und die Zerstörung des Zweiten Weltkriegs. Als die Gesetze, die den Markt regieren, nicht mehr ausreichten, um Konflikte zwischen den großen kapitalistischen Mächten beizulegen, wurde ein Krieg zwischen ihnen unvermeidlich.

Nachdem ganze Länder verwüstet worden waren, waren die materiellen Voraussetzungen für den Wiederaufbau und den wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegszeit (1948–73) geschaffen. Dies war eine Periode, in der die Illusionen in den Kapitalismus gestärkt wurden. Die Entwicklung der Produktivkräfte war so weit fortgeschritten, mit all den sozialen Reformen, die dies ermöglichte – von kostenloser Gesundheitsversorgung und Bildung bis hin zu relativ sicheren Arbeitsplätzen und angemessenen Löhnen –, dass die Vorstellung, ein revolutionärer Sturz des Systems sei notwendig, nicht mehr relevant schien. Das erklärt, warum sich die Ideen des Reformismus, also dass es möglich sei, die Lebensbedingungen der arbeitenden Bevölkerung ohne Revolution schrittweise zu verbessern, verfestigten. Es erklärt auch, warum die Vertreter dieser Ideen die Führung der Arbeiterbewegung in allen Ländern dominieren.

Der genuine revolutionäre Marxismus war in dieser Periode zwangsläufig isoliert. Doch wie Marx erklärt hatte, bereitete eben diese Periode den Weg für eine neue Krise des Systems vor. Diese kam Anfang der 1970er Jahre mit dem ersten weltweiten Einbruch der kapitalistischen Wirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg.

Mit der Krise kam eine Flut des Klassenkampfs, die die Welt erfasste. Wie erholte sich die Kapitalistenklasse von dieser Periode? Einerseits auf dieselbe Weise wie am Ende des Ersten und Zweiten Weltkriegs, indem sie die reformistischen Führer der Arbeiterklasse – die Führer sowohl der Gewerkschaften als auch der politischen Massenparteien der Arbeiterklasse – nutzte, um den Klassenkampf in gefahrlose Bahnen zu lenken. Die Autorität dieser Führer war während des Nachkriegsaufschwungs von 1948 bis 1973 gestärkt worden und sie konnten dies ausnutzen, um den Klassenkampf zurückzuhalten und zu ersticken.

Sie appellierten an die Arbeiterklasse, vorübergehende Opfer zu bringen, um zu den »guten alten Zeiten« des wirtschaftlichen Aufschwungs zurückzukehren und versicherten den Arbeitern, dass dies der einzige Weg sei, die Krise des Systems zu lösen. So setzten sie die von den Bossen geforderten Sparmaßnahmen um. Darauf folgte später eine Welle von Privatisierungen, während gleichzeitig die Kreditvergabe massiv ausgeweitet wurde, um den Konsum und damit den Markt anzukurbeln.

Für eine gewisse Periode schien dies zu funktionieren, doch in der Folge stieg die Verschuldung auf ein untragbares Niveau und so konnten wir beobachten, wie dadurch »die Mittel zur Krisenverhütung« geschwächt wurden, was schließlich zur Finanzkrise von 2008 führte. Der Kreis der Geschichte hat sich nun geschlossen und wir befinden uns erneut inmitten einer tiefen Systemkrise. Das Kommunistische Manifest sagte auch voraus, dass sich der Kapitalismus, nachdem er in einigen wenigen Ländern wie Großbritannien entstanden war, in alle Ecken der Welt ausbreiten würde, wie wir an dieser Stelle sehen können:

»Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhass der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehn wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.«[4]

Dies beschreibt genau das, was wir seit den Tagen von Karl Marx in der kapitalistischen Entwicklung beobachtet haben. Die stetig wachsende Konzentration des Reichtums in den Händen einiger weniger Milliardäre, während Milliarden in Armut leben, bestätigt eine weitere Voraussage von Marx über die Konzentration des Kapitals.

Dieser Prozess zeigt sich besonders deutlich im mächtigsten kapitalistischen Land der Welt, den Vereinigten Staaten, wo die obersten zehn Prozent der Haushalte mehr als zwei Drittel des nationalen Vermögens besitzen. Diese Konzentration hat in den letzten Jahrzehnten erheblich zugenommen und setzt sich fort. Weltweit verdienen die fünf größten Konzerne mehr als die ärmsten zwei Milliarden Menschen der Welt.

Umgekehrt ist der Anteil des globalen Reichtums, der in Form von Löhnen an die Arbeiter geht, seit Jahren systematisch gesunken. Seit 1980 haben die Arbeiter zwischen 6 und 8 Prozent verloren, etwa 6 Billionen Dollar pro Jahr und die Armut weltweit hat zugenommen. Laut einem Bericht der Weltbankgruppe aus dem Jahr 2024 leben 8,5 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut, während rund 3,5 Milliarden Menschen, also 44 Prozent der Weltbevölkerung, von weniger als 6,85 Dollar pro Tag leben.[5]

Marx und Engels wiesen jedoch auch darauf hin, dass die Bourgeoisie »vor allem ihren eigenen Totengräber« produziert und »(i)hr Untergang und der Sieg des Proletariats (…) gleich unvermeidlich (sind).«[6] Die Zahl der Metallarbeiter ist heute weltweit auf über 400 Millionen gestiegen. Und wenn man alle Lohnarbeiter mitzählt, dann beläuft sich die Zahl der Totengräber des Kapitalismus heute auf Milliarden. Die Arbeiterklasse war noch nie so stark, sowohl zahlenmäßig als auch hinsichtlich ihres spezifischen Gewichts in der Gesellschaft.

Diese Zahlen – und es gibt noch viele weitere – unterstreichen die Tatsache, dass die in den Seiten des Kommunistischen Manifests entwickelte Analyse heute genauso relevant, wenn nicht sogar relevanter ist als zum Zeitpunkt ihrer Entstehung.

Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft

Die Stärke des Marxismus liegt in seiner Analysemethode, in seiner philosophischen Auffassung, die als »dialektischer Materialismus« definiert wird. Marxisten analysieren die reale, konkrete Welt, die tatsächlichen Entwicklungen in der Gesellschaft, in der Wirtschaft, in der Politik, in den internationalen Beziehungen und letztlich im Klassenkampf, der sich aus all dem ergibt. Der Marxismus beschränkt sich jedoch nicht darauf, die Oberfläche der Phänomene zu betrachten, sondern blickt tiefer auf die inneren Widersprüche, die die Ereignisse antreiben.

Würde man sich lediglich auf eine empirische Beobachtung des unmittelbaren Augenblicks beschränken, würde man die sich längerfristig entwickelnden Prozesse aus den Augen verlieren. Indem wir stattdessen die Phänomene in ihrer Entwicklung, in ihrer Bewegung betrachten und sehen, wie sie sich verändern und wie sie sich in Zukunft verändern können, können wir eine Perspektive dafür entwickeln, wohin sich die Gesellschaft bewegt und ein Verständnis für die explosiven Ereignisse gewinnen, die in der kommenden Periode unvermeidlich sind. Und, was noch wichtiger ist, wir können uns darauf vorbereiten, in ihnen zu intervenieren.

Der zweite in diesem Band enthaltene Text ist eine sehr gute Einführung in diese dialektische Methode. Er basiert auf Engels’ berühmtem Buch Anti-Dühring, das sich in polemischer Weise mit den Grundgedanken des Marxismus auseinandersetzt. Drei Kapitel aus diesem Buch wurden von Engels selbst ausgewählt und zu einem kürzeren, leichter zugänglichen Text zusammengestellt, der erstmals 1880 auf Französisch unter dem Titel Socialisme Utopique et Socialisme Scientifique erschien.

Der Verweis sowohl auf den utopischen als auch auf den wissenschaftlichen Sozialismus bringt das Wesentliche des Textes auf den Punkt. Vor Marx und Engels und der Ausarbeitung ihrer wissenschaftlichen Methode gab es viele Sozialisten wie Henri de Saint-Simon, Charles Fourier und Robert Owen, zu denen Engels erklärt:

»Der Sozialismus ist ihnen allen der Ausdruck der absoluten Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit und braucht nur entdeckt zu werden, um durch eigne Kraft die Welt zu erobern; da die absolute Wahrheit unabhängig ist von Zeit, Raum und menschlicher geschichtlicher Entwicklung, so ist es bloßer Zufall, wann und wo sie entdeckt wird. Dabei ist dann die absolute Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit wieder bei jedem Schulstifter verschieden.«[7]

Für diese utopischen Sozialisten ging es lediglich darum, nach der Wahrheit zu suchen und das »Reich der Vernunft« zu errichten, ohne dabei die tatsächliche, konkrete Entwicklung der Gesellschaft zu berücksichtigen. Die Utopisten hatten viele großartige Ideen und erkannten die Probleme des Kapitalismus recht klar, doch keiner von ihnen verstand die Rolle der Arbeiterklasse vollständig und alle lehnten die Machtergreifung durch die Arbeiter ab.

Saint-Simon appellierte an die Kapitalisten, für das Proletariat zu sorgen, um Klassenkampf und Revolution zu vermeiden; Fourier forderte alle auf, sozialistische Kolonien zu gründen und sich so aus dem Klassenkampf zurückzuziehen; die Anhänger Owens lehnten die Chartistenbewegung[8] sogar ab und versuchten, mit ihr zu konkurrieren, da sie nur die wirtschaftliche Frage betrachteten und verschiedene Pläne zur Befreiung der Arbeiter ohne Machtübernahme vorbrachten. Wie Engels feststellt:

»Allen dreien ist gemeinsam, dass sie nicht als Vertreter der Interessen des inzwischen historisch erzeugten Proletariats auftreten.«[9]

Der Marxismus wandte sich von dieser Denkweise ab und stellte die Idee des Sozialismus auf eine solide materialistische Grundlage, d. h., dass er als Ergebnis des Klassenkampfes innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft entstehen würde und nicht nur als ein abstraktes Ideal, das die Köpfe der gesamten Menschheit erobert. Diese Denkweise entspringt einem Verständnis der realen materiellen Welt, nicht auf mechanische, sondern auf dialektische Weise.

Engels würdigte die großen Entdeckungen der Wissenschaft und des menschlichen Denkens der vergangenen vier Jahrhunderte und erklärte, dass sich daraus die folgende Untersuchungsmethode entwickelt habe:

»(S)ie hat uns ebenfalls die Gewohnheit hinterlassen, die Naturdinge und Naturvorgänge in ihrer Vereinzelung, außerhalb des großen Gesamtzusammenhangs aufzufassen; daher nicht in ihrer Bewegung, sondern in ihrem Stillstand; nicht als wesentlich veränderliche, sondern als feste Bestände; nicht in ihrem Leben, sondern in ihrem Tod.«[10]

Der sogenannte »gesunde Menschenverstand« betrachtet die Dinge auf statische, leblose Weise – doch damit lassen sich komplexere Phänomene nur begrenzt erklären. Um zu einer tiefergehenden, aufschlussreicheren Untersuchungsweise zu gelangen, ist dialektisches Denken erforderlich.

Engels erklärt, dass sich die dialektische Methode von ihm und Marx auf den großen deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel zurückführt. Er fügt jedoch hinzu:

»Hegel war Idealist, d.h. ihm galten die Gedanken seines Kopfs nicht als die mehr oder weniger abstrakten Abbilder der wirklichen Dinge und Vorgänge, sondern umgekehrt galten ihm die Dinge und ihre Entwicklung nur als die verwirklichten Abbilder der irgendwie schon vor der Welt existierenden ›Idee‹.«[11]

Um die Dialektik zu einem Werkzeug zum Verständnis der uns umgebenden Welt zu machen, war eine Rückkehr zum Materialismus erforderlich – nicht zum mechanischen Materialismus des 18. Jahrhunderts, sondern zu einer höheren Form, nämlich dem dialektischen Materialismus, der die Phänomene in ihrer Bewegung, in ihren Veränderungsprozessen analysiert, die sich aus ihren inneren Widersprüchen ergeben. Wie Engels erklärt:

»(D)ie alte idealistische Geschichtsauffassung (…) kannte keine auf materiellen Interessen beruhenden Massenkämpfe, überhaupt keine materiellen Interessen; die Produktion wie alle ökonomischen Verhältnisse kamen in ihr nur so nebenbei, als untergeordnete Elemente der ›Kulturgeschichte‹ vor.

Die neuen Tatsachen zwangen dazu, die ganze bisherige Geschichte einer neuen Untersuchung zu unterwerfen, und da zeigte sich, dass alle bisherige Geschichte, mit Ausnahme der Urzustände, die Geschichte von Klassenkämpfen war, dass diese einander bekämpfenden Klassen der Gesellschaft jedesmal Erzeugnisse sind der Produktions- und Verkehrsverhältnisse, mit einem Wort, der ökonomischen Verhältnisse ihrer Epoche; dass also die jedesmalige ökonomische Struktur der Gesellschaft die reale Grundlage bildet, aus der der gesamte Überbau der rechtlichen und politischen Einrichtungen sowie der religiösen, philosophischen und sonstigen Vorstellungsweise eines jeden geschichtlichen Zeitabschnitts in letzter Instanz zu erklären sind. (…)

Hiernach erschien jetzt der Sozialismus nicht mehr als zufällige Entdeckung dieses oder jenes genialen Kopfs, sondern als das notwendige Erzeugnis des Kampfes zweier geschichtlich entstandner Klassen, des Proletariats und der Bourgeoisie. Seine Aufgabe war nicht mehr, ein möglichst vollkommnes System der Gesellschaft zu verfertigen, sondern den geschichtlichen ökonomischen Verlauf zu untersuchen, dem diese Klassen und ihr Widerstreit mit Notwendigkeit entsprungen, und in der dadurch geschaffnen ökonomischen Lage die Mittel zur Lösung des Konflikts zu entdecken.«[12]

Darin liegt der große Beitrag von Marx und Engels zur sozialistischen Bewegung. Der Sozialismus war nicht länger ein abstraktes Ideal, losgelöst von den realen materiellen Bedingungen einer bestimmten Gesellschaft, sondern wurde nun zu einer historischen Notwendigkeit, zum endgültigen, unvermeidlichen Ergebnis des Klassenkampfes selbst. Und diese Schlussfolgerungen ergaben sich einerseits aus der Anwendung des dialektischen Denkens auf die Entwicklung der Gesellschaft und andererseits aus dem Aufkommen der kapitalistischen Produktion und mit ihr des Proletariats, der Klasse, der nun die Aufgabe der Umgestaltung der Gesellschaft zukam.

Die Auseinandersetzung mit diesem Text vermittelt dem Leser ein grundlegendes Verständnis der marxistischen Methode und bereitet ihn darauf vor, sich mit anderen wichtigen Werken der großen Marxisten auseinanderzusetzen und so zu lernen, die Methode auf die Analyse der heutigen turbulenten Welt anzuwenden.

Staat und Revolution

Dieses bedeutende Werk der marxistischen Theorie wurde von Lenin, dem führenden Theoretiker der bolschewistischen Partei, zwischen August und September 1917 verfasst. Auf der Grundlage umfangreicher Zitate von Marx und Engels liefert Lenin eine umfassende und maßgebliche marxistische Analyse des Staates.

Die Frage nach dem Staat war das drängendste Thema in den sich damals entfaltenden revolutionären Ereignissen. Die Revolution in Russland war im Februar 1917 ausgebrochen und die Arbeiter hatten Zar Nikolaus II. rasch zur Abdankung gezwungen. Nach dem Vorbild der Russischen Revolution von 1905 gründeten Arbeiter und Soldaten Sowjets – Arbeiterräte –, Organe mit dem Potenzial, zur Grundlage eines Arbeiterstaates zu werden.

Anfangs wurde die Führung der Sowjets jedoch von den reformistischen »sozialistischen« Parteien – den Menschewiki und den Sozialrevolutionären (SR) – dominiert, die die Bedeutung der Sowjets als Organe der Arbeitermacht nicht verstanden und die Macht an die Bourgeoisie übergaben, die die Provisorische Regierung bildete.

Die Provisorische Regierung war nicht in der Lage, die Probleme zu lösen, die zur Revolution geführt hatten: die verheerenden Zustände infolge des Ersten Weltkriegs, die von Armut heimgesuchten Arbeiter in den Städten und die zentrale Landfrage, die Millionen von Bauern unter der Herrschaft der Großgrundbesitzer zurückließ. Unter diesen Umständen bedeutete der Zusammenprall unvereinbarer Klasseninteressen, dass die Provisorische Regierung zwangsläufig instabil war. Der Versuch, diesen Zustand zu überwinden, bewegte die Menschewiki und SR zum Eintritt in diese Regierung.

Die Lage entwickelte sich jedoch weiter und als die Massen die Begrenzungen dieser Regierung zu durchschauen begannen, gewann der Einfluss der Bolschewiki rasch an Boden. Anfang Juli kam es in Petrograd (St. Petersburg) zu einer Reihe von Massendemonstrationen, bei denen die bolschewistische Parole »Alle Macht den Sowjets!« erhoben wurde – die sogenannten »Julitage«. Die Provisorische Regierung befahl Militärschülern, Kosaken und konterrevolutionären Einheiten von der Front, auf die Menge zu schießen. Darauf folgte eine Hetzkampagne gegen Lenin und die Bolschewiki.

Die Regierung verbot die bolschewistischen Zeitungen und erließ einen Haftbefehl gegen Lenin, wodurch er gezwungen war, sich nach Finnland in den Untergrund zu begeben. Die von den Reformisten angeführten Sowjets wurden zu bloßen Anhängseln der Provisorischen Regierung. Die Illusionen der reformistischen Führer in den bürgerlichen Staat drohten, die Revolution zum Entgleisen zu bringen und eröffneten die Möglichkeit, dass eine brutale Reaktion gegen die Arbeiter und Bauern entfesselt würde. Deshalb hielt es Lenin im Eifer der Revolution für eine dringende Aufgabe, den Reihen seiner eigenen Partei und der breiteren Arbeiterklasse die marxistische Position zum Staat klarzumachen.

Der vollständige Titel dieses Werks, Staat und Revolution: Die Lehre des Marxismus vom Staat und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution, macht deutlich, dass dies angesichts der sich entfaltenden Ereignisse eine brennende Frage war. Es war die Klarheit der Bolschewiki in der Staatsfrage, die es ihnen ermöglichte, die Arbeiterklasse dazu zu führen, im Oktober 1917 die Macht zu ergreifen und zu behalten.

Jede ernsthafte revolutionäre Organisation, die es sich zur Aufgabe macht, die Gesellschaft zu verändern – die kapitalistische Gesellschaft zu beenden und durch den Sozialismus zu ersetzen, ein System, das die Interessen der Arbeiterklasse an erste Stelle setzt –, muss auch das Ungeheuer verstehen, mit dem wir es zu tun haben. Deshalb ist ein Verständnis der Wirklichkeit des kapitalistischen Staates absolut unerlässlich.

Die Menschen verstehen im Allgemeinen die wahre Natur des Staates nicht vollständig. Es liegt im Interesse der herrschenden Klasse – der Kapitalisten, die die Produktionsmittel besitzen und materiell enorm davon profitieren –, die wahre Natur des Staates und seine historischen Wurzeln in den frühen Formen der Klassengesellschaft zu verschleiern.

Engels entwickelte in seinem klassischen Text Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats den Gedanken, dass der Staat als Instrument der herrschenden besitzenden Klassen entstand, um diejenigen unter ihnen zu unterdrücken, die den Reichtum erzeugten, seien es Sklaven, Leibeigene oder Proletarier. Dies konnte erst geschehen, nachdem das Privateigentum aus einem langen Prozess hervorgegangen war, in dem menschliche Arbeit in der Lage war, einen Überschuss zu produzieren.

Anstelle dieses wissenschaftlichen Verständnisses wird der Staat heute als unparteiischer und neutraler Schiedsrichter dargestellt, der über den Klassen steht. Die Reformisten in der Arbeiterbewegung – sowohl der linken als auch der rechten Ausprägung – teilen diese Illusionen und tragen zu ihrer Verbreitung bei.

Sie sehen nicht – oder weigern sich zu sehen –, dass das wahre Wesen des Staates in seinen besonderen Formationen bewaffneter Menschen besteht – der Polizei, der Justiz und all den anderen Formationen –, die nicht dazu da sind, zwischen den Klassen zu vermitteln, sondern den Interessen einer Klasse in der Gesellschaft zu dienen, die in der heutigen Epoche die Kapitalistenklasse ist.

Bereits im Kommunistischen Manifest erklärten Marx and Engels: »Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet.«[13]

Marx beschäftigte sich mit dieser Frage auch in späteren Schriften, insbesondere in Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte.[14] Anhand der Erfahrungen der Pariser Kommune von 1871 schlussfolgerte er: »(D)ie Arbeiterklasse kann nicht die fertige Staatsmaschinerie einfach in Besitz nehmen und diese für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen.«[15]

Es ist diese Grundposition, die Lenin in Staat und Revolution näher ausführt. Die Gedanken von Marx und Engels zu dieser zentralen Frage waren von den Revisionisten innerhalb der Bewegung verzerrt und verfälscht worden. Insbesondere der rechte Flügel der deutschen Sozialdemokratie hatte versucht, diesen oder jenen Satz von Marx und Engels falsch zu zitieren oder aus dem Zusammenhang zu reißen, um seine eigene opportunistische (d.h. reformistische) Interpretation der marxistischen Position zum Staat zu rechtfertigen: dass dieser ein Instrument sei, um die Interessen zweier Klassen »in Einklang zu bringen«, anstatt das Instrument einer Klasse zur Herrschaft über die andere.

Seit Lenin diesen Klassiker der marxistischen Literatur verfasst hat, sind die Reformisten innerhalb der Arbeiterbewegung noch viel weiter gegangen, um die Illusion zu verbreiten, der Staat stehe über den Klassen, er sei in Klassenfragen »neutral«. Dies bestätigt die absolute Notwendigkeit, die marxistische Theorie kontinuierlich zu studieren und zu verteidigen, gegen das Nachplappern einzelner Sätze, die dazu benutzt werden können, alles zu rechtfertigen.

Der Marxismus ist eine revolutionäre Theorie, die durch ihre dialektische Methode verkörpert wird. Oftmals in der Geschichte haben Parteien, die sich als »marxistisch« ausgaben, eine Karikatur dieser Ideen benutzt, um ihren Opportunismus zu verschleiern, was dazu dient, die Arbeiter zu verwirren und den Marxismus selbst zu diskreditieren.

Es ist kein Zufall, dass Lenin sich während der revolutionären Ereignisse in Russland daran machte, eine theoretische Verteidigung des genuinen Marxismus in der zentralen Frage des Staates zu verfassen – im August und September 1917. Und es ist kein Zufall, dass es Lenin gelang, die Arbeiterklasse an die Macht zu führen und die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft einzuleiten. Ohne ein klares Verständnis vom Wesen des bürgerlichen Staates wäre dies nicht möglich gewesen.

Deshalb stellt Lenin gleich zu Beginn seines Textes fest:

»(B)ei der unerhörten Verbreitung, die die Entstellungen des Marxismus gefunden haben, besteht unsere Aufgabe in erster Linie in der Wiederherstellung der wahren Marxschen Lehre vom Staat.«[16] Er bringt klar zum Ausdruck: »Der Staat ist das Produkt und die Äußerung der Unversöhnlichkeit der Klassengegensätze. Der Staat entsteht dort, dann und insofern, wo, wann und inwiefern die Klassengegensätze objektiv nicht versöhnt werden können. Und umgekehrt: Das Bestehen des Staates beweist, dass die Klassengegensätze unversöhnlich sind.«[17]

Lenin zitiert ausführlich sowohl aus Engels als auch aus Marx, um ganz klar zu machen, wie sie zu dieser Frage standen. Er legt akribisch die grundlegenden Ideen des Marxismus zur Frage des Wesens des Staates dar.

Nachdem er die Grundidee platziert hat, dass der bürgerliche Staat von der Arbeiterklasse nicht genutzt werden kann – dass er zerschlagen werden muss –, wendet er sich der Frage zu, was an seine Stelle treten soll. Hier polemisiert er mit den Anarchisten. Er beginnt mit dem Hinweis, dass Marxisten mit ihnen darin übereinstimmen, dass der bürgerliche Staat zerschlagen werden muss, aber nicht darin, was danach kommt, welche Form die Herrschaft der Arbeiter annehmen wird.

Lenin streicht klar die Notwendigkeit eines »Arbeiterstaates« als Ersatz für den bürgerlichen Staat hervor. Es wäre völlig utopisch zu glauben, man könne nahtlos von einer Klassengesellschaft zu einer klassenlosen übergehen. Die bürgerliche Klasse, die Kapitalisten, die die Produktionsmittel besitzen, werden ihr Eigentum und all die damit verbundenen Privilegien nicht freiwillig aufgeben. Deshalb verfügen sie über einen so ausgeklügelten Staatsapparat und »Formationen bewaffneter Menschen«.

Und deshalb muss die Arbeiterklasse, wenn sie die Produktionsmittel übernimmt und sie im Interesse aller arbeitenden Menschen planmäßig und rational verwaltet, über einen eigenen Staat verfügen. Dieser wäre das Instrument, durch das die Herrschaft der Arbeiter gewährleistet werden könnte und durch das die alten besitzenden Klassen daran gehindert würden, die Kontrolle über die Produktionsmittel zurückzugewinnen.

Lenin war sich der Gefahr einer Bürokratisierung innerhalb eines solchen Staates in der Anfangszeit seiner Existenz vollauf bewusst. Deswegen betonte er, dass die Arbeiterklasse einen Staat braucht, um die Kapitalisten zu enteignen und die Wirtschaft zu planen, dies »darf (aber) nicht von einem Beamtenstaat durchgeführt werden, sondern von dem Staat der bewaffneten Arbeiter.«[18] Damit sich so ein Prozess entfalten kann, benötigt es einige Grundbedingungen der Arbeiterdemokratie und diese können folgendermaßen zusammengefasst werden:

  • Freie und demokratische Wahlen mit dem Recht auf Absetzbarkeit aller Funktionäre.
  • Kein Funktionär darf einen höheren Lohn bekommen als ein Facharbeiter.
  • Kein stehendes Heer oder Polizeitruppen, sondern die bewaffneten Arbeiter.
  • Nach und nach werden alle administrativen Aufgaben von allen nacheinander erledigt – »dass alle eine Zeitlang zu ›Bürokraten‹ werden, so dass daher niemand zum ›Bürokraten‹ werden kann.«[19]

Ein solcher Staat würde sich von seinem Wesen her grundlegend von allen bisher in der Geschichte bekannten Staaten unterscheiden. Zum ersten Mal wäre es ein Staat, der die überwältigende Mehrheit der Gesellschaft vertritt, nicht eine privilegierte Minderheit. In diesem Sinne wäre er eher ein Übergangsstaat, der die Übergangsphase vom Kapitalismus zum Kommunismus regieren würde, um die vollständige und endgültige Beerdigung des alten, auf Klassenunterschieden basierenden Systems sicherzustellen und sobald dies erreicht wäre, gäbe es keinen Bedarf mehr für einen staatlichen Zwangsapparat. Wie Lenin betonte:

»Der Staat stirbt ab, insofern es keine Kapitalisten, keine Klassen mehr gibt und man daher auch keine Klasse mehr unterdrücken kann.«[20]

Und fügt hinzu:

»Dann wird das Tor zum Übergang von der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft zu ihrer höheren Phase und damit auch zum völligen Absterben des Staates weit geöffnet sein. … Zum vollständigen Absterben des Staates bedarf es des vollständigen Kommunismus.«[21]

Damit ist gemeint, dass die Gesellschaft eine solche Entwicklung der Produktivkräfte erreicht haben wird und die Arbeiter in ihrer Fähigkeit, die Dinge zu verwalten, ein so hohes Niveau erreicht haben werden, dass alle Klassenunterschiede verschwunden sein werden und mit ihnen die Notwendigkeit eines Staates.

Staat und Revolution war eines der wichtigsten Werke, die Lenin verfasste. Darin liefert er die grundlegende marxistische Erklärung zu dieser Frage und alle klassenbewussten Arbeiter und Jugendlichen sollten diesen Text lesen, studieren und seine Lehren verinnerlichen, wenn sie an der erfolgreichen Abschaffung des kapitalistischen Systems mitwirken und verstehen wollen, was an dessen Stelle treten muss.

Das Übergangsprogramm

Was ist schließlich das Programm, für das revolutionäre Kommunisten kämpfen? Wie verbinden wir es mit den alltäglichen Kämpfen der Arbeiterklasse? Dies wird von Leo Trotzki im Übergangsprogramm sehr geschickt behandelt, das 1938 verfasst und vom ersten Kongress der neu gegründeten Vierten Internationale im selben Jahr verabschiedet wurde. Warum war es notwendig, eine neue Internationale aufzubauen?

Zusammen mit Lenin führte Trotzki die bolschewistische Partei und die Arbeiterklasse in der Oktoberrevolution von 1917 an die Macht. Sowohl Lenin als auch Trotzki verstanden, dass es nicht möglich war, den Sozialismus in einem einzelnen Land aufzubauen, insbesondere unter den extrem rückständigen Bedingungen Russlands zu jener Zeit. Deshalb arbeiteten sie bewusst an der internationalen Verbreitung der Revolution.

Die alte II. Internationale war zu einer Reihe reformistischer Parteien verkommen, die die Arbeiterklasse verraten hatten, indem sie während des Ersten Weltkriegs ihre eigenen herrschenden Klassen unterstützten. Lenin und Trotzki setzten sich unermüdlich für die Gründung der III. Internationale ein, die als Kommunistische Internationale oder »Komintern« bekannt werden sollte. Ihre nationalen Sektionen, die verschiedenen Kommunistischen Parteien, wurden gegründet, um der Arbeiterklasse in jedem Land die notwendige revolutionäre Führung zu bieten.

Leider erwiesen sich die Kommunistischen Parteien in einer Revolution nach der anderen, beginnend mit der deutschen Revolution von 1918, entweder als zu schwach, um Einfluss auf die Ereignisse zu nehmen oder als theoretisch unvorbereitet auf die großen Aufgaben, die vor ihnen lagen. Diese Niederlagen führten zur Isolation der Sowjetunion. Dies, verbunden mit der wirtschaftlichen Rückständigkeit Russlands, die durch die Verwüstungen des russischen Bürgerkriegs noch verschärft wurde, führte zur sukzessiven Degeneration der Sowjetrepublik, wobei die Macht von einer privilegierten Bürokratie unter der Führung Stalins an sich gerissen wurde.

Nach Lenins Tod im Jahr 1924 begann sich dieser Prozess rasch zu beschleunigen. Unter diesen Umständen gründete Trotzki die Linke Opposition, die eine Rückkehr zu den Idealen der Oktoberrevolution, zur echten Arbeiterdemokratie der ersten Jahre nach 1917, forderte. Es kam zu einem Kampf zwischen der aufstrebenden Bürokratie und den Anhängern der Linken Opposition. Trotzki wurde schließlich 1926 aus der Führung ausgeschlossen und 1928 ins Exil geschickt.

Die Komintern scheiterte in einem Land nach dem anderen damit, die revolutionäre Bewegung anzuführen und verwandelte sich nach und nach von einem Instrument der Weltrevolution in ein Instrument der Außenpolitik der herrschenden Bürokratie der Sowjetunion.

Ein entscheidender Wendepunkt kam mit dem Sieg Hitlers im Jahr 1933. Die Kommunistische Partei Deutschlands und die Führung der Komintern versagten darin, das Wesen des Faschismus zu begreifen, sie sahen im Aufstieg der Nazis sogar die Vorbereitung von Bedingungen, die es den Kommunisten ermöglicht hätten, die Macht zu ergreifen, und nicht die vollständige Vernichtung der deutschen Arbeiterklasse, die sein wahres Wesen ausmachte. Dies ermöglichte Hitler die Machtergreifung und die Zerschlagung einer der stärksten Arbeiterbewegungen der Welt, ohne einen einzigen Schuss abzufeuern.

In jeder gesunden internationalen Organisation hätte eine solch katastrophale Niederlage heftige Debatten und interne Kämpfe ausgelöst. Und doch wurde die falsche Linie der Bürokratie in der gesamten Komintern fast ohne Widerstand akzeptiert. Trotzki erklärte daher, dass die Komintern als wahrhaft revolutionäre Organisation tot sei und stellte fest, dass eine IV. Internationale aufgebaut werden müsse.

Das Bemerkenswerte an diesem Dokument ist, dass es – wie im Fall des Kommunistischen Manifests – heute noch relevanter erscheint als zum Zeitpunkt seiner Entstehung.

Das Eröffnungsstatement – »Die weltpolitische Lage in ihrer Gesamtheit ist vor allem gekennzeichnet durch die historische Krise der Führung des Proletariats.« – beschreibt treffend die Sackgasse, in der sich die gesamte internationale Arbeiterbewegung in der heutigen Zeit befindet.[22]

Das Ausmaß der Degeneration der heutigen Arbeiter- und Gewerkschaftsführer ist beispiellos. Dies hat die Arbeiterklasse führungslos zurückgelassen und erklärt auch, warum rechte, populistische Demagogen an Einfluss gewinnen können und den Anschein erwecken, als sprächen sie für die Arbeiter. Die Verantwortung dafür liegt auf den Schultern der sogenannten »Führer« der Arbeiterklasse.

Überall haben sich die Reformisten vollständig der kapitalistischen Ordnung unterworfen. In Großbritannien sind die Labour-Führer zu einem bloßen Anhängsel des liberalen bürgerlichen Establishments geworden, das loyal den Interessen der Kapitalistenklasse dient. Das Gleiche gilt für die sozialdemokratischen Führer in Deutschland und die Ex-Stalinisten in Italien, die die Kommunistische Partei in die heutige Demokratische Partei aufgelöst haben, deren Führung in ihrem Denken und Programm durch und durch bürgerlich ist. In den Vereinigten Staaten sind die Gewerkschaftsführer an ihre eigene herrschende Klasse gefesselt. Die gleiche Situation lässt sich in einem Land nach dem anderen beobachten.

Trotzkis Text scheint auch die Krise zu beschreiben, mit der der Kapitalismus heute konfrontiert ist:

»Die Produktivkräfte der Menschheit haben aufgehört zu wachsen. Die neuen Erfindungen und die technischen Fortschritte dienen nicht mehr dazu, das Niveau des materiellen Reichtums zu erhöhen. Unter den Bedingungen der sozialen Krise des ganzen kapitalistischen Systems laden die Konjunkturkrisen den Massen immer größere Entbehrungen und Leiden auf. Das Anwachsen der Arbeitslosigkeit vertieft wiederum die finanzielle Krise des Staates und unterhöhlt die erschütterten Geldsysteme.«[23] Und: »Die Bourgeoisie selbst sieht keinen Ausweg. (Sie) schlittert jetzt mit geschlossenen Augen der wirtschaftlichen und militärischen Katastrophe entgegen.«[24]

Zu dieser Zeit warnte er:

»Ohne sozialistische Revolution, und zwar in der nächsten geschichtlichen Periode, droht die ganze menschliche Kultur in einer Katastrophe unterzugehen.«[25]

Diese Katastrophe kam in Form des Zweiten Weltkriegs, mit seinen 55 Millionen Toten, den Schrecken des Holocaust und der weitreichenden Zerstörung, von der viele Länder betroffen waren. Heute stehen wir zwar nicht unmittelbar vor einem Weltkrieg, doch gibt es zahlreiche lokale und regionale Kriege, Bürgerkriege und bewaffnete Aufstände, Terroranschläge usw., die viele Teile der Welt heimsuchen.

Man kann sagen, dass die gegenwärtige Krise des Weltkapitalismus uns erneut vor die Perspektive von Sozialismus oder Barbarei stellt. Die Elemente der Barbarei sind bereits vorhanden in den Kriegen und Bürgerkriegen, in den Hungersnöten, unter denen regelmäßig verschiedene Teile der Welt leiden, in der wachsenden Armut und der damit einhergehenden Gewalt und Kriminalität.

Wir haben auch das Potenzial für den Sozialismus in den massenhaften Klassenkämpfen und Revolutionen in vielen Ländern gesehen, vom Arabischen Frühling (2011) bis zu den revolutionären Umwälzungen in Sri Lanka (2023), Bangladesch (2024) und vielen anderen.

Die Frage aller Fragen lautet: Wie können solche Massenbewegungen auf den erfolgreichen Sturz des Kapitalismus durch eine sozialistische Revolution ausgerichtet werden, wie kann das Programm der revolutionären Kommunisten zum Programm der Massen werden? Dies stand im Mittelpunkt des Übergangsprogramms.

In einer Diskussion, die er im März 1938 mit den Führern der amerikanischen Trotzkisten der Socialist Workers Party (SWP) führte, erklärte Trotzki, dass das Ziel darin bestehe,

»uns nicht mit abstrakten Formeln abzugeben, sondern ein konkretes Aktionsprogramm und Forderungen in dem Sinne entwickeln, dass dieses Übergangsprogramm von den Bedingungen der heutigen kapitalistischen Gesellschaft ausgeht, aber sofort über die Grenzen des Kapitalismus hinausführt. Es ist nicht das reformistische Minimalprogramm, das niemals die Arbeitermiliz oder die Arbeiterkontrolle über die Produktion einschloss. Diese Forderungen haben Übergangscharakter, weil sie von der kapitalistischen Gesellschaft zur proletarischen Revolution führen, was sich in dem Maße ergibt, wie sie, etwa die proletarische Regierung, zu Forderungen der Massen werden. Wir können nicht bei den Tagesforderungen des Proletariats stehenbleiben. Wir müssen den rückständigsten Arbeitern eine konkrete Losung geben, die ihren Bedürfnissen entspricht und dialektisch zur Machteroberung führt.«[26]

Der Kerngedanke ist, dass die revolutionäre Partei von den unmittelbaren Problemen der Arbeiterklasse ausgehen muss, von Fragen wie Inflation, niedrigen Löhnen, langen Arbeitszeiten, hohen Wohnkosten, Gesundheitskosten, Bildung und so weiter. Doch dabei darf sie nicht stehen bleiben. Dies würde bedeuten, das Programm in das klassische »Minimalprogramm« der alten II. Internationale zu verwandeln, das vom »Maximalprogramm« des Sozialismus losgelöst war. Das würde uns in den Sumpf des Reformismus ziehen.

Nein, die revolutionäre Partei hat die Pflicht, von den unmittelbaren Problemen auszugehen, Lösung bietende Forderungen zu stellen, diese aber stets mit der Notwendigkeit zu verknüpfen, dass die Arbeiterklasse die Macht ergreift, um eben diese Forderungen zu verwirklichen. Wir müssen verstehen, dass der Sturz des Kapitalismus durch eine sozialistische Revolution nicht von einer kleinen Organisation vollzogen werden kann, die von der Masse der arbeitenden Menschen isoliert ist. Er kann nur von den Massen selbst durchgeführt werden.

Marx erklärte, »dass die Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiterklasse selbst erobert werden muss«.[27] Er erklärte weiter: »Allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.«[28]

Die Arbeiterklasse ist die Klasse, die die Gesellschaft verändern kann, doch sie braucht ein klares Verständnis der vor ihr liegenden Aufgaben. Auch gelangt die Arbeiterklasse nicht über Nacht zu revolutionären Schlussfolgerungen. Die Arbeiterklasse tritt über ihre unmittelbaren Forderungen am Arbeitsplatz in den Kampf und genau dort müssen revolutionäre Kommunisten ansetzen.

Wir beschränken uns jedoch nicht allein auf solche Forderungen; wir kämpfen Seite an Seite mit den Arbeitern in ihren Kämpfen, aber wir bringen stets die Idee zur Sprache, dass auf lange Sicht der Kapitalismus das Hindernis dafür ist, eine dauerhafte Lösung für ihre Probleme zu finden.

Der endgültige Sieg der sozialistischen Revolution wäre ohne die alltäglichen Kämpfe der Arbeiterklasse im Kapitalismus unvorstellbar. Durch solche Kämpfe beginnt die Arbeiterklasse, die wahre Natur des Systems zu verstehen, gegen das sie antritt. Mit der Zeit und durch viele Erfahrungen beginnen die Arbeiter zu begreifen, dass diese oder jene Reform, diese oder jene Errungenschaft, wie höhere Löhne oder eine kürzere Arbeitswoche, nicht aufrechterhalten werden können, ohne das kapitalistische System als Ganzes zu beseitigen.

Revolutionäre Kommunisten nehmen in solchen Fragen keine sektiererische oder ultralinke Haltung ein. Das bedeutet, dass sie sich nicht von der Masse der arbeitenden Menschen absondern, dass sie sich nicht über ein mangelndes Verständnis für die Notwendigkeit der sozialen Revolution und des Sturzes des kapitalistischen Systems lustig machen. Sie verstehen, dass die Masse der Arbeiterklasse aus Erfahrungen lernt.

Sie beteiligen sich daher an den alltäglichen Kämpfen der Arbeiter, machen gemeinsame Erfahrungen und stützen sich in jeder Phase auf die Schlussfolgerungen, die die Arbeiter ziehen, um damit das allgemeine Verständnisniveau anzuheben. Gleichzeitig wecken sie keine Illusionen in das System, sondern entlarven es vor den Augen der Massen.

Das Übergangsprogramm enthält Forderungen, die auf unterschiedliche Situationen anwendbar sind und die konkreten Bedingungen in jedem Land berücksichtigen. Es enthält Forderungen, die auf die Verhältnisse in entwickelten kapitalistischen Ländern zutreffen, in Industrieländern, wo die Arbeiter in großen Fabriken konzentriert sind. Es stellt auch Forderungen für jene Länder auf, in denen die Industrie weniger entwickelt ist und ein großer Teil der Bevölkerung noch unter ländlichen, bäuerlichen Bedingungen lebt. Es stellt spezifische Forderungen auf, die für faschistische Regime gelten, wo demokratische Parolen eine Rolle bei der Mobilisierung der Massen spielen könnten.

Es enthält auch einen Abschnitt, der der Sowjetunion gewidmet ist, wo die stalinistische Bürokratie die politische Macht an sich gerissen hatte. Trotzki wies auf die Notwendigkeit einer »politischen Revolution« hin, also einer Revolution, die die Errungenschaften des Oktobers 1917 – die zentralisierte Planwirtschaft – bewahrte und gleichzeitig die Macht für die Arbeiterklasse zurückeroberte, als einziges Mittel, die Gesellschaft zum echten Kommunismus voranzubringen.

Das Wesentliche an Übergangsforderungen liegt in ihrer unmittelbaren Relevanz für die Probleme der Arbeiterklasse. Angesichts grassierender Inflation bietet die Forderung nach einer gleitenden Lohnskala eine Antwort auf das unmittelbare Problem des sinkenden Lohnwerts. Die Forderung nach einer gleitenden Arbeitszeitskala – oder nach einer Arbeitszeitverkürzung, wie wir es heute formulieren würden – ohne Lohnkürzungen, bietet eine Antwort auf das Problem der Arbeitslosigkeit: Wenn es nicht genug Arbeitsplätze gibt, dann soll die Arbeit so aufgeteilt werden, dass alle Arbeit haben.

Sie beschränken sich jedoch nicht auf die unmittelbaren Probleme, sondern stehen in Zusammenhang mit der Tatsache, dass die Arbeiterklasse, wenn solche Forderungen durchgesetzt und aufrechterhalten werden sollen, sich die Aufgabe stellen muss, das gesamte System durch eine sozialistische Revolution zu stürzen.

Über den Reformismus hinaus

Viele Jahrzehnte lang war die Arbeiterbewegung von der Illusion beherrscht, dass eine schrittweise Reform des kapitalistischen Systems möglich sei. Diese Illusion beginnt nun jedoch zu bröckeln. Nach der Finanzkrise von 2008 wurden der Arbeiterklasse Sparmaßnahmen auferlegt, mit denen die Kapitalistenklasse versuchte, die beispiellosen Schuldenberge abzubauen, die sich in der vorangegangenen Zeit angehäuft hatten.

Die Auswirkungen dieser Politik lassen sich in einer Kennzahl zusammenfassen: Seit 2009 haben die in der gesamten Europäischen Union angewandten Sparmaßnahmen dazu geführt, dass der durchschnittliche Bürger Europas 3.000 € an realer Kaufkraft eingebüßt hat. Überall sanken die realen verfügbaren Einkommen drastisch. Der Druck ist unerbittlich. Berechnungen zufolge müssten die EU-Mitgliedstaaten, um eine Staatsverschuldung von 60 Prozent des BIP zu erreichen – wie im von ihnen allen unterzeichneten Vertrag von Maastricht festgelegt –, bis zum Jahr 2070 jedes Jahr ihre öffentlichen Ausgaben um 2 Prozent kürzen.

Dies bedeutet dauerhafte Sparmaßnahmen für die nächsten zwei oder drei Generationen. Es bedeutet nicht nur einen erheblichen Rückgang der realen Kaufkraft der Löhne, sondern auch die Zerstörung des Gesundheitssystems, des Bildungswesens, des sozialen Wohnungsbaus, der Renten usw., also all dessen, was ein zivilisiertes Leben ausmacht.

Die erste Reaktion darauf zeigte sich in der Zeit um 2014–2015. Dies war die Zeit, in der neue politische Kräfte wie Podemos in Spanien entstanden, ehemals marginale Parteien wie SYRIZA in Griechenland massenhafte Unterstützung gewannen, es zu einem radikalen Linksruck in der britischen Labour Party kam, der Jeremy Corbyn zum Parteivorsitzenden machte, während in den Vereinigten Staaten eine Persönlichkeit wie Bernie Sanders mit all seinem Gerede von einer »politischen Revolution« gegen »die Milliardärsklasse« sehr populär wurde.

Diese Persönlichkeiten haben auf die eine oder andere Weise die von Millionen von Arbeitern und Jugendlichen in sie gesetzten Hoffnungen massiv enttäuscht. In Griechenland stellte SYRIZA die Regierung und setzte genau die Politik um, gegen die die Massen gestimmt hatten. In Spanien trat Podemos in Koalitionsregierungen ein, die dieselbe Politik verfolgten. Corbyn, der einem systematischen Angriff des rechten Flügels der Labour Party ausgesetzt war, versäumte es, sich zu wehren. In den USA hat sich Sanders dem Establishment der Demokratischen Partei völlig unterworfen.

Dies führte zu weit verbreiteter Enttäuschung, es führte aber auch eine Schicht – insbesondere unter der Jugend – dazu, nach Antworten zu suchen, warum all dies geschehen war. Das erklärt, warum die Idee des Kommunismus immer populärer wird.

Trotz aller Propaganda der Mainstream-Medien, die darauf abzielt, die Vorstellung zu verbreiten, der Kommunismus sei tot, der Marxismus gehöre der Vergangenheit an und habe keine Relevanz für die heutige Welt, sieht ein großer Teil der Jugend den Kapitalismus als das Problem an und sucht nach einem Verständnis dafür, warum sich die Gesellschaft in der ausweglosen Situation befindet, in der sie feststeckt.

Vor diesem Hintergrund wenden sich viele Arbeiter und Jugendliche der einzig rationalen und wissenschaftlichen Erklärung der gegenwärtigen Krise zu – den Ideen des wissenschaftlichen Sozialismus, des Marxismus. Trotz aller Versuche zu beweisen, dass der Kapitalismus die einzig mögliche Gesellschaftsform ist, in der wir leben können, ist es gerade der Kapitalismus in der Krise, der die fortschrittlichsten Teile der Jugend und der Arbeiterklasse dazu treibt, nach einem revolutionären Ausweg zu suchen. Und genau diese Schichten werden in der vorliegenden Publikation die Antworten finden, nach denen sie suchen.

Eine sorgfältige Lektüre und Auseinandersetzung mit den vier in diesem Band vorgestellten Texten ist unerlässlich für jeden jungen Arbeiter, für jeden jungen Studenten, für alle Arbeiter, die zu dem Schluss gekommen sind, dass sich die Gesellschaft in einer Sackgasse befindet, dass mit dem System als Ganzes etwas grundlegend nicht stimmt.

Von Karl Marx stammen die berühmten Worte, »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an, sie zu verändern[29] Damit wollte er die Philosophie an sich nicht abtun. Auch der Marxismus ist eine philosophische Weltanschauung. Marx meinte vielmehr, dass wir uns nicht darauf beschränken, die Welt zu interpretieren und zu analysieren, sondern uns aktiv im Kampf für ihre Veränderung engagieren. Das ist das Wesen des revolutionären Kommunismus.

Fred Weston, März 2025

[1]              Statuten des Bundes der Kommunisten, MEW, Bd. 4, S. 596.

[2]              Klassiker des Marxismus. Band 1. S. 41. Im Folgenden: In diesem Band.

[3]              In diesem Band, S. 42.

[4]              In diesem Band, S. 40.

[5]              World Bank Group: Poverty, Prosperity and Planet Report. 2024.

[6]              In diesem Band, S. 48.

[7]              In diesem Band, S. 83.

[8]              Der Chartismus war eine revolutionäre Bewegung von Millionen von Arbeitern in den 1830er- und 1840er-Jahren, die erste ihrer Art in der britischen Geschichte. Die Chartisten forderten u.a. das allgemeine Wahlrecht, bessere Arbeitsbedingungen und den Zehn-Stunden-Tag und brachten Großbritannien an den Rand einer Revolution.

[9]              In diesem Band, S. 73.

[10]            In diesem Band, S. 85.

[11]            In diesem Band, S. 88.

[12]            In diesem Band, S. 90f.

[13]            In diesem Band, S. 38.

[14]            Erscheint 2026 im 1917 Verlag.

[15]            Der Bürgerkrieg in Frankreich. Adresse des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation. In: MEW, Bd. 17, S. 336. Erscheint 2026 im 1917 Verlag.

[16]            In diesem Band, S. 115.

[17]            In diesem Band, S. 116.

[18]            In diesem Band, S. 202.

[19]            In diesem Band, S. 214.

[20]            In diesem Band, S. 200.

[21]            In diesem Band, S. 200/207.

[22]            In diesem Band, S. 229.

[23]            In diesem Band, S. 229.

[24]            In diesem Band, S. 229.

[25]            In diesem Band, S. 230.

[26]            Trotzki: Der Kampf für eine Labor Party in den USA.

[27]            Provisorische Statuten der Internationalen Arbeiter-Assoziation. In: MEW, Bd. 16, S. 14.

[28]            Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. In: MEW, Bd. 1, S. 385.

[29]            Thesen über Feuerbach. In: MEW, Bd. 3, S. 7, Hervorhebungen im Original.