Was ist der Trotzkismus? (Editorial IVdM Nr. 18)


Jänner 2026.


Die Theorie der Permanenten Revolution ist neben Lenins Theorie des Imperialismus einer der wichtigsten Beiträge zum Marxismus seit dem Tod von Marx und Engels. Deswegen sind wir stolz darauf, in dieser Ausgabe von In Verteidigung des Marxismus eine Auswahl von Artikeln zu veröffentlichen, welche dieses Konzept tiefergehend behandeln.

Zuerst benutzt von Marx im Jahr 1850, wird dieser Begriff der „Permanenten Revolution“ heute mit dem Namen Leo Trotzkis verbunden, welcher seine Ideen im Zuge der Russischen Revolution von 1905 entwickelte.

Deswegen bringt jede Diskussion über die Permanente Revolution unweigerlich die Frage des sogenannten „Trotzkismus“ auf. Aber was bedeutet Trotzkismus und hat es überhaupt eine Bedeutung? Und welche Relevanz hat das für heute, 85 Jahre nach der Ermordung Trotzkis?

Die Wahrheit ist immer konkret

Trotzkismus wird oft einfach als Antistalinismus dargestellt. So könnte man aber eine ganze Reihe von Strömungen beschreiben, von denen die meisten überhaupt nichts mit Trotzkis Ideen zu tun haben.

Der wahre Inhalt des Trotzkismus liegt nicht in dem, was er ablehnt, sondern in dem, was er selber vertritt. Jede Beschäftigung mit dem Trotzkismus muss deshalb mit den grundlegenden Prinzipien beginnen, die Trotzkis Leben als Revolutionär definierten.

Das allererste und fundamentalste Prinzip ist Trotzkis Zugang zur philosophischen Methode des Marxismus: Die Dialektik. Im Jahr 1939 schrieb er:

„Dialektisches Training des Geistes, für einen revolutionären Kämpfer so notwendig wie Fingerübungen für einen Pianisten, verlangt, dass man an alle Probleme als Prozesse herangeht und nicht als starre Kategorien.“[1]

In der Politik wie im Leben sind wir es gewohnt, bestimmte Ideen wie „Demokratie“, „Diktatur“, „Kapitalismus“, „Sozialismus“ usw. zu hören und zu verwenden, Zusätzlich dazu hat die marxistische Theorie ihr eigenes wissenschaftliches Vokabular entwickelt, um spezifischere Konzepte wie „Bürgerliche Revolution“, „Arbeiterstaat“, „Bonapartismus“, etc. zu beschreiben.

All diese Kategorien sind aus der Realität entnommen und sind wertvolle Werkzeuge, um die Gesellschaft in ihrer Entwicklung zu verstehen. Jedoch hat jede dieser Kategorien notwendigerweise eine abstrakte Qualität, weil sie einen besonderen Aspekt eines Phänomens beschreibt. Insbesondere dann, wenn man sie mit der lebendigen Realität vergleicht, welche unendlich vielseitig und komplex ist.

Zum Beispiel sind die meisten Menschen mit der Kategorie „Kapitalismus“ vertraut und damit, dass fast jede Volkswirtschaft auf der Welt heute als kapitalistisch bezeichnet werden kann. Weiters würden die meisten zustimmen, dass alle kapitalistischen Staaten gemeinsame Eigenschaften haben und allgemeinen Gesetzen oder Tendenzen unterworfen sind.

Aber können wir daraus schließen, dass alle kapitalistischen Volkswirtschaften ident sind; dass alle sich genau gleich entwickeln und im selben Tempo? Und wenn eine Gesellschaft nicht in das allgemeine Bild unseres theoretischen Konzepts des Kapitalismus passt, bedeutet das, dass sie überhaupt nicht kapitalistisch sein kann?

Wenn man auf diese Weise argumentiert, tappt man in die Falle des Formalismus, der mit allgemeinen Kategorien und Definitionen beginnt, aus diesen gewisse Schlussfolgerungen ableitet und sie dann versucht, auf die beobachteten Fakten überzustülpen. Dieser Zugang ist in der Politik nur allzu verbreitet und führt oft zu schwerwiegenden Fehlern.

In der Realität – im Gegensatz zu unseren Ideen und Kategorien – ist nichts statisch oder losgelöst. Alle Dinge sind miteinander verbunden und in einem konstanten Prozess des Entstehens und Vergehens, und der Verkehrung in ihr Gegenteil: von toter zu lebender Materie; von Stabilität und Fortschritt zu Krise und Verfall… und umgekehrt.

Die dialektische Logik ist das mächtigste Werkzeug, das die Menschen entwickelt haben, um diese Realität im Gedanken einzufangen. Sie bereichert unsere Konzeptionen und Kategorien mit der Flexibilität und Konkretheit, die sie brauchen, um als Handlungsanleitung zu dienen. Wie Trotzki es ausdrückte:

„Dialektisches Denken steht zum gewöhnlichen Denken in demselben Verhältnis wie der Film zu einem Standfoto. Der Film macht Standfotos nicht wertlos, sondern verbindet eine Reihe von ihnen entsprechend den Gesetzen der Bewegung.“[2]

In allen Schriften und Vorträgen Trotzkis finden wir ständige Polemiken gegen alle Arten des Formalismus, Schematismus und die gedankenlose Wiederholung von Phrasen.

Dialektische Analyse

1906, beinahe 20 Jahre vor den Debatten mit Stalin, führte Trotzki einen theoretischen Kampf gegen den menschewistischen Flügel der Russischen Sozialdemokratie, welche die Konzepte des Marxismus in die leere Formel der „Etappen“ umwandelten.

Die Menschewiki begannen mit dem Prinzip, dass Russland eine „bürgerliche Revolution“ bevorstünde. Das wurde von allen Marxisten zu dieser Zeit akzeptiert. Ausgehend von dieser nackten Kategorie argumentierten sie, dass die Bourgeoisie deswegen zuerst eine kapitalistische Demokratie etablieren muss, ähnlich wie in den westlichen Ländern. Nur nach einer nicht festgelegten Periode der kapitalistischen Entwicklung würde Russland für die sozialistische Revolution heranreifen.

Wie Trotzki argumentierte, war diese Auffassung den echten Methoden von Marx und Engels komplett fremd. Notwendig war eine konkrete Analyse der realen Kräfte und Interessen der verschiedenen Klassen, die in Russland zu jener Zeit tatsächlich gelebt haben. Das Produkt dieser dialektischen Analyse war die Theorie der Permanenten Revolution.

Trotzki erklärte, dass die konkrete russische Bourgeoisie kein Interesse am Sturz des Zarismus und des Großgrundbesitzes hatte. Deswegen könnte die bürgerlich-demokratische Revolution nur vollendet werden, wenn die Arbeiterklasse an der Spitze eines Bündnisses mit der Bauernschaft die Macht ergreift. Aber die Arbeiterklasse würde sich sicher nicht auf die Einrichtung einer bürgerlichen Republik beschränken. Die bürgerliche Revolution würde deswegen in die sozialistische Revolution „hinüberwachsen“.

Trotskis Theorie wurde durch die Erfahrungen der Russischen Revolution und die Machtergreifung der Sowjets im Oktober 1917 komplett bestätigt. Und die Logik der Permanenten Revolution kann seitdem in Revolutionen auf der ganzen Welt beobachtet werden: von Vietnam bis Venezuela, von Syrien bis zum Sudan und darüber hinaus.

In Verteidigung des Marxismus

Denselben Kampf führte Trotzki auch gegen die selbsternannten Erben Lenins (wie etwa Stalin und Bucharin), die die kurzsichtige Anpassung an die „etablierten Fakten“ des Augenblicks mit einem extrem formalistischen und scholastischen Zugang zur marxistischen Theorie kombinierten. Trotzki warnte:

„Wer auf dem Gebiet der Theorie mit abstrakten Kategorien operiert, ist in der Praxis dazu verurteilt, blindlings vor den Tatsachen zu kapitulieren.“[3]

Nachdem die revolutionäre Welle abgeklungen war, die auf den Ersten Weltkrieg folgte, verkündete Stalin im Herbst 1924 die brandneue Theorie des „Sozialismus in einem Land“. Laut dieser Theorie könne die Sowjetunion die neue sozialistische Ordnung vollständig innerhalb ihrer eigenen Grenzen aufbauen, ohne dass es eine Notwendigkeit für die Machtergreifung der Arbeiterklasse in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern gebe.

Trotzki widersetzte sich dieser Revision eines grundlegenden Prinzips des Marxismus. Dafür wurde er beschuldigt, ein Pessimist zu sein und zu glauben, dass die Revolution „zum Scheitern verurteilt“ wäre. Warum? Weil, argumentierte Stalin, wenn man den Sozialismus in Russland nicht aufbauen könnte, „hätte [man] im Oktober 1917 nicht die Macht ergreifen sollen.“[4]

Hier wiederholten Stalin und seine Verbündeten genau dasselbe Argument der Menschewiki. Aber während die Menschewiki diese formalistische Begründung nutzten, um gegen die Machtübernahme der Arbeiterklasse zu argumentieren, stellten die Stalinisten diese Logik auf den Kopf: Weil die Arbeiter die Macht ergriffen haben, müssten sie in der Lage dazu sein, den Sozialismus aufzubauen.

Diese menschewistische Methode führte organisch zu einer menschewistischen Politik. Dementsprechend wurde den chinesischen Kommunisten befohlen, sich der Disziplin einer bürgerlich-nationalistischen Partei zu unterwerfen, der Kuomintang, mit der Begründung, dass China eine „bürgerlich-nationale Revolution“ bevorstünde.

Dieser Zugang führte zu einer Reihe von Niederlagen und Krisen innerhalb und außerhalb der Sowjetunion. Selbst als die Sowjetregierung im Jahr 1928 abrupt ihren Kurs wechselte, blieb ihr Formalismus eine Konstante.

Den auffälligsten Beweis dafür sieht man in der berüchtigten Theorie des „Sozialfaschismus“: Sowohl Faschisten als auch Sozialdemokraten unterstützten den Kapitalismus; daher sei die Sozialdemokratie einfach der „moderate Flügel“ des Faschismus. Nicht nur das, sie wurde zur „sozialen Hauptstütze der Diktatur der Bourgeoisie“ erklärt.

Das praktische Ergebnis dieser sogenannten „Theorie“ war die Spaltung und Lähmung der Arbeiterklasse, welche zu Hitlers Sieg führte.

Noch einmal war die Kommunistische Internationale gezwungen umzulenken. Aber mit jeder Kehrtwende in der Politik kam eine neue Revision des Marxismus, komplett mit einer neuen Reihe von Lenin-„Zitaten“, die aus dem Kontext gerissen und verdreht wurden, um zu zeigen, dass die Führung sowohl vor als auch nach dem Kurswechsel „im Allgemeinen“ richtig gehandelt hatte.

Diese „Umerziehung“ der Basis wurde dann durch Verleumdungen, Ausschlüsse und sogar Mord durchgeführt. Die Auswirkungen waren nicht nur die Auslöschung jedes marxistischen Denkens in den Reihen der Kommunistischen Internationale, sondern jeglichen Denkens überhaupt, das über den Kadavergehorsam gegenüber der „Parteilinie“ hinausging.

Trotzkis Widerstand gegen diese Ideen entstand nicht einfach nur aus Meinungsverschiedenheiten über die Politik der Sowjetregierung und schon gar nicht wegen persönlicher Machtkämpfe und Intrigen. Es war ein Kampf zur Verteidigung des Marxismus selbst.

Aber Trotzkis Kampf um die Verteidigung des Marxismus beschränkte sich nicht auf die Stalinisten. Er führte später einen ähnlichen Kampf gegen diejenigen, die sich aus antistalinistischen Erwägungen um das Banner der Internationalen Linken Opposition scharten, ohne jemals wirklich die Ideen und Methoden des Marxismus aufgenommen zu haben.

Unter dem enormen Druck der bürgerlichen öffentlichen Meinung, stellte sich eine Schicht von Trotzkis Anhängern im Westen gegen die von ihm vertretene bedingungslose Verteidigung der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Ihre Behauptung war, dass man die Sowjetunion wegen der brutalen Diktatur und der reaktionären Politik der stalinistischen Bürokratie nicht länger als Arbeiterstaat (als Übergangsregime zwischen Kapitalismus und Sozialismus) betrachten kann.

Es ist bedeutend, dass einige der wertvollsten Schriften in den letzten Jahren von Trotzkis Leben nicht nur der politischen Widerlegung dieses, im Wesentlichen kleinbürgerlichen, Rückzugs gewidmet waren, sondern auch einer streitbaren Verteidigung der philosophischen Basis des Marxismus selbst. Im Laufe dieser Debatte hielt Trotzki einen Meisterkurs in der Dialektik:

„Die soziologischen Fragen würden ohne Zweifel einfacher aussehen, wenn die sozialen Erscheinungen immer vollendet wären. Nichts ist jedoch gefährlicher, als auf der Suche nach logischer Vollendung aus der Wirklichkeit die Elemente auszumerzen, die bereits heute das Schema verletzen, morgen aber es vollends über den Haufen werfen können. … Die wissenschaftliche wie die politische Aufgabe besteht nicht darin, einen unvollendeten Prozess mit einer vollendeten Definition zu versehen, sondern darin, ihn in all seinen Etappen zu verfolgen, seine fortschrittlichen und reaktionären Tendenzen herauszuschälen, deren Wechselwirkung aufzuzeigen, die möglichen Entwicklungsvarianten vorauszusehen und in dieser Voraussicht eine Stütze fürs Handeln zu finden.“[5]

Diese Methode sollte Trotzki während seines gesamten Lebens als marxistischer Revolutionär als unfehlbarer Leitfaden dienen.

Prinzipien des Bolschewismus

Aus seiner marxistischen Methode fließt auch eine weitere Konstante. In allen Schriften und im ganzen politischen Wirken Trotzkis finden wir die Bestärkung der Unabhängigkeit, des Klassenbewusstseins und des Internationalismus der Arbeiterklasse.

Was ist denn nun die praktische Schlussfolgerung aus der Permanenten Revolution? Dass die Kommunisten – während sie die spezifischen objektiven Bedingungen in jedem Land berücksichtigen – danach streben sollen, die politische Unabhängigkeit des Proletariats zu wahren, das Bewusstsein und die Organisation der Arbeiterklasse zu heben und auf das Ziel der direkten Machteroberung an der Spitze aller Unterdrückten auszurichten.

Das ist auch was Marx gemeint hat, als er den Begriff der Permanenten Revolution verwendet hat. Und es waren diese „revolutionären Illusionen“, welche unter dem Namen des „Trotzkismus“ angegriffen wurden, als der Begriff durch den russischen Liberalen Pawel Miljukow im Jahr 1907 zum ersten Mal geprägt wurde.[6]

Das war auch der grundlegende politische Inhalt von Trotzkis Kampf zur Verteidigung der Traditionen des Bolschewismus nach Lenins Tod.

Es ist kein Zufall, dass der Begriff „Trotzkismus“ nach Lenins Tod im Jahr 1924 in den allgemeinen Sprachgebrauch Eingang fand. Zu dieser Zeit wandte sich die aufsteigende Sowjetbürokratie von der Weltrevolution ab und hin zu einer Einigung mit den wohlhabenderen Schichten der Bauernschaft im Inland und den kapitalistischen Staaten im Ausland.

Demgegenüber kämpfte Trotzki für die ökonomische und politische Stärkung (in den Sowjets und in der Kommunistischen Partei selbst) der Arbeiter und das strategische Ziel, die Revolution international auszubreiten. Das bedeutete nichts weniger als die Verteidigung des grundlegenden Programms der bolschewistischen Partei von 1917 und der Gründungsprinzipien der Sowjetunion.

In diesem Zusammenhang griff die „Troika“ aus Stalin, Sinowjew und Kamenew eifrig den Begriff des „Trotzkismus“ auf, um eine künstliche Trennlinie zwischen den Ideen Trotzkis und den Ideen Lenins zu ziehen. Ende 1924 erschien plötzlich eine Flut von Artikeln in der sowjetischen Presse, die alle den „Leninismus“ gegen den „Trotzkismus“ verteidigten.

In der Realität gab es so eine Differenz zwischen Trotzki und Lenin nicht. Als Trotzki die Perspektive auf eine Versöhnung mit den Menschewiki aufgab, sagte Lenin sogar, dass es „seitdem keinen besseren Bolschewiken“[7] gab.

Trotzki konnte den Begriff „Trotzkismus“ nie leiden. Nicht umsonst beschrieb Trotzki die Kampagne gegen den „Trotzkismus“ als „Kampf gegen das geistige Erbe Lenins.“[8] Deswegen bezeichneten sich Trotzki und seine Anhänger nicht als Trotzkisten, sondern als „Bolschewiki-Leninisten“, um diese Verbindung zu betonen.

Alle Hindernisse zerschlagen

Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass es nicht nur ein Kampf der Ideen war. Trotzkis theoretische und politische Prinzipien wurden durch einen unbeugsamen revolutionären Willen zusammengeschweißt, welcher selber ein grundlegendes Element des Marxismus bildet. Als Trotzki selbst bemerkte:

„Man kann kluge und beschränkte Revolutionäre haben, vernünftige und mittelmäßige. Aber man kann keine Revolutionäre haben, denen die Bereitschaft fehlt, Hindernisse zu zerschlagen.“[9]

Kommunisten wiederholen oft Lenins tiefgründige Aussage, dass die „Lehre von Marx allmächtig [ist], weil sie wahr ist“.[10] Aber es ist ebenfalls notwendig, die nötigen praktischen Schlussfolgerungen zu ziehen. Der Marxismus verlangt von uns, dass wir nicht nur die Wahrheit sehen und die Wahrheit sprechen, sondern auch tun, was die Wahrheit verlangt, egal welcher Widerstand und welche Schwierigkeiten uns entgegenkommen. Aus diesem Holz sind Revolutionäre geschnitzt.

Trotzki musste sein gesamtes Leben unter ständiger Verfolgung im Exil verbringen, zuerst von der zaristischen Polizei, später von den Stalinisten. Weil ihm die aufgeklärten „Demokratien“ die Einreise verweigerten, wurde Trotzki ans andere Ende der Welt vertrieben. Seine Familie wurde verfolgt und getötet und er lebte unter ständiger Morddrohung.

Aber egal, wie überwältigend der Druck auch war, er gab nie nach.

Dieselbe Entschlossenheit findet man auch im Leben von Marx und den vielen anderen Revolutionären im Verlauf der Geschichte. Man sieht sie im tapferen Kampf der Linken Opposition innerhalb der UdSSR während der Großen Säuberung, die auf dem Marsch zu ihrer Hinrichtung die Internationale sangen, oder in den tausenden Bolschewiki-Leninisten auf der ganzen Welt, die ihr Leben dem Aufbau der Kräfte des genuinen Marxismus widmeten, oft unter der Gefahr harter Repressionen.

Gegen Sektierertum

Trotzkis bedingungslose Verteidigung der grundlegenden Prinzipien des Bolschewismus entartete jedoch niemals in Sektierertum. Er zeigte immer ein scharfes Verständnis für die Notwendigkeit, das Programm der sozialistischen Revolution mit dem echten, lebendigen Kampf der Massen zu verbinden.

Trotzki verband den Kampf gegen das Sektierertum in der Praxis ausdrücklich mit dem Kampf gegen den Formalismus in der Theorie:

„Obwohl er in jedem Satz auf den Marxismus schwört, ist der Sektierer die direkte Verneinung des Dialektischen Materialismus, welcher die Erfahrung zu seinem Ausgangspunkt nimmt und immer zu ihr zurückkehrt.“[11]

Er bemühte sich, der Vierten Internationale die richtige Methode zu vermitteln, und gab in ihrem Gründungsdokument eine vernichtende Beschreibung des Sektierertums:

„Eine Brücke in Form von Übergangsforderungen brauchen diese unfruchtbaren Politiker überhaupt nicht, denn sie gedenken gar nicht, ans andere Ufer zu gelangen. Sie treten auf der Stelle und begnügen sich mit dem Wiederkäuen immer derselben dürftigen Abstraktionen. Politische Ereignisse sind für sie Anlass zu Kommentaren, nicht aber zum Handeln. Da nun die Wirklichkeit den Sektierern wie überhaupt jeder Art von Wirrköpfen und Wunderheilern auf Schritt und Tritt ein Schnippchen schlägt, leben sie in einem Zustand ewiger Gereiztheit, beklagen sich unaufhörlich über das ‚Regime‘ und die ‚Methoden‘ und widmen sich dem kleinen Ränkespiel. In ihren eigenen Zierkelchen herrscht gewöhnlich ein despotisches Regiment.“[12] Er schloss mit einer eindringlichen Warnung:

„Wer nicht den Weg zur Massenbewegung sucht und findet, ist kein Kämpfer, sondern toter Ballast für die Partei. Ein Programm wird nicht für eine Redaktionsstube, einen Lesesaal oder einen Debattierklub, sondern für das revolutionäre Handeln von Millionen geschaffen. Die Reinigung der Reihen der Vierten Internationale vom Sektierertum und von den unverbesserlichen Sektierern ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für revolutionäre Erfolge.“[13]

Tragischerweise war es Trotzki nicht gestattet, seinen letzten Kampf zu Ende zu führen. Ein stalinistischer Agent nahm der Vierten Internationale ihren herausragenden Führer mit einem feigen Schlag auf den Hinterkopf am 20. August 1940.

Die Führer, die die Internationale übernahmen, standen nach dem Chaos und Blutvergießen des Krieges einer Welt gegenüber, die sich dramatisch verändert hatte. Ohne die feste theoretische Anleitung des „Alten“ stellte sich niemand von ihnen als fähig heraus, der neuen Situation Rechnung zu tragen – weder in der Analyse noch in Taten.

Wie Trotzki gewarnt hatte, führte dies dazu, dass die Vierte Internationale zu einer Vielzahl irrelevanter, zerstrittener Sekten degenerierte. An dieser Stelle müssen wir etwas darüber sagen, was der Trotzkismus nicht ist.

Nicht eine der Organisationen, welche heute den Namen der Vierten Internationale beanspruchen haben irgendetwas mit den echten Ideen und Methoden von Trotzki zu tun. Vielmehr sind sie eine schädliche Karikatur, deren einziger Beitrag zur Bewegung es war, den Namen des Trotzkismus in weiten Teilen der Arbeiterklasse durch den Dreck zu ziehen.

Trotzkis Erbe

Die Vierte Internationale wurde zerstört, aber das Wesen des Trotzkismus lebt weiter. Es lebt weiter im Fortbestehen der wahren Ideen des Marxismus und den Traditionen der bolschewistischen Partei unter Lenin, welche heute genauso relevant und notwendig sind wie bei der Gründung der Vierten Internationale im Jahre 1938.

Zu dieser Zeit schrieb Trotzki: „Die historische Krise der Menschheit ist zurückzuführen auf die Krise der revolutionären Führung.“[14] Diese Worte sind heute genauso wahr wie damals, als sie geschrieben wurden.

Die internationale kommunistische Bewegung befindet sich in einer Sackgasse. Viele selbsternannte „marxistische“ Parteien sind degeneriert: in reformistische Parteien, unbedeutende Sekten oder sie sind gänzlich von der Bildfläche verschwunden. Währenddessen suchen Millionen von Menschen weltweit nach Antworten, und nicht nur das; sie suchen nach einer Bewegung, einem Banner, um das sie sich scharen können.

Trotzkis größte Errungenschaft war, dass er das saubere Banner des Marxismus bewahrte und es inmitten all des Grauens und der Abwendung, mit denen er konfrontiert war, hochhielt. Lasst uns dieses Banner aufnehmen und für den Aufbau einer Weltpartei der sozialistischen Revolution nutzen, welche die Arbeiterklasse endlich zum Sieg führen kann.

Die Redaktion

[1] L. Trotzki: Eine kleinbürgerliche Opposition in der Socialist Workers Party. In: Verteidigung des Marxismus. Essen, Arbeiterpresse, 2006. S. 65.

[2]  Ebd., S. 61.

[3] L. Trotzki: Bonapartismus und Faschismus. In: Wohin geht Frankreich? Essen, Mehring Verlag, 2023. S. 221.

[4] J. Stalin: Zu den Fragen des Leninismus. In: Werke. Band 6. Berlin/DDR, Dietz, 1952. S. 42.

[5] L. Trotzki: Verratene Revolution. Essen, Mehring Verlag, 2016. S. 255.

[6] Vgl. L. Trotzki: Mein Leben. Kapitel Vorbereitung zur neuen Revolution. Oder L. Trotzki: Geschichte der Russischen Revolution. Oktoberrevolution. Anhang 2. Sozialismus in einem Lande?

[7] L. Trotzki: Stalins Verbrechen. Berlin/DDR, Dietz Verlag, 1990. S. 166.

[8] Vgl. L. Trotzki: Mein Leben. Kapitel Lenins Krankheit.

[9] L. Trotsky: How Revolutionaries Are Formed. (Brief an Maurice Paz, 11. Juli 1929) In: Writings 1929. New York, Pathfinder, 1975. S. 192.

[10] W. I. Lenin: Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus. In: LW 19, S. 3.

[11] L. Trotzki: Sectarianism, Centrism and the Fourth International. In: Writings 1935-36. New York, Pathfinder, 1977. S. 153.

[12] L. Trotzki: Das Übergangsprogramm. Abschnitt Gegen das Sektierertum. Essen, Arbeiterpresse, 1997. S. 129.

[13] Ebd., S. 129f.

[14] Ebd., S. 84.