Alessandro Giardiello
Juni 2022
Der Autor ist führendes Mitglied der ›Partito Comunista Rivoluzionario‹, der italienischen Sektion der Revolutionären Kommunistischen Internationale (RKI), und Teil der Redaktion ihrer Zeitung, ›Rivoluzione‹. Dieser Text wurde im Zuge der italienischen Neuauflage von Lenins ›Imperialismus‹ verfasst und diesem als Vorwort vorangestellt.
Lenin verfasste sein Buch ›Der Imperialismus‹ 1916 in Zürich. Er stand damals inmitten eines kompromisslosen Kampfes gegen die Führer der internationalen Sozialdemokratie, die die Resolution des Kongresses von Basel im Jahr 1912,[1] in der man einstimmig die Linie »Krieg dem Krieg« bezogen hatte, verraten hatten.
Die Resolution proklamiert unmissverständlich den imperialistischen Charakter des kommenden Krieges. Sie hält fest, welche praktischen Aktionen das Proletariat setzen kann, um einen Kriegsausbruch zu verhindern, und hält fest, dass wenn dies misslinge, man die politischen und ökonomischen Erschütterungen der Massen zur Machtergreifung nutzen werde.
Doch den großen Worten folgten keine Taten, und als im August 1914 der Erste Weltkrieg tatsächlich ausbrach, verwandelten sich die sozialdemokratischen Parteien in die Prätorianergarde der eigenen nationalen Bourgeoisie. Nicht nur, dass sie in den Parlamenten für die Kriegskredite stimmten, sie unterstützten die Kriegsbemühungen sogar aktiv. Nur eine kleine Minderheit ließ sich vom nationalistischen Fieber nicht anstecken. Dazu zählten die Bolschewiki, die serbischen Sozialisten unter der Führung von Dušan Popović, die Spartakusgruppe rund um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Deutschland sowie die Gruppe ›Nasche Slowo‹ von Leo Trotzki.
Auch wenn Lenin keine übermäßigen Illusionen in die Führer der Zweiten Internationale gehegt hatte, so war er doch überrascht, mit welcher Geschwindigkeit dieser Gesinnungswandel vor sich ging. Als er im ›Vorwärts‹, dem offiziellen Organ der deutschen Sozialdemokratie, lesen musste, dass die Abgeordneten der SPD im Reichstag für die Kriegskredite gestimmt hatten, glaubte er in einem ersten Moment, diese Nachricht sei eine Fälschung des deutschen Generalstabs.[2]
Die Fahnenflucht aus dem sozialistischen Lager war schändlich. Benito Mussolini, damals Chefredakteur der Parteizeitung ›Avanti‹, kehrte dem Sozialismus den Rücken und schlug einen neuen Weg ein, der schließlich zum Faschismus führte. Gustave Hervé, Antimilitarist, Sozialrevolutionär und heftiger Kritiker des Kolonialismus, der 1907 auf dem Kongress von Stuttgart noch eine Resolution präsentiert hatte, in dem er den Vorschlag machte, die Arbeiterbewegung müsse einen ausbrechenden imperialistischen Krieg mit einem Generalstreik stoppen (eine Position, die Lenin als illusorisch bezeichnete), wurde über Nacht ein glühender Nationalist und übernahm zusehends rechte bis halbfaschistische Standpunkte. Der Belgier Emil Vandervelde, Vorsitzender des ›Internationalen Sozialistischen Büros‹ (ISB), akzeptierte inmitten des imperialistischen Krieges das Angebot, Minister einer bürgerlichen Regierung zu werden. Jules Guesde, der von vielen als »Vater des französischen Marxismus« gesehen wurde, tat es ihm gleich. Georgi Plechanow, Begründer des Marxismus in Russland, der während des Russisch-Japanischen Krieges einst dem japanischen Sozialisten Sen Katayama die Hand gereicht hatte, unterstützte nun die zaristische Regierung.
Der erste, der auf diese reaktionäre Welle reagierte, war der niederländische Marxist Anton Pannekoek. In seinem Artikel ›Der Zusammenbruch der Internationale‹ proklamierte er: »Die Zweite Internationale ist tot.« Lenin nahm positiven Bezug auf diesen Text: »Am meisten tun für die aufrichtige und nicht heuchlerische Wiedererrichtung einer sozialistischen, nicht aber chauvinistischen, Internationale solche Männer wie Pannekoek …«[3]
Nachdem er sich vom anfänglichen Unglauben erfangen hatte, beschloss Lenin mit den »Sozialpatrioten« zu brechen und so die Grundlage für eine neue Arbeiterinternationale, die kommunistische, zu legen. Die ersten Schritte dahingehend wurden im September 1915 mit der Zimmerwalder Konferenz gesetzt.
Objektiv betrachtet waren die Revolutionäre unter den damaligen Umständen völlig isoliert. Mit einer ordentlichen Portion Selbstironie schrieb Trotzki:
»Wir drängten uns in vier Wägen zusammen und fuhren ins Gebirge. … Die Delegierten scherzten selbst darüber, dass es ein halbes Jahrhundert nach der Begründung der Ersten Internationale möglich war, alle Internationalisten in vier Wagen unterzubringen.«[4]
Es ging zu diesem Zeitpunkt um den Wiederaufbau eines neuen revolutionären Projekts unter den Bedingungen der Isolation, in der sich die kleinen Gruppen von Sozialistinnen und Sozialisten, die den Prinzipien des revolutionären Marxismus treu geblieben waren, befanden.
Die Methode Lenins bestand darin, sein Handeln und Wirken stets auf das zentrale Ziel des Aufbaus einer revolutionären Partei auszurichten. Aus diesem Grund war ›Der Imperialismus‹ auch nie als reine Forschungsarbeit konzipiert, sondern vielmehr als Werkzeug für den politischen Kampf.
In der Ausarbeitung seines Textes verließ sich Lenin in erster Linie auf die Daten und Überlegungen anderer Wissenschaftler, die in den vorangegangenen Jahren zu diesem Thema gearbeitet hatten. Es kommt nicht von irgendwo, dass er ehrlich anerkannte, gegenüber John Atkinson Hobson und Rudolf Hilferding in der Schuld zu stehen, auch wenn er verschiedene Aspekte von deren Arbeiten einer Kritik unterzog.
Lenins ›Hefte zum Imperialismus‹ zeigen wie gründlich und erschöpfend er sich mit der verfügbaren Literatur zu dem Thema auseinandergesetzt hatte. Er stützte sich bei dieser Arbeit auf 148 Bücher und 232 Artikel![5]
Die Notwendigkeit zu einer solch ungeheuer tiefgehenden Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand ergab sich aus der Tatsache, dass es sich um ein grundlegend neues Phänomen handelte, das es zu analysieren galt und zu dem sich in der internationalen sozialistischen Bewegung eine jahrzehntelange intensive Debatte entsponnen hatte.
Der erste, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzte, war John Atkinson Hobson, ein liberaler Bürgerlicher mit einem Hang zu radikalen Ansichten. Er hing der Vision an, dass es möglich sei, den Kapitalismus gemäß ethischer Kriterien zu reformieren.[6]
Hobson lehnte Bodenpacht, staatliche Bürokratie und militärische Hierarchien zutiefst ab und trat dem Imperialismus mit einer radikal-demokratischen Haltung entgegen. Er vertrat eine im Grunde pazifistische und kleinbürgerliche Vision, in deren Zentrum ein vages Ideal des Zusammenlebens der Völker stand.
Sein Anliegen war es, die Bourgeoisie von der Irrationalität und Unwirtschaftlichkeit des Kolonialismus zu überzeugen. Hobson zufolge ergab sich die kolonialistische und imperialistische Politik nicht zwangsläufig aus den kapitalistischen Produktionsverhältnissen, sondern aus einer »verkehrten Verteilungswirtschaft«.[7] Aus diesem Grund sei es möglich, durch alternative politische Entscheidungen gegenzusteuern. Sein Ansatz ging zweifelsohne ins Leere, aus dem einfachen Grund, weil er mit den Interessen der herrschenden Klasse, die zur Steigerung der Profite auf Expansion, zusätzliche Ressourcen und neue Märkte angewiesen war, nicht in Einklang zu bringen war.
Trotz dieser politischen Beschränktheit gelang es Hobson, den Militarismus und die Kolonialpolitik der Großmächte, die mit Rassismus, Autoritarismus und der Vormachtstellung bürokratischer Staatsapparate einherging, wirkungsvoll anzuprangern. Es ist kein Zufall, dass sein Buch in der britischen Arbeiterbewegung einen großen Einfluss ausübte. Hobsons Verdienst war es, eine Debatte zu eröffnen, die sich in der Arbeiterbewegung in Lichtgeschwindigkeit ausbreitete.
Einer der ersten Sozialisten, die sich an dieser Debatte beteiligten, war Eduard Bernstein, der namhafteste Vertreter des rechten Flügels der Zweiten Internationale. Er vertrat die äußerst reaktionäre und gefährliche Position, dass sich die Arbeiterparteien nicht grundsätzlich gegen den Kolonialismus stellen sollten, sondern nur gegen die Formen, die er im kapitalistischen System annimmt.[8] Rosa Luxemburg bekämpfte diese Idee und wurde in der Folge zur schärfsten Kritikerin der reformistischen und revisionistischen Strömungen in der Sozialdemokratie.
Karl Kautsky, der wichtigste Theoretiker der Zweiten Internationale, positionierte sich in dieser Debatte in der Mitte: Einerseits lehnte er eine »sozialistische Kolonialpolitik« ab, andererseits entwickelte er die opportunistische Idee eines »Ultraimperialismus«, die Lenin einer Polemik unterzog und als »Ultra-Unsinn« bezeichnete.[9]
Rosa Luxemburg fällt das große Verdienst zu, sich dem Opportunismus von Bernstein, Kautsky & Co. entgegengestellt zu haben. Doch auch sie machte einen Fehler. Sie glaubte, der Kapitalismus könne seine eigenen Widersprüche mittels der Eroberung neuer Märkte in »vorkapitalistischen« Regionen, also in Ländern mit einer feudalen oder halbfeudalen Wirtschaftsweise, abmildern.[10]
Diese einseitige Perspektive ließ sie zu dem Schluss kommen, dass der Kapitalismus, sobald er sich einmal auf dem ganzen Planeten ausgebreitet hatte, automatisch zusammenbrechen würde. Diese »Zusammenbruchstheorie« wurde von Lenin kritisiert. Er legte dar, dass der Kapitalismus, sofern er nicht bewusst durch eine sozialistische Revolution gestürzt wird, immer einen Ausweg finden würde, auch wenn dadurch nur die Widersprüche des Systems vertieft und verschärft würden. Selbst um den Preis, die Menschheit in die Barbarei zu stürzen. Der Austromarxist Otto Bauer wiederum konzentrierte sich auf einen anderen Aspekt des Marxschen Denkens, den tendenziellen Fall der Profitrate und der systemimmanenten Notwendigkeit, »überschüssige« Waren und Kapital zu exportieren, um dieser Entwicklung gegenzusteuern. Diese Überlegung ist per se richtig, aber auch Bauer griff nur einen Teil der Analyse auf und verabsolutierte ihn, wodurch er die umfassende Kapitalismusanalyse von Marx aus den Augen verlor.[11]
1910 veröffentlichte dann Rudolf Hilferding sein Buch ›Das Finanzkapital‹. Dieses Werk löste in der sozialistischen Bewegung große Begeisterung aus. Kautsky bezeichnete es eindringlich als den »vierten Band des Kapitals«.
Hilferding war in den ersten Jahren seiner politischen Aktivität ein Unterstützer des linken Flügels in der Sozialdemokratie, mit der Zeit übernahm er jedoch die Positionen von Kautsky. In seinem Buch kommt er ausgehend von den Überlegungen von Marx über die Zentralisation des Kapitals zum Schluss, dass die großen Unternehmen im Laufe ihrer Entwicklung, um sich plötzlichen Veränderungen auf den Märkten anpassen zu können, immer mehr in Abhängigkeit von den Banken geraten waren. Umgekehrt versuchen die Banken zur Sicherung ihrer Darlehen, die zunehmend in Industriebetriebe flossen, die Herausbildung von Kartellen und Trusts zu begünstigen. Je größer diese Trusts wurden, desto größer war deren Bedarf an Krediten, folglich stimulierte die industrielle Konzentration eine parallele Zentralisierung des Bankkapitals und die Fusion von Bank- und Industriekapital.
Lenin kritisiert diesen Teil der Analyse nicht, sondern macht sich ihn zu eigen, genauso wie er Hilferdings Idee akzeptiert, wonach die sozialistische Planwirtschaft die logische Konsequenz der natürlichen Tendenz des Kapitalismus zur Vergesellschaftung der Produktion ist. Gleichzeitig lehnte er Hilferdings Geldtheorie und vor allem seinen Versuch ab, den Marxismus mit dem Opportunismus zu versöhnen, indem er Kautskys politische Position argumentativ untermauerte.
Hilferding zufolge würde die Tendenz des Finanzkapitals zur generellen Kartellbildung ein einziges machtvolles Kontrollzentrum innerhalb der kapitalistischen Ökonomie hervorbringen. Auch wenn er dem formal hinzufügte, dass ein derartiges Kartell nicht imstande sei, die sich aus dem Warenhandel ergebenden Widersprüche zu eliminieren, schlussfolgerte er, dass die Entwicklung an einem Punkt gelangt sei, an dem die globale kapitalistische Produktion von einer einzigen Stelle reguliert werden könnte, die für alle Industriezweige das Produktionsvolumen bestimmt. Die Preisfestsetzung wäre dann rein nominell, und das Geld würde keinerlei Rolle mehr spielen. In der utopischen Vision Hilferdings würde nicht nur das Geld verschwinden, sondern auch die Anarchie der kapitalistischen Produktion und der Tauschwert der Waren.
Der Einwand gegen diese These lautete: Wenn der Kapitalismus dazu imstande wäre, die Wirtschaft durch eine einzige Kommandozentrale zu planen, dann könnte er sich, aus sich selbst heraus, zu einem völlig neuen System weiterentwickeln. Er würde sich in eine Gesellschaft ohne Widersprüche zwischen Klassen und zwischen Nationalstaaten verwandeln, was gleichbedeutend mit der Behauptung ist, dass der Kapitalismus sich selbst reformieren und zu einem friedlichen und rundum fortschrittlichen System werden kann.
Analog dazu hatte auch Kautsky von einer neuen Phase des Kapitalismus gesprochen:
»Vom rein ökonomischen Standpunkt ist es nicht ausgeschlossen, dass der Kapitalismus noch eine neue Phase erlebt, die Übertragung der Kartellpolitik auf die äußere Politik, eine Phase des Ultraimperialismus«,[12] »die an Stelle des Kampfes der nationalen Finanzkapitale untereinander die gemeinsame Ausbeutung der Welt durch das international verbündete Finanzkapital setzte.«[13]
Das reformistische Potential dieser These war leicht nachzuvollziehen und entging Lenin sicherlich nicht, umso mehr als der Kapitalismus im Zuge des »Großen Krieges« gerade die ganze Gesellschaft in den Abgrund zog, was die pseudo-pazifistischen Hypothesen von Hilferding und Kautsky unmissverständlich widerlegte.
Der russische Revolutionär verwies im ›Imperialismus‹ auf den entscheidenden Punkt:
»Das Finanzkapital und die Trusts schwächen die Unterschiede im Tempo des Wachstums der verschiedenen Teile der Weltwirtschaft nicht ab, sondern verstärken sie. Sobald sich aber die Kräfteverhältnisse geändert haben, wie können dann unter dem Kapitalismus die Gegensätze anders ausgetragen werden als durch Gewalt?«[14]
Hier ist die Spaltungslinie zwischen dem utopischen Reformismus eines Kautsky und dem revolutionären Realismus eines Lenin gut auf den Punkt gebracht.
In der Folge hatte Lenin auch die Gelegenheit, seinen Standpunkt zu präzisieren. Der Imperialismus dürfe nicht als »Endstadium« des Kapitalismus verstanden werden, in dem die Konkurrenz verschwinden und die Kräfteverhältnisse zwischen den Trusts, den Kartellen und den Staaten stabil und unveränderlich würden. Im Gegenteil, diese würden neue und noch schärfere Erschütterungen erfahren.
Gelegenheiten zur Vertiefung dieser Aspekte ergaben sich während der Diskussion um die Revision des Parteiprogramms im Jahr 1917:
»In Wirklichkeit gestaltet der Imperialismus den Kapitalismus nicht von Grund auf um und kann es auch nicht. Der Imperialismus kompliziert und verschärft die Widersprüche des Kapitalismus, er ›verknotet‹ die Monopole mit der freien Konkurrenz, aber den Austausch, den Markt, die Konkurrenz, die Krisen usw. beseitigen kann der Imperialismus nicht. … Ein solches Ganzes gibt es nicht. Es gibt einen Übergang von der Konkurrenz zum Monopol … Gerade diese Verkoppelung der einander widersprechenden ›Prinzipien‹ – Konkurrenz und Monopol – ist für den Imperialismus wesentlich.«[15]
Und auf dem Kongress der Russischen Kommunistischen Partei (Bolschewiki) im März 1919, wo Lenin in einer Polemik mit Bucharin folgende Position verteidigte:
»Reinen Imperialismus ohne kapitalistische Grundlage hat es niemals gegeben, gibt es nirgends und wird es niemals geben. Es ist eine falsche Verallgemeinerung alles dessen, was über Syndikate, Kartelle, Trusts, Finanzkapitalismus gesagt wurde, als man den Finanzkapitalismus so darstellte, als ob er sich auf keinerlei Grundlagen des alten Kapitalismus stütze. … Nirgendwo in der Welt hat der Monopolkapitalismus ohne freie Konkurrenz in einer ganzen Reihe von Wirtschaftszweigen existiert und wird er je existieren.«[16] Und er fügte die folgende Passage hinzu:
»Imperialismus und Finanzkapitalismus [sind] ein Überbau über dem alten Kapitalismus.«[17]
Dabei handelte es sich um ein Konzept, das bereits Karl Marx (›Das Elend der Philosophie‹) beantwortet hatte:
»In der Praxis des Lebens findet man nicht nur Konkurrenz, Monopol und ihren Widerstreit, sondern auch ihre Synthese, die nicht eine Formel, sondern eine Bewegung ist. Das Monopol erzeugt die Konkurrenz, die Konkurrenz erzeugt das Monopol. Die Monopolisten machen sich Konkurrenz, die Konkurrenten werden Monopolisten. Wenn die Monopolisten die Konkurrenz unter sich durch partielle Assoziationen einschränken, so wächst die Konkurrenz unter den Arbeitern, und je mehr die Masse der Proletarier gegenüber den Monopolisten einer Nation wächst, um so zügelloser gestaltet sich die Konkurrenz unter den Monopolisten der verschiedenen Nationen. Die Synthese ist derart beschaffen, dass das Monopol sich nur dadurch aufrechterhalten kann, dass es beständig in den Konkurrenzkampf eintritt.«[18]
Lenin vertrat eine dynamische Sichtweise, und er ließ sich in keinem Moment zu dem Glauben hinreißen, dass die Rahmenbedingungen der internationalen Gleichgewichte, die sich im Zuge des Ersten Weltkriegs herausgebildet hatten, für immer und ewig anhalten würden. Absprachen zwischen den Monopolen könnten durch andere Abkommen ersetzt werden. Phasen, in denen die Konkurrenz überwiegt (die nie zur Gänze verschwunden ist) könnten wieder verstärkt zur Geltung kommen. Aber auch die Beziehungen der Staaten zur Industrie, zu den Banken und zu anderen Staaten könnten sich verändern.
Es ist kein Zufall, dass Lenins ›Imperialismus‹ auch die folgende Beobachtung beinhaltet:
»Das Charakteristische dieser Periode ist die endgültige Aufteilung der Erde, endgültig nicht in dem Sinne, dass eine Neuaufteilung unmöglich wäre – im Gegenteil, Neuaufteilungen sind möglich und unvermeidlich –, sondern in dem Sinne, dass die Kolonialpolitik der kapitalistischen Länder die Besitzergreifung unbesetzter Länder auf unserem Planeten beendet hat. Die Welt hat sich zum erstenmal als bereits aufgeteilt erwiesen, so dass in der Folge nur noch Neuaufteilungen in Frage kommen, d.h. der Übergang von einem ›Besitzer‹ auf den anderen, nicht aber die Besitzergreifung herrenlosen Landes.«[19]
Bucharins Position hingegen war starr, formalistisch und in gewisser Hinsicht spiegelverkehrt zu Hilferdings Konzeption. Auch wenn er Hilferdings Schlussfolgerung über die Möglichkeit der Abfederung zwischenstaatlicher Konflikte zurückwies, so vertrat Bucharin in seinem 1915 verfassten Werk ›Imperialismus und Weltwirtschaft‹ die These von »einer einzigen finanzkapitalistischen Gruppe« und der Transformation des imperialistischen Staates in einen »einheitlichen Gesamtkapitalisten«, der den kollektiven Willen der nationalen Bourgeoisie zum Ausdruck bringen würde.
Seine Bezugnahme auf das Konzept des Staatskapitalismus sollte nach der Oktoberrevolution noch offensichtlicher werden, als er die Frage folgendermaßen behandelte:
»Also: die Reorganisation der Produktionsverhältnisse des Finanzkapitals ging in der Richtung zur staatskapitalistischen Universalorganisation, mit der Aufhebung des Warenmarktes, mit der Verwandlung des Geldes in eine Zähleinheit, mit der im Staatsmaßstab organisierten Produktion, mit der Unterordnung des ganzen ›volkswirtschaftlichen‹ Mechanismus unter die Ziele der Weltkonkurrenz, d.h. vor allem unter die des Krieges.«[20]
Es lohnt sich kaum zu erwähnen, dass Bucharins Thesen (wie auch jene Hilferdings) keinerlei praktische Bestätigung gefunden haben, durch die konkrete historische Erfahrung widerlegt wurden, und dass sich Lenins Kritik als richtig erwiesen hat. Alle späteren Formen von Staatskapitalismus (man denke nur an Nazi-Deutschland und das faschistische Italien, Südkorea, Japan oder das heutige China), so unterschiedlich sie auch sein mögen, in keinem einzigen Fall waren sie das Produkt der Diktatur des Finanzkapitals. Und in keinem dieser Länder wurde die Konkurrenz, der Markt und das Geld als solches aufgehoben.
In diesem Zusammenhang macht es Sinn, sich in Erinnerung zu rufen, was Trotzki in der ›Verratenen Revolution‹ über den Staatskapitalismus schrieb:
»Theoretisch kann man sich zwar eine Situation vorstellen, in der die Bourgeoisie als ganze sich als Aktiengesellschaft etabliert, die mit Hilfe ihres Staates die ganze Volkswirtschaft verwaltet. … Bei einem integralen ›Staatskapitalismus‹ käme das Gesetz der Durchschnittsprofitrate nicht auf Umwegen, d.h. durch die Konkurrenz zwischen den Kapitalisten zur Anwendung, sondern direkt und unmittelbar durch die Staatsbuchhaltung. Ein solches Regime hat jedoch nie existiert und wird infolge der schweren Gegensätze unter den Besitzenden auch nie existieren – umso weniger, als der Staat als Universalvertreter des kapitalistischen Eigentums für die soziale Revolution ein allzu verlockendes Objekt wäre.«[21]
Dem fügte er eine weitere sehr wichtige Überlegung hinzu, in der er zwischen verschiedenen Formen von Staatsinterventionen unterschied:
»Seit dem Krieg und besonders seit den faschistischen Wirtschaftsexperimenten versteht man unter Staatskapitalismus meistens ein System staatlicher Einmischung und Regelung. Die Franzosen benutzen in diesem Fall die viel treffendere Bezeichnung ›Etatismus‹. Zwischen Staatskapitalismus und Etatismus gibt es zweifellos Berührungspunkte, doch als Systeme genommen sind sie eher gegensätzlich als identisch. Staatskapitalismus bedeutet Ersetzung des Privateigentums durch Staatseigentum und bleibt eben deshalb partiell. Etatismus bedeutet – gleichgültig, ob in Mussolini-Italien, Hitler-Deutschland, Roosevelt-Amerika oder im Frankreich Léon Blums – die Einmischung des Staates auf der Grundlage des Privateigentums mit dem Ziel, es zu retten. Welches die Regierungsprogramme auch sein mögen, der Etatismus führt unweigerlich dazu, die Verluste des faulenden Systems von den Schultern der Starken auf die der Schwachen abzuwälzen. … Die Planmaßnahmen des Etatismus sind nicht von den Entwicklungsnotwendigkeiten der Produktivkräfte diktiert, sondern von der Sorge um die Erhaltung des Privateigentums auf Kosten der Produktivkräfte, die sich gegen dieses Privateigentum auflehnen. Etatismus bedeutet Bremsung des technischen Fortschritts, Aufrechterhaltung lebensunfähiger Betriebe, Verewigung der schmarotzenden Gesellschaftsschichten; er ist mit einem Wort durch und durch reaktionär.«[22]
Es muss gesagt werden, dass diese Form der Politik, auf die sich Trotzki hier bezieht, in Ländern wie Italien und Österreich auch nach dem Sturz des Faschismus beibehalten wurde und in gewisser Hinsicht sogar vertieft wurde. In der Arbeiterbewegung ist ein Spruch sehr weit verbreitet, um dieses Phänomen zu beschreiben: »Verluste vergesellschaften und Gewinne privatisieren«.
Diese Politik wurde in den 1990er Jahren aufgegeben, nach der Krise von 2007/8, einer klassischen Überproduktionskrise, kam sie jedoch weltweit wieder zum Einsatz. In der Wirtschaftspolitik übersetzte sich das in eine beachtliche Rückkehr des Staates mit protektionistischen Maßnahmen, bürgerlichen Verstaatlichungen und der Rettung sogenannter »Zombie«-Firmen. (Unternehmen, die eigentlich schon insolvent sind, aber von den Staaten künstlich am Leben erhalten werden. In China und den USA, so schätzt man, gehören mehr als 20% aller Unternehmen zu dieser Kategorie.)
Nach den Jahren der sogenannten Globalisierung, in denen der Liberalismus regierte, haben wir eine Rückkehr zu Formen der staatlichen Interventionen in die Wirtschaft erlebt. Zentralbanken versuchen, über eine Politik des ›quantitative easing‹ (Kreditexpansion) den Kapitalismus und seine Widersprüche in einem Strom von Geld zu ertränken. Dies resultierte in einem massiven Anstieg der öffentlichen und privaten Schulden. Die Covid-19-Pandemie hat diese seit mindestens einem Jahrzehnt gefestigte Tendenz nur noch mehr verstärkt.
Wenn auf der einen Seite der parasitäre Charakter des Kapitals offen zu Tage tritt, und das in einem Ausmaß, wie wir es noch nie zuvor in der Geschichte erlebt haben, dann wurden auf der anderen Seite alle Hypothesen widerlegt, die ein »Ende des Imperialismus und der Nationalstaaten« theoretisiert hatten.
Bevor wir die Polemik mit diesen Positionen vertiefen, müssen wir eine Prämisse einführen, die die zentrale Frage des ungleichen Tauschs zwischen imperialistischen und unterdrückten Ländern betrifft.
Am Beginn des vierten Kapitels des ›Imperialismus‹ (›Der Kapitalexport‹) trifft Lenin eine grundlegende Aussage:
»Die Ungleichmäßigkeit und Sprunghaftigkeit in der Entwicklung einzelner Unternehmungen, einzelner Industriezweige und einzelner Länder ist im Kapitalismus unvermeidlich.«[23]
Diese These wird von Trotzki in seiner ›Geschichte der Russischen Revolution‹ (1930) und daran anschließend von George Novack in ›Das Gesetz der kombinierten und ungleichen Entwicklung‹ (1957)[24] weiter vertieft werden. Dieses Konzept wurde auch vom britischen Revolutionär Ted Grant mehrfach wiederaufgenommen.
Die Grundidee ist, dass die imperialistische Ausbeutung tendenziell in den abhängigen Ländern Unterentwicklung erzeugt, aber der Weltmarkt und die Interaktion zwischen den Ländern mit unterschiedlichen Ökonomien auch eine Entwicklung der Produktivkräfte hervorbringen, die zwar ungleich, aber doch miteinander verknüpft verläuft.
Unterschiedliche natürliche Bedingungen oder historische Umstände (nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische oder jedenfalls überbauliche) bedingen Varianten der historischen Entwicklung von Gesellschaften. Es können sehr außergewöhnliche Phänomene entstehen, in denen sich Charakteristika eines niedrigeren Stadiums mit solchen eines höheren Stadiums gesellschaftlicher Entwicklung verschmelzen.
Diese kombinierten Formationen haben einen widersprüchlichen und eigentümlichen Charakter. Sie können in einem derartigen Ausmaß von der Norm abweichen und einen solchen Umbruch herbeiführen, dass sie einen qualitativen Sprung in der gesellschaftlichen Entwicklung bewirken und es rückständigen Völkern oder Nationen ermöglichen, die fortgeschritteneren für eine ganze Epoche lang zu überholen.
Novack erklärt dies in dem zitierten Aufsatz in folgenden Worten:
»Auf dem amerikanischen Boden gab es keine mechanische Wiederholung der überholten historischen Etappen. … Die Sklaverei in den amerikanischen Kolonien unterschied sich stark von der Sklaverei im alten Griechenland und Rom. In Amerika handelte es sich um eine verbürgerlichte Sklaverei. … Eines der bizarrsten Ergebnisse dieser Verschmelzung von Sklaverei und Kapitalismus war das Aufkommen von Sklavenhaltern unter den Creek-Indianern im Süden der Vereinigten Staaten. Kann es etwas Anomaleres und Widersprüchlicheres geben als [ur-]kommunistische Indianer, die jetzt Sklavenhalter sind und ihre Produkte auf einem bürgerlichen Markt verkaufen?«[25]
Mit anderen Worten, die später auf die Bühne der Geschichte getretenen Länder kombinieren Elemente der Rückständigkeit mit dem Zugriff auf die fortgeschrittensten Technologien, die das Ergebnis der Entwicklungen im modernsten Kapitalismus sind.
Trotzki beschrieb dies folgendermaßen:
»Die Entwicklung einer historisch verspäteten Nation führe notgedrungen zu eigenartiger Verquickung verschiedener Stadien des historischen Prozesses.«[26]
Die wichtigste Konsequenz des Zusammenspiels von ungleicher mit kombinierter Entwicklung ist, dass es zu »Sprüngen« im Laufe der Geschichte kommt. Diese historischen Sprünge werden unvermeidlich dank der Tatsache, dass der Imperialismus Aufgaben stellt, die nur mit den modernsten Produktionsmethoden gelöst werden können. Angetrieben von externen Bedingungen sind diese Länder gezwungen, Entwicklungsstufen zu überspringen oder schneller zu durchlaufen, die ursprünglich eine ganze historische Epoche erfordert hätten.
Die europäischen Völker benötigten fast 3 000 Jahre, um sich aus der Oberstufe der Barbarei im Griechenland des Homerischen Zeitalters auf die Stufe Englands in der Industriellen Revolution zu erheben. Nordamerika durchlief dieselbe Transformation in rund 300 Jahren. Das moderne China benötigte dafür in etwa 30 Jahre (70 Jahre, wenn wir die durch die Revolution von 1949 angestoßene Entwicklung der Produktivkräfte hinzurechnen), und obwohl dort mittlerweile eine extrem moderne Industrie existiert, leben auf dem Land noch immer 400 Millionen Bauern, die mit ziemlich rückständigen landwirtschaftlichen Methoden produzieren.
Aus dieser Analyse ergibt sich, dass es Klassen gibt, die die Funktionen einer anderen Klasse übernehmen können. Dadurch ist das Gesetz der ungleichen und kombinierten Entwicklung ganz eng verknüpft mit der Theorie der permanenten Revolution. Im Grunde liefert es die Voraussetzungen dafür:
»In Bezug auf die Länder mit einer verspäteten bürgerlichen Entwicklung, insbesondere auf die kolonialen und halbkolonialen Länder, bedeutet die Theorie der permanenten Revolution, dass die volle und wirkliche Lösung ihrer demokratischen Aufgabe und des Problems ihrer nationalen Befreiung nur denkbar ist mittels der Diktatur des Proletariats als des Führers der unterdrückten Nation und vor allem der Bauernmassen. … Die demokratische Revolution wächst unmittelbar in die sozialistische hinein und wird dadurch allein schon zur permanenten Revolution.«[27]
Wir können das anhand der Oktoberrevolution sehen, in der das Proletariat die Aufgaben der bürgerlichen Revolution (die Verteilung von Grund und Boden an die Bauern, Anerkennung des Rechts auf Selbstbestimmung für die unterdrückten Nationen, Abschaffung aller Überbleibsel aus der Feudalzeit) gelöst hat. Aber es gilt auch in anderen historischen Zusammenhängen, etwa dass feudale Klassen Aufgaben der bürgerlichen Revolution in Angriff genommen haben. In einem Artikel aus dem Jahr 1964, ›Die koloniale Revolution und das chinesisch-sowjetische Zerwürfnis‹, schrieb Ted Grant:
»Wenn eine Klasse zu spät auf den Plan tritt und nicht in der Lage ist, die von ihr geforderte historische Rolle zu spielen, wird diese Aufgabe von anderen Klassen und gesellschaftlichen Kräften übernommen. Beim Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus in Japan zum Beispiel verwandelte sich der herrschende Adel in eine industrielle herrschende Klasse. Das hat die gesellschaftlichen Verhältnisse in Japan bis heute besonders geprägt. In Deutschland führte das Versagen oder die Unfähigkeit der Bourgeoisie dazu, dass, wie Marx und Engels betonten, die Junker[28] die Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution ganz oder teilweise erfüllten.«[29]
Das Ziel von Ted Grant in diesem Text war es einerseits, eine Erklärung der Prozesse in China und Kuba zu geben, wo eine siegreiche Guerillabewegung mit Verankerung in der Bauernschaft einen, wenn auch deformierten, Arbeiterstaat hervorgebracht hat. Andererseits führte er damit einen Kampf gegen politische Konzeptionen, die sich auf die sogenannte ›Fokustheorie‹ und auf den Guerillakampf stützten, und die nicht nur in den stalinistischen Parteien, sondern auch in der trotzkistischen Bewegung an Einfluss gewannen. Die führenden Köpfe der Vierten Internationale, wie Ernest Mandel, Michel Pablo und Livio Maitan, hatten sich immer mehr von den Positionen von Lenin und Trotzki entfernt und schreckten auf diesem Weg auch nicht davor zurück, Ted Grant aus jener Organisation auszuschließen, die Trotzki 1938 gegründet hatte.
Mandel und Genossen hatten jegliches Vertrauen in die Arbeiterklasse verloren und orientierten sich an anderen Akteuren (Intellektuelle, Bauern, Militärs) und generell sahen sie nur noch in der »Dritten Welt« revolutionäres Potential. Ihre wichtigsten theoretischen Bezugspunkte waren die Analysen der »Dependenztheorie«.
Die Dependenztheorie entfernte sich von der leninistischen Sichtweise und führte stattdessen eine rigide Dichotomie zwischen der Entwicklung der imperialistischen Länder und der Unterentwicklung der kolonialen Länder in die Analyse ein. Aus dieser falschen Imperialismusanalyse leiteten sich politische Entscheidungen und Kampfstrategien ab, die sich in der Folge gelinde gesagt als katastrophal erweisen sollten.
Um diese Behauptung zu untermauern, müssen wir uns, soweit das der beschränkte Platz dieser Einleitung erlaubt, notwendigerweise näher mit den Denkwindungen verschiedener Vertreter dieser Theorie auseinandersetzen, die in der Nachkriegszeit die Frage des Imperialismus, der Monopole, der kapitalistischen Entwicklung und der Unterentwicklung behandelt haben.
Wir können im Wesentlichen zwei Gruppen unter ihnen ausmachen: Die Theoretiker der 1960er und 1970er Jahre, einer Epoche der kolonialen Revolution, und dann jene der 1990er und 2000er, die die Antiglobalisierungsbewegung inspiriert haben, die mit den Mobilisierungen in Seattle (1999) und Genua (2001) ihren Anfang genommen hat.
In einigen Fällen handelt es sich um dieselben Personen, doch die Denkschulen unterscheiden sich mit der Zeit, insofern als der Zusammenbruch der Sowjetunion und der stalinistischen Regimes in Osteuropa eine völlig neue Phase in den weltweiten Kräfteverhältnissen eröffnet hat, was sich auch grundlegend in den Debatten in der Bewegung auszudrücken begann.
Die Dependenztheorie beginnt ab Ende der 1950er Jahre Form anzunehmen. Den Anfang machte Paul A. Baran mit seinem Aufsatz ›Politische Ökonomie des wirtschaftlichen Wachstums‹[30] aus dem Jahr 1957. Darauf folgte der Essay ›Monopolkapital‹, in dem Baran und sein Mitstreiter Paul Sweezy schreiben:
»Die Hierarchie der Nationen, aus denen das kapitalistische System besteht, ist gekennzeichnet durch ein kompliziertes Gefüge von Ausbeutungsverhältnissen. Die an der Spitze beuten in unterschiedlichem Grade die unteren Schichten aus, und ähnlich beutet jede Stufe die unter ihr befindliche aus, bis wir die unterste Schicht erreichen, die niemand mehr hat, den sie ausbeuten könnte. … So haben wir ein Geflecht von antagonistischen Beziehungen, in denen Ausbeuter gegen Ausgebeutete und rivalisierende Ausbeuter einander gegenüber stehen.«[31]
Diese Linie wird einen jungen Lehrer namens Andrè Gunder Frank, der mit seiner Familie aus Deutschland nach Chicago emigriert war und im Jahr 1962 nach Lateinamerika zog, stark beeinflussen. In zwei Büchern (›Kapitalismus und Unterentwicklung in Lateinamerika‹ und ›Lateinamerika: Unterentwicklung oder Revolution‹),[32] die er in den 1960er Jahren veröffentlichte, arbeitete er die These aus, dass nicht das Fehlen des Kapitalismus Unterentwicklung verursachte, sondern seine bloße Existenz. Indem der Kapitalismus seine Ausbeutungspraktiken immer mehr ausweitete, brachte er eine abgestufte Hierarchie von entwickelten Metropolregionen hervor, die die Unterentwicklung zur notwendigen Kehrseite der Entwicklung gemacht haben.
Das progressive Element der Analyse Gunder Franks lag in der Überwindung der Entwicklungskonzeptionen wie sie Raul Prebisch und andere südamerikanische Intellektuelle (›Modernisierungstheorie‹) vertraten. Diese gingen von der Grundannahme aus, dass die Unterentwicklung Lateinamerikas auf das Fehlen kapitalistischer Produktionsverhältnisse zurückzuführen sei. Auf der politischen Ebene leitete man daraus die Notwendigkeit ab, klassenübergreifende Bündnisse zwischen der Bauernschaft, der Arbeiterklasse und fortschrittlichen Sektoren der nationalen Bourgeoisie zu schmieden.
Leo Trotzki, der die letzten Jahre seines Lebens in Lateinamerika verbrachte, hatte diese Konzeptionen, die in politischen Formationen wie der peruanischen APRA und anderen populistischen Parteien und Bewegungen vorherrschend waren, einer Kritik unterzogen. In der Theorie der permanenten Revolution hatte er erklärt, dass die nationalen Bourgeoisien gegenüber dem Auslandskapital viel zu korrupt und unterwürfig sind, um auch nur im Geringsten eine progressive Rolle einnehmen zu können. Deshalb ist es auch in den rückständigen Ländern entscheidend, dass das Proletariat im Prozess der Revolution seine politische Unabhängigkeit behält, so die Schlussfolgerung.
Die Dependenztheoretiker lehnten diese Thesen ab oder ignorierten sie, und obwohl sie von richtigen Prämissen ausgehen (nämlich dass gerade der Kapitalismus selber das Problem ist und nicht das Fehlen kapitalistischer Produktionsverhältnisse), kommen sie zu völlig falschen Schlussfolgerungen, die sich als nicht weniger utopisch erweisen als jene der Modernisierungstheoretiker.
Gunder Frank machte die nationale Bourgeoisie sogar in einem ersten Moment noch als Klassenfeind aus, doch im Zuge seiner politischen Entwicklung endet er an dem Punkt, wo er den Imperialismus getrennt von seiner ökonomischen Basis, dem Kapitalismus, betrachtet und somit das vergisst, was Lenin in seinem ›Imperialismus‹ und in der Polemik mit Bucharin herausarbeitete.
In seinem Buch ›Lateinamerika: Unterentwicklung oder Revolution‹, kommt er auf der Grundlage ausgiebiger Analysen der geschichtlichen Entwicklung Chiles und Brasiliens zu dem Schluss, dass eine der Hauptursachen der Unterentwicklung in der Rolle der nationalen Bourgeoisie und der lokalen Kapitalisten auf dem Land zu sehen sei, die beide einen unmittelbaren Gegner darstellen. Der zentrale strategische Gegner sei jedoch der Imperialismus. Ausgehend von dieser Analyse arbeitete er eine Rangordnung aus, die ihn in der Folge dazu brachte, dem antiimperialistischen Kampf und den nationalen Befreiungsbewegungen den Vorrang gegenüber dem Klassenkampf zu geben.
Der positive Aspekt von Gunder Franks Position war, dass er, unter dem Einfluss der Kubanischen Revolution von 1959, offen die Alternative zwischen »kapitalistischer Unterentwicklung oder sozialistischer Revolution« formulierte.
Da er jedoch kein tiefes Verständnis der marxistischen Theorie hatte, machte Gunder Frank eine Reihe von Fehlern. So meinte er, Lateinamerika sei seit dem 16. Jahrhundert vollständig kapitalistisch. In Wirklichkeit aber fügten sich die von spanischen ›conquistadores‹ durchgesetzten Produktionsweisen (Zwangsarbeit, Sklaverei, halbfeudale Produktionsformen) ein in ein internationales System der Extraktion von Bodenschätzen, was der Phase der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals entsprach. Die Theorie der ungleichen und kombinierten Entwicklung ermöglicht dies zu verstehen und einzuordnen.
Die These von Gunder Frank, wonach Lateinamerika schon in der Phase der Kolonisierung vollständig kapitalistisch gewesen sei, sollte in der Folge dazu führen, dass die Bedeutung der ungelösten national-demokratischen Aufgaben (speziell der indigenen Frage und der Bodenreform) unterschätzt wurde. Außerdem legte Gunder Frank in seiner Analyse den Fokus auf die Sphäre des Austauschs, während eine rigorose marxistische Analyse immer die Sphäre der Produktion ins Zentrum rücken würde.
Infolgedessen wurde nicht mehr der Klassenkampf, sondern vielmehr der Kampf zwischen dominierten Nationen und imperialistischen Nationen als zentral angesehen. Dabei wurde ein entscheidender Aspekt nicht verstanden, nämlich dass das Proletariat in den abhängigen Ländern in der Arbeiterklasse der fortgeschritteneren Länder einen natürlichen Verbündeten hat. Die Politik der nationalen Einheit im Kampf gegen den Imperialismus und die stalinistische »Volksfronttaktik«[33] fanden durch die Hintertür plötzlich wieder einen Eingang in der Bewegung.
In der Folge machte sich eine Reihe von falschen und utopischen Ideen breit. Wenn auf der einen Seite Samir Amin es für die einzig gangbare Strategie hielt, sich für die Autonomie der abhängigen Länder und für deren »Entkoppelung« von den imperialistischen Zentren einzusetzen (auch wenn nicht besonders klar wird, auf welchem Weg das erreicht werden soll), so verfolgte Gunder Frank den Versuch, Salvador Allende zur Zeit der Volksfrontregierung in Chile von der Notwendigkeit einer autonomen Entwicklung der chilenischen Wirtschaft zu überzeugen, womit die »Volksklassen«[34] nicht vor den Karren der eigenen Bourgeoisie gespannt würden.
Gute Absichten, die in eine von oben angeleitete Reformpolitik der Regierung Allende übersetzt wurden. Doch diese Reformen wurden in der Folge mit Wirtschaftsboykott seitens des internationalen Kapitals, dem Ausbleiben von Auslandsinvestitionen und Kapitalflucht beantwortet. Letztendlich setzte der von den USA unterstützte Militärputsch von Pinochet vom 11. September 1973 dem Ganzen ein Ende, was einmal mehr in der Praxis schmerzlich bewies, dass man sich vom Imperialismus nicht einfach »abkoppeln« oder ihn einfach ignorieren kann.
Man kann den Imperialismus nur auf revolutionärem Weg bekämpfen, indem man die Grundlage, auf der er fußt, überwindet: die kapitalistische Produktionsweise. Doch das gehörte nicht zum Konzept von Allende.
Die Dependenztheorie endete daher in einem Blutbad und neben Allende, der mit dem Gewehr in der Hand mutig Widerstand gegen den Putsch leistete und dabei ums Leben kam, bezahlten zehntausende Aktivisten mit dem höchsten Preis, ihrem Leben. Sie wurden gefoltert und schließlich ermordet – und das nicht nur in Chile, sondern in der Folge auch in Argentinien und im Rest von Lateinamerika, wo diese theoretischen Ansätze ebenso schwere Schäden verursachten.
1973, das Jahr des Pinochet-Putsches, markierte für die Dependenztheorie einen ›Point of no Return‹. Von da weg mussten sich die Vertreter dieser Theorie auf ganzer Linie zurückziehen, was den Weg für neue und weitere politische und ideologische Rückschritte ebnete.
Gunder Frank ging nach Europa ins Exil und anstatt ehrlich seine Fehler einzugestehen, beließ er es bei kosmetischen Veränderungen in seiner Analyse, ohne den Problemen seiner Theorie auf den Grund zu gehen.
Die Niederlage in Chile war für sich genommen schon verheerend genug, doch gab es damals noch viel mehr, was nach Erklärung schrie, wie zum Beispiel das Phänomen der »Tigerstaaten« in Asien, also Länder wie Hong Kong, Singapur, Südkorea, Taiwan, wo ab den 1960er Jahren ein solider Industrialisierungsprozess entfesselt wurde. Diese Staaten folgten offensichtlich nicht den traditionellen Entwicklungsmodellen und verzeichneten ein starkes Wirtschaftswachstum. Es wurde möglich auf Grundlage einer Mischung aus Autoritarismus, massiven öffentlichen Investitionen, staatlichen Unternehmensförderungen und einer selektiven Marktöffnung. Dieser Prozess konnte mit den rigiden Schemata der Dependenztheoretiker nicht erklärt werden.
Wie kamen sie aus der Sache heraus? Anstatt seine Theorie von Grund auf zu revidieren, verschob nun Gunder Frank einfach »Zentrum« und »Peripherie« und erklärte, dass seine Theorie nicht vorsah, dass der Westen das »Zentrum« und Asien die »Peripherie« seien. Auf diese Weise entwirft er, ohne seiner Vergangenheit untreu zu werden, eine neue Weltsicht im Leopardenfellmuster, in der viele miteinander verbundene Zentren eine Menge an verteilten, manchmal sehr nahe gelegenen Vororten ausbeuten.
Diese zunehmend abstrakte und unscharfe Position wird auch von Immanuel Wallerstein vertreten, der den Schwerpunkt von den Nationalstaaten auf eine nicht näher spezifizierte »globale Analyseeinheit« und »Konstellationen von Zentren und Peripherien« verlagert.
In den 1980er Jahren entsteht aus der Dependenztheorie die »Weltsystem-Theorie«. Wallerstein begann diese Theorie in seinem Buch ›Das moderne Weltsystem‹ systematisch darzustellen und konsolidierte seinen Ansatz in den 1990er Jahren.
Vorarbeiten dazu hatten bereits Anfang der 1970er Jahre Samir Amin mit seinem Buch ›Akkumulation im Weltmaßstab: Kritik an der Theorie der Unterentwicklung‹[35] und Arghiri Emmanuel mit ›Der ungleiche Austausch‹[36] geleistet, indem sie den modernen Kapitalismus im Grunde so darstellten, wie es dann in der Weltsystem-Theorie der Fall sein wird.
1994 wird Giovanni Arrighi dann ›Das lange 20. Jahrhundert‹[37] veröffentlichen. In diesem Buch konzentriert er sich auf andere »Zyklen« als etwa Marx und Lenin, er interpretiert diese als strukturell konstante Konzentrations- und Expansionsphasen der Geschichte.
Aufbauend auf den Hypothesen von Arrighi und Wallerstein wurde das kapitalistische System als eine Abfolge von Akkumulationszyklen (bestehend aus einer Phase der Expansion im Bereich der Produktion und einer Endphase, in der der Finanzsektor dominiert) und von Hegemoniezyklen (in denen ein »Zentrum« über viele »Peripherien« bestimmt) gesehen. Wenn die produktive Expansionsphase aufgrund der zunehmenden Konkurrenz an Profitabilität verliert (und der anfängliche Monopolvorteil nachlässt), dann wird das erwirtschaftete Kapital in Geldform gehalten und nicht mehr in zu risikoreiche Aktivitäten investiert. Dann beginnt eine Phase der Finanzspekulation, die den Zusammenbruch vorbereitet.
Erst das Aufkommen einer neuen globalen Wirtschaftsmacht könnte nach einer turbulenten und oft kriegerischen Phase ein neues »Zentrum« bestimmen und den Prozess auf einer neuen und progressiven Basis wieder starten.
Dieser metahistorische Versuch, 400 Jahre Geschichte, von der Herausbildung des Merkantilismus in den Niederlanden bis in unsere Tage, in einen Rahmen zu zwängen, hätte Marx entsetzt und alles was Lenin über die Finanzialisierung der Ökonomie gesagt hatte wurde dabei auch noch verzerrt.
In dieser Konzeption war kein Platz mehr für den Kampf der unterdrückten Klassen. Man hypothetisierte wie zuvor schon Kautsky, dass das System sich aus sich heraus erholen könne durch den Aufstieg einer neuen globalen Hegemonialmacht. Arrighis Hoffnungen richteten sich dabei mehrere Jahre lang auf Japan, doch als das Land der aufgehenden Sonne in eine lang anhaltende Stagnationsphase verfiel, richtete er seinen Blick nach China, vor allem in seinem letzten Buch ›Adam Smith in Beijing‹.
1999 trennten sich die Wege der sogenannten »Viererbande« (Gunder Frank, Wallerstein, Arrighi, Samir Amin). Mit ›ReOrient‹ brach Gunder Frank mit den gemeinsamen Prämissen der Gruppe und kam zum Schluss, dass schon vor dem Kapitalismus und zwar seit rund 6 000 Jahren ein »Weltsystem« existiert habe. Die kapitalistische Gesellschaftsordnung des Westens sei somit kein Spezifikum. Basis und Überbau existieren in diesem Ansatz nicht mehr.
Die Repliken von Wallerstein, Arrighi und Amin kann man als wütend bezeichnen: die Thesen von Gunder Frank zu akzeptieren, hätte bedeutet, jeden Anschein von Marxismus und jede Bereitschaft zum Kampf für eine Systemalternative fallenzulassen.
Samir Amin versuchte im Vergleich zu den anderen beiden besonders entschieden auf Gunder Frank zu reagieren und auf diesem Weg griff er erneut auf Konzepte und Praktiken der Dependenztheorie zurück (beginnend mit der Losung von der »Abkopplung«). Dieser Versuch brachte ihm eine gewisse Anerkennung in der Bewegungslinken ein, die sich im Zuge der Mobilisierungen gegen die Globalisierung herausbildete.
Auf der anderen Seite zog Gunder Frank einen Schlussstrich, indem er aus seiner Konzeption die logische Schlussfolgerung zog und nun die Meinung vertrat, dass keine Systemalternative möglich sei, und zwar nicht weil es keine Abhängigkeit gäbe (in diesem Punkt änderte er nie seine Meinung), sondern weil jede Abkopplung eine Illusion sei. Somit bleibe nichts anderes zu tun, als die herrschenden Verhältnisse anzuklagen. Man könne nur kämpfen, aber ohne irgendein alternatives Projekt damit zu verfolgen. Aus dieser Position spricht die völlige Hoffnungslosigkeit.
Samir Amin antwortet darauf in seinem Buch ›Die Herausforderungen der Globalisierung‹,[38] in dem er die bisherigen Positionen aus dem Jahr 1973 korrigiert. Die sogenannte Globalisierung wird nun als eine Art chaotischer Übergang in Richtung einer unbekannten Zukunft gelesen. Ein Übergang jedoch, der, solange er von einer kapitalistischen Logik bestimmt ist, notwendigerweise Polarisierung hervorruft. Im Gegensatz zu den frühen 1970er Jahren aber, als der Prozess gerade erst an seinem Anfang stand, wurden die Peripherien industrialisiert und in einigen Fällen bildeten sich integrierte Produktionsketten, so fügt Samir Amin hinzu.
Daher habe sich die Polarisierung auf andere Terrains verlagert. Die Perspektive und der mögliche Ausweg ist nun die einer polyzentrischen Welt, in der es möglich sei, Autonomiespielräume anzustreben und sie gemäß den eigenen Orientierungen und Bedürfnissen zu gestalten.
Er fand die Unterstützung stalinistischer und neostalinistischer Kräfte, die im wachsenden Antagonismus der aufstrebenden Länder und Ländern wie Russland und China ein potentiell progressives Lager sehen, das man unter anti-amerikanischen und anti-europäischen Gesichtspunkten unterstützen sollte.
Im Jahr 2006 entwickelt Samir Amin diese Gedanken in seinem Buch ›Jenseits der US-Hegemonie: Einschätzung der Aussichten für eine multipolare Welt‹[39] weiter.
Darin nimmt er seine Interpretation der Bedeutung des sozialistischen Internationalismus als Ausgangspunkt für die Autonomie, die Destrukturierung von Macht und Herrschaft, die Loslösung von den Fesseln des Kapitals.
Gemäß dieser Sichtweise müssten die konkreten Kämpfe von den lokalen und spezifischen, den nationalen Bedingungen ausgehen und auf die Eroberung der Macht abzielen. Dies aber nicht im traditionell leninistischen Sinne, sondern vielmehr indem man sich der globalen Logik widersetzt und sich von ihr loslöst.
Sich loszulösen und »Elemente des Sozialismus« einzuführen, oder besser gesagt Elemente, die den Kapitalismus zwingen, sich einer Logik anzupassen, die ihm nicht entspricht. Das ist es, was Amin »ein polyzentrisches und pluralistisches Modell« nennt.
Es kommt nicht von zufällig, dass er 2009 in seinem Buch ›Zur Krise: Überwindung der Krise des Kapitalismus oder Überwindung des Kapitalismus in der Krise?‹[40] die Stellung Chinas neu bewertet. Er beurteilt China als Zentrum der Zivilisation, das die Auseinandersetzung mit dem Westen gewinnen und den Kapitalismus »neu erfinden« könne (natürlich »mit chinesischen Charakteristika« auf der Grundlage einer zentralistischen und gut verwalteten Struktur). Dieses Modell würde sich dem westlichen Kapitalismusmodell, das immanent imperialistisch und somit ausbeuterisch ist, widersetzen.
Nach langem Herumirren landet er schussendlich genau dort, wo auch Arrighi gestrandet war. Alle Hoffnungen wurden nun auf China gerichtet. Was blieb vom Klassenkampf? Weniger als nichts.
Nicht viel besser erging es Toni Negri und den Post-Operaisten. Wenn Negri auf der einen Seite Arrighi kritisierte und ihm Teleologie vorwarf (wonach sich die Geschichte nach einem vorherbestimmten Plan vollziehe), dann schrieb er auf der anderen Seite gemeinsam mit Michael Hardt das Buch ›Empire‹ (Erstveröffentlichung im Jahr 2000), das in diesen Jahren eine sehr beachtliche Verbreitung fand, und in dem er offen das Konzept »Imperialismus« kritisierte.
Für Negri und Hardt existierten zwischen den imperialistischen Mächten keine Kräfteverhältnisse und Konflikte mehr. Der letzte imperialistische Krieg sei ihnen zufolge jener in Vietnam gewesen. In ihrem Buch findet sich ein Satz, der von programmatischer Bedeutung ist:
»Die Geschichte der imperialistischen, interimperialistischen und antiimperialistischen Kriege ist vorüber. Das Ende dieser Geschichte kündet von der Herrschaft des Friedens.«[41]
Demzufolge existierte in der Welt eine einzige übernationale Entität, ein globaler Raum, der von einem einzigen, nicht näher identifizierbaren Kapital beherrscht wird. Das Werk ist geprägt vom unverwechselbaren Stil einer Persönlichkeit vom Range Toni Negris, aalglatt und mehrdeutig in der Darstellung, der Wirklichkeit aus dem Weg gehend und sie verfälschend.
Ins Zentrum ihrer Analyse stellten sie den Golfkrieg. Und das war kein Zufall, weil unter den damaligen Umständen eine breite Koalition imperialistischer Mächte existierte, die jedoch in der Folge im Balkankrieg und in den meisten anderen Konflikten von Syrien über den Libanon und Afghanistan bis zu den jüngsten Entwicklungen in der Ukraine nicht mehr bestand.
Auch wenn in der Einleitung die Existenz einer Hegemonialmacht bestritten wird, so finden sich im Text selbst dann doch Aussagen, die darauf hindeuten, dass die »neue Weltordnung« unter der Führung der USA steht: »An der Spitze der Pyramide findet sich eine Supermacht, die USA, die sich im Weltmaßstab den Einsatz von Gewalt vorbehält…«[42]
Doch der zentrale Punkt ist, dass die Autoren, anstatt einige Wörter anstelle von anderen zu verwenden (»Empire« anstelle von »Imperialismus«), beweisen hätten müssen, aus welchem Grund der Golfkrieg nicht imperialistisch war. Ging es in diesem Krieg nicht darum, den Ölkonzernen den Zugang zu den Ölfeldern in der Golfregion zu einem günstigen Preis zu sichern? Zielte dieser Krieg nicht darauf ab, die Herrschaft über unterdrückte Nationen seitens der Großmächte aufrechtzuerhalten und jedes Aufbegehren und alle Unabhängigkeitsbestrebungen im Keim zu ersticken? Auf diese Fragen geben Negri und Hardt keine Antwort.
Wenn man auf das Gebiet der Geschichte und der Theorie hinuntersteigt, stellt sich alles noch viel schlimmer dar. So schreiben Negri und Hardt:
»Lenin stimmte mit Kautskys Grundannahme überein, dass sich die Entwicklung des Kapitalismus in Richtung internationaler Kooperation der verschiedenen nationalen Finanzkapitale und möglicherweise in Richtung der Bildung eines einzigen Welttrusts bewege. Was er energisch zurückwies, war die Tatsache, dass Kautsky diese Vorstellung einer friedlichen Zukunft dazu nutzte, die Dynamiken der gegenwärtigen Wirklichkeit zu negieren.«[43]
Wir haben bereits zu Beginn des Texts erklärt, warum diese Darstellung völlig falsch ist. Das wollen wir an dieser Stelle nicht wiederholen. Die Analyse von Lenin war hundert Mal tiefgründiger und genauer als uns seine Kritiker glauben lassen wollen.
Was bleibt von den Thesen von Negri und Hardt zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung ihres Buches? Wo finden wir das hegemoniale Einheitskapital?
Die Wirklichkeit, wie wir sie heute beobachten, ist, dass das Kapital auf internationaler Ebene alles andere als geeint und einheitlich ist. Was wir vor uns sehen, ist ein Kampf auf Leben und Tod zwischen Monopolgruppen und den Staaten, die deren Interessen vertreten. Verteidigt ein Putin nicht ganz konkrete Interessen mit der Invasion in der Ukraine, nämlich die Interessen einer Oligarchie, einer russischen Bourgeoisie, die darauf abzielt Profite zu machen und sich dabei in einem Interessenskonflikt mit US-amerikanischen und europäischen Konzernen befindet?
Wenn sich aus der Sicht von Hardt und Negri das Empire durch den Wegfall der Grenzen und der Nationalstaaten auszeichnet, wie erklären die beiden dann die Existenz anderer imperialistischer Mächte abseits der USA, die noch dazu immer mehr hochrüsten und eine zunehmend aggressivere Außenpolitik an den Tag legen? Wie können wir den Krieg in der Ukraine erklären oder die Konflikte, die wir in Syrien, in Libyen oder im Jemen gesehen haben, um nur die wichtigsten aufzuzählen?
Und was ist mit der neuen amerikanisch geführten imperialen Ordnung, wenn die USA in jedem Winkel der Welt Niederlagen hinnehmen müssen und gegenüber neuen globalen oder regionalen Mächten wie China und Russland Boden verlieren? Wie lässt sich der schmachvolle Rückzug der USA aus Afghanistan im Jahr 2021 oder der Verrat gegenüber der Ukraine, die man zuerst gegen Russland aufgestachelt und sie dann im Grunde ihrem Schicksal überlassen hat, erklären?
Diese Fakten sind allzu offensichtlich, aber wir können uns sicher sein, dass deshalb die Versuche, Lenin zu canceln und Kautsky wieder ausgraben zu wollen, nicht enden werden. Der Letzte, der das versucht hat, war der Ökonom Ernesto Screpanti, der 2013 das Buch ›Der globale Imperialismus und die Große Krise‹ veröffentlicht hat.
Screpantis Überlegungen sind so einfach wie auch überraschend. Überraschend insofern, als dass das Buch nach der Wirtschaftskrise von 2008 vor dem Hintergrund der bedeutender werdenden Rolle der Staaten und der Zunahme von kriegerischen Konflikten zwischen antagonistischen Mächten verfasst wurde.
Aber Screpanti ignoriert all das und wiederholt sich wie eine kaputte Platte, wenn er seine Thesen zum Besten gibt, wonach die Staaten nicht viel mehr als eine Restfunktion erfüllen und die noch bestehenden Widersprüche zwischen den imperialistischen Staaten von zweitranggier Bedeutung seien. Folglich können diese Widersprüche nicht zu offenen und länger andauernden Kriegen eskalieren. Eine größere Kluft zwischen der Wirklichkeit und dem Inhalt eines Buches, das in dem Jahr geschrieben wurde, in dem es die meisten Kriege seit Ende des Zweiten Weltkriegs gegeben hat, kann man sich nur schwer vorstellen.
Ganze 271 Seiten widmet Screpanti seinem Unterfangen, um diese These dennoch zu beweisen. Dabei lassen sich Bemerkungen wie die folgende finden:
»Das Großkapital kann gelegentlich taktisch nationalistisch sein, aber strategisch ist es kosmopolitisch.«
Im Grunde gibt es keine Widersprüche zwischen den USA und Russland im Nahen Osten und in Zentralasien, denn »…wenn sich die amerikanischen Panzer zurückziehen, können ausländische Direktinvestitionen einströmen: nicht nur aus den Vereinigten Staaten, sondern auch aus Deutschland, China, Russland und anderen Ländern. … Die Weltwirtschaftsordnung, die das Kapital fordert, ist keine Ordnung der Großmächte, der Verträge, der Absprachen und der zwischenimperialen Kriege, sondern eine souveränitätslose Global Governance: eine Governance durch die Märkte.«[44]
Wenn diese »alten« innerimperialistischen Widersprüche aber gelöst sind und alles, was der Autor schreibt, stimmt, wie lässt sich die Entscheidung von Putin erklären, in der Ukraine einzumarschieren? Oder die Politik Obamas zur Destabilisierung der Ukraine mittels Finanzierung der Euromaidan-Bewegung und der Nazi-Banden zum Sturz der Regierung Janukowytsch im Jahr 2014?
Wir haben einen Vorschlag. Während wir diese Zeilen schreiben, sind die USA und der Westen auf der Suche nach einem Vermittler, der den Krieg in der Ukraine stoppen könnte. Warum schickt man nicht einfach Professor Screpanti nach Moskau? Wer weiß, vielleicht kann er mit seinen handfesten Argumenten Putin davon überzeugen, dass er seine »nutzlosen« Kriegsabsichten aufgibt.
Sollte er von dieser Mission lebendig zurückkommen, was wir ihm natürlich wünschen, wäre der Vorschlag, ihn umgehend nach Peking weiterzuschicken, um auch Xi Jin Ping von der Sinnlosigkeit einer Erhöhung der Rüstungsausgaben (die in den letzten zehn Jahren verdoppelt wurden), des Baus von Militärbasen auf künstlich geschaffenen Inseln im Südchinesischen Meer und der Forderung nach der Anerkennung der Souveränität Taiwans zu überzeugen. Außerdem möge China von der Gründung der ›Asian Infrastructure Investment Bank‹ (AIIB) absehen, einer Investmentbank, mittels der Peking das Ziel verfolgt, den (von den USA kontrollierten) ›Internationalen Währungsfonds‹ (IWF) zu ersetzen, um Investitionen und Kapitalexporte entlang der Seidenstraße in mehr als 50 Staaten der Welt zu unterstützen.
Man versteht nicht, aus welcher Überlegung heraus die Zentralbank in Peking hunderte Milliarden Dollar von seinen eigenen Reserven für diese Operation zur Verfügung stellt, und warum Xi Jin Ping die ›Regional Comprehensive Economic Partnership‹ (RCEP) ins Leben gerufen hat, ein Wirtschafts- und Handelsabkommen, das über drei Milliarden Konsumenten umfasst und das zweifelsohne bedeutet, dass die USA substantiell an strategischem Gewicht in der Region verlieren und China gleichzeitig massiv gestärkt wird.
Wenn man sich die fünf grundlegenden Bedingungen anschaut, die Lenin für seine Imperialismusdefinition heranzieht, dann wird man sehen, wie alle fünf perfekt die Charakteristika des chinesischen Kapitalismus beschreiben, auch wenn der politische Überbau formal weiter dem eines stalinistischen Staates entspricht, an dessen Spitze eine bürokratisierte Kommunistische Partei steht.
Screpanti spricht mit seinem Buch aus einer Parallelwelt, die in den Jahren der Globalisierung realistisch erscheinen konnte, heute aber keinem der Trends entspricht, die sich weltweit im Kapitalismus abzeichnen.
Die Leser werden uns den vielleicht übertriebenen Sarkasmus entschuldigen, aber es ist nicht mehr die Zeit für Diplomatie. Es ist notwendig, die Dinge beim Namen zu nennen und mit offenem Visier einen politischen Kampf gegen diese Positionen zu führen, die als »akademischer Marxismus« bekannt sind. Millionen Jugendliche auf der ganzen Welt hören diese Ideen in den Uni-Hörsälen. Sie dienen nur dazu, Verwirrung zu stiften, die Jugend ideologisch zu entwaffnen und jede kommende antikapitalistische und revolutionäre Bewegung zurückzuwerfen.
Man darf sich nicht länger der Realität verweigern, dass wir seit 2008 in eine völlig neue Phase der kapitalistischen Krise eingetreten sind, eine organische Krise, in der die Globalisierung sich rückwärts zu drehen begann und in der sich die Leninsche Imperialismusanalyse, klarerweise in ihren verallgemeinerten Zügen, als aktueller denn je erweist.
Lenin wies schon darauf hin, dass es notwendig sei, diese Analyse im Lichte neuer Ereignisse zu aktualisieren, eine Aufgabe, der wir in den letzten Jahren nicht aus dem Weg gegangen sind.[45] Doch der Kern der Theorie ist absolut aktuell, und die Entwicklungen, die der Kapitalismus in den vergangenen hundert Jahren durchgemacht hat, entsprechen nicht dem, was Samir Amin, Negri, Screpanti an Analysen geliefert haben. Sie wurden mehrfach von der lebendigen Wirklichkeit der Ereignisse widerlegt, und wir denken, dass wir diese Aussage ausreichend argumentiert haben.
Es gibt keinen passenderen Zeitpunkt für eine Neuauflage von Lenins Buch ›Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus‹, wenn in der Ukraine die Tragödie eines neuerlichen imperialistischen Krieges ihren Lauf nimmt, eines Krieges, der abertausende Leben kostet und unendliches Leid bedeutet.
Es mag uns nicht gefallen, aber die beiden Begriffe »Krieg« und »Imperialismus« stehen wieder mit voller Gewalt auf der Tagesordnung. Darauf braucht es ernsthafte Antworten. Eine Rückkehr zu den Analysen von Lenin und zu den politischen Traditionen des Bolschewismus, der demokratischsten und revolutionärsten Partei, die die Geschichte je gesehen hat, was zumindest die Zeit bis zur stalinistischen Degeneration anlangt.
Nur auf diesem Weg können wir die tatsächlichen Ursachen für die verschiedenen Konflikte verstehen und einen wirksamen Kampf gegen den Kapitalismus führen, dessen Sturz in letzter Instanz die einzige Möglichkeit ist, unseren Planeten von den Gräueln des Krieges zu befreien.
[1] Außerordentlicher Baseler Kongress der Zweiten Internationale, 25.–26. November 1912. Anlass war der im Herbst ausgebrochene Balkankrieg, der die akute Gefahr eines gesamteuropäischen Krieges auf die Tagesordnung setzte.
[2] »So groß war noch, trotz allem Kritizismus, Lenins Vertrauen zur deutschen Sozialdemokratie.« – Trotzki, ›Mein Leben‹, Berlin 1930, S. 227.
[3] Lenin, ›Der tote Chauvinismus und der lebendige Sozialismus‹, in Werke Bd. 21, S. 88f.
[4] Trotzki, ›Mein Leben‹, S. 239.
[5] Lenin, ›Hefte zum Imperialismus‹, Werke Bd. 39.
[6] Vgl. Hobson, ›Imperialism – A Study‹, New York 1902. (Deutsch: ›Der Imperialismus‹)
[7] Vgl. Hobson, ›Imperialism‹, ›Kapitel VI: Die wirtschaftliche Hauptwurzel des Imperialismus‹. Hobson argumentiert, der Imperialismus entspringe der falschen Reichtumsverteilung in der Gesellschaft.
[8] Der Konflikt zwischen den Befürwortern und den Gegnern des Kolonialismus in der Zweiten Internationale brach zum ersten Mal auf dem Amsterdamer Kongress (1904) auf, aber erst auf dem Stuttgarter Kongress (1907) entlud sich die Frage in ihrer ganzen Schärfe. In einer von Van Kol vorgeschlagenen und von Bernstein, Jaurès und Vandervelde unterstützten Resolution heißt es:
»Der Kongress […] verwirft aber nicht prinzipiell und für alle Zeiten jede Kolonialpolitik, die unter sozialistischem Regime zivilisatorisch wird wirken können.«
Sie wurde mit einer knappen Mehrheit von 127 zu 108 Stimmen abgelehnt. Vgl. dazu G.D.H. Cole, ›A History of Socialist Thought‹, London 1953–1960.
[9] S. 124 in dieser Ausgabe. Vgl. auch Kapitel VII und IX.
[10] Vgl. Luxemburg, ›Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus‹, in ›Gesammelte Werke‹, Bd. 5 – Ökonomische Schriften, Berlin 1985.
[11] Vgl. Bauer, ›Die Kolonialpolitik und die Arbeiter‹, in ›Die Neue Zeit‹, 23. Jg., Bd. 2, Nr. 35, 1905.
[12] ›Die Neue Zeit‹, 32. Jg., Bd. 2, Nr. 21 vom 11. 09. 1914, S. 921.
[13] ›Die Neue Zeit‹, 33. Jg., Bd. 2, Nr. 5 vom 30. 04. 1915, S. 144.
[14] S. 126 in dieser Ausgabe.
[15] Lenin, Werke Bd. 24, S. 465f.
[16] Lenin, Werke Bd. 29, S. 150, 153.
[17] Ebd. Unsere Hervorhebung.
[18] MEW, Bd. 4, S. 162f.
[19] S. 105 in dieser Ausgabe.
[20] Bucharin, ›Ökonomik der Transformationsperiode‹, Hamburg 1970, S. 37.
[21] Trotzki, ›Verratene Revolution‹, in ›Schriften 1. Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur‹, Bd. 1.2, Hamburg 1988, S. 948ff.
[22] Ebd.
[23] S. 91 in dieser Ausgabe.
[24] Novack, ›Uneven and Combined Development in World History‹, in ›Understanding History – Marxist Essays‹, New York 1972, S. 82–130.
[25] Ebd., S. 100f.
[26] Trotzki, ›Geschichte der Russischen Revolution. Februarrevolution‹, Berlin 1931, S. 17.
[27] Trotzki, ›Die permanente Revolution‹, Essen 1993, S. 183, 185. Unsere Hervorhebung.
[28] Preußische Großgrundbesitzer.
[29] Ted Grant, ›The Colonial Revolution and the Sino-Soviet Dispute‹. https://www.marxists.org/archive/grant/1964/08/colrev.htm. Unsere Übersetzung.
[30] Baran, ›The Political Economy of Growth‹, in ›The American Economic Review‹, Bd. 48, Nr. 1.
[31] Baran & Sweezy, ›Monopolkapital‹, Frankfurt a. M. 1967, S. 175f.
[32] Frank, ›Capitalism and Underdevelopment in Latin America‹, New York 1967, und ›Latin America: underdevelopment or revolution‹, New York 1969.
[33] Der Begriff »Volksfront« bezieht sich auf die Regierungen der Klassenzusammenarbeit zwischen den bürgerlichen Parteien und den sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien, insbesondere auf die Regierungen, die im Sommer 1936 in Spanien und Frankreich gebildet wurden. Ihre historische Funktion bestand darin, das Proletariat der Bourgeoisie unterzuordnen, um die revolutionären Situationen, die sich in diesen Ländern entwickelt hatten (spanischer Bürgerkrieg, Streikbewegung und Fabrikbesetzungen in Frankreich), zu ersticken.
[34] Arbeiterklasse, Bauernschaft, Kleinbürgertum etc.
[35] Amin, ›L‘accumulation à l‘échelle mondiale‹, Paris 1970.
[36] Emmanuel, ›L‘échange inégal‹, Paris 1970.
[37] Arrighi, ›The Long Twentieth Century‹, London 1996.
[38] Amin, ›Les défis de la mondialisation‹, Paris 1996.
[39] Amin, ›Beyond US Hegemony: Assessing the Prospects for a Multipolar World‹, London 2006.
[40] Amin, ›Sur la crise: Sortir de la crise du capitalisme ou sortir du capitalisme en crise‹, Paris 2009.
[41] Hardt & Negri, ›Empire‹, Frankfurt a. M. 2002, S. 201.
[42] Ebd., S. 320.
[43] Ebd., S. 242.
[44] Screpanti, ›Global Imperialism and the Great Crisis‹, New York 2014, S. 50f. Unsere Übersetzung.
[45] Wir verweisen an dieser Stelle auf die Webseiten der Revolutionären Kommunistischen Internationale (marxist.com) und ihrer deutschsprachigen Sektionen (rkp.red/kommunismus.ch/derkommunist.de).