David Rjazanov (1870–1938) wurde mit 17 Jahren politisch aktiv und gehörte damals den anarchistisch ausgerichteten Narodniki an. Als diese Bewegung unter dem Druck der staatlichen Repression zusammenbrach, begann er sich, wie so viele andere, mit dem Marxismus und dessen Kritik am Anarchismus auseinanderzusetzen. Bei zwei Auslandsreisen lernte er auch die europäische Sozialdemokratie und die russischen Revolutionäre in der Emigration kennen. Die Lektüre von Plechanows Schriften gegen die Narodniki überzeugte ihn von der theoretischen Überlegenheit des Marxismus.
Zurück in Russland wurde er von der Geheimpolizei verhaftet und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. In dieser Phase seines Lebens begann Rjazanov mit dem ernsthaften Studium marxistischer Literatur. Ab 1901 lebte Rjazanov im Exil, zuerst in der Schweiz, dann in Berlin, wo er die Zeitung Borba („Kampf“) gründete.
In den folgenden Jahren bezieht Rjazanov deutlich Stellung in den theoretischen Debatten, die sich in der russischen Arbeiterpartei rund um den Charakter der russischen Revolution und der sozialdemokratischen Partei selbst entwickelten. Er wandte sich gegen die Parteikonzeption von Lenin und den Bolschewiki, wie sie 1902 in Was tun? dargelegt wurde und vertrat den Standpunkt jener Teile, die als Vorbedingung für den Sozialismus eine entwickelte kapitalistische Produktionsweise sahen. Erst unter diesen Bedingungen könne sich die Arbeiterbewegung den Kampf für den Sozialismus auf ihre Fahnen heften. Ein Überspringen dieser Etappe, so seine Warnung, könne nur im Sektierertum enden.
Rjazanovs Position entsprach in weiten Teilen den Auffassungen der Menschewiki, dem reformistischen Flügel in der russischen Sozialdemokratie. Wie auch Trotzki schloss er sich jedoch keiner der beiden Fraktionen an, weil er die Spaltung der Partei – aus seiner Sicht eine unnötige Schwächung der eigenen Reihen – entschieden ablehnte. Im Gegensatz zu jenem vertrat er aber ein mechanisches Verständnis vom Klassenkampf in Russland, das er erst 1905, unter dem Eindruck der Revolution, überwinden konnte. Rjazanov war sehr stark von der Marxismusrezeption der II. Internationale geprägt. In Berlin hatte er die deutsche Sozialdemokratie, welche mit der Autorität ihrer Theoretiker, wie Karl Kautsky, der Internationale den Stempel aufdrückte, kennen und schätzen gelernt. Er ging dabei von einem Entwicklungsmodell aus, wonach der russische Kapitalismus erst alle Phasen der kapitalistischen Produktionsweise wie in Westeuropa durchmachen müsse, bevor der Übergang zum Sozialismus auf der Tagesordnung stehen könne. Die russische Revolution könne daher auch nur eine bürgerliche sein.
Als 1905 in Russland die lang ersehnte Revolution ausbrach, kehrte Rjazanov umgehend in seine Heimat zurück und beteiligte sich am Aufbau der Arbeiterbewegung. Was zuvor noch Gegenstand abstrakter Diskussion war, wurde nun zu einer offenen Auseinandersetzung lebendiger gesellschaftlicher und politischer Kräfte, in denen Rjazanov sich gezwungen sah, seinen Standpunkt zu ändern. Die russische Bourgeoisie entpuppte sich als unfähig und unwillig, wenn es darum ging, selbst die Aufgaben der bürgerlichen Revolution zu vollenden. Die Arbeiterklasse war die einzige soziale Kraft, die sich imstande zeigte, diesen Kampf konsequent zu führen.
Nach seiner abermaligen Verhaftung im Zuge der Niederlage der Revolution ging Rjazanov wieder nach Deutschland ins Exil und entwickelte dort die umfangreiche Forschungs- und Sammeltätigkeit, die bis zu seinem Tod einen zentralen Teil seines politischen Lebens ausmachen würde. Nach 1905 ging er aber mit einem gänzlich anderen Interesse an diese Forschungsarbeit heran. Das Studium des Marxismus sollte die theoretischen Grundlagen zur Weiterentwicklung des politischen Kampfes der Arbeiterbewegung um die Macht liefern.
Auf der Suche nach Antworten in Fragen, die für die damalige Arbeiterbewegung von aktuellem Interesse waren – etwa die Bauernfrage im Kontext der russischen Revolution oder die Massenstreikdebatte, in der es um das Verhältnis von spontaner Arbeiterbewegung, Gewerkschaften und Sozialdemokratie ging – begab sich Rjazanov tief in die Archive der Arbeiterbewegung, insbesondere dem der deutschen Sozialdemokratie, das einen Großteil des Nachlasses von Marx und Engels beinhaltete. Weitere Quellen, die er untersuchte, waren der Briefnachlass von Laura Lafargue, der Tochter von Karl Marx, und die Originaldokumente der Ersten Internationale, die sich im British Museum befanden.
Dabei stieß er auf einen wahren Schatz marxistischer Theoriebildung, nämlich eine Reihe von bis dahin unveröffentlichten Schriften, Artikeln, Entwürfen und den gesamten Briefwechsel von Marx und Engels. Dabei muss vorausgeschickt werden, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Werk von Marx und Engels nur sehr bruchstückhaft bekannt war. Die führenden Köpfe der deutschen Sozialdemokratie sahen sich als Erben von Marx und Engels, behandelten deren Werk aber äußerst stiefmütterlich. Bis auf einige Bücher, wie dem Manifest, dem Kapital, den späteren Werken von Engels wie dem Ursprung der Familie oder dem Anti-Dühring und ein paar anderen, verstaubten die meisten Schriften der Begründer des Marxismus im Archiv und es war kaum etwas von den Schriften der Klassiker einer breiteren Leserschaft zugänglich.
Selbst diese Werke waren meist in nur sehr geringer Auflage gedruckt worden. Eduard Bernstein, der von der deutschen Sozialdemokratie als wissenschaftlicher Verwalter dieses Nachlasses betraut worden war, lehnte wichtige Eckpfeiler des Marxismus, wie die Dialektik, schlichtweg ab, und stellte sich seiner Aufgabe dementsprechend. Er argumentierte und theoretisierte zudem eine grundlegende Abkehr vom revolutionären Marxismus und schuf damit den Revisionismus, die Ideologie der aufstrebenden Bürokratie in der Sozialdemokratie und der Gewerkschaft. Diese Schicht hatte sich eine sichere Stellung innerhalb des Kapitalismus erworben und lebte nicht mehr für, sondern immer mehr von der Bewegung. Unter diesem Druck war die Marxismusforschung in Deutschland zu einem Mauerblümchendasein verdammt, oder wurde gleich aktiv behindert. Eine Einleitung zu Marx‘ Klassenkämpfe in Frankreich, die Engels kurz vor seinem Tod verfasst hat, wurde von der Parteiführung zusammengekürzt, ihres revolutionären Inhalts beraubt, und sollte der Rechtfertigung des reformistischen Kurswechsels der sozialdemokratischen Spitzen dienen. Erst 1924 konnte das ganze Ausmaß der Verstümmelung festgestellt werden, als Rjazanov das vollständige Manuskript ausfindig machte und veröffentlichte.
Rjazanov studierte und ordnete die Archive also nicht nur, sondern erweiterte sie auch um wesentliche Funde. So sammelte er die (veröffentlichten und unveröffentlichten) Beiträge von Marx und Engels an die New York Tribune, die People’s Paper und die Neue Oder-Zeitung und holte nach dem Freitod von Paul und Laura Lafargue den Familienbestand des Marx-Nachlasses nach Berlin. 1913 nahm Rjazanov wesentlichen Anteil an der Veröffentlichung ausgewählter Briefe zwischen Marx und Engels. Bernstein willigte diesem Projekt aber nur in Form einer teuren Edition ein, welche nur einem ausgewählten Publikum zur Verfügung stehen sollte. Auch hier nahm es sich Bernstein heraus, ganze Briefe bzw. Briefpassagen zu streichen.
In weiterer Folge machte sich Rjazanov an die Veröffentlichung von Marx‘ Analysen der internationalen Beziehungen zwischen den Großmächten nach 1848, weil er darin eine Voraussetzung zum Verständnis der imperialistischen Widersprüche vor dem Ersten Weltkrieg sah. Rjazanov erwarb sich mit seiner Gewissenhaftigkeit den Ruf, „wegen eines Kommas in der Handschrift von Marx in einem ungeheizten Waggon vierter Klasse nachts von Wien nach London [zu] reisen“.
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg lehrte Rjazanov an der Parteischule der Bolschewiki auf Capri und publizierte in einer Reihe von Zeitungen, unter anderem im Theorieorgan der deutschen Partei, der Neuen Zeit, im Kampf, der Theoriezeitschrift der österreichischen Sozialdemokratie und in der von Trotzki in Wien herausgegebenen Prawda. 1913 verfasste er eine Broschüre Zum Gedächtnis Bebels, wo er auf den Bruch der deutschen Sozialdemokratie mit der revolutionären Tradition des Marxismus hinwies.
Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 bezieht Rjazanov offen Partei, verurteilt den imperialistischen Krieg und schließt sich der von Lenin und Trotzki geführten Zimmerwalder Linken an. Als im Februar 1917 der Zar gestürzt wurde, organisierte er sofort seine Rückkehr nach Russland. Im August 1917 folgt er dem Beispiel von Trotzki und schließt sich mit Joffe, Uritzki und vielen anderen Anhängern der s.g. Meschrajonzy („Zwischenbezirksgruppe“) den Bolschewiki an.
1921 wird Rjazanov mit der Gründung und Leitung des neu eingerichteten Marx-Engels-Instituts betraut und ist somit verantwortlich für die Herausgabe des Gesamtwerks von Marx und Engels, die Erforschung der sozialistischen Theorie und der internationalen Arbeiterbewegung und die massenhafte Verbreitung des Marxismus. In dieser Funktion leistete Rjazanov einen unschätzbaren Beitrag zur Aufarbeitung des politischen Nachlasses von Marx und Engels.
1922 hält Rjazanov an der Swerdlow-Universität und an der Sozialistischen Akademie der Wissenschaften Vorlesungen bzw. eine Kursreihe über das Leben und Werk von Marx und Engels. Diese Vorträge waren auf sein Publikum, das sich aus jungen Arbeitern zusammensetzte, zugeschnitten und sollten zeigen, wie die Methoden des Historischen Materialismus auf Marx und Engels selbst anzuwenden sind. Dabei entwickelt er den Gedanken, dass der Marxismus eben keine geniale Idee ist, sondern das Produkt einer wissenschaftlichen Analyse der bestehenden Gesellschaftsverhältnisse und das Ergebnis der konkreten Entwicklung des Klassenkampfes. Diese Vortragsreihe beinhaltet allein durch die Darstellung der Rolle der Arbeiterpartei und der Pariser Kommune eine Reihe von Kritikpunkten an den politischen Verhältnissen in der Sowjetunion. Die Vorträge wurden mit dem Ziel, einer neuen Generation von Revolutionären den Marxismus näher zu bringen, als Buch in riesigen Auflagen veröffentlicht. So fand es massenhafte Verbreitung, bis die Herausgabe 1931 von der stalinistischen Bürokratie, der die Theorie immer nur zur Rechtfertigung ihrer aktuellen konkreten Politik diente, gestoppt wurde.
Unter dem Druck der Fraktionskämpfe in der KPdSU und der einsetzenden Verfolgung der Linken Opposition zieht sich Rjazanov wieder aus der öffentlichen Debatte zurück und beschränkt sich auf die Herausgabe des Gesamtwerks von Marx und Engels. Doch 1931 ereilt auch ihn der lange Arm der stalinistischen Geheimpolizei. Man verhaftet ihn unter dem Vorwand, dass in seinem Institut viele ehemalige Menschewiki als Übersetzer beschäftigt wären. Er wird in die Verbannung geschickt und mit einem Publikationsverbot belegt. Im Jänner 1938 wird er schließlich unter der Anklage der „konspirativen Verbindung“ zu einer imaginären „antisowjetischen, rechtstrotzkistischen Organisation“ zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Um diese Episode und den Charakter Rjazanovs besser zu verstehen, drucken wir im Anhang einen Artikel Trotzkis in Verteidigung des großen Marx-Forschers. Mit der Neuauflage dieser Vortragsreihe über Marx und Engels hoffen wir, einen wertvollen Beitrag zur Ausbildung der nächsten Generation von Revolutionären zu leisten.