Von Gernot Trausmuth.
Mai 2025
Täglich wälzen sich in Tirol Tausende LKWs über die Brennerautobahn, die die wichtigen Wirtschaftszentren in Süddeutschland und Norditalien miteinander verbindet. Im Jahr sind es rund 2,5 Millionen Schwerverkehrsfahrzeuge, die diese wichtige Handelsroute zwischen Nord und Süd passieren.
Durch das Land entlang von Inn und Etsch verlief schon im Mittelalter einer der bedeutendsten Handelswege Europas. So ist es kein Zufall, dass die Habsburger sehr früh schon ein Auge auf dieses Gebirgsland warfen, das noch dazu reiche Vorkommen an Bodenschätzen (Silber, Kupfer, Salz) besaß und deshalb als die »Schatzkammer« des Reiches galt.
Der Fürst und der Kapitalist
Als im 15. Jahrhundert Kaiser Friedrich III. und sein Sohn Maximilian I. das Reich Richtung Westen expandierten, gewann Tirol aufgrund seiner geographischen Lage zusätzlich an Bedeutung. Maximilian, der sich gerne als »letzter Ritter« inszenierte, verlegte sogar seine Residenz nach Innsbruck. Die Alte Hofburg, die der große Albrecht Dürer verewigte, war berühmt für die prachtvollen und kostspieligen Festveranstaltungen und Ritterturniere des Kaisers. Das Goldene Dachl zeugt bis heute von dieser prunkvollen Ära der Tiroler Landeshauptstadt.
Kaiser Maximilian liebte »sein« Tirol. Ob seine Untertanen diese Liebe erwiderten, kann bezweifelt werden. Für großen Unmut sorgte ein unter ihm verhängtes Jagdverbot für den »gemainen man«, weil der kaiserliche Hof nur allzu gern der Jagd frönte. Das Bürgertum hätte von der Erhebung Innsbrucks zur Residenzstadt durchaus wirtschaftlichen Nutzen ziehen können, wäre der Kaiser nicht ständig in Finanznöten gewesen. Im Jahr 1518 spitzte sich die Schuldenkrise des Habsburgers gewaltig zu. Maximilian hatte sich ein letztes großes Lebensziel gesteckt: die Regelung seiner Nachfolge. Das Heilige Römische Reich war eine Wahlmonarchie. Der nächste König wurde von den sieben Kurfürsten gewählt, und die ließen sich ihre Stimme fürstlich entlohnen. Das nötige Bestechungsgeld zur Wahl seines Enkels Karl, dem Herzog von Burgund und König von Spanien, versuchte Maximilian in der reichen Handelsstadt Augsburg aufzutreiben. Dort hatte das Bankhaus der Fugger seinen Sitz, das von einem gewöhnlichen Textilhandelsunternehmen zu einem der mächtigsten Finanzkapitalisten in ganz Europa aufgestiegen war. Jakob Fugger »der Reiche« wurde durch Bankgeschäfte mit dem Papst und mit den Habsburgern steinreich. Er finanzierte Maximilians Expansionsstreben und Kriege. Dafür erhielt er eine Reihe von Herrschaften in Süddeutschland sowie lukrative Bergbaugebiete im Königreich Ungarn wie auch in Tirol, wo riesige Silber- und Kupfervorkommen lagen.
Die Beziehung zwischen dem Kaiser aus dem Hause Habsburg und dem reichen Augsburger Bankier war über mehr als zwei Jahrzehnte gewachsen und hatte ein Ausmaß gegenseitiger Abhängigkeit angenommen. Die Erstarkung des Kapitals im Spätmittelalter war eine Folge der sich entwickelnden Warenproduktion und des damit verbundenen Handels. Doch das Kaufmannskapital brauchte eine starke Staatsmacht, die einen inneren Markt und eine überregionale Expansion sicherstellen konnte. Deshalb förderten die Kapitalisten die Herausbildung des Absolutismus, der sich auf eine Bürokratie und Söldnerheere stützte. Fugger hatte darauf spekuliert, dass die Habsburger dauerhaft das Heilige Römische Reich regieren werden und durch ihre Expansionsbestrebungen in Ost- und Westeuropa, in Spanien und dessen Kolonien in Amerika die bestimmende Macht in Europa und global werden würden.
Maximilian war auf dem Reichstag mit seinem Ansinnen, Karl zu seinem Nachfolger zu machen, vorerst gescheitert. Nun wollte der gealterte Kaiser zu seinen »treuen Tirolern« nach Innsbruck reisen. Doch vor der Stadtmauer erwartete ihn eine böse Überraschung. Die Bürgerschaft verwehrte dem hoch verschuldeten Landesfürsten und seinem Hofstaat den Zutritt zur Stadt. Erst müssten die Schulden seines letzten Aufenthalts in der Höhe von 24.000 Gulden beglichen werden. Maximilian blieb nichts anderes übrig, als die Weiterreise, auf der er erkrankte und bald darauf starb.
Erst nach seinem Tod wurde im Juni 1519 die Nachfolge für den Thron des Heiligen Römischen Reiches geregelt. Für die Wahl von Karl V. stellte Jakob Fugger die unvorstellbare Summe von mehr als einer halben Million Gulden zur Verfügung. Seine Rechnung sollte aufgehen. Der junge König war seinem Kapitalgeber zu ewigem Dank verpflichtet, schützte ihn vor Antimonopolisierungsgesetzen und entschädigte die Fugger mit Bergwerken in Spanien und der bedeutsamen Tiroler Kupfer- und Silberproduktion.
Zeit des Umbruchs
Doch der junge Karl saß im fernen Madrid und regierte plötzlich ein Reich, »in dem die Sonne nicht unterging«. Und das in einer Zeit des Umbruchs und schwerer politischer und gesellschaftlicher Krisen. Zwei Jahre zuvor hatte der deutsche Theologe Martin Luther mit seinen Thesen wider den Ablasshandel und andere Missstände in der über Jahrhunderte allmächtigen katholischen Kirche eine Bewegung losgetreten, die in den folgenden Jahren das gesamte Reich erschüttern sollte. Das Machtvakuum an der Spitze des Reiches nach dem Ableben von Kaiser Maximilian, und zwar in Zeiten zugespitzter Krise, eröffnete Dynamiken, die 1524/1525 zum Ausbruch einer Reihe von Bauernaufständen führten.
Über Tirol liefen zu Beginn der Neuzeit nicht nur wichtige Handelsströme. Mit den Händlern und Kaufleuten kamen auch die neuen Ideen der Reformation ins Land. Die Erfindung des Buchdrucks ermöglichte den Vertrieb von Flugschriften und Pamphleten im großen Stil und sorgte für eine rasante Verbreitung der Thesen von Luther und anderen Denkern. Besonderen Anklang fanden sie in den Bergbaugebieten Nordtirols: Hall, Rattenberg und vor allem Schwaz, das mit seinen 20.000 Einwohnern damals nach Wien die größte Stadt in den Habsburgischen Erblanden war. Hier arbeiteten unter Tage Bergknappen unterschiedlicher Herkunft nach den modernsten Methoden der damaligen Zeit. Der Bergbau hatte zu Beginn des 16. Jahrhunderts seinen handwerksmäßigen Charakter verloren. Karl Kautsky schreibt darüber: »Ein Bergwerk war zu einem großen, komplizierten Organismus geworden, der ausgedehnte und kunstreiche, höchst kostspielige Anlagen bedingte, dessen Getriebe nur wissenschaftlich gebildete Techniker, »Künstler,« zu übersehen und zu leiten, und nur stärkere als menschliche Kräfte im Gang zu halten vermochten, ein Organismus, den zu besitzen und zu erhalten ein Kapital erforderte.« (Kautsky, Vorläufer des modernen Sozialismus)
Das nötige Kapital war in den Händen finanzkräftiger Handelskapitalisten und Bankiers aus Süddeutschland, allen voran den Fuggern. Seit Mitte des 15. Jahrhunderts hatten diese Kapitalisten ihren Einfluss im Tiroler Bergbau Schritt für Schritt ausgeweitet. Für ihre Darlehen an den Landesfürsten verlangten sie Sicherheiten und forderten das Recht, Abgaben auf das von den Kleinunternehmern (Gewerken) geförderte Silber und Kupfer einheben zu können. Mit der Zeit erlangten sie ein Vorkaufsrecht und bestimmten mehr und mehr die Preise. Schlussendlich wurden ihnen vom Landesfürsten die Einnahmen der Montanindustrie zur Gänze verpfändet. Die Fugger machen allein mit den Bergwerken in Schwaz jährlich die gewaltige Summe von 200.000 Gulden. Dazu kamen noch die Profite aus der Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln und anderen Waren.
Die Bergbaugemeinschaften waren sich des Werts ihrer Arbeit bewusst und entwickelten ein dementsprechendes Selbstbewusstsein. Die alte Feudalordnung, an deren Spitze Adelige und Kirchenmänner standen, war in ihren Augen die Welt von Gestern, die noch dazu moralisch völlig verkommen war. Doch auch die neuen Herren über den Tiroler Bergbau, die Fugger, die Hochstetter und die Paumgartner, waren den Bergleuten ein Graus. Der Unmut über diese Bankiers war riesig. In ihnen sah die Bevölkerung die Schuldigen für die stark steigenden Preise und den Wertverlust des Geldes. Dazu kamen die hohen Zinszahlungen für die Schulden des Landesfürsten. Die Fugger verlangten einen Zinssatz von 10 Prozent, das Doppelte von der sonst üblichen Rate! Die Schuldentilgung des Hofes fraß gewaltige Summen und wurde durch immer absurdere Sonderabgaben der Bevölkerung abgepresst. Das brachte alle Stände, nicht nur die Bauern, sondern auch den Adel und das Bürgertum, gegen die neuen Monopolkapitalisten auf. So braute sich ein sehr explosives Gemisch zusammen.
Molekularprozess der Revolution
In Tirol gab es gegenüber den meisten anderen Gebieten des Reiches eine Besonderheit, was die Stellung der Bauernschaft anging. Seit 1342 hatten die Tiroler Bauern das Recht, neben der dörflichen Selbstverwaltung auf Ebene der Gerichte (Gemeinden) Vertreter zu wählen, die gleichberechtigt neben Prälaten, Adel und Stadtherren im Landtag mitentscheiden konnten. Die Leibeigenschaft war in Tirol nicht mehr sehr verbreitet. Vor allem im Inntal besaßen die freien Bauern Grund und Boden und konnten diesen auch vererben. Südlich des Brenners waren die Verhältnisse anders. Die Bauern hatten in den Hochstiften Brixen und Trient kein politisches Mitspracherecht wie im Rest von Tirol. In diesen Regionen überwogen Kleinbetriebe, und der Großteil der Bevölkerung zählte zur Dorfarmut aus Tagelöhnern, Knechten und Mägden sowie armen Bauern. Im Gegensatz zu den begüterten Bauern, der »Ehrbarkeit«, nannte man sie abschätzig den »Pofl«. Diese Schicht von Untertanen hatte wahrlich nichts zu verlieren, außer ihre eigenen Ketten.
In einer Feudalgesellschaft müssen die Untertanen gegenüber der Obrigkeit, bestehend aus dem Landesfürsten, dem Adel und dem Klerus, eine Reihe von Frondiensten (Robot) und diverse Zinszahlungen leisten. Im Tirol des frühen 16. Jahrhunderts wurden diese Belastungen angesichts der massiven Verschuldung immer horrender: Im Frühling und Herbst war der Untertanenzins zu entrichten, dann gab es den großen (Wein und Getreide) und kleinen (Gartenerträge, Vieh, Geflügel) Kirchenzehent, den Schaltjahrzins, den Afterzins für alte Schulden, Zinsgeld für Koppelfutter (für die Pferde und Jagdhunde der Obrigkeit) sowie diverse außerordentliche Abgaben.
Das zu bewirtschaftende Land gehörte im Regelfall nicht den Bauern, die darauf arbeiteten, sondern dem Grundherrn. Doch als Überbleibsel vorfeudaler Produktionsweisen verfügten die Bauerngemeinden noch über Wald- und Weideflächen, die sich im Gemeinbesitz befanden. Je nach Region wurde dieses Gemeinland als »gmain« oder »Allmende« bezeichnet. Nach dem Gewohnheitsrecht konnten die Bauern diese freien Wälder und Weiden nutzen. Vor allem durch die Ausweitung des Bergbaus und dem damit verbundenen Anstieg des Bedarfs an Bau- und Brennholz wurde der Wald zu einer immer wertvolleren Ressource. Die Landesfürsten erließen daher neue Wald- und Bergordnungen, um den Zugriff auf den Rohstoff Holz zu sichern. Mit der Waldordnung von 1524 sicherte sich zum Beispiel der Salzburger Fürsterzbischof alle Wälder des Erzbistums mit dem Ziel einer regulierten Forstwirtschaft im Zusammenhang mit der Bergbauindustrie. Die freie Nutzung durch die Bauern wurde somit massiv eingeschränkt, was einer der wesentlichen Gründe für den Ausbruch des Bauernaufstandes in Salzburg werden sollte.
Auch wurde der Auftrieb von Ziegen und Schafen verboten, was für die ärmsten Teile der Landbevölkerung ohne Äcker existenzbedrohend war. Besonders großen Unmut lösten neue Bestimmungen der Verwaltungsbeamten des Landesfürsten aus, die es den Bauern verboten, zu jagen, zu fischen und Schusswaffen zu tragen. Die Jagd wurde immer mehr zum Privileg einer kleinen Elite. Doch die bäuerliche Bevölkerung war nicht gewillt, sich an diese Eingriffe in ihre traditionellen Rechte zu halten. Sie berief sich auf ein »geheiligtes Volksrecht« aus vergangenen Tagen. Nach dem Tod von Kaiser Maximilian 1519 wurde in Tirol das Wildern zu einem regelrechten Volkssport. Verbote blieben völlig wirkungslos. Das Machtvakuum durch das Fehlen eines im Land präsenten Landesfürsten nutzten die Untertanen, um Tatsachen zu schaffen. Chronisten berichteten, dass dieses Jagdfieber einherging mit einem Aufschwung »seltsamer Reden wider Pfaffen und Obrigkeit«. Eine geheime Versammlungstätigkeit griff um sich, und Bauern gründeten konspirative Geheimausschüsse.
Im Oberinntal wurde die Forderung nach einem Anschluss an die Schweizer Eidgenossenschaft laut, wo die Bauern schon seit längerem größere Freiheiten erkämpft hatten.
Die Landesregierung sah sich angesichts dieser Entwicklungen gezwungen, weitreichende Zugeständnisse zu machen. Die Abgabenlast wurde reduziert, Wilderer wurden amnestiert. Im Süden des Landes war die Stimmung noch aufgeheizter. Die Masse verweigerte die Leistung der Abgaben, in Brixen und Rodeneck blieben die Bauern sogar die Erbhuldigung, also den Treueid auf den neuen Herrscher, schuldig. Der Adel musste diesem Treiben ohnmächtig zusehen.
Auch unter den Handwerkern in den Städten kam es zur Gründung von geheimen Bünden, die nicht zufällig den Bundschuh als ihr Symbol wählten und damit dem Vorbild früherer Bauernaufstände folgten.
In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu lokalen Unruhen. Die Landesregierung schwankte dabei zwischen einer Politik der Zugeständnisse und dann wieder der harten Repression.
Tirol wurde in diesen Jahren außerdem von der Pest heimgesucht und erlebte eine Reihe von Umweltkatastrophen wie Erdbeben und Überschwemmungen. Infolge dieser Katastrophen kam es zu einem weiteren Anstieg der Teuerung.
Das alles zusammen bildete den sozialen Nährboden, auf dem die Saat der Reformation gedeihen konnte. Tirol erlebte in den frühen 1520ern einen Prozess, in dem die Bedingungen für einen Volksaufstand heranreiften. Die Empörung gegen die Obrigkeit richtete sich allen voran gegen die Kirche, die in den vorangegangenen Jahrzehnten immer mehr entartet war. Das Papsttum hatte angesichts von Machtmissbrauch, Verschwendung, Korruption und Sittenlosigkeit jegliche Autorität eingebüßt. Doch der Fisch stinkt längst nicht mehr nur vom Kopf. In Tirol hatte die Kirche zwar eine geringere Machtfülle als in anderen Teilen des Reiches, doch die Missstände sorgten auch hier für viel Empörung. Der Handel mit Ablassbriefen blühte, es wurde geschachert, wer die einträglichsten Pfründe bekommen sollte. Den Priestern wurden Trunksucht, Völlerei und sexuelle Ausschweifungen vorgeworfen. So verwunderte es nicht, dass Wanderprediger, die die Ideen der Reformation ins Land brachten, in der Bevölkerung sehr großen Anklang fanden. Aus einem Erlass der Landesregierung kann man ablesen, dass auch Frauen »öffentlich und heimlich in den Winkeln dem einfältigen, unverständigen Mann predigen« (Hans Benedikter, Rebell im Land Tirol).
Vor allem in den Bergbaugebieten Nordtirols fasste die Reformation sehr schnell Fuß. In Hall, das durch den Salzabbau reich wurde, zog der Prediger Jakob Strauß die Knappen in seinen Bann. Bald schon war die Kirche zu klein, um den Massenansturm zu fassen und Strauß musste seine »hitzigen« Ansprachen gegen den Bischof, die Priester, Mönche und Nonnen ins Freie verlegen. Die Gemeinde schützte ihn vor Verhaftung. Als er 1522 auf Druck der Landesregierung Tirol doch verlassen musste, trat der Humanist Urbanus Rhegius an seine Stelle und führte sein Werk fort. Später reiste auch Thomas Müntzer nach Hall, um sich mit Gleichgesinnten zu treffen.
So sehr sich die Obrigkeit auch bemühte, die aufrührerischen Ideen zu unterdrücken, diese Bewegung war nicht mehr aufzuhalten. Mönche verließen die Klöster und gingen gezielt in die Bergwerke, um dort zu arbeiten und die »evangelischen Wahrheiten« unter den Bergknappen zu verbreiten. Wo Prediger verhaftet wurden, kam es zu lokalen Unruhen. In Südtirol breitete sich zeitgleich im Volk eine radikale »Ketzerbewegung« aus, die sich in der kommunistischen Tradition innerhalb der böhmischen Hussiten sah und als Wiedertäufer Bekanntheit erlangte.
Luthers Übersetzung der Bibel ins Deutsche, die 1522 erstmals in gedruckter Form erschien, beschleunigte das Vordringen der Reformation. Dazu kamen unzählige, graphisch sehr beeindruckend gestaltete Flugzettel und Pamphlete, die im Volk Verbreitung fanden. In Tirol war vor allem die große Messe in Bozen wichtiger Umschlagplatz für diese Druckwerke mit revolutionärem Inhalt.
Im Sommer 1524 brachen in Süddeutschland erste Bauernaufstände aus. Der große Bauernkrieg nahm somit seinen Lauf. Der Aufruhr gegen die Obrigkeit erlangte ein Ausmaß und eine Radikalität, wie es Europa bis dahin noch nicht gesehen hatte. Die Nachricht von Bauernaufständen im Allgäu und in anderen Gebieten verbreitete sich auch in Tirol in Windeseile. Die Bedingungen für einen Aufstand waren auch hierzulande mehr als reif. Doch an welchem Funken würde sich das Pulverfass entzünden?
Vorspiel und Auslöser des Aufstands
Wie so oft in der Geschichte ist es ein zufälliges Ereignis, in dem sich eine größere Notwendigkeit ausdrückt und das dementsprechend eine Dynamik auslöst, die weit über die unter normalen Umständen zu erwartende Wirkung des Vorfalls hinausreicht. Im September 1524 wurde der Kleinhäusler Peter Paßler aus Antholz gemeinsam mit seinem Kameraden Hans Jarl verhaftet, nachdem sie monatelang als sogenannte »Absager« die Reichen in Angst und Schrecken versetzt hatten. Paßler wollte nicht hinnehmen, dass seinem Vater vom Bischof das Amt des Fischereiaufsehers in seinem Heimattal entzogen worden war und leistete gegen das erlittene Unrecht Widerstand. Dabei berief er sich auf ein altes, in der bäuerlichen Gesellschaft verbreitetes Fehderecht (»die Absage«). Ähnlich wie Michael Kohlhaas in Kleists berühmter Novelle erklärte Paßler dem Bischof die Fehde und genoss dadurch enorme Popularität in der Bevölkerung. Als sich die Untertanen in Paßlers Heimat weigerten, Steuern zu zahlen, wurde eine Strafexpedition ins Ahrn- und ins Antholzertal entsandt.
Die Chronisten berichteten, dass es in Südtirol eine Reihe von solchen Absagern gab. Paßler genoss aber wie kein anderer den Ruf eines Kämpfers für Gerechtigkeit und wurde zu einer Symbolfigur des Widerstands gegen die Obrigkeit. Seine Verhaftung sorgte unter den Bauern für große Empörung. Nach einer »peinlichen Vernehmung«, sprich Folter, wurde Jarl in Innsbruck hingerichtet. Dasselbe Schicksal sollte Paßler in Brixen ereilen.
Zur selben Zeit, im Februar 1525, kam es in Schwaz und Hall zu Arbeitsniederlegungen und Protesten der Bergknappen. Ihre Wut richtete sich vor allem gegen die Preistreiberei seitens der Händler und lokalen Handwerker, aber auch gegen die Streichung von Feiertagen, zu hohe Abgaben und die Methoden der Fugger. Bewaffnet zogen mehrere Tausend Knappen von Schwaz Richtung Innsbruck und wollten Erzherzog Ferdinand, der von seinem Bruder Kaiser Karl V. als Landesherr von Tirol eingesetzt wurde, ihre Forderungen vorlegen. Sie verlangten mehr arbeitsfreie Tage, die Prüfung ihrer Beschwerden über ungerechte Beamte, einen neuen Bergrichter und das Recht, ihre eigenen Vertreter zu wählen. Der junge Landesfürst sah sich gezwungen, einige Begehren der Bergleute zu erfüllen. Diese taktischen Zugeständnisse Ferdinands sollten sich in den kommenden Monaten als sehr kluger Schachzug erweisen.
Das Land kam aber nicht mehr zur Ruhe. Immer wieder brachen lokale Unruhen aus, in vielen Orten bildeten sich geheime Ausschüsse der Bauern. Die Nachrichten von Bauernaufständen vom Schwarzwald über das Allgäu bis nach Thüringen machten die Runde. Die Programme dieser Aufstände fanden auch in Tirol in Form von Flugschriften Verbreitung. Ferdinand war sich des Ernstes der Lage bewusst. Bei Ausbruch des Bauernkrieges im Jahr davor hatte er noch einen harten Kurs verfolgt: »Man solle die Rebellen fangen, foltern und ohne Gnade erschlagen (…) ihr Hab und Gut verheeren und verbrennen und ihre Weiber und Kinder aus dem Lande jagen.« (Benedikter) Doch unter der Wucht der Proteste musste er zurückrudern und Verhandlungen führen. Gleichzeitig bereitete sich die Landesregierung militärisch auf den Ausbruch eines Aufstandes vor.
Für den 9. Mai 1525 war auf dem Domplatz von Brixen die Hinrichtung von Peter Paßler angekündigt. Das Urteil sah den Tod am Scheiterhaufen vor, wurde aber auf Enthauptung durch das Schwert und Vierteilung »gemildert«. Der 9. Mai war kein Markttag, weshalb man mit wenigen Menschen im Stadtzentrum von Brixen rechnete. Doch Landesfürst und Bischof hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Schon Tage zuvor hatten geheime Versammlungen von radikalen Bauernvertretern stattgefunden, die sich zum Ziel setzten, die Hinrichtung Paßlers zu verhindern und ihn zu befreien. Durch den Kontakt zum Schreiber des Bischofs, Michael Gaismair, der schon seit längerem Teil ihres geheimen Ausschusses war, hatten sie wohl die nötigen Informationen zur Planung der Befreiungsaktion.
Nachdem die Bittgesuche einer Delegation von Frauen schroff abgewiesen wurden, entschieden sich die Rebellen für eine bewaffnete Aktion. Als der Scharfrichter seines Amtes walten wollte, stürmten 300 Bauern, die aus den umliegenden Dörfern nach Brixen gekommen waren, los und befreiten in einem Überraschungscoup Paßler. In einem Triumphzug zogen die Bauern aus der Stadt. Damit waren die Schleusen geöffnet, und die Flut der Massenerhebung konnte sich ungehindert ausbreiten.
Paßler wäre für die Rolle des Anführers dieses Haufens prädestiniert gewesen, doch er war von der langen Haft und den Folterungen zu geschwächt. Deshalb wollten die Bauern am folgenden Tag die weitere Vorgangsweise diskutieren und eine Führung wählen. Jedes Gericht konnte zu dieser Versammlung zwei Delegierte entsenden. Dort wurde ein dreiköpfiger Ausschuss gewählt. Alle drei Männer hatten bei der Befreiungsaktion eine führende Rolle gespielt. Die Bauern entsandten außerdem eine Delegation nach Brixen, um Verbindung zur dortigen Bürgerschaft herzustellen. Den Bürgern der Bischofsstadt war es bislang untersagt gewesen, einen eigenen Stadtrat zu wählen. Sie sahen nun die Chance, die lang ersehnte Selbstregierung durchsetzen zu können. Vor allem unter dem Druck radikaler Handwerker und Gewerbetreibender entschied sich die Bürgerschaft, den anrückenden Bauern die Tore zu öffnen. Die Haltung der Bürger wurde wohl auch dadurch begünstigt, dass in dieser Region das Ackerbürgertum vorherrschte. Viele Bürger waren also auch in der Landwirtschaft tätig und hatten dadurch eine enge Verbindung zu den Bauern.
Durch geschicktes Vorgehen gelang es, die in der Stadt stationierten Söldner des Bischofs auf ihre Seite zu ziehen. Bei dieser Aktion dürfte Michael Gaismair, der in den Bürgerausschuss gewählt wurde, erstmals eine zentrale Rolle gespielt haben. So fiel die Stadt kampflos in die Hände der Aufständischen. Mit diesem Bündnis aus Bauern, Handwerkern und Bürgern konsolidierte sich in Brixen, dem Zentrum im südlichen Tirol, eine neue politische Macht. Fürstbischof Sebastian Sprenz, der während des Aufruhrs in Innsbruck weilte, wagt es nicht mehr, in seine Residenz zurückzukehren. Er sollte Brixen nie wieder sehen.
Der jahrelang aufgestaute Hass gegen die Obrigkeit entlud sich nun und richtete sich vor allem gegen den Klerus, dessen Häuser geplündert wurden. Nur die Burg blieb verschont. Dies war vor allem auf den Einfluss eines Mannes zurückzuführen, der von nun an die führende Rolle in der Bewegung einnehmen sollte.
Michael Gaismair
Wer ist dieser Mann, der wie aus dem Nichts kam und plötzlich an der Spitze der Bauern stand? Sein Großvater war noch untertäniger Bauer gewesen, konnte sich aber ein gewisses Vermögen erarbeiten. Die nächste Generation konnte mit dem ererbten Geld bereits als Bürger in Sterzing Fuß fassen bzw. wie Michaels Vater als Bergbauunternehmer tätig werden. Außerdem war dieser für die Erhaltung eines Teilstücks der Landstraße hinauf zum Brenner zuständig und konnte dafür Zoll einheben. Mit anderen Worten: Die Familie Gaismair schaffte den sozialen Aufstieg. Sie war sogar berechtigt, ein Wappen und ein Siegel zu führen. Michael, geboren 1490 in der Nähe von Sterzing, wuchs in einem Umfeld auf, in dem die alte Feudalordnung wie auch die mächtige Rolle der neuen Handelsgesellschaften wie der Fugger in Frage gestellt wurden. Gleichzeitig hatte er stets engen Kontakt zu gewöhnlichen Bergarbeitern und Bauern, die es in ihrem Untertanenverhältnis weit schwieriger hatten als die Familie Gaismair.
Michael bekam die Chance, eine für die damaligen Verhältnisse hohe Ausbildung zu absolvieren, die ihm die Türen zu einer beruflichen Karriere öffnete. Ehrgeizige junge Männer seiner Generation wählten bevorzugt die priesterliche Laufbahn, weil sich damit am leichtesten Geld machen und ein luxuriöses Leben führen ließ. Doch Gaismair ging einen anderen Weg und wurde zuerst lohnabhängiger Grubenschreiber im Schwazer Bergbau. Aus dem Jahr 1512 stammt ein schriftliches Dokument, eine Bittschrift der Bergknappen an den Landesfürsten, die von Gaismair und 11 anderen Kollegen unterzeichnet worden war. Darin beschwerten sich die Bergleute über Missstände und forderten eine Rückkehr zu den alten Spielregeln im Bergbau, bevor die Fugger den Handel mit Erz kontrollierten.
Gaismair bekam zwei Jahre später Schürfrechte in seiner alten Heimat um Sterzing zugeschrieben. Doch wurde er selbst nie Bergwerksunternehmer. 1518 wechselte er allerdings in den Dienst des Landeshauptmanns Leonhard von Völs, einem der mächtigsten Adeligen in Tirol. Der Landeshauptmann war der oberste Vertreter der Stände und Vorsitzender des Hofgerichts. Die Adeligen und generell die Stände hatten in Tirol traditionell eine Reihe von Privilegien und eine sehr starke Stellung gegenüber dem Landesfürsten. Kaiser Maximilian hatte mehr Zentralisierung und die Zurückdrängung dieser Freiheiten angestrebt. Sein Enkel Ferdinand sollte diesen Kurs gemäß den Gepflogenheiten in seinem Mutterland Spanien fortsetzen. Gleichzeitig wollte der Adel die Machtfülle der Kirche beschneiden und sympathisierte daher anfänglich mit den Reformen Luthers. Leonhard von Völs bewegte sich in diesem Spannungsverhältnis und zeigte sich einerseits aus Eigeninteresse offen für die Reformation, andererseits kannte er keine Gnade gegenüber den aufkommenden sozialen Protesten in seinem Herrschaftsgebiet. Gegen die Handwerkerproteste in Bozen 1518 war er entschieden vorgegangen. Gaismair bekam als Schreiber ein tiefes Verständnis für die Rechtssprechung und die Amtsgeschäfte seines neuen Dienstherren. Außerdem war er für das Anwerben und Organisieren von Söldnern verantwortlich und machte seine Arbeit offensichtlich so gut, dass ihn sein Herr reich belohnte. Dem Aufstieg in den niederen Adel stand nichts mehr im Wege.
Als Schreiber des Landeshauptmanns hatte Gaismair Einblick in die engsten Machtzirkel und kannte die Machenschaften des Adels, der nach immer mehr Macht und Geld strebte und die Bevölkerung unterdrückte. Dies erklärt wohl zu einem guten Stück, warum Gaismair lange Zeit dem in der Bevölkerung weit verbreiteten Mythos vom »guten Fürsten« nachhing, der für Ausgleich zwischen den zerstrittenen Adeligen und damit für Ruhe, Ordnung und Gerechtigkeit sorgte. Als 1523 Erzherzog Ferdinand als neuer Landesfürst nach Tirol kam, war damit bei vielen, einschließlich Gaismair, die naive Hoffnung auf eine Rückkehr in ein vermeintlich goldenes Zeitalter verbunden.
Ein Jahr später wechselte Gaismair aus nicht ganz geklärten Gründen in den Dienst des Fürstbischofs von Brixen, der wirtschaftlich auf das Engste mit den Fuggern verbunden war. Am fürstbischöflichen Hof festigte sich wohl Gaismairs Ablehnung gegenüber der Kirche und der Ordnung, die sie repräsentierte. Er nahm als Schreiber an Gerichtsverhandlungen teil, in denen aufrührerische Bauern mit aller Härte bestraft wurden. Auf den Seiten des alten Gerichtsbuches sollen sich handschriftliche Notizen befunden haben, die Gaismair zugeschrieben werden:
»Ich leid und schweig und trag geduld
mit aller unschuld.«»Nicht Gutes bleibt ohne Belohnung
und nichts Böses ohne Rache.«
Es liegt nahe, dass der Schreiber dieser Zeilen mit den Opfern der feudalen Unrechtsjustiz mitfühlte. Innerlich dürfte Gaismair schon lange vor dem Ausbruch des Bauernaufstandes mit der Sache der Unterdrückten sympathisiert haben. In den Monaten vor dem Aufstand, als sich Bauern und Handwerker in Geheimbünden zusammenschlossen, beteiligte sich auch Gaismair trotz seiner gehobenen Stellung an dieser konspirativen Tätigkeit. Ihr Ziel war anfangs die Senkung der Abgaben und Pflichten zugunsten der Untertanen und das Recht auf städtische Selbstverwaltung.
Revolutionäre Dynamik
Durch den Aufstand vom 9. Mai 1525 bekam der Prozess jedoch eine völlig neue Dynamik. Josef Macek beschreibt diese Ereignisse als »Lawine des Volksaufruhrs«, wobei in der Bischofsstadt Brixen »die Ströme der gewaltigen revolutionären Kraft zusammenflossen«. (Josef Macek, Michael Gaismair – Vergessener Held des Tiroler Bauernkrieges)
Immer mehr Bauern aus den umliegenden Gerichten schlossen sich der Bewegung an. Die Wucht dieser Volksbewegung war gewaltig. Am 12. Mai marschierte die Masse zum Kloster Neustift und forderte Entschädigungszahlungen in der Höhe von 5000 Gulden für die bisher geleisteten Abgaben und Robote. Das Kloster war die größte Wirtschaftseinheit in Südtirol, dem allein schon 542 Bauernhöfe gehörten. Wie schon in Brixen zielte Gaismair auf eine kampflose Einnahme des Klosters ab. 5000 Bauern belagerten das reiche Kloster und plünderten es schlussendlich, nachdem die geforderte Summe nicht entrichtet wurde. Kunstschätze, Lebensmittel, alles, was nicht niet- und nagelfest war, nahmen die Bauern mit. Außerdem wurden die Amtsbücher des Klosters zerstört. Nur die wertvollen Urbare, die Verzeichnisse der Besitzrechte und die damit verbundenen Steuerlisten der Untertanen, wurden vor der aufgebrachten Menge gerettet. Der Schaden wird später mit 24.832 Gulden beziffert.
Bislang hatte niemand einen richtigen Plan, eine Perspektive für den Aufstand. Die ersten Aktionen waren erfolgreich, weil die bisherigen Machthaber überrumpelt und paralysiert waren. Jedoch zeigte sich sehr schnell, dass die Bewegung eine wirkliche Führung brauchte. Als Mann der Stunde erwies sich Michael Gaismair, der bislang im Dienste des Fürstbischofs sein Auskommen gefunden hatte und das nötige Auftreten und strategische Denken einbringen konnte. Er wurde von den Bauern zum »obersten Feldhauptmann« gewählt – eine Funktion, die bislang vom Landesfürsten bestimmt wurde. Gaismair übernahm damit de facto die politische und militärische Führung des Aufstands.
Gaismair war nicht der neue, despotisch herrschende »Eisackfürst«, wie ihn seine Gegner gerne hingestellt haben. Ihm zur Seite stand ein gewählter Ausschuss, de facto eine provisorische Regierung, mit Vertretern aus 13 Gerichten sowie der Bürgerschaft von Brixen.
Im Raum Brixen ging die Organisierung am weitesten, doch auch im Rest des Landes blieb es nicht bei spontanen Erhebungen. An vielen Orten bildeten sich »Ausschüsse«, die ihre eigenen Beschwerden formulierten. Weit mehr als 100 solcher Protestresolutionen sind dokumentiert.
In Neustift verkündete Gaismair gestützt auf kollektive Diskussionen ein erstes Programm, das bereits von einem starken christlichen Gleichheitsgedanken getragen war. Eine völlige Umwälzung der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse strebte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht an. Zwar wurde die Forderung nach Teilenteignung des Adels, Ausweisung der Fugger und Aufhebung des kirchlichen Eigentums erhoben, die Autorität des Landesfürsten stellte Gaismair jedoch nicht in Frage. Erzherzog Ferdinand nutzte diese Stellung und suchte erneut den Verhandlungsweg – ein deutliches Zeichen seiner Schwäche.
Die revolutionäre »Landschaft Salzburg«
Zeitgleich mit dem Aufstand im südlichen Tirol erhoben sich im benachbarten Erzbistum Salzburg die Bauern und Bergarbeiter. Auslöser war wie in Brixen eine Befreiungsaktion, in diesem Fall des ketzerischen Laienpredigers Eustachius von Heiterwang aus dem Hungerturm von Mittersill. Als der für seine Prunksucht und absolute Herrschaft berüchtigte Salzburger Erzbischof Matthäus Lang einen Bauernburschen aus dem Pinzgau als Drahtzieher dieser Aktion hinrichten lassen wollte, kam es am 24. Mai 1525 zum Aufstand. Lang, der zu den engsten Beratern von Kaiser Maximilian gezählt hatte und mit den Fuggern enge Verbindungen unterhielt, musste sich angesichts der Urgewalt dieser Volkserhebung auf der Festung Hohensalzburg verschanzen.
Der Aufstand dehnte sich auf die Obersteiermark aus, die damals zum Erzbistum gehörte. Bauern erstürmten die Pfarre von Haus im Ennstal und verbrannten die Urbare, die reiche Benediktinerabtei Admont wurde geplündert. Die Knappen vom Erzberg schlossen sich an. Nach ersten militärischen Erfolgen gingen die Aufständischen aber nicht in die Offensive, was es den kaiserlichen Truppen unter der Führung des Landeshauptmanns Siegmund Freiherr von Dietrichstein ermöglichte, die Obersteiermark wieder unter Kontrolle zu bekommen.
Am 3. Juli 1525 kam es zu einer entscheidenden Schlacht, bei der die Bergbaustadt Schladming erneut in die Hände der Bauern fiel. 4000 Bauern und Bergknappen unter der Führung des Gewerken Michael Gruber eroberten in einer strategischen Meisterleistung die Stadt. Dietrichstein wurde gefangen genommen und von einem Volksgericht für seine Verbrechen im »Windischen Bauernkrieg« 1515 und bei der aktuellen Aufstandsbekämpfung zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde aber nicht sofort vollstreckt, was dem »Bauernschinder« das Leben retten sollte.
Schladming ging als einer der größten militärischen Siege der Bauern im Deutschen Bauernkrieg in die Geschichte ein. Salzburg war im Sommer 1525 de facto unter der Kontrolle der Aufständischen, die sich in Anspielung an die bisherige ständische Vertretung aus Prälaten, Adeligen und Bürgern in einer »gemeinen Landschaft«, einer provisorischen revolutionären Regierung, organisierten. In dieser Zeit wurde unter dem Titel »Die 24 Artikel gemeiner Landschaft Salzburg« ein Programm verfasst, das als »gewaltiges Revolutionsmanifest« (Albert Hollaender, Die vierundzwanzig Artikel gemeiner Landschaft Salzburg 1525) gesehen werden kann. Darin wird mit Verweis auf die Bibel das System der Leibeigenschaft grundsätzlich abgelehnt. Die Menschen mögen »all frey sein und nit leibaigen under khainen menschen« (ebd.). Der Autor dieses Programms ist namentlich nicht bekannt, dürfte aber ein Laienprediger der Bergleute aus dem Gasteinertal gewesen sein. Wolfgang Maderthaner vergleicht in Anlehnung an den deutschen Historiker Peter Blickle diese »24 Artikel« von seiner Bedeutung sogar mit dem »Kommunistischen Manifest« von Marx und Engels. Dieses Programm formuliere ein »allgemein gültiges, überzeitliches Widerstandsrecht«, womit ein entscheidender Schritt gesetzt wurde: »Nicht länger ist das Aufbegehren ein Ausdruck eines rückwärtsgewandten, ›pragmatischen‹ Verlangens nach den Vorgaben und Usancen eines gemäß dem ›alten Herkommen‹, der ›alten Gerechtigkeit‹ regulierten Feudalsystems; vielmehr wird dessen radikale, unmittelbare und gänzliche Auflösung zur Debatte gestellt.« (Maderthaner, Zeitenbrüche – Sozialrevolutionäre Aufstände in habsburgischen Landen)
Ferdinand I. und sein Hofkriegsrat in Wien konnten diesen Aufstand des »gemeinen Mannes« nicht dulden und organisierten eine Strafexpedition zur Wiederherstellung der alten Ordnung in Salzburg und der Obersteiermark. Im Ennstal wüteten die Söldner der Konterrevolution brandschatzend und mordend. Der »aufrührerische Flecken« Schladming wurde dem Erdboden gleichgemacht. Schon zuvor mussten die Aufständischen in Salzburg kapitulieren. Die Legende vom Salzburger Stierwascher, die sich auf die Belagerung der Stadt durch die Bauern bezieht, ist aber frei erfunden. Die Einnahme der Festung misslang, nachdem die Bergknappen die Unterminierung des Burgberges einstellten, weil sie den vereinbarten Sold nicht ausbezahlt bekamen. Ähnlich wie in Schwaz zu Beginn des Jahres zeigte sich hier eine Eigenheit des Widerstands der Bergknappen, die zu einer Achillesferse der revolutionären Bewegung des Jahres 1525 wurde. Karl Kautsky analysierte die widersprüchliche Rolle der Bergarbeiterschaft in diesen Kämpfen treffend aus dem Charakter ihrer generellen Stellung in der Gesellschaft der frühen Neuzeit: »Die Ursache davon suchen wir in dem Charakter des Bergbaues. Er isolierte seine Arbeiter in unwegsamen Gebirgsthälern [Manche der alten Goldbergwerke in den Tauern befanden sich in der Gletscherregion, Anm. G.T.], fern vom Weltverkehr, fern von den Anregungen der Handelsmittelpunkte. Er sonderte sie ab von ihren Berufsgenossen in anderen Gegenden, er sonderte sie ab von den übrigen ausgebeuteten und unterdrückten Volksschichten, er verengte ihren Horizont oder hinderte wenigstens seine Erweiterung, und beschränkte ihr Interesse auf die kleinlichsten lokalen und beruflichen Angelegenheiten.
Wohl waren sie ausgebeutet und unzufrieden, wohl scheuten sie sich nicht, ihr Recht mit der Waffe in der Hand zu behaupten, wohl zeigten sie sich bereit, sich einer revolutionären Bewegung anzuschließen, ja, ihr voranzugehen, aber nur dann, wenn ihre beschränkten Augenblicksinteressen gerade mit dem Interesse der Gesamtbewegung zusammenfielen. Sie ließen diese und deren Führer unbedenklich im Stich, sobald man ihren besonderen Augenblicksinteressen genügte, sobald man sie in Bezug auf Lohn- und Arbeitsverhältnisse befriedigt hatte.« (Karl Kautsky, Vorläufer des neueren Sozialismus)
Bedroht durch die Söldner des Schwäbischen Bundes unter Jörg von Frundsberg ergab sich das revolutionäre Salzburg am 31. August 1525. Michael Gruber, der Sieger von Schladming, unterwarf sich seinen Gegnern und wurde zum Renegaten im Dienste des Erzbischofs.
Der »Bauernlandtag« – die demokratische Konterrevolution
In Tirol setzte Landesfürst Erzherzog Ferdinand im Sommer 1525 angesichts der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse und mangels ausreichender Truppenstärke aufgrund der militärischen Konfliktsituation in Norditalien ganz auf das Aushandeln von Kompromissen. Mit einem Waffenstillstand erkaufte sich Ferdinand Zeit, die Kräfte der Reaktion neu zu gruppieren. Gaismair exekutierte diesen, im Vertrauen an den Landesfürsten, im Raum Brixen mit aller Disziplin. Gleichzeitig blieben Teile der Aufständischen aber nicht untätig. So setzten sie auf der Burg Schlanders eine Art bäuerlicher Mitverwaltung durch und verweigerten die Rückgabe von Raubgut geplünderter Klöster.
In der Zwischenzeit wurde in Meran gegen den Willen des Landesfürsten ein Volkslandtag ohne Adelige und Prälaten einberufen, wo eine neue Landesordnung basierend auf den Grundsätzen der Reformation debattiert werden sollte. Die dort verabschiedeten »Meraner Artikel« waren kein radikal-revolutionäres Programm, beinhalteten aber wichtige Reformforderungen der Bauern. Darin wurden die Abschaffung der meisten Robote und Lasten, die Freiheit der Jagd und der Fischerei, die Aufwertung des Bauernstandes in der Gerichtsbarkeit und Verbesserungen bei der Gesundheitsversorgung gefordert. Die Hoffnung der Obrigkeiten, dass der Kampfeswillen der Bauern in Meran in geordnete Bahnen gelenkt würde, erfüllte sich allerdings nicht. In Wirklichkeit gewannen die Untertanen durch den Volkslandtag zusätzliches Selbstbewusstsein. Das Programm von Meran wurde auch ins Italienische übersetzt, was die Ausweitung der Bewegung auf die italienischsprachigen Gebiete in der Region Trient beschleunigte.
Auch in vielen anderen Städten und Gerichten wurden Versammlungen abgehalten, in denen die Bevölkerung ihre Beschwerden und Forderungen formulierte. Ein gutes Beispiel liefert die Stadt Sterzing, die Heimat von Michael Gaismair. Ein bisher unveröffentlichtes Dokument gibt tiefen Einblick in die Klassenverhältnisse dieser wichtigen Handels- und Bergbaustadt. Der Bürgermeister ließ unter dem Druck der revolutionären Ereignisse die Inwohner, sprich die unteren Schichten der Stadtbevölkerung, die kein Bürgerrecht besaßen, im Rathaus zusammenkommen. Dort wurden die Inwohner aufgefordert, einen Eid auf den aus den reichen Bürgern zusammengesetzten »ehrsamen Rat« zu schwören. Im Gegenzug erhielten sie die Möglichkeit, alle ihre Beschwerden vorzubringen. In neun Artikeln wurden alle Forderungen der Bevölkerung zusammengefasst. Sie sind Zeugnis der offensichtlich sehr angespannten sozialen Lage in der florierenden Handelsstadt. Eine Reihe von Lebensmitteln wie Eier, Käse, Fleisch oder Schmalz waren für die Städter nicht leistbar bzw. gar nicht zu bekommen, weil der Wochenmarkt gar nicht stattfand. Die teuren Preise waren außerdem ein Ergebnis des sogenannten »Fürkaufs«, der Geschäftemacherei der großen Zwischenhändler. Diese Preistreiberei sollte vom Stadtrat untersagt werden. Die Inwohner forderten weiters das Recht, im Wald Holz sammeln und jagen zu dürfen. Interessant auch die Forderung, dass der Bach, der durch die Stadt fließt, von den Bürgern nicht in die Wiesen umgelenkt werden solle, weil es dadurch immer wieder zu Überschwemmungen kam, was die Landwirtschaft hart traf. In der städtischen Selbstverwaltung sollten die Inwohner gleich viele Sitze wie die Bürger erhalten. Die Forderungen wurden »willigst und gehorsam« vorgetragen, in der Hoffnung, dass die »gütigsten lieben Herren« diese nicht abschlagen. Die Explosivkraft solcher Dokumente war aber nur zu offensichtlich und wurde von der Obrigkeit auch als Bedrohung angesehen.
Ferdinand sah sich mit einem Prozess konfrontiert, der ihm völlig zu entgleiten drohte. Um die Kontrolle wiederzuerlangen, musste er, der von der Idee des absolut herrschenden Fürsten von Gottes Gnaden erfüllt war, auf die sich entfaltende demokratische Bewegung zugehen. Der von Ferdinand im Juni 1525 nach Innsbruck einberufene Landtag zeugte von einem radikal veränderten Kräfteverhältnis im Land. Nur ganz wenige Adelige nahmen teil, die meisten blieben aus Angst fern. Den Prälaten wurde unter dem Druck der Bauern und Bürger die Teilnahme gar nicht erst erlaubt. Dafür durften erstmals die Bergknappen eigene Vertreter entsenden. Abstimmungen erfolgten nur noch im Plenum, womit sich die Bauern ein Übergewicht sicherten. All das führte dazu, dass dieser Landtag in den Geschichtsbüchern als »Bauernlandtag« bezeichnet wurde.
Doch Ferdinand, der persönlich am Landtag teilnahm, erwies sich als Meister der Diplomatie und nutzte das quasi-parlamentarische Terrain für seine Machenschaften hinter den Kulissen. Mit kleinen Zugeständnissen (z.B. Arbeitszeitverkürzung für die Bergarbeiter) aber auch mit Drohungen gelang es ihm, seine Gegner zu spalten. Die Nachricht von der verheerenden Niederlage der Bauernaufstände in Franken erleichterte es dem Landesfürsten, die schwankenden Elemente einzuschüchtern und die radikalen Bauernvertreter auf dem Landtag in die Defensive zu drängen. Der Sieg der Bauern bei Schladming brachte Ferdinand kurzfristig aber wieder in Bedrängnis. Aufgrund der kritischen Lage im Land wurde sogar seine Flucht aus Tirol in Erwägung gezogen. Im Endeffekt gelang es Ferdinand jedoch, mit weitreichenden sozialen und rechtlichen Zugeständnissen den Großteil der Ständevertreter, vor allem aus dem Bürgertum und den wohlhabenderen Schichten der Bauernschaft, zufrieden zu stimmen.
Gaismair selbst nahm am Landtag nicht teil, weil er in Brixen die neue Ordnung abzusichern versuchte. Die radikalen Bauernvertreter aus seinem engeren Umfeld waren die einzigen vor Ort, die Ferdinands Spiel durchschauten und sich widersetzen wollten. Sie blieben aber in der Minderheit. Dennoch lehnten immerhin 17 Gerichte die Beschlüsse des Landtags ab und verweigerten dem Landesfürsten den Gehorsam. Der »Pofl« zeigte sich durchaus kampfbereit, doch vor allem die Bürger zogen ruhige Verhältnisse vor und ließen sich von den Reformversprechen des Landesfürsten besänftigen. Die Bewegung war somit auch in Südtirol uneins. Gaismair sah unter diesen Bedingungen keine Möglichkeit, durch eine neuerliche Massenmobilisierung die Bewegung wieder voranzutreiben. In dieser Situation erschien ihm die Übergabe der Burg Brixen an die Landesregierung als alternativlos. Ein schwerer politischer Fehler, verzichtete er doch somit kampflos auf seine stärkste Bastion und eine etablierte Gegenmacht. Die weitere Widerstandstätigkeit musste somit erneut in geheimen Ausschüssen organisiert werden. Ein Bauernaufstand in einigen Gebieten des Bistums Trient ließ die Radikalen zwar erneut Hoffnung schöpfen, doch das Momentum war verloren gegangen.
Nur die Region um Brixen wollte nicht zur Ruhe kommen, weshalb Ferdinand zu einer List griff. Er ließ Gaismair zu Gesprächen nach Innsbruck einladen. Dieser war sich der Gefahr bewusst, begab sich letztlich aber doch in die Höhle des Löwen. Die Falle schnappte zu, und Gaismair wurde verhaftet. Ferdinand zeigte jetzt offen sein wahres Gesicht. Die Konterrevolution begann auch in Tirol brutal zu wüten. Finanziert wurden die Strafexpeditionen von den Fuggern und von Adeligen, denen dafür fünf Prozent Verzinsung garantiert wurde. Einmal mehr führte Frundsberg, dem noch heute in Schwaz ein Denkmal gewidmet ist, die Söldnertruppen und hielt Blutgericht. Gaismairs engste Vertraute aus den Tagen des Aufstands in Brixen wurden verfolgt, gefoltert und hingerichtet. Hunderte Bauern und Bergleute, die in der Aufstandsbewegung aktiv gewesen sind, flüchteten entweder ins Territorium der Republik Venedig, in die Schweiz oder nach Böhmen. In Tirol ist die alte Ordnung wieder mit Feuer und Schwert hergestellt worden. Die Reaktion hatte einen wichtigen Sieg errungen.
Da gelang Gaismair am 7. Oktober 1525 nach sieben Wochen in Haft die Flucht. Aus seinem Versteck schrieb er einen Protestbrief an den Hofrat, in dem er forderte, dass kein Mensch inhaftiert werden dürfe, bevor seine Schuld durch ein ordentliches Gericht erwiesen sei. Außerdem protestierte Gaismair in diesem Schreiben entgegen den vorherrschenden Wertvorstellungen gegen die Misshandlung seiner Frau und seiner Kinder, was auf sein für die damalige Zeit sehr fortschrittliches Verständnis von Geschlechterverhältnissen schließen lässt.
Gaismair wusste, dass er in Tirol nicht sicher war und entschied sich zur Flucht nach Zürich, wo Ulrich Zwingli, der Kopf der Reformation in der Schweiz, wirkte. Die Gespräche zwischen den beiden prägten ganz entscheidend die Ideenwelt von Gaismair. Umgekehrt beeinflusste der Tiroler Bauernführer Zwinglis Plan eines Feldzuges der evangelischen Kräfte zur Verbreitung des »wahren Glaubens«, eines revolutionären Kriegs zur Befreiung Tirols von der Herrschaft der Habsburger. Gaismair ging bei seinen Überlegungen davon aus, dass Frankreich und die Republik Venedig aus Eigeninteresse zu einem Krieg gegen die Habsburger bereit sein müssten und deshalb potentielle Bündnispartner darstellen würden. Verhandlungen in diese Richtung erwiesen sich allerdings als Sackgasse, nachdem diese Staaten kein Interesse an einer sozialen Umwälzung haben konnten.
Anfang Jänner 1526 hielt sich Gaismair in Klosters (Graubünden) versteckt, wo er sich der Unterstützung durch die lokale Bauernschaft sicher sein konnte. Alle Versuche der Habsburger, Gaismair aufzustöbern und gefangen zu nehmen, waren gegen die widerständige Bevölkerung nicht durchzusetzen.
Hier in den verschneiten Schweizer Bergen erarbeitete er seine wichtigste programmatische Schrift, die »Tiroler Landesordnung«, ein Gesellschaftsmodell basierend auf den Ideen der Reformation. Auf der Grundlage dieses revolutionären Programms wollte er der Obrigkeit erneut den Kampf ansagen.
Gaismairs »Tiroler Landesordnung«
Gaismair knüpfte mit dieser Schrift an dem alten Wunsch der Tiroler Stände nach einer Landesverfassung und an den Beschlüssen des Landtags vom Sommer 1525 an, durch welche Erzherzog Ferdinand mit der Ausarbeitung einer neuen Landesordnung beauftragt worden war. Gaismairs Schrift kam also zur rechten Zeit. Er wollte keine »Utopia« schaffen, sondern schrieb ein Aktionsprogramm für die bevorstehende zweite Phase des Bauernkriegs. Schon in der Einleitung wandte sich Gaismair an die Kämpfer der Bauernarmee, die demokratisch-zentralistisch organisiert sein soll. Er ruft sie auf, zusammenzustehen, alles gemeinsam zu beraten und der gewählten Führung auf der Grundlage dieses Programms »Treue und Gehorsam« zu geloben.
Die Grundlage der Landesordnung bilden das Evangelium und die religiösen Ideen der Reformation, wie sie vor allem Zwingli ausgearbeitet hat. Es handelt sich um einen Aufruf an die Masse von bäuerlichen Untertanen, Bergknappen und Bürgern zum Kampf gegen den Klerus und den Adel. Die Ausrottung dieser Feudalherren ist die Voraussetzung für die Errichtung einer neuen gesellschaftlichen Ordnung, basierend auf dem Prinzip des »ewigen Wortes Gottes« in Form der Heiligen Schrift. Ganz im Sinne von Zwingli fordert Gaismair die Beseitigung von Statuen und Bildern aus den Kirchen sowie die Abschaffung von Kapellen und Messen. Klöster und die Häuser des verhassten Deutschritterordens sollen in Spitäler umgewandelt werden. Die Gemeinden sollen ihre Priester wählen und mittels des Zehents finanzieren. Alle Stadtmauern, Burgen und Festungen müssen geschliffen werden, um Gleichheit zwischen allen Menschen herzustellen. Die Grundeinheit der neuen Ordnung soll die Dorfgemeinde sein, die jährlich den Richter und die Geschworenen als Träger der politischen Entscheidungsmacht und der Gerichtsbarkeit wählt. Die Landesregierung werde mittels Wahl aus den Gerichten bestellt.
Gaismair spricht sich in diesem Programm für eine demokratische Republik der Bauern, Bergknappen und Bürger aus. Adel, Klerus und auch der Landesfürst finden in der Tiroler Landesordnung keine Erwähnung mehr und sollen offenbar abgeschafft werden. Der oberste Hauptmann, der für die Landesverteidigung zuständig ist, soll von der Landesregierung eingesetzt werden und dieser rechenschaftspflichtig sein. Das Ziel sei aber eine Außenpolitik, die freundschaftliche Beziehungen zu den Nachbarn anstrebt.
Die wirtschaftlichen und sozialen Zielsetzungen Gaismairs basieren auf der Idee des »Gemeinnutzes«. So sieht die Tiroler Landesordnung auch die Errichtung eines Systems der sozialen Fürsorge vor. Finanziert soll es durch den eingehobenen Zins werden, dessen Höhe von der Gesamtheit aller Gerichte festgelegt wird. Die Gerichte sollen auch die Güter der alten Feudalherren übernehmen. Große Bedeutung misst Gaismair der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes zur Hebung des Lebensstandards der Bevölkerung bei. Die Abhängigkeit von Importen soll massiv reduziert, die Ackerbauflächen durch Trockenlegung von Sümpfen ausgeweitet und neue landwirtschaftliche Produktionsformen eingeführt werden. Gaismair wollte den Handel neu ordnen. Die großen Bank- und Handelshäuser, wie die Fugger, sollten als Form des Wuchers verboten werden. Das Handwerk und den Außenhandel wollte Gaismair in einer Stadt, in Trient, konzentrieren und durch einen staatlichen Beamten kontrollieren. Auch die Märkte sollten nur unter staatlicher Kontrolle stattfinden. Mit Handelsgeschäften dürfe kein Gewinn gemacht werden. Gaismair strebt im Interesse der Verbraucher auch die Einführung eines einheitlichen Maß- und Gewichtssystems sowie die Prägung einer wertvollen Münze an. Zu diesem Zweck sollen alle Bergwerke, Silber- und Kupferhütten, die dem Klerus und den fremden Handelsgesellschaften gehören, verstaatlicht werden. Mittels staatlicher Kontrolle soll das Wohl des »gemeinen Mannes und des Arbaiters« garantiert werden.
Diese Tiroler Landesordnung war ein in die religiöse Sprache der Reformationszeit verpacktes, zutiefst revolutionäres Programm, das im Zuge eines Volksaufstands umgesetzt werden sollte. Im Gegensatz zu anderen Programmen aus der Zeit der Bauernaufstände bemühte sich Gaismair jedoch wenig um bibelgetreue Formulierungen zur Begründung seiner Ziele. Er ist eindeutig kein Theologe, sondern ein in erster Linie politisch denkender Revolutionär.
Gaismairs Ideen fanden in seiner Heimat rasche Verbreitung. Die Bedingungen für einen neuerlichen Aufstand schienen gereift zu sein. Im Mai 1526 ließ Gaismair den Worten Taten folgen und rief zum revolutionären Krieg gegen die Herrschenden in Tirol auf.
Bauernkrieg in Salzburg
Viele Unterstützer Gaismairs waren jedoch einer Verhaftungswelle zum Opfer gefallen. Darunter sein Bruder, der im Raum Sterzing die Vorbereitungen für einen Aufstand koordinierte. Die subjektiven Bedingungen für eine offene Erhebung waren in Tirol daher nicht sehr günstig.
Gleichzeitig war jedoch im Pinzgau neuerlich ein Bauernaufstand ausgebrochen, und Gaismair sah seine Aufgabe darin, diese Kämpfe mit seinem Volksheer zu unterstützen. Von Südtirol aus überquerte seine Truppe die Berge in den Pinzgau, wo sich 4000 Mann versammelt hatten. Gaismair spielte in der Folge eine zentrale Rolle bei der Belagerung von Radstadt. Die Einnahme der Stadt gelang aufgrund des erbitterten Widerstands der Bürgerschaft nicht. Der Erzbischof hatte den Radstädter Bürgern große Privilegien versprochen, sollten sie ihm die Treue halten. Diese Zugeständnisse zeigten Wirkung. Doch konnte die Bauernarmee unter Gaismair dem kaiserlichen Entsatzheer am Mandling-Pass eine verheerende Niederlage bereiten. Bei dieser Schlacht zeigte Gaismair einmal mehr sein militärstrategisches Genie.
Die militärischen Kräfteverhältnisse entwickelten sich im Sommer 1526 jedoch endgültig zu Ungunsten der Bauern. Erzbischof Lang konnte sich nicht nur auf die Truppen des Schwäbischen Bundes verlassen, sondern hatte mit dem ehemaligen Bauernführer Michael Gruber, der die Seiten gewechselt hatte, ein weiteres Ass im Ärmel. Angesichts der Übermacht der Reaktion musste sich Gaismair mit seiner bunt zusammengewürfelten Truppe aus verschiedenen deutschen Gebieten, aus der Schweiz, Salzburg und Tirol über das Hochgebirge zurückziehen. Dieser geordnete Rückzug gilt ebenfalls als Beweis für Gaismairs große militärische Fähigkeiten, denn die Bedeutung eines Generals zeigt sich nicht nur in der Offensive, sondern auch in den Momenten, in denen sich eine Armee in der Defensive befindet.
Die Hoffnung lebte aber noch immer, dass in Tirol ein neuerlicher Aufstand ausbrechen würde, wenn Gaismair die Bauern dazu aufruft. Der Hofrat mobilisierte alles, was ihm militärisch zur Verfügung stand, stieß dabei jedoch allerorts auf den passiven Widerstand der bäuerlichen Bevölkerung, die noch immer Gaismair als ihren Feldhauptmann verehrte. Die Menschen sympathisierten mit Gaismairs Volksheer, versorgten es mit Lebensmitteln, doch die Angst vor neuerlichen Repressionen saß tief. Nur die wenigsten waren bereit, sich selbst dem Kampf anzuschließen. Nach einer Woche auf Tiroler Boden entschied sich Gaismair zum Rückzug in die benachbarte Republik Venedig. Die Signoria gewährte den Flüchtlingen Asyl und hoffte, einen neuen Verbündeten im Kampf gegen die Habsburger gewonnen zu haben.
Gaismair gab die Hoffnung dennoch nicht auf, als Söldner Venedigs seinen Kampf für das revolutionäre Ziel eines demokratischen Volksstaates weiterführen zu können. Dieser Plan erwies sich jedoch mit der Zeit als Illusion. Die in Venedig regierenden Patrizier sahen Gaismair nur als nützliches Werkzeug für ihre eigenen Ziele, der noch dazu seine Aufgabe gut und gewissenhaft erfüllte. Am 15. April 1532 wurde Gaismair von einem gedungenen Mörder umgebracht. Der lange Arm der Habsburger hatte endlich sein Ziel erreicht.
Wie nicht anders zu erwarten, ließen die Chronisten der Feudalordnung, wie der spätere Domprobst von Brixen und Bischof von Wiener Neustadt Gregor Angerer oder der Gutsverwalter des Klosters Neustift Georg Kirchmair, kein gutes Haar an Gaismair und der von ihm geführten Aufstandsbewegung. 500 Jahre später treten Historiker immer noch an die Person Gaismair nicht nur mit wissenschaftlichem Interesse, sondern auch mit einem parteiischen Blick heran. Ihr Ziel ist es, Gaismair und seine Mitstreiter zu diskreditieren oder zumindest Zweifel gegenüber ihrem Tun zu säen und sie als realitätsfremde Träumer hinzustellen. Mit jedem akademischen Nadelstich gegen die Revolutionäre von 1525 versuchen sie auch jene zu treffen und zu entmutigen, die heute für Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit kämpfen wollen.
Der deutsche Bauernkrieg von 1524-1526 endete in der Tat in einer schweren Niederlage, deren Folgen noch Generationen später nachwirkten. In einem Lied aus den Bauernkriegen heißt es: »Geschlagen ziehen wir nach Haus – uns‘re Enkel fechten‘s besser aus!« Gaismair war trotz all seinen Widersprüchlichkeiten und Fehlern einer, den wir stolz als einen Vorläufer des modernen Sozialismus betrachten können. Als Kommunistinnen und Kommunisten stellen wir uns in die Tradition der revolutionären Kräfte in den Bauernkriegen, deren wichtigster Wortführer neben Thomas Müntzer der Tiroler Michael Gaismair war. Seine Vision einer Gesellschaft, in der Gleichheit und Gerechtigkeit regieren, wird die Arbeiterklasse zur Realität machen.