Vorwort zur Geschichte der Philosophie


Von Alan Woods.
August 2021


Der Ausgangspunkt

Ich habe mit der Arbeit an der Geschichte der Philosophie vor etwa siebenundzwanzig Jahren begonnen. Damals verfasste ich mit Ted Grant das Buch Aufstand der Vernunft, das sich mit dem Verhältnis von marxistischer Philosophie und moderner Wissenschaft beschäftigt. Es war ein großer Erfolg, aber es wurde viel länger, als ich ursprünglich erwartet hatte. Aus Platzgründen musste ich daher zu meinem Bedauern den ersten Teil weglassen. Dieser setzte sich mit der Geschichte der Philosophie bis zum Zeitpunkt der großen Revolution von Marx auseinander, der Theorie des dialektischen Materialismus.

Irgendwann in der Zukunft sollte die Geschichte der Philosophie als eigenes Buch veröffentlicht werden, aber aus unterschiedlichen Gründen musste die Entscheidung dafür vertagt werden, damit wir uns wichtigeren Aufgaben zuwenden konnten. Mehr als zwei Jahrzehnte lang blieb das Manuskript unangetastet, der „nagenden Kritik der Mäuse“ überlassen, wie Marx einmal über den unveröffentlichten Text der Deutschen Ideologie sagte. Es wurde schließlich auf unserer Website veröffentlicht und positiv aufgenommen, aber die ursprüngliche Absicht, es als Buch zu veröffentlichen, blieb bis jetzt unerfüllt.

Ich habe es dem Druck einiger Genossen mit besonderem Interesse an der Philosophie zu verdanken, dass ich mich schließlich doch ans Werk gemacht habe, dieses Buch zu veröffentlichen. Es stellt einen Beitrag zur laufenden Kampagne der International Marxist Tendency zur Bekämpfung der bürgerlichen Ideologie und zur Verteidigung und Verbreitung der Ideen des Marxismus dar. Die Entscheidung dazu war wichtig und fiel genau zum richtigen Zeitpunkt. Zu einer Zeit, in der sich das kapitalistische System in einer tödlichen Krise befindet, drückt sich der Bankrott der bestehenden Ordnung unweigerlich darin aus, dass ein offensichtlicher Niedergang des intellektuellen Lebens in all seinen Facetten stattfindet.

Besonders deutlich ist das auf dem Gebiet der Philosophie, wo der Verfall des bürgerlichen Denkens sich in wirklich skandalöser Weise ausdrückt. Der Kampf für den Sozialismus beschränkt sich nicht auf Politik und Wirtschaft. Er muss auf allen Ebenen geführt werden, zu allererst auf der Ebene der Ideen. Wenn die vorliegende Arbeit dazu beiträgt, die Arbeiter und Jugendlichen für diesen notwendigen Kampf zu wappnen, dann ist mein Ziel erreicht.

Wer das ursprüngliche Manuskript gelesen hat, wird feststellen, dass es in allen wesentlichen Punkten unverändert geblieben ist. Aber ich habe den Text mit der Hilfe von Genossen gründlich überarbeitet und neue Abschnitte hinzugefügt, insbesondere im Kapitel über das Mittelalter. Außerdem habe ich noch ein abschließendes Kapitel hinzugefügt, das erklärt, warum die Philosophie – zumindest im alten Sinne des Wortes – mit dem Marxismus zum Ende kommt.

Manchen Lesern mag auch aufgefallen sein, dass das zusätzliche Kapitel zur indischen Philosophie, das als Anhang beigefügt war, in der vorliegenden Ausgabe weggelassen ist. Das Kapitel zur islamischen Philosophie wurde gekürzt und beschäftigt sich jetzt hauptsächlich mit ihrer Rolle im Mittelalter. Das ist weder ein Zufall noch auf mangelndes Interesse meinerseits zurückzuführen. Ganz im Gegenteil: Es ist klar, dass die Darstellung von zweieinhalb Jahrtausenden Philosophiegeschichte eine kolossale Aufgabe ist. Ich musste daher aus Platzgründen viele wichtige Aspekte des Themas weglassen und es auf das Wesentlichste herunterbrechen.

Die Entwicklung der östlichen Philosophie (und hierzu würde noch die chinesische Philosophie, ein weiteres Thema von enormem Ausmaß, gehören) entwickelte sich ganz anders als die westliche, die in Hegel ihren Höhepunkt erreichte und in der philosophischen Revolution von Marx und Engels ihren Ausgang fand. Um diesem Thema gerecht zu werden, hätte also nicht einmal eine enorme – und nicht einfach zu rechtfertigende – Erweiterung des vorliegenden Buches ausgereicht, sondern es hätte einen oder mehrere zusätzliche Bände gebraucht. Anstatt also eine unbefriedigende Zusammenfassung eines ziemlich komplizierten Themas zu veröffentlichen, die weder mich noch sonst irgendwen zufriedenstellen würde, habe ich beschlossen, dieses Thema beiseitezulegen. Wenn es der Zeit- und Arbeitsdruck zulässt, werde ich vielleicht darauf zurückkommen.

Was ist Philosophie?

Der Marxismus hat als Philosophie begonnen, und die philosophische Methode des Marxismus ist von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der Ideen von Marx und Engels. Aber was ist Philosophie?

Die Philosophie ist eine Denkweise, die sich von jener unterscheidet, an die wir normalerweise gewöhnt sind. Sie beschränkt sich nicht auf die unmittelbaren Fragen des täglichen Lebens, sondern versucht, sich mit den großen Fragen auseinanderzusetzen: Mit den Fragen über Leben und Tod, über das Universum, über die Beschaffenheit von Gedanken und Materie und darüber, was Gut und was Schlecht ist. Das sind Dinge, die letztendlich für jeden von uns von großer Bedeutung sind. Dennoch nehmen sie im Denken der meisten Menschen normalerweise keinen zentralen Platz ein.

Während der gesamten Geschichte, zumindest bis zum heutigen Tag, haben sich die Gedanken der meisten Menschen hauptsächlich auf den täglichen Kampf ums Dasein gerichtet. Sie befassen sich gänzlich mit solch alltäglichen Fragen wie: Werde ich nächste Woche einen Job haben? Komme ich bis Ende des Monats über die Runden? Werde ich ein Dach über dem Kopf haben, eine Schule für meine Kinder, und so weiter und so fort?

Doch das menschliche Denken ist zu weit Größerem fähig. Die Geschichte des Denkens umfasst die Geschichte der Kunst, angefangen bei den wunderbaren Höhlenmalereien von Lascaux und Altamira; die Geschichte der Wissenschaft, die es uns ermöglicht hat, uns die Natur zu unterwerfen und die Hände nach den Sternen auszustrecken; und auch die Geschichte der Philosophie mit ihren vielen erstaunlichen Erkenntnissen.

Die Philosophie entsteht, sobald die Menschen versuchen, sich die Welt ohne die Einmischung übernatürlicher Instanzen zu erklären, d.h. ohne Götter, Göttinnen und den restlichen Aberglauben, der die Religion ausmacht und noch aus den primitivsten Zeiten stammt. Mit der Philosophie fangen wir an, die Natur und uns selbst wissenschaftlich zu verstehen.

Eine revolutionäre Weltanschauung

Der Marxismus ist in erster Linie eine Weltanschauung, oder Philosophie, wenn man so will. Sein Umfang ist beträchtlich. Er ist eine Theorie der Geschichte und der Ökonomie, und auch eine Anleitung zur revolutionären Praxis. Woher aber hatte Marx seine Ideen? Sie waren nicht vom Himmel gefallen. Marx selbst erklärte, dass seine Ideen im Wesentlichen aus drei Quellen stammten: zunächst aus der englischen klassischen bürgerlichen Nationalökonomie (Adam Smith und David Ricardo), außerdem von den tapferen Pionieren des utopischen Sozialismus – die Franzosen Saint-Simon und Fourier sowie mein Landsmann, der Waliser Robert Owen.

Doch das erste und wichtigste Element in der Entstehungsphase der Ideen von Marx und Engels war zweifellos die klassische deutsche Philosophie, insbesondere Hegel. Diese wiederum war das Ergebnis einer langen Entwicklung vieler verschiedener Schulen des philosophischen Denkens. Es wäre natürlich sehr leicht, die Ideen der utopischen Sozialisten einfach zu übergehen – so wie Dühring es tat. Ist es aber nicht auf jeden Fall angemessener, vor ihrem bemerkenswerten Beitrag zur Geschichte des Sozialismus den Hut zu ziehen und anzuerkennen, wie wichtig ihre Ideen für die Entstehung des Marxismus waren?

Ich habe kürzlich Teile von Robert Owens Werk noch einmal gelesen und kann sagen, dass einige seiner Ideen auch heute noch ziemlich revolutionär sind. Bedeutet die Tatsache, dass wir Robert Owen unsere Anerkennung zollen, dass wir uns dafür einsetzen, zu den Ideen des utopischen Sozialismus zurückzukehren? Natürlich nicht! Aber es ist nicht zu leugnen, dass diese Ideen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des wissenschaftlichen Sozialismus gespielt haben. Das ist einfach eine Tatsache.

Ich bin gelegentlich auf ein ziemlich kindisches Vorurteil gestoßen, dass alles, was vor Marx und Engels kam, als konservativ und reaktionär abgetan werden könnte. Tatsächlich waren nicht nur Hegel, sondern auch Adam Smith und Ricardo „Denker der Oberschicht“. Ein paar törichte Leute meinen, diese Tatsache allein würde ausreichen, um sie als große revolutionäre Denker zu disqualifizieren. Es stimmt auch, dass einige von ihnen (wenn auch längst nicht alle) politische Ansichten vertraten, die in Richtung Konservativismus oder sogar Reaktion tendierten. Hegel selbst war in seinen politischen Ansichten konservativ, obwohl er in seiner Jugend mit der Französischen Revolution sympathisierte. Aber das ändert nichts daran, dass seine dialektische Methode ein sehr revolutionäres Element enthielt – eine Tatsache, die von den reaktionären preußischen Behörden anerkannt wurde. Sie betrachteten Hegel mit Misstrauen und verdächtigten ihn des Atheismus und aufrührerischen Gedankengutes.

Marx hat vor langer Zeit erklärt, dass die herrschenden Ideen jeder Epoche die Ideen der herrschenden Klasse sind. Diese Männer vertraten die fortschrittlichsten Gedanken ihrer Zeit und Marx stützte sich auf diese Ideen. Das von Adam Smith entdeckte und von Ricardo weiterentwickelte Wertgesetz führte direkt zu Marx’ Mehrwerttheorie, und die idealistische Dialektik von Hegel führte zum dialektischen Materialismus. Die Vorstellung, die Marxisten könnten die Ideen früherer Zeiten ignorieren, ist ebenso dumm wie die Ansicht einiger extremer Anarchisten, dass es für den Aufbau einer neuen klassenlosen Gesellschaft notwendig sei, alles Bisherige zu zerstören und neu aufzubauen. Dies ist die destillierte Essenz des Utopismus. Wenn wir dem zustimmen würden, würden wir damit die Möglichkeit einer sozialistischen Revolution in der Praxis ausschließen.

Eine sozialistische Revolution würde die vorhandenen Errungenschaften des Kapitalismus nicht zerstören. Sie würde im Gegenteil darauf aufbauen und sie mit einem ganz anderen sozialen und Klasseninhalt füllen. Die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik würden nicht mehr den Interessen einer winzigen, parasitären herrschenden Klasse dienen, sondern in harmonischer, planmäßiger Weise im Interesse der gesamten Gesellschaft angewendet werden. Wir werden die neue Gesellschaft aufbauen, indem wir die übrig gebliebenen Bausteine der alten Gesellschaft verwenden – und zwar aus dem einfachen Grund, dass es keine anderen fertigen Bausteine für diesen Zweck gibt.

So wie wir die bestehenden Produktivkräfte nutzen würden (Land, Fabriken, Wissenschaft und Technologie) die wir aus der alten Gesellschaft erben, sollten wir uns auch auf die fortschrittlichsten Ideen der Vergangenheit stützen. Der Marxismus negierte Hegels Idealismus, während er gleichzeitig alles Fortschrittliche und Revolutionäre an seiner dialektischen Methode aufbewahrte. Die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus retteten die Dialektik, die in den Händen Hegels verzerrt, idealistisch dargestellt wurde, und stellten sie erstmals auf ein solides materialistisches Fundament. Damit schufen sie eine mächtige Waffe, um die Gesellschaft auf revolutionärem Wege zu verändern.

Warum die Geschichte der Philosophie studieren?

Alle Schriften von Marx und Engels beruhen auf einer bestimmten philosophischen Methode und sind ohne sie nicht zu verstehen. Diese Methode ist der dialektische Materialismus. Das gilt auch für die Werke Lenins und Trotzkis, die herausragendsten Vertreter des marxistischen Denkens im 20. Jahrhundert. Die Dialektik war bereits den alten Griechen bekannt und wurde später von Hegel weiterentwickelt. Die Grundideen des dialektischen Materialismus sind nicht besonders schwierig zu verstehen. Wie alle großen Ideen sind sie im Wesentlichen einfach – und sie sind schön in ihrer Einfachheit.

Aber allzu viele, die sich als Marxisten bezeichnen, begnügen sich damit, einige Grundbegriffe zu wiederholen, ohne sich Gedanken über den tieferen Sinn des Gesagten zu machen. Solche „Marxisten“ ähneln einem kleinen Kind, das gelernt hat, das Einmaleins auswendig vorzutragen, oder eigentlich einem Papagei, der durch Nachahmung der menschlichen Sprache gelernt hat, bestimmte Sätze zu wiederholen, ohne deren Bedeutung auch nur im Geringsten zu verstehen. Um zu einem vollständigen Verständnis des dialektischen Materialismus zu gelangen, muss man ihn ausgiebig und sorgfältig studieren. Zurzeit arbeite ich an einem weiteren umfassenden Werk zur marxistischen Philosophie, das hoffentlich zur Klärung der komplizierteren Fragen beitragen wird.

Aber es gibt ein Problem im Studium der Philosophie im Allgemeinen und der marxistischen Philosophie im Besonderen. , Dieses Problem ist das Kernstück der vorliegenden Arbeit. Als Marx und Engels über den dialektischen Materialismus schrieben, konnten sie zumindest bei ihren gebildeten Lesern Grundkenntnisse der Geschichte der Philosophie voraussetzen. Heutzutage ist eine solche Annahme unmöglich.

Hegels Geschichte der Philosophie

Zum ersten Mal habe ich als siebzehnjähriger Schüler damit angefangen, Hegels gewaltige, dreibändige Geschichte der Philosophie zu lesen. Ich habe es durch den ganzen ersten und die Hälfte des zweiten Bandes geschafft, bis ich auf die Universität ging. Ich war von dem Werk total gefesselt. Vor meinen Augen lagen hier zweieinhalbtausend Jahre des tiefsten menschlichen Denkens, dargelegt auf eine unwiderstehlich klare und umfassende dialektische Art und Weise.

Noch immer befinden sich in meinem Besitz einige Schulhefte voller Notizen, die ich mir damals über die Geschichte der Philosophie, die Philosophie der Geschichte und die Phänomenologie des Geistes machte. Ich hatte sogar ein Notizbuch, in dem ich lange Ausschnitte aus Hegels kleiner Logik aus der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften exzerpierte. Vergebens hatte ich nach einem Exemplar dieses bemerkenswerten Buches gesucht – und als ich endlich in einer Präsenzbibliothek eines ausfindig machen konnte, war es das deutsche Original! Von dieser Nebensächlichkeit wollte ich mich aber nicht unterkriegen lassen. Damals waren meine Deutschkenntnisse ziemlich gut, also machte ich mich ans Lesen und schrieb fleißig mit. Leider ist dieses Notizbuch aber im Laufe meiner Reisen verloren gegangen.

Diese Begeisterung für Hegel ist mir bis heute erhalten geblieben. Was mir an der Geschichte der Philosophie besonders auffiel, war die sehr originelle Art und Weise, wie Hegel an das Thema heranging. Er stellt sie nicht als Reihe zufälliger Entwicklungen dar, sondern als organisches Ganzes – als Prozess, der sich durch eine Reihe von Widersprüchen entwickelte, wobei ein Ideenkomplex einen vorherigen scheinbar negiert. Daraus ergibt sich eine endlose Entwicklungsspirale des menschlichen Denkens.

Natürlich kann man Hegels idealistische Herangehensweise an die Geschichte der Philosophie bemängeln. Aber das Wichtigste ist die dialektische Methode zu erkennen, die alle seine Werke kennzeichnet. Wo andere nur eine Masse von unzusammenhängenden Ideen, Zufällen und individuellen Genies sahen, erkannte Hegel als erster einen organischen Vorgang, der seiner eigenen Gesetzmäßigkeit und inneren Logik folgte.

In der Entwicklung der Philosophie durch eine Reihe von Widersprüchen sah Hegel nicht nur einen negativen Prozess, in dem ein Ideenkomplex den anderen vernichtete. Er verstand, dass dieser Prozess der Negation auch die Bewahrung von all dem beinhaltet, was in früheren Stadien gültig und wahr war. Diese Konzeption von einer Negation, die gleichzeitig verneint und aufbewahrt, nennt er Aufhebung, und sie kommt in seiner Einführung in die Phänomenologie des Geistes in erhabenster Sprache zum Ausdruck:

„Die Knospe verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüte, und man könnte sagen, daß jene von dieser widerlegt wird; eben so wird durch die Frucht die Blüte für ein falsches Dasein der Pflanze erklärt, und als ihre Wahrheit tritt jene an die Stelle von dieser. Diese Formen unterscheiden sich nicht nur, sondern verdrängen sich auch als unverträglich mit einander. Aber ihre flüssige Natur macht sie zugleich zu Momenten der organischen Einheit, worin sie sich nur nicht widerstreiten, sondern eins so notwendig als das andere ist, und diese gleiche Notwendigkeit macht erst das Leben des Ganzen aus.“[i]

Engels sagte in einem Kommentar zu Hegels Philosophie der Geschichte, dass dessen Methode einen gewaltigen Schritt vorwärts bedeutete:

„Er war der erste, der in der Geschichte eine Entwicklung, einen innern Zusammenhang nachzuweisen versuchte, und wie sonderbar uns auch manches in seiner Philosophie der Geschichte jetzt vorkommen mag, so ist die Großartigkeit der Grundanschauung selbst heute noch bewundernswert, mag man seine Vorgänger oder gar diejenigen mit ihm vergleichen, die nach ihm über Geschichte sich allgemeine Reflexionen erlaubt haben.“[ii]

Bei all ihren Schwächen erfüllt mich die Größe von Hegels Geschichte der Philosophie – ihr majestätischer Schwung und ihre tiefe Einsicht – bis heute mit Erstaunen und Bewunderung. Über die postmodernen Kritiker Hegels will ich nur sagen, was Lenin einst, ein altes russisches Sprichwort zitierend, über Rosa Luxemburg schrieb: „Wohl traf‘s sich, daß des Adlers Flug ihn niedriger, als Hühner fliegen, trug, doch fliegen Hühner nie auf Adlershöh‘n“ [iii]

Die marxistische Sicht auf die Geschichte der Philosophie

In der vorliegenden Arbeit habe ich versucht, mich Hegels Innovation zu bedienen, jedoch von einem konsequent materialistischen Standpunkt aus. Dies ist keine Geschichte der Philosophie im empirischen Sinne. Es ist auch kein Nachschlagewerk über alles, was jemals über Philosophie gesagt wurde. Wer in diesem Werk beispielsweise eine ausführliche Studie zu Platons Politeia[iv] zu finden sucht, wird leider enttäuscht werden. Eine solche Person muss ich an die nächste seriöse öffentliche Präsenzbibliothek verweisen, wo sie, wie ich hoffe, eine ausreichende Anzahl von gelehrten Werken finden wird, die ihre Neugier befriedigen. Dies ist eine Darstellung des Wesentlichen in der Geschichte der Philosophie. Das bedeutet, dass ich versucht habe, der durchgehenden Linie in der Entwicklung des Denkens zu folgen, die ihre eigenen innewohnenden Gesetze hat.

Andererseits befürchte ich, dass mein Buch jene mechanischen „Marxisten“ nicht zufriedenstellen wird, die es für möglich halten, alles und jedes auf die Entwicklung der Produktivkräfte bzw. den Klassenkampf zu reduzieren. Natürlich sind das letztlich die grundlegenden Triebkräfte der Menschheitsgeschichte und bestimmen das Schicksal von Ländern, Staaten und Imperien. Aber zu versuchen, die Erklärung beispielsweise für Kunstwerke und Musik oder die fantastischen Wendungen von Philosophie und Religion durch eine direkte Verbindung mit dieser Basis zu finden, wäre eine törichte Zeitverschwendung.

Soweit die Philosophen (wie alle anderen Menschen) jedoch von der allgemeinen gesellschaftlichen Lage beeinflusst werden können, d.h. dem Aufstieg und Niedergang der Produktivkräfte und den daraus resultierenden sozialen und politischen Spannungen, kann in bestimmten Stadien ein – wenn auch indirekter – Zusammenhang erkennbar werden, wie meine Arbeit zeigen wird.

Wie Engels in einem Brief an den deutschen Ökonomen Conrad Schmidt schrieb:

„Was nun die noch höher in der Luft schwebenden ideologischen Gebiete angeht, Religion, Philosophie etc., so haben diese einen vorgeschichtlichen, von der geschichtlichen Periode vorgefundnen und übernommnen Bestand von – was wir heute Blödsinn nennen würden. Diesen verschiednen falschen Vorstellungen von der Natur, von der Beschaffenheit des Menschen selbst, von Geistern, Zauberkräften etc. liegt meist nur negativ Ökonomisches zum Grunde; die niedrige ökonomische Entwicklung der vorgeschichtlichen Periode hat zur Ergänzung, aber auch stellenweise zur Bedingung und selbst Ursache, die falschen Vorstellungen von der Natur.

Und wenn auch das ökonomische Bedürfnis die Haupttriebfeder der fortschreitenden Naturerkenntnis war und immer mehr geworden ist, so wäre es doch pedantisch, wollte man für all diesen urzuständlichen Blödsinn ökonomische Ursachen suchen. Die Geschichte der Wissenschaften ist die Geschichte der allmählichen Beseitigung dieses Blödsinns, resp. seiner Ersetzung durch neuen, aber immer weniger absurden Blödsinn.

Die Leute, die dies besorgen, gehören wieder besondern Sphären der Teilung der Arbeit an und kommen sich vor, als bearbeiteten sie ein unabhängiges Gebiet. Und insofern sie eine selbständige Gruppe innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung bilden, insofern haben ihre Produktionen, inkl. ihrer Irrtümer, einen rückwirkenden Einfluß auf die ganze gesellschaftliche Entwicklung, selbst auf die ökonomische.

Aber bei alledem stehn sie selbst wieder unter dem beherrschenden Einfluß der ökonomischen Entwicklung. Z. B. in der Philosophie läßt sich dies am leichtesten für die bürgerliche Periode nachweisen. Hobbes war der erste moderne Materialist (im Sinn des 18. Jahrhunderts), aber Absolutist zur Zeit, wo die absolute Monarchie in ganz Europa ihre Blütezeit hatte und in England den Kampf mit dem Volk aufnahm. Locke war in Religion wie Politik der Sohn des Klassenkompromisses von 1688. Die englischen Deisten und ihre konsequenteren Fortsetzer, die französischen Materialisten, waren die echten Philosophen der Bourgeoisie – die Franzosen sogar der bürgerlichen Revolution. In der deutschen Philosophie von Kant bis Hegel geht der deutsche Spießbürger durch – bald positiv, bald negativ. Aber als bestimmtes Gebiet der Arbeitsteilung hat die Philosophie jeder Epoche ein bestimmtes Gedankenmaterial zur Voraussetzung, das ihr von ihren Vorgängern überliefert worden und wovon sie ausgeht.

Und daher kommt es, daß ökonomisch zurückgebliebne Länder in der Philosophie doch die erste Violine spielen können: Frankreich im 18. Jh. gegenüber England, auf dessen Philosophie die Franzosen fußten, später Deutschland gegenüber beiden. Aber auch in Frankreich wie in Deutschland war die Philosophie, wie die allgemeine Literaturblüte jener Zeit, auch Resultat eines ökonomischen Aufschwungs.

Die schließliche Suprematie der ökonomischen Entwicklung auch über diese Gebiete steht mir fest, aber sie findet Statt innerhalb der durch das einzelne Gebiet selbst vorgeschriebnen Bedingungen: in der Philosophie z.B. durch Einwirkung ökonomischer Einflüsse (die meist wieder erst in ihrer politischen usw. Verkleidung wirken) auf das vorhandne philosophische Material, das die Vorgänger geliefert haben.

Die Ökonomie schafft hier nichts a novo [neu], sie bestimmt aber die Art der Abändrung und Fortbildung des vorgefundnen Gedankenstoffs, und auch das meist indirekt, indem es die politischen, juristischen, moralischen Reflexe sind, die die größte direkte Wirkung auf die Philosophie üben…

Was den Herren allen fehlt, ist Dialektik. Sie sehn stets nur hier Ursache, dort Wirkung. Daß dies eine hohle Abstraktion ist, daß in der wirklichen Welt solche metaphysische polare Gegensätze nur in Krisen existieren, daß der ganze große Verlauf aber in der Form der Wechselwirkung – wenn auch sehr ungleicher Kräfte, wovon die ökonomische Bewegung weitaus die stärkste, ursprünglichste, entscheidendste – vor sich geht, daß hier nichts absolut und alles relativ ist, das sehn sie nun einmal nicht, für sie hat Hegel nicht existiert.“[v]

Ich habe hier versucht, den wesentlichen und allgemeinen Entwicklungsgang im Fortschritt der Erkenntnis nachzuzeichnen. In jeder geschichtlichen Epoche legt deren weitestgehende Entwicklung die Basis dafür, dass das menschliche Denken sich auf eine höhere Stufe erheben kann.

Die Aufgabe der Marxisten besteht nicht darin, über jede Denkrichtung, die es jemals gegeben hat, einfach Behauptungen aufzustellen und sie lediglich auseinanderzunehmen. Vielmehr geht es darum, aus den unzähligen widersprüchlichen Strömungen und Ideen die wesentlichen, rationalen Prinzipien herauszuschälen, die die Menschheit auf die Entwicklungsstufe gebracht haben, auf der wir uns jetzt befinden. Dieser Prozess hat einen gewaltigen Beitrag zu den enormen Fortschritten in Wissenschaft und Technik geleistet, die wiederum die Grundlage für den Aufstieg der Menschheit auf eine qualitativ höhere Entwicklungsstufe legen, im Sozialismus.

Die postmoderne Haltung zur Vergangenheit: Selig sind die Armen im Geiste

Die Dialektik hat eine sehr lange Geschichte, beginnend bei den Griechen mit den vorsokratischen Philosophen und insbesondere Heraklit. Sie erreicht ihren höchsten Ausdruck in den Werken Hegels. Aber die vorherrschende Strömung in der modernen bürgerlichen Philosophie behandelt die gesamte Philosophie der Vergangenheit mit Verachtung. Nicht nur der Marxismus, sondern alle großen Ideen der Vergangenheit werden leichtfertig verworfen, als „Metaerzählungen“ abgestempelt und ohne einen weiteren Gedanken an sie zu verschwenden auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen.

In der Vergangenheit, als die Bourgeoisie noch fähig war, eine fortschrittliche Rolle zu spielen, hatte sie eine revolutionäre Ideologie. Sie brachte große, originelle Denker hervor: Locke und Hobbes, Rousseau, Diderot und die anderen Denker der französischen Aufklärung, Kant und Hegel, Adam Smith und David Ricardo, Newton und Darwin. Doch die geistige Produktion der Bourgeoisie in der Periode ihres Niedergangs weist alle Merkmale einer fortgeschrittenen Altersschwäche auf.

Es gibt Perioden in der Geschichte, die von Stimmungen des Pessimismus, des Zweifels und der Verzweiflung geprägt sind. In solchen Zeiten haben die Menschen, die das Vertrauen in die bestehende Gesellschaft und ihre Ideologie verloren haben, nur zwei Möglichkeiten zur Auswahl. Eine besteht darin, die bestehende Ordnung herauszufordern und den revolutionären Weg einzuschlagen. Die andere besteht darin, sich nach innen zu kehren und den vergeblichen Versuch zu machen, die Widersprüche in der Gesellschaft zu ignorieren, indem man entweder in der Religion oder im extremen philosophischen Subjektivismus seine persönliche Erlösung sucht.

Die alte Gesellschaft liegt im Sterben, doch sie weigert sich hartnäckig, sich ihrem Schicksal zu ergeben. Mächtige materielle Interessen sind nach wie vor fest dazu entschlossen, sie zu stützen. Sie verfügen über beträchtliche Ressourcen und üben einen unwiderstehlichen Einfluss auf jeden Aspekt des gesellschaftlichen und intellektuellen Lebens aus. Heute befindet sich die Ideologie des Bürgertums in einem Auflösungsprozess, nicht nur in den Bereichen der Wirtschaft und der Politik, sondern auch in der Philosophie. Sie produziert nichts von Wert. Nachdem sie keine positive Unterstützung, keinen Respekt und keine Autorität mehr gebietet, gehen von ihr nur noch negative Stimmungen aus, so wie eine Leiche üblen Geruch verströmt. Diese Stimmungen finden unweigerlich ihren Ausdruck in der vorherrschenden Philosophie. Es ist unmöglich, die kargen Produkte der philosophischen Institute der Universitäten zu lesen, ohne gleichermaßen Langeweile und Ärger zu empfinden. Selbstverständlich findet dieser allgemeine Rückschritt seinen Niederschlag in der Einstellung zur Philosophiegeschichte.

Junge Studenten, die mit leuchtenden Augen und voller großer Hoffnungen auf Erleuchtung die Philosophieinstitute betreten, werden entweder schnell desillusioniert oder in den giftigen Morast des postmodernen Kauderwelschs gezerrt, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. So oder so werden sie ihr Studium beenden, ohne jemals etwas Wertvolles von den großen Denkern der Vergangenheit gelernt zu haben. Die Philosophieinstitute geben sich nicht damit zufrieden, die Köpfe der jungen Leute mit postmodernem Müll vollzustopfen, sondern erdreisten sich noch zusätzlich, denselben Schund in das Studium der Vergangenheit hineinzutragen. Offensichtlich möchte die postmoderne Akademikerbande nicht daran erinnert werden, dass es einmal eine Zeit gab, in der die Philosophen tatsächlich Tiefgründiges und Wichtiges über die reale Welt zu sagen hatten.

Die Verzerrung der Philosophiegeschichte

Kürzlich wurde ich darauf hingewiesen, dass eine neue (und hochgelobte) Hegel-Übersetzung eine grobe Fehlübersetzung aus dem Deutschen enthält, die diesem großen dialektischen Denker die postmoderne Terminologie in den Mund legt. Die prestigeträchtige neue englische Übersetzung von Hegels Wissenschaft der Logik, herausgegeben von der Cambridge University und im Begriff, ein Standardwerk an den Universitäten auf der ganzen Welt zu werden, übersetzt die deutschen Wörter „Denken“ und „denkend“ (statt mit „thought“ und „thinking“) konsequent als „discourse“ und „discursive“, also „Diskurs“ und „diskursiv“.

Das ist eine unverhohlene Verfälschung von Hegels Ideen und eine Übertretung aller ethischen Regeln des Übersetzens. Es ist ein verbrecherischer Versuch, den postmodernen Subjektivismus in Hegel einzuschmuggeln. Um diese Entscheidung zu verteidigen, behauptet der Übersetzer George di Giovanni beiläufig ohne jeden Beweis: „Die Thematik, mit der sich die Logik auseinandersetzt, ist nicht das ‚Ding an sich‘ oder seine Erscheinungen, egal ob man sein ‚Ansich‘ als Substanz oder als Freiheit auffassen mag, sondern der Diskurs selbst.[vi]

Das ist nichts Geringeres als ein Skandal. Doch es fiel den „Kritikern“ nicht auf, die alle von dem neuen „Narrativ“ begeistert sind. Diese Art Vandalismus ist ungefähr so, als würde man der Mona Lisa einen Schnurrbart aufmalen. Dieses kleine Detail sollte schon ausreichen, um bei uns die Alarmglocken schrillen zu lassen.

Eine falsche Objektivität

Zweifellos werden die Schlaumeier an den Universitäten sogleich damit beginnen, mir eine einseitige Darstellung der Geschichte der Philosophie vorzuwerfen. Diesem Vorwurf gegenüber bekenne ich mich schuldig. Ich bin fest entschlossen, als überzeugter Marxist eine bestimmte philosophische Position zu verteidigen – den dialektischen Materialismus.

Die Philosophieinstitute an den Universitäten sind keine Elfenbeintürme des Wissens und der Kultur, sondern einfach nur Schützengräben im Klassenkampf. Diese Schützengräben sind mit einer kunstvoll gesponnenen Tarnung aus pseudowissenschaftlicher, falscher Objektivität sorgsam verhüllt. Doch hinter den Lügengespinsten findet man immer materielle Interessen, Klassenvorurteile und eine zynische Verteidigung des Status Quo.

Die ganze Geschichte der Philosophie ist die eines andauernden Kampfes zwischen zwei verfeindeten und einander ausschließenden Sichtweisen: Philosophischer Materialismus und philosophischer Idealismus, zwischen dem wissenschaftlichen Zugang und dem Versuch, das menschliche Bewusstsein in die Welt der religiösen Mystik zurückzuzerren. Nachdem das Gebiet der Philosophie schon immer in eine ganze Reihe „einseitiger Darstellungen“ zerrissen war, ist es ganz und gar unmöglich, nicht die eine oder andere dieser Weltanschauungen zu vertreten. Der einzige Unterschied zwischen dem Autor dieses Buches und seinen Kritikern besteht darin, dass ich ehrlich genug bin, von vornherein meine Absichten zu erklären, während sie sich jedes Mal hinter einer heuchlerischen und völlig durchsichtigen „Objektivität“ verkriechen, die einfach nur ihre Parteilichkeit und ihren Klassenstandpunkt verdecken soll.

Bis heute ist die Philosophie eine kompromisslose Schlacht zwischen Materialismus und Idealismus, wobei die Feinde des Materialismus zahlreich sind und viele Vorteile auf ihrer Seite haben. Schließt es aber Objektivität aus, wenn man eine bestimmte philosophische und politische Position vertritt? Die Fakten sprechen gegen diese Annahme. Der große Marxist Leo Trotzki antwortete auf diese Einwände Folgendes:

„In den Augen des Philisters ist ein revolutionärer Standpunkt fast gleichbedeutend mit dem Mangel an wissenschaftlicher Objektivität. Wir denken gerade umgekehrt: Die objektive Dynamik der Revolution kann nur ein Revolutionär aufdecken, natürlich unter der Voraussetzung, dass er mit der wissenschaftlichen Methode ausgerüstet ist. Überhaupt ist das erkennende Denken nicht kontemplativ, sondern aktiv. Das Element des Willens ist notwendig für das Eindringen in die Geheimnisse von Natur und Gesellschaft. Wie der Chirurg, von dessen Lanzette menschliches Leben abhängt, die Gewebestrukturen des Organismus mit größter Sorgfalt untersucht, so muss auch der Revolutionär, wenn er seine Aufgabe ernst nimmt, mit äußerster Gewissenhaftigkeit die Struktur der Gesellschaft, ihre Funktionen und Reflexe untersuchen.“[vii]

Ein Wort über meine Kritiker

Schon immer seit der Marxismus eine bedeutende Kraft geworden ist, die die bestehende Ordnung herausfordert, bekriegt das Establishment pausenlos jeden einzelnen Teilbereich der marxistischen Ideologie, angefangen beim dialektischen Materialismus. Die bloße Erwähnung des Marxismus wird in solchen Kreisen garantiert eine reflexartige Reaktion hervorrufen. „Veraltet“, „unwissenschaftlich“, „vor langer Zeit widerlegt“, „Metaphysik“ und die ganze übrige fadenscheinige und ermüdende Litanei der Reaktion.

Ich habe keinen Zweifel, dass das vorliegende Werk auf einen ähnlichen Chor der Missbilligung stoßen wird. Das stört mich nicht im Geringsten. Ich habe mir seit sechs Jahrzehnten die gleiche ermüdende Flut von Beschimpfungen angehört, und die Argumente der Marx-Kritiker werden durch die häufige und eintönige Wiederholung auch nicht besser. Ich verstehe, dass meine Gegner dadurch beleidigt sein werden. Sie werden versuchen, meine Argumente zu widerlegen, indem sie alte Texte durchwühlen, um zu beweisen, dass letztendlich doch Schwarz Weiß und Weiß Schwarz ist. Dies ist eine ganz natürliche Reaktion, da sie selbst einen bestimmten philosophischen Standpunkt vertreten, der mit meinem völlig unvereinbar ist. Damit meine ich den Standpunkt des philosophischen Idealismus – sei er nun objektiver oder subjektiver Prägung.

Dagegen habe ich natürlich nichts einzuwenden. Sie haben jedes Recht dazu, alle mystischen und irrationalen Ideen zu verteidigen, die ihnen gefallen. Doch mögen sie nicht versuchen, ihre Parteilichkeit hinter einer Fassade falscher Objektivität zu verbergen oder die Ideen großer Denker der Vergangenheit zu verzerren, um sie in ihre eigene enge und reaktionäre Sichtweise hineinzuzwängen.

Die Philosophie als revolutionäre Waffe

Obwohl die offizielle Philosophie sich mit einer Aura der erhabenen Überlegenheit und Verachtung für den Klassenkampf umgibt, ist sie nur eine weitere Waffe in den Händen der herrschenden Klasse. Sie wird bewusst eingesetzt, um die Jugend zu verwirren, zu desorientieren und vom Weg der Revolution abzubringen. Nach den Worten des alten Joseph Dietzgen ist die Philosophie „keine Wissenschaft, sondern ein Schutzmittel wider die Sozialdemokratie“[viii]

In früheren Zeiten waren Philosophen Rebellen, gefährliche Ketzer, die darauf aus waren, das bestehende Gefüge von Moral und Gesellschaft zu untergraben. Sokrates wurde gezwungen, den Schierlingsbecher zu trinken; Spinoza wurde des Atheismus beschuldigt, exkommuniziert und verschmäht; Giordano Bruno wurde von der Inquisition auf dem Scheiterhaufen verbrannt; die französischen Philosophes des achtzehnten Jahrhunderts bereiteten den Weg für den Sturm auf die Bastille. In unserer Zeit jedoch betrachten die meisten Menschen die Philosophie und die Philosophen ganz so, wie diese es verdienen, nämlich entweder mit Gleichgültigkeit oder mit Verachtung. Es ist allerdings zutiefst bedauerlich, dass die Menschen gleichzeitig mit der Abkehr von der heutigen philosophischen Wüste auch die großen Denker der Vergangenheit verwerfen, die im Gegensatz zu den modernen Zwerggestalten Giganten des menschlichen Denkens waren.

Die frühere idealistische Philosophie bestand entschieden auf ihrer imaginären Unabhängigkeit vom gesellschaftlichen Leben. Bis heute behaupten die akademischen Philosophen, sie hätten mit der schnöden Welt der echten Menschen, des gesellschaftlichen Lebens und der Politik nichts zu tun. Das ist allerdings eine Illusion. In Wirklichkeit sind sie nur ein Abbild eben dieser Welt, wenn auch in mystifizierter Form. Letztlich sind die Ideen, die sie verteidigen, ob sie sich dessen nun bewusst sind oder nicht, eine kaum verhüllte Verteidigung der bestehenden Gesellschaft und, im Grunde, ihrer schmutzigsten und zynischsten persönlichen Interessen.

Ich jedenfalls habe nicht die Absicht mit diesen Akademikern, die nur von einem blinden Hass auf den Marxismus und dem brennenden Wunsch, den Status quo zu erhalten, geleitet werden, ein kompliziertes Menuett aufzuführen. Nur wenn wir diesen ideologischen Abfall aus dem Weg räumen, ist der Weg frei für den erfolgreichen Klassenkampf. Der Marxismus hat die Pflicht, eine umfassende Alternative zu den alten und diskreditierten Ideen zu bieten. Aber wir sind nicht berechtigt, uns von den großen Denkern der Vergangenheit abzuwenden: den Griechen, Spinoza, den französischen Materialisten der Aufklärung und vor allem Hegel. Diese heldenhaften Pioniere bereiteten den Weg für die brillanten Errungenschaften der marxistischen Philosophie. Mit Recht können sie als wichtiger Teil unseres revolutionären Erbes betrachtet werden.

Wir haben die Pflicht, alles Wertvolle in der Geschichte der Philosophie zu retten und alles Falsche, Überholte und Nutzlose zu verwerfen. So wie die Oktoberrevolution, die Pariser Kommune und der Sturm auf die Bastille den Weg zur künftigen sozialistischen Revolution wiesen, die die ganze Welt verändern wird, so legten die großen philosophischen Kämpfe der Vergangenheit die Grundlage für den dialektischen Materialismus – die Philosophie der Zukunft. Und ebenso, wie wir die Lehren aus den Klassenkämpfen der Vergangenheit aufmerksam studieren, haben wir auch die Pflicht, den großen Kampf der Ideen zu studieren, der im Wesentlichen die Geschichte der Philosophie ausmacht.

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Professor Benjamin Farrington: Eine persönliche Erinnerung

In den ersten Kapiteln dieses Buches wird recht ausgiebig aus einem Buch namens Die Wissenschaft der Griechen (Greek Science) zitiert, einer zu Recht gefeierten Studie von Professor Benjamin Farrington. Das war eine Pionierarbeit, die bis heute in der Behandlung dieses Themas unübertroffen bleibt. Das Buch gilt heutzutage allgemein als Klassiker, hat jedoch erhebliche Kontroversen ausgelöst, da es vom Standpunkt des marxistischen historischen Materialismus geschrieben wurde. Ich hatte 1963 das Glück, Professor Farrington zu begegnen, als ich meine Heimatstadt Swansea verließ, um an der erst kurz zuvor gegründeten Sussex University in Brighton zu studieren. Die Gründe für diese Begegnung waren wie folgt:

Professor Farrington wurde in Irland geboren, war aber in viele Länder gereist, um dort Klassische Philologie (Griechisch und Latein) zu unterrichten. Das waren seine Hauptfachgebiete, obwohl er auch über Philosophie wichtige Werke verfasste, darunter seine Arbeit über den englischen Materialisten Francis Bacon. Er lehrte in Südafrika, wo er bald für seine radikalen Ansichten bekannt wurde. Später zog er nach England und unterrichtete zunächst an der Universität Bristol, bis er sich schließlich in meiner Heimatstadt Swansea niederließ, wo er sich von 1936 bis 1956 als Professor für Klassische Philologie betätigte. Danach ging er in den Ruhestand.

Die Dreißigerjahre waren in Südwales eine Zeit des schweren Wirtschaftseinbruchs, der Massenarbeitslosigkeit und der Armut. Das betraf auch meine eigene Familie. Mein Großvater, ein Weißblecharbeiter, hatte oft Schwierigkeiten, seine Kinder zu ernähren. Er war ein aktiver Gewerkschafter und ein engagiertes Mitglied der Kommunistischen Partei.

Es ist weithin bekannt, dass Benjamin Farrington Marxist war. Nur wenige wissen aber, dass er auch Mitglied der Kommunistischen Partei war. Wegen seiner beruflichen Stellung wurde diese Tatsache, wie in der KP damals üblich, nicht öffentlich gemacht. Er lernte meinen Großvater und meine Mutter kennen, die als junges Mädchen in Swansea den Daily Worker[ix] verkaufte. Schnell wurde er zu einem engen Freund der Familie.

Als ich mich gerade darauf vorbereitete, bald nach Sussex zu gehen, schrieb ihm meine Mutter – ohne mir ein Wort davon zu sagen – einen Brief, worin sie stolz verkündete, ich würde zur Universität gehen. Das hatte es in meiner Familie noch nie gegeben. Sie fügte einige Briefe bei, die ich an die South Wales Evening Post geschrieben hatte und in denen ich meine Unterstützung für die Kubanische Revolution kundtat. Nachdem Professor Farrington sich bereits im Ruhestand befand und, soweit ich weiß, jeden Kontakt zu meiner Familie verloren hatte, war ich einigermaßen überrascht zu erfahren, dass er den Brief nicht nur beantwortet, sondern mich bei der Gelegenheit gleich noch dazu eingeladen hatte, auf dem Weg nach Brighton auf einen Tee bei ihm vorbeizukommen. Im Ruhestand war er mit seiner Frau nach Leamington Spa gezogen, und dort traf ich ihn. Er begrüßte mich sehr herzlich und erkundigte sich nach meiner Mutter (mein Großvater war kürzlich verstorben). Er ist mir als sehr charmanter und freundlicher Mensch in Erinnerung geblieben. Er war völlig frei von der hochnäsigen Überheblichkeit, die so viele großspurige Akademiker auszeichnet. Er sprach mit dem weichen, sanften südirischen Akzent, der uns nichtirischen Bewohnern jener kleinen Inseln wie Musik in den Ohren klingt. Er stellte Fragen über mein Studium in Sussex und sparte nicht an Lob für die Briefe, die ich an die Evening Post geschickt hatte. Er bemerkte, wie mich die vollen Bücherregale an jeder Wand faszinierten und als ihm mein Interesse für Philosophie auffiel, fragte er mich nach meinem Lieblingsphilosophen. Hegel, antwortete ich ohne zu zögern. Er stand sofort auf und griff nach einem alten, grauen Band, den er mir überreichte. Es war Hegels Rechtsphilosophie. Ich schlug das Buch auf und begann, es zu überfliegen, aber er unterbrach mich. „Es gehört dir“, sagte er. „Behalte es nur.“

Und tatsächlich habe ich das Buch bis heute behalten. Während ich diese Zeilen schreibe, liegt es auf meinem Schreibtisch. Es ist das einzige meiner Bücher, das ich nicht mit zahlreichen Unterstreichungen und Kommentaren in den Rändern versehen habe. Es bleibt mir ein wertvolles Erinnerungsstück an die kurze Begegnung mit einem großen Menschen. Er war ein wirklicher Ausnahmefall: Ein Akademiker, der nicht nur wirklich intellektuell, sondern auch ein entschiedener Marxist war, der sich nicht fürchtete, alleine der Sippe der Spießbürger gegenüberzutreten.

Benjamin Farrington ist schon lange tot, aber sein Geist hat jede Seite dieses Buches inspiriert. Und bis heute bleibt seine Wissenschaft der Griechen Pflichtlektüre für jeden, der sich ernsthaft für die Geschichte des antiken Griechenland interessiert.

London, 20. August 2021

[i] G. W. F. Hegel: Phänomenologie des Geistes. S. 12.

[ii] F. Engels: Karl Marx, „Zur Kritik der politischen Ökonomie“. In: MEW 13, S. 474.

[iii] W. I. Lenin: Notizen eines Publizisten. In: LW 33, S. 195.

[iv] oder: Der Staat

[v] F. Engels: Brief an Conrad Schmidt, 27. Oktober 1890. In: MEW 37, S. 493f.

[vi] G. W. F. Hegel: The Science of Logic. Cambridge, Cambridge University Press. 2010. S. xxxv. Hevorhebung von Alan Woods. Unsere Übersetzung.

[vii] L. Trotzki: Revolution und Krieg in China. In: L. Trotzki: Schriften 2.2. S. 907f.

[viii] Zitiert in LW 14, S. 345.

[ix] Parteizeitung der Kommunistischen Partei Großbritanniens.